
Interview des Monats: FCK-Trainer Torsten Lieberknecht (Teil 1/2)
"Ein Spieler muss für unsere Ziele brennen, so wie ich auch dafür brenne"
Torsten Lieberknecht im großen DBB-Interview: Der FCK-Trainer spricht über die Lehren aus der letzten Saison, sein neues Team und die Einflüsse von Kalli Feldkamp und Co.
Der Betze brennt: Torsten Lieberknecht, haben Sie im Mai das Champions-League-Finale zwischen Paris Saint Germain und Inter Mailand gesehen?
Torsten Lieberknecht (51): Nein.
Der Betze brennt: Gehört oder gelesen haben Sie aber doch sicher von dem Eröffnungszug, mit dem die Franzosen auch in dieses Spiel starteten: Sie schießen den Ball beim Anstoß absichtlich in der gegnerischen Hälfte ins Aus und erobern ihn sich beim anschließenden Einwurf zurück. Was halten Sie denn davon?
Lieberknecht: Gehört habe ich davon natürlich auch schon. Ich denke, der Hintergrund ist, dass die Franzosen auf diese Weise hoch in der gegnerischen Hälfte wieder in Ballbesitz kommen wollen. Und dass sie überzeugt sind, das auch zu schaffen. Weil sie wissen, wie man die Einwurfzone zustellt, und dass sie gut pressen können.
Der Betze brennt: Dann schlagen wir mal die Brücke zum FCK. Vergangene Saison, 34. Spieltag, Lautern spielt in Köln. 14. Minute, Einwurf Köln. Paqarada wirft den Ball ungefähr in Lautrer Strafraumhöhe keine zehn Meter weit auf Huseinbasic, der nimmt ihn unbedrängt an, passt zurück auf Paqarada, der ebenfalls nur zaghaft attackiert wird, flankt - und Martel köpft den Führungstreffer. Wenn in der Einwurfzone so lasch markiert wird, rauft man sich als Trainer da nicht die Haare, sofern man welche hat?
Lieberknecht: Natürlich ärgert man sich da. Das war eine der Szenen, die gezeigt haben, wo wir uns nächste Saison verbessern müssen. Die Analyse hat gezeigt, dass wir in der vergangenen Spielzeit beim Verteidigen von Flanken im und um den Sechzehner herum mit die meisten Gegentore in der Liga bekommen haben. Da muss die Flanke verhindert, der Einwurf zugestellt werden. Da ist schnelle Zuordnung, schnelle Kommunikation gefragt. Wir müssen uns aber nicht nur bei Einwürfen und Freistößen verbessern, sondern generell beim tiefen Verteidigen.
Der Betze brennt: Bleiben wir aber mal bei den Einwürfen. Sie waren eine der Stellschrauben, an den Ihr Kollege Jürgen Klopp nach seiner Amtsübernahme in Liverpool gewaltig und sehr erfolgreich gedreht hat, um die Reds wieder zu einem Spitzenteam zu formen ...
Lieberknecht: Davon habe ich auch gelesen. Liverpool hatte in der Liga die schlechteste Balleroberungsquote nach Einwürfen, nur 45,4 Prozent. "Kloppo" engagierte daher den Trainer Thomas Grönnemark, der auf Einwürfe spezialisiert ist. Mit ihm schraubten sie die Eroberungsquote auf 68,4 Prozent und waren damit die Besten der Liga.
"Mein FCK-Jugendtrainer Ernst Diehl hat mich am meisten geprägt"
Der Betze brennt: Sie befassen sich also auch intensiv mit Statistiken ...
Lieberknecht: Ich bin nicht so der super Statistik-Fan, aber manchmal ergibt es Sinn, mit Hilfe von Zahlen zu analysieren, wenn man sich verbessern will. Ich kann Euch aber versichern: Auch auf Einwürfe haben wir in der Vorbereitung viel Wert gelegt, sowohl die defensiven als auch die offensiven, um in einer torgefährlichen Situation die eine oder andere Idee mehr mit reinzubekommen. Bezüglich Standardsituationen haben wir mit Niklas Martin nun sogar einen eigenen Trainer für diesen Verantwortungsbereich bestimmt.
