Vielen Dank für die sehr ausgewogene Übersicht, die glaube ich sehr gut zeigt was bisher schon gut funktioniert — und was noch nicht.
Das Bayern-Beispiel in Lieberknechts N-TV-Interview funktioniert da als Bezugspunkt glaube ich ganz gut. In der Tat geht der Trend gerade auch auf höchstem Niveau Richtung mannorientiertem Spiel (rund um die Premier League spricht man gerade vom „80s revival“), sogar Pep Guardiola hat sein Faible für Ballbesitz eingehegt (
https://www.theguardian.com/football/20 ... rthodoxies ) — in einem anderen Bericht (den ich gerade auf die schnelle nicht mehr finde) hat er vor kurzem erzählt warum Haaland mittlerweile sein wichtigster Spieler ist (sinngemäß: „Wenn Bournemouth & Co 1:1 über den ganzen Platz spielen dann schicke ich halt Haaland steil und lasse sie büßen.“) Kompanys Coup in Paris geht vor allem darauf zurück dass Kompany darin auch zunehmend die Antwort auf das sieht, was PSG letzte Saison in Perfektion demonstriert hat (aggressive, schnell-druckvolle Offensive mit viel Positionsspiel und ballsicheren Spielern).
Jetzt kommt das große „aber“: Da jetzt gerade die Bayern zum Vorbild auszuloben ist natürlich schon ein bisschen wie 2010/11 vom FC Barcelona zu schwärmen. Um mit einem einfachen Bild zu kommunizieren was die Bayern so gut machen (und sie so gut macht): Die sind ein bisschen wie der T1000 in
Terminator 2: Mag sein dass der 1:1-Ansatz mal Spieler in überraschende Räume treibt und die Gesamtstruktur temporär „zerschießt“; sobald die jedoch den Ball haben „fließt“ das Ganze jedoch schnell wie von Geisterhand wieder in eine extrem eingeübte Raum- und Aufgabenverteilung. Gegen den Ball stressen die Bayern penetrant und flexibel — mit Ball schaffen sie es trotzdem sofort das Positionsspiel das sie über Jahre eingeübt haben aufzugreifen. Das ist ein bisschen mehr als „Charakterstärke“.
Oder um eine Referenz auf unserem Niveau heranzuziehen: Der Ansatz von Schalke unter Muslic wird oft als „geistesverwandt“ zu dem was wir unter Lieberknecht verfolgen beschrieben. Bei Muslic funktioniert dass permanente Stressen aber gerade nicht über ein „wildes“ 1:1 über den ganzen Platz. Bei ihm gibt es gegen den Ball eine sehr fixe Struktur, die zu allererst darauf ausgerichtet ist das Zentrum dicht zu machen (mit den drei Innenverteidigern und den zwei zentralen Mittelfeldspielern als kompakten Block der 6er-, 8er- und den Raum zentral im und vorm Strafraum zu verdichten); zusätzlich gibt es die Vorgabe, dass — sobald der Gegner irgendwann zwangsläufig über die Außen kommt — immer 2 Leute den ballführenden Gegner attackieren damit gefährliche Bälle aus dem Halbfeld schon im Ansatz verhindert werden. Wenn das klappt— was bis jetzt sehr oft der Fall ist — hat der defensive Block im Zentrum eigentlich nur noch vergleichbar „einfache“ lange Bälle wegzuverteidigen. Während der Akzent dabei auf die defensive Stabilität gesetzt wird hat das aber auch mit Ball einen Vorteil: Wird der Ball gewonnen gibt es innerhalb dieses Ansatzes — auch ohne die Qualität eines FC Bayern und dessen „T1000-Special“ — mit Ballgewinn sofort 7-8 Feldspieler in fixen Positionen über die sich bei Gelegenheit auch effektiv mit flachem Kombinationsspiel nach vorne spielen lässt.
Und genau hier bündelt sich alles, was ich an (inhaltlicher) Kritik gegenüber Lieberknecht, bzw. dem Fußball den wir unter seiner Leitung die letzten Wochen spielen, vorgebracht habe. Ich persönlich sehe einfach kaum Struktur bzw. wenn dann nur ganz basale strukturelle Konstanten die Kombinationsspiel als Teil der „Tool-Box“ tendenziell eher verhindern. Vereinfacht: Sowohl gegen Nürnberg und Düsseldorf als auch gegen die Hertha waren die Fixpunkte unseres Spiels mit Ball a) Kunze der in der Regel als Teil der Restverteidigung tief absichert, b) asymmetrisch hergestellte Päärchen auf den Außen Höhe Mittellinie / im Halbfeld (links rückt Sahin raus zu Haas, rechts Sirch vor zu Joly) sowie c) 3-4 Spieler (die Front-3 im 3-4-3 plus situativ einer aus den genannten Außenpäärchen wenn eine Seite „hochschiebt“) die auf einer Höhe in den Zwischenräumen der letzten Verteidigungslinie des Gegners auf Zuspiele lauern. Abgesehen davon dass wir diese basale Struktur wie gesagt oft dauerhaft selbst „zerschießen“ weil wir Mann-gg-Mann verteidigen, wenn sie mal greift ist unser 8er- & 10er-Raum kaum besetzt, sind die Abstände zwischen den „Abteilungen“ riesig. Deshalb darf dann ein Sahin gegen Berlin den Ball verzweifelt am Fuß in die verwaisten zentralen Räume reindribbeln um sich dann zwischen Rück- und Risikopass zu entscheiden — weil sich die Kollegen brav an die Vorgaben halten und durchweg gedeckt sind. Kurz: Die Räume die wir so ggf. öffnen können wir nicht bespielen, die die wir bespielen sind mit einer soliden Mischung aus Qualität und Disziplin (s. Berlin) easy zu sichern.
Hier fehlen mir nicht einfach die „schönen Ballstafetten“ hier fehlt mir über die letzten Spiele auch nur der Ansatz von Vorgaben und Abläufen wie das was Lieberknecht bei N-TV allgemein umschreibt konkret-strukturell ermöglicht werden soll. Dass dann mit den Wechseln oft taktische Entscheidungen getroffen werden die Spielkontrolle scheinbar eher unterlaufen als stärken macht die Sache nicht besser.
Ich hoffe einfach sehr, dass da in der Pause im Team (dem neben dem Platz) eine deutliche Kurskorrektur erfolgt. Im Moment kann ich nicht sehen, wie der Faktor „Zeit“ das lösen soll. Es braucht da glaube ich erst eine Idee die aufzeigt wie es funktionieren
kann — dann gibt es im Gegenzug auch Geduld.
EDIT:
Ich fand die letzte halbe Stunde gg Hertha angesichts der oben beschriebenen Umstände eigentlich ganz spannend. Nachdem Robinson runter ist hab ich mich gefragt ob Kunze dann ganz nach hinten rückt oder wir abermals auf Raute umgestellt haben; war am Fernseher nicht ganz leicht zu unterscheiden — und dann kam schon nach 10min Abiama für Joly, was das Ganze nochmals etwas wilder gemacht hat. Es hat aber auf jeden Fall sofort gezeigt, dass die größere Präsenz im offensiven Zentrum der Hertha auch mehr Probleme gemacht hat, selbst wenn wir — mangels Routine? — am Ende doch auch da noch sehr viel übers Halbfeld gekommen sind. Will sagen: Das kann alles sehr schnell sehr anders aussehen — die Kritik oben bezieht sich explizit auf das was seit der letzten Länderspiel-Pause überwiegend als „Plan A“ durchgezogen wurde.