Der Betze brennt: Nochmal kurz zu Jürgen Klopp. Sie haben mit ihm zusammen in den Neunzigern in Mainz gespielt. Euer Trainer war Wolfgang Frank, der in Deutschland seinerzeit Fußball sehr fortschrittlich dachte. Er wird noch heute immer wieder als Klopps Mentor genannt. War er das auch für Sie?
Lieberknecht: Ja, absolut. Wolfgang Frank hat mir den Trainerberuf nahe gebracht. Er hatte eine andere Art der Mannschaftsführung, an der er uns teilhaben ließ. Sein größter Verdienst war, dass er in Deutschland erstmals die Raumdeckung im 4-4-2 über den ganzen Platz bekannt gemacht hat - okay, Trainer wie Hannes Bongartz hatten damals auch zuvor schon mal in Wattenscheid und Kaiserslautern experimentiert. Frank war von dem Italiener Arrigo Sacchi inspiriert, der mit diesem Spiel Anfang der 1990er Jahre beim AC Mailand erfolgreich war. In Deutschland wurde da noch mit Libero und Manndeckern gespielt. Da war Fehleranalyse noch einfach: Wenn dein Mann ein Tor geschossen hatte, warst du schuld.
Der Betze brennt: Welche Trainer haben Sie in Ihrer aktiven Karriere noch beeinflusst?
Lieberknecht: Ach, man nimmt doch von jedem Trainer etwas mit. Ein besonderer war natürlich Kalli Feldkamp, der mich beim 1. FC Kaiserslautern in den Beruf des Fußballprofis eingeführt hat. Bei ihm habe ich gelernt, was Ausstrahlung bewirken kann, aber auch, wie man Mannschaftssitzungen vorbereitet. Am meisten geprägt aber hat mich, und er war vielleicht sogar der Beste von allen - mein einstiger Jugendtrainer beim FCK, Ernst Diehl. Von ihm habe ich gelernt, wie man den Nachwuchs führt, ihn auf Erwachsenenfußball vorbereitet. Ihn möchte ich demnächst auf jeden Fall auch mal länger besuchen, zusammen mit Thomas Hengen, der ja damals mein Teamkollege in der FCK-Jugend war.
Der Betze brennt: Zurück in die Gegenwart. Ihr habt jetzt im Sommer im Trainerteam einige Veränderungen vorgenommen, es vor allem verjüngt. Wie viele neue Personalien gehen auf Sie zurück, wie viele auf Sportdirektor Marcel Klos?
Lieberknecht: So exakt gewichten lässt sich das nicht. Die Initiative ging auf jeden Fall von Marcel aus, das ist ja auch sein Job als Sportdirektor. Er hat mich aber direkt mitgenommen. Und es ist keinesfalls so, dass wir dachten, dass früher alles schlecht war. Ich würde sowieso niemals negativ über meine Vorgänger reden, denn das wäre unfair und nicht korrekt. Aber wir wollten der Mannschaft einen neuen Impuls geben, sie aus ihren vertrauten Zonen herausholen, um sie weiter zu verbessern. Natürlich haben die jungen Leute auch eine andere Ansprache, sind näher an der aktuellen Spielergeneration. Und sie implementieren neue Trainingsinhalte. Das sehen wir jetzt etwa bei Torwart-Trainer Sören Rittmeier. Oder bei Athletik-Trainer Jimmy Lohberg, der super strukturiert ist und auch viel im individuellen Bereich arbeitet.
Der Betze brennt: Der neue Video-Analyst heißt Max Lieberknecht. Der Name lässt vermuten, dass diese Besetzung auf Sie zurückgeht.
Lieberknecht: Max ist mein Neffe, aber er hat den Job nicht deswegen bekommen. Sondern, weil er in Darmstadt unheimlich viel Engagement gezeigt und sein Talent unter Beweis gestellt hat. Als ich in Darmstadt Cheftrainer war, hat er die U14 trainiert und sich aufgrund seiner guten Arbeit innerhalb kürzester Zeit zum U19-Co-Trainer hochgearbeitet. Anschließend wurde er Cheftrainer der U17, bevor er in die Analyse gewechselt ist. In einem Klub wie dem FCK zu arbeiten, ist für ihn ein idealer nächster Schritt, in der Spiel-, insbesondere in der Gegner-Analyse ein guter Platz, um sich weiterzuentwickeln.
Der Betze brennt: Wie wichtig sind Videoanalysen für Ihre Arbeit?
Lieberknecht: Was Spielersichtung angeht, ist mir immer noch Live-Scouting am liebsten. Da kann ich mir besser ein eigenes Bild von dem Jungen machen, ihn etwa schon beim Aufwärmen beobachten und meine Schlüsse ziehen. Natürlich muss ich da auch eine gute Scouting-Abteilung hinter mir wissen, die eine entsprechende Vorarbeit leistet, das geht ja auch aus Zeitgründen gar nicht anders. In der Spielvorbereitung aber geht's heutzutage gar nicht mehr ohne Videoanalyse.
"Die Aufmerksamkeitsspanne in der Kabine liegt bisweilen bei 15 Minuten"
Der Betze brennt: Ihr Heidenheimer Kollege Frank Schmidt hat ein schönes Buch geschrieben, in dem er erklärt, dass er als junger Trainer erstmal lernen musste, wieviel Videostudium man einer Mannschaft vor einem Spiel zumuten kann. Früher zeigte er 100 Minuten lang Ausschnitte, stellte aber bald fest, dass seine Jungs gar nicht solange bei der Sache sind.
Lieberknecht: Das ist absolut richtig. Man darf die Jungs nicht überfrachten. Die Aufmerksamkeitsspanne lässt bisweilen schon nach 15 Minuten nach, da muss ich mich auf das Essenzielle beschränken. Manches machen wir auch auf Englisch, zweisprachig oder zwei Mal nacheinander, für unsere noch nicht deutsch sprechenden Spieler. Es gibt so viel, dass man vom Gegner zeigen könnte, Spieleröffnungen, insbesondere Torwart-Spieleröffnungen et cetera. Aber diese Dinge können sich auch von Woche zu Woche ändern. Daher muss ich mich vor jedem Spiel erstmal intensiv mit dem Video-Analysten besprechen und fragen: Was ist das Wesentliche, das wir in die Sitzung mitnehmen? Oft beschränke ich mich auf drei Szenen. Die müssen den Spielcharakter einer Mannschaft zeigen, das, was daran auffällig ist. Zu wenig darfst du allerdings auch nicht machen. Denn dann können sich die Spieler nach einer Niederlage dahinter verstecken, dass sie keine vernünftige Gegnervorbereitung bekommen haben. Und Trainerkollegen, die sich nicht genug darum kümmern, sagen gerne: Wir brauchen keine Gegner-Analyse, wir zwingen dem Gegner unser Spiel auf. So einer bin ich auch nicht.
Der Betze brennt: Teil des Teams geblieben ist Co-Trainer Niklas Martin. Sie sagten es bereits: Er hat jetzt eine neue Zusatzrolle, fungiert als Standardtrainer. Im Trainingslager war er da intensiv gefordert. Wie wird das im wöchentlichen Trainingsbetrieb aussehen?
Lieberknecht: Üblicherweise werden immer einen Tag vorm Spiel Standards trainiert. Für mich ist das ein Ticken zu wenig. Wenn man den Gegner kennt, kann man auch schon früher damit beginnen, die eigenen Standards auf ihn anzupassen, defensiv wie offensiv. Und immer in Absprache mit dem Torwart-Trainer, denn das gehört für mich zusammen. Dafür muss Nik natürlich auch die entsprechende Zeit bekommen. Vielleicht nicht täglich, aber beispielsweise mal eine Extra-Stunde an sogenannten Regenerationstagen, und im Abschlusstraining sowieso. Bislang macht er da einen super Job. Und das wird Euch freuen zu hören: Einwürfe sind für ihn ein besonders interessanter Part.
Der Betze brennt: Anstöße sind ja irgendwie auch Standardsituationen. Im Testspiel gegen Notts Country habt Ihr einen Treffer direkt nach dem Anstoß erzielt. War das auch schon Ausdruck der neuen Standard-Philosophie?
Lieberknecht: Ja, wir haben da verschiedene Varianten, für die wir verschiedene Bezeichnungen haben. Natürlich fällt der Treffer nur, weil der gegnerische Abwehrspieler einen Wahnsinns-Fehlpass Richtung eigenen Torhüter spielt. Aber den spielt er doch nur, weil wir ihn mit entsprechenden Laufwegen gestresst haben. Ich mag das nicht, wenn beim Anstoß drei Pässe zurückgespielt werden, und der letzte landet dann beim eigenen Torwart. Und mit einem steilen Pass direkt einen Treffer zu erzielen, ist doch das Optimum. Sogar noch effektiver, als ihn erstmal ins Aus zu kicken (lacht).
"Als Trainer musst du Ideen haben, aber auch kompromissbereit sein"
Der Betze brennt: Dass Sie mit Thomas Hengen bereits in der A-Jugend des FCK gespielt haben und dort Deutscher Meister wurden, ist bekannt. Gab es auch schon Berührungspunkte zu Marcel Klos, bevor Sie als Trainer an den Betzenberg zurückkehrten?
Lieberknecht: Nein, nie. Wir haben uns erst hier kennengelernt. Aber gleich einen guten Draht zueinander gefunden.
Der Betze brennt: Und wie ist das mit Co-Trainer Carsten Rump?
Lieberknecht: Den kenne ich natürlich schon lange. In dem Spiel, in dem er vor der Bielefelder Mannschaft die legendäre Kabinenansprache hält, die ihn zum YouTube-Star machte, war ich Trainer von Gegner Eintracht Braunschweig, den die Arminia anschließend mit 6:0 vom Platz fegte. Ich hätte ihn auch gerne schon als Co-Trainer nach Darmstadt geholt, aber da hatte er andere Pläne. Er sollte ja auch schon mal hierher kommen, als Jeff Saibene Cheftrainer des FCK wurde. Jetzt hat es geklappt, und ich denke, alle haben bereits gesehen, dass er ein richtig guter Co-Trainer ist. Er bringt auch mal eigenständig Dinge ein, ist aber immer loyal und hat stets ein offenes Ohr für jeden. Wir waren gleich auf einer Wellenlänge. Ich brauche Leute um mich, die den gleichen hohen Energielevel haben wie ich.
Der Betze brennt: Sie haben die Mannschaft bereits im April übernommen, vor den finalen vier Spielen Saisonspielen. War das Blick auch mit Blick auf die kommende Spielzeit ein Vorteil, weil Sie so sich noch mehr in die Personalplanung einbringen konnten, als Sie es mit einem Amtsantritt am 1. Juli vermocht hätten?
Lieberknecht: Es war jedenfalls kein Nachteil. Ich konnte die Spieler kennenlernen, von denen die meisten einen guten Eindruck auf mich machten. Mir aber auch Gedanken machen, wer könnte noch dazu passen, zu meiner Spielidee. Die Zeit war aber ebenso wichtig, um die personellen und strukturellen Veränderungen drumherum auf den Weg zu bringen.
Der Betze brennt: Zu den Neuzugängen: Maxwell Gyamfi und Ivan Prtajin sind Spieler, die der FCK schon länger auf der Liste hatte. Ist unter den Neuen einer, von dem Sie sagen, den wollte ich unbedingt?
Lieberknecht: Ach, sowas zu sagen, ist immer schwierig. Natürlich habe ich meine Ideen, die ich auch einbringe, aber die haben der Sportdirektor und die Scouts ebenso. Da muss man sich zusammensetzen, diskutieren und sehen, was überhaupt machbar ist. Als Trainer musst du auch kompromissbereit sein und dich überzeugen lassen, wenn es mal nicht dein Wunschkandidat werden soll. Mein wichtigster Part ist dann, im Gespräch mit dem Spieler zu spüren, ob er wirklich für das brennt, was wir wollen. So wie ich selbst auch dafür brenne.
Morgen in Teil 2 unseres großen Cheftrainer-Interviews: Torsten Lieberknecht über seinen Lebenstraum mit dem FCK, attraktiven und erfolgreichen Fußball sowie die Rolle, die er für Marlon Ritter vorgesehen hat.
Quelle: Der Betze brennt / Autoren: Eric Scherer, Thomas Hilmes
Ergänzung, 26.07.2025:
Interview des Monats: FCK-Trainer Torsten Lieberknecht (Teil 2/2)
"Der Aufstieg mit dem FCK wäre ein Lebenstraum"
Teil 2 unseres Exklusiv-Interviews mit dem Betze-Coach: Torsten Lieberknecht über seinen Lebenstraum mit dem FCK, attraktiven und erfolgreichen Fußball sowie die Rolle, die er für Marlon Ritter vorgesehen hat.
Der Betze brennt: Torsten Lieberknecht, lassen Sie uns übers bereits vorhandene Personal sprechen: Schon bei Ihren Aufstellungen in den finalen Saisonspielen, aber auch in den Tests zuletzt war zu sehen: Auf der linken Außenbahn setzen Sie auf Kenny Redondo und Mika Haas. Erik Wekesser und Florian Kleinhansl, die beiden, die im Sommer 2024 für diese Position geholt wurden, müssen sich jetzt anderswo beweisen. Kleinhansl probierten Sie mehrfach als linken Innenverteidiger in der Dreierkette aus. Könnte er sich da dauerhaft etablieren?
Torsten Lieberknecht (51): Bislang hat er das ordentlich gemacht. Er muss in der Defensive noch dazulernen, aber das müssen andere auch, weil ich bestimmte Vorstellungen habe, wann wie verteidigt werden muss. Auf jeden Fall hat mich Flos Auftreten in meiner Auffassung bestärkt, dass ich einen Linksfuß auf dieser Position haben will. Und, ja, unter den Spielern, die ich aktuell im Kader habe, ist er in dieser Rolle definitiv eine Option. Eine andere Option für diese Position, vielleicht sogar schon in Hinblick auf den Test gegen AS Rom, haben wir jetzt mit Jisoo Kim hinzubekommen.
"Man muss dem Nachwuchs ein Gesicht geben"
Der Betze brennt: Zu Mika Haas. Mit ihm hat sich wieder ein Junge aus dem Nachwuchsleistungszentrum im Profi-Kader etabliert. Vergangene Saison schaffte das bereits Leon Robinson, davor kam lange Zeit nichts aus dem Nachwuchsbereich. Wer steht als nächster auf dem Sprung?
Lieberknecht: Jetzt im Trainingslager hatten wir ja unsere jungen Torhüter dabei, Enis Kamga und Moritz Jung, demnächst kommt auch Fabian Heck nach seiner Handverletzung wieder zurück, auch Randy Hülsmann trainierte schon oben mit. Da haben wir ein wirklich überragendes Potential. Die U19 habe ich zuletzt im Verbandspokal-Endspiel in Idar-Oberstein gegen Mainz 05 (4:2 nach Verlängerung; Anm. d. Red.) gesehen. Da sind drei, vier Jungs dabei, die einen Fantasien entwickeln lassen, wie sie die nächsten Schritte gehen könnten. Gleiches gilt für die U21. Für mich als Trainer gibt es nichts Schöneres, als einem Jugendspieler die Tür zu öffnen. Man muss dem Nachwuchs nicht nur Gehör schenken, man muss ihm auch ein Gesicht geben.
Der Betze brennt: Wie wichtig wäre es, dass die U21 in die Regionalliga aufsteigt?
Lieberknecht: Ach, das sehe ich eigentlich recht entspannt. Sich gegen Spieler behaupten zu müssen, die ein paar hundert Oberliga-Spiele auf dem Buckel haben, bringt die Jungs auch weiter. Hauptsache Herrenfußball. Die Regionalliga wäre halt nochmal einen Tick anspruchsvoller. Der FCK kann jedenfalls stolz darauf sein, immer an seiner U21 festgehalten zu haben, auch in der finanziell schwierigen Zeit in der 3. Liga. Ich musste da in Darmstadt sehr für kämpfen. Andere Klubs haben ihre zweiten Mannschaften ganz abgemeldet und merken nun, dass das ein Fehler war, müssen teilweise von der Kreisliga aus neu anfangen.
Der Betze brennt: "Hauptsache Herrenfußball" - da hören wir raus, dass die Idee einer eigenen U21-Nachwuchsliga, die wegen der Unattraktivität der zweiten Mannschaften immer wieder aufkommt, nicht unbedingt in Ihrem Sinne wäre?
Lieberknecht: Jürgen Klopp hatte das ja zuletzt angestoßen. Ich denke, da denkt er zu sehr an die Eliten. Bei denen ergibt das vielleicht Sinn. Für mich ist das nicht so ein Thema. Ich finde, unsere Jungs sollten in einer Liga spielen, in der man sich sportliche Ziele setzen kann. Und wenn man die nicht erreicht, muss man eben auch absteigen. Und als 18-, 19-Jähriger auch mal gegen die alten Haudegen anzutreten, finde ich wie gesagt auch sehr wichtig für die Entwicklung.
Der Betze brennt: Gerade beim FCK hat man ja in den vergangenen Jahren gesehen, welche Entwicklungssprünge Spieler gerade im Alter zwischen 18 und 23 noch machen können. Aktuelle Beispiele waren und sind Daisuke Yokota oder Luca Sirch .
Lieberknecht: Solche Erfahrungen habe ich schon mit etlichen Spielern gemacht. In Braunschweig etwa mit Karim Bellarabi oder Gerrit Holtmann. Jungs, die über den zweiten oder dritten Bildungsweg noch groß herauskommen. Ein anderes Beispiel: Phil Harres, der bei Homburg Regionalliga spielte und jetzt, mit 23, in Kiel in der Bundesliga unterwegs war. Das ist ja das Spannende: Rechtzeitig zu erkennen, wo kann ein Spieler in zwei, drei Jahren sein.
"Marlon Ritter ist ein Filou, der sich austoben soll - aber ..."
Der Betze brennt: Zurück zum FCK. Marlon Ritter bleibt Kapitän, das ist bereits entschieden. Wo sehen Sie ihn auf dem Platz. Mehr zurückgezogen im Mittelfeld, als Aufbauspieler? Oder weiter vorne? Er kann ja beide Rollen und hat sie auch beim FCK schon gespielt.
Lieberknecht: Also, für mich ist Marlon ein Freigeist, ein Filou, der Geistesblitze hat, die andere nicht haben. Der soll sich auf dem Platz austoben. Sich auch mal den Ball im Mittelfeld abholen, sich selbst in Szene setzen oder einen der Stürmer. Das kann er auf der Position hinter den Spitzen tun, aber vielleicht auch als einer von zwei Achtern. Er muss aber ebenso wissen, wo sein Platz ist, wenn der Gegner den Ball hat. Auch darunter hat das FCK-Spiel vergangene Saison gelitten. Dass vorne nicht genug gearbeitet worden ist, um Gegentore zu verhindern.
Der Betze brennt: Dass Ihr Euch gerüchteweise um Zehner wie Marvin Mehlem oder Nataan Skyttä bemüht, lässt nunmal spekulieren, dass "MR7" künftig eventuell weiter hinten eingeplant ist ...
Lieberknecht: Zehner? Solche Zehner-Typen, wie Maradona es früher war, gibt’s doch gar nicht mehr. Das sind heute offensive Mittelspieler, die auch mal über die Flügel kommen, so wie Yokota. Oder eher Achter. Eine Art Verbindungsspieler. Mit Semih Sahin haben wir so einen Typen ja bereits geholt. Nach seiner Verletzungspause ist Semih noch nicht wieder bei 100 Prozent, macht aber schon jetzt Spaß. Ihm im Training zuzuschauen, in kleinen Spielformen, das ist ein Genuss.
Der Betze brennt: Mehr genießen, als es Ihre Vorgänger vermochten, können Sie offenbar auch Richmond Tachie. Zuletzt Wechselkandidat, bei Ihnen wieder voll dabei. Wie hat er Sie überzeugt?
Lieberknecht: Eine Hauptkomponente ist sicher seine Schnelligkeit. Und auch bei ihm lohnt sich vielleicht die Überlegung, ihn aus seiner Schublade herauszuholen. Drum habe ich ihn mal als rechten Schienenspieler ausprobiert. Ich nehme ihn als positiven Charakter wahr, als einen, der Teil dieser Mannschaft sein will. So tritt er auch im Training auf. Und er ist sehr kommunikativ. Ein Spieler, den man auf jeden Fall im Kader haben sollte.
Der Betze brennt: Die Personalie Tachie weist auch auf ein generelles Problem hin, das der FCK in den vergangenen Jahren hatte. Durch die vielen Trainerwechsel verschob sich ständig die Kaderhierarchie. Einer, der beim einen Trainer Stammkraft war, saß beim nächsten auf der Bank oder wurde abgegeben. Kontinuierliche Personalentwicklung ist so nicht möglich. Wird da mit Torsten Lieberknecht endlich ein neues Kapitel aufgeschlagen?
Lieberknecht: Zunächst mal ist es ganz normal, dass unterschiedliche Trainer unterschiedliche Meinungen über Spieler haben. Ich persönlich versuche immer Lösungen zu finden mit den Spielern, die ich bereits im Kader habe. Ebenso ist es immer mein Credo, kontinuierlich zu arbeiten. Das ist auch beim FCK mein Ziel.
Der Betze brennt: Wir haben in vergangenen Jahren mit vielen FCK-Trainern und Funktionären ausführliche Interviews geführt. Und wirklich jeder hat gesagt: Es wäre schön, wenn bei uns ein Trainer mal so lange arbeiten könnte wie Frank Schmidt in Heidenheim oder Christian Streich in Freiburg. Geklappt hat es nie. Was offenbar vergessen wird: Die Genannten waren/sind stets Teil eines stabilen Gerüsts, das sie stützt: Mit Streich zogen stets Jochen Saier und Klemens Hartenbach an einem Strang, Schmidt weiß immer Holger Sanwald hinter sich. Sie selbst erlebten so eine stabile Konstellation einst in Braunschweig mit Marc Arnold. Kann das Trio Thomas Hengen / Marcel Klos / Torsten Lieberknecht so stark zusammenwachsen, dass der Trainer auch mal drei Spiele in Folge verlieren darf, ohne gleich rauszufliegen?
Lieberknecht: Für die Frage bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich weiß nur, dass ich mich selbst am besten kenne. Ich möchte mit meinem Team Erfolg haben, aber mein Bestreben ist nicht: Schneller, Höher, Weiter, sondern bescheidener Fortschritt. Ich möchte jemand sein, der etwas prägt. Ich will, dass die Menschen sich mit der Mannschaft auf und neben dem Platz identifizieren können. Und mit der Art, wie wir ihn repräsentieren. Wenn sie damit einverstanden sind, bin ich sicher, dass wir auch gemeinsam heiße Phasen überstehen. Ich habe meinen eigenen Kopf, ich habe einige Erfahrung, ich war - ohne zu vergessen, dass ich auch abgestiegen bin - in Braunschweig und in Darmstadt erfolgreich, bin mit diesen Klubs in die Bundesliga aufgestiegen. Dies auch mit dem FCK zu schaffen, wäre ein Lebenstraum.
Der Betze brennt: Markus Anfang wurde im Sommer 2024 geholt, um eine höhere Spielkultur zu etablieren. Als sie vier Runden vor Schluss, nach nur zwei Siegen aus den neun Spielen zuvor, das Team übernahmen, gaben Sie erstmal die Losung aus: Zurück zur Einfachheit. Damit haben Sie in drei Spielen sieben Punkte geholt, die Aufstiegschance so bis zum 34. Spieltag am Leben erhalten. Wie geht’s nun in der neuen Saison weiter: Werden Sie den Gedanken "mehr Spielkultur" wieder aufgreifen?
Lieberknecht: Angenommen, ich könnte Ihnen einen Deal anbieten: Wir werden 34 Spieltage lang den grässlichsten Fußball spielen, aber wir werden am Ende aufsteigen - würden Sie einschlagen?
"Was tut der Mannschaft gut und was hilft, zu Punkten zu kommen?"
Der Betze brennt: Der Reflex sagt "Ja, klar", aber ob wir dann wirklich 34 Spieltage lang die Geduld dafür bewahren könnten - sagen wir mal so: Das würde vielleicht nicht jeder Außenstehende durchhalten.
Lieberknecht: (lacht) Damit wären wir wieder beim Thema Kontinuität. Nein, im Ernst: Es geht darum, stets in der Situation zu erkennen, was tut der Mannschaft gut und was hilft, zu Punkten zu kommen. Ist es besser, schnell nach vorne zu kommen oder den Weg über vier, fünf Passstationen zu suchen? Nur ein Beispiel: Vergangene Saison gab es einen Spieltag, an dem 60 Großchancen gezählt wurden. 40 davon resultierten aus dem gescheiterten Versuch, beim Torwart-Abstoß flach hinten raus zu spielen. Ich kann als Trainer doch nicht einfach nur das schöne Spiel wollen, sondern muss mich auch fragen: Kann das meine Mannschaft überhaupt? Das haben wir doch auch in den ersten Spielen gesehen, in denen ich hier Trainer war.
Der Betze brennt: Inwiefern?
Lieberknecht: Beim 2:1 gegen Schalke haben wir viel besser aus der Abwehr heraus nach vorne gespielt als bei unserem 2:1 gegen Darmstadt. Weil wir einfach gespielt haben. Gegen Darmstadt haben wir krampfhaft versucht, hinten rauszuspielen, obwohl wir das gar nicht wollten, und prompt ein Gegentor gefangen. Und gegen den 1. FC Köln haben wir sogar unser bestes Spiel gemacht - allerdings nur eine Viertelstunde lang. Dann haben wir verloren, weil wir beim tiefen Verteidigen Fehler gemacht haben. Das hat mich am meisten geärgert. Im Grunde waren Darmstadt und Karlsruhe, gegen das wir ein 2:2 geholt haben, viel stärker als der FC an diesem Nachmittag.
Der Betze brennt: Stichwort Abwehr. Mit Darmstadt 98 sind sie 2023 mit einem Torverhältnis von 50:33 aufgestiegen. Das sind sechs Tore weniger, als der FCK diese Saison als Siebter der Abschlusstabelle geschossen hat. Aber auch 22 Gegentore weniger. Damit dürfte wohl klar sein, wo sie den Hebel ansetzen müssen.
Lieberknecht: Absolut. Es gibt da diesen Spruch, der wohl bis in alle Ewigkeit Gültigkeit hat: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt die Meisterschaft. Das heißt aber nicht, dass wir uns erstmal nur hinten rein stellen wollen, um die Abwehr stabil zu kommen. Das kann man mal machen, wenn man weiß, dass der Gegner konteranfällig ist. Es muss aber auch darum gehen, den Ball weit vom Tor wegzuhalten, früh zu attackieren. Abwehrarbeit ist eine Angelegenheit der gesamten Mannschaft. Drum bringt es nichts, wegen der vielen Gegentore nur auf den Abwehrspielern rumzuhacken. Obwohl mir die Dreierkette insgesamt zu unruhig war in der vergangenen Saison. Auch da müssen wir besser werden.
Der Betze brennt: Kommen wir zur Abschlussfrage. In der Regel fragen wir da nach dem Saisonziel, aber da habt Ihr Euch ja schon auf eine Sprachregelung geeinigt: Besser werden als Platz 7. Daher die Frage: Gibt es für Sie persönliche Ziele, die Sie sich gesetzt haben?
Lieberknecht: Ja. Wenn wir schon von Kontinuität sprechen, würde ich gerne längerfristig den Trainerposten am Betzenberg ausüben. Und Identität stiften. Dass ich weiter den Nachwuchs fördern will, will ich als Ziel gar nicht mal nennen, weil das ist für mich selbstverständlich. Wenn ich einen ganz großen Wunsch frei hätte, dann wäre das der: Dass wir im Südwesten wieder die Nummer 1 im Jugendfußball werden.
Der Betze brennt: Lieber Torsten Lieberknecht, dann bleibt uns nur noch, uns für dieses tolle Gespräch zu bedanken - und Ihnen zu wünschen, dass Sie Ihre Ziele und Träume mit dem FCK alle erreichen.
Quelle: Der Betze brennt / Autoren: Eric Scherer, Thomas Hilmes
