
Über'n Tellerrand: Datenscouting im Fußball (1/2)
Datenscouting: Am Ende zählt immer der "Live"-Eindruck
Unbestechliche Computer-Bewertungen statt menschliche Fehlurteile - das soll "Daten-Scouting" möglich machen. Doch was ist da dran? DBB-Autor Eric Scherer hat versucht, sich einen Überblick zu verschaffen.
FCK-Fans jenseits der 30 können sich wahrscheinlich noch gut an Stijn Vreven und Mika Nurmela erinnern. Der eine war belgischer, der andere finnischer Fußballprofi. Während seines Gastspiels beim 1. FC Kaiserslautern lotste Erik Gerets, ein international renommierter Coach, die beiden im Jahre 2003 auf den Betzenberg. Sie waren ihm aus der niederländischen Liga als Leistungsträger ihrer Teams bekannt, und er war überzeugt, sie könnten auch die Roten Teufel verstärken, zu Vreven meinte er gar, der sei "geboren, um für diesen Verein zu spielen". Doch es zeigte es sich schnell: Für die Bundesliga, in der der FCK damals spielte, reichte es bei beiden nicht. Sie waren schlicht und ergreifend zu langsam. Für Vreven war bereits nach acht Partien Schluss, Nurmela blieb zwar zwei Jahre, kam aber nur auf 28 Bundesliga-Einsätze, zum Teil nur als Einwechselspieler.
Aus heutiger Sicht darf mal gefragt werden: Hätte Gerets von diesen Verpflichtungen vielleicht Abstand genommen, wenn ihm damals schon die Datenbänke zur Verfügung gestanden hätten, auf die mittlerweile jeder in der Branche zugreifen kann? Etwa die von "Wyscout", dem Marktführer?
Zahlen bestimmen nicht alles, auch heute noch nicht
Das italienische Unternehmen, 2004 gegründet und seit 2010 in der heutigen Erscheinungsform präsent, hält Leistungsdaten von rund 400.000 Spielern aus 106 Ländern bereit. Listet dabei nicht nur Tore und Vorlagen eines Kickers auf, sondern macht auch Angaben über die Defensiv-Aktionen, etwa zu gewonnenen Zweikämpfe und Balleroberungen, oder zu seiner Passqualität: Wie viele lange Zuspiele kamen an, wie viele kurze, wie viele Pässen waren wirklich wirkungsvoll und haben eine oder mehrere Verteidigungslinien überspielt? Zahlende Kunden haben zudem die Möglichkeit, auf Videos von 220.000 Spielen zugreifen, wobei mit Schlagwörtern gezielt nach einzelnen Szenen gesucht werden kann. Das Angebot wird wöchentlich um 1.500 Partien ergänzt.
Ja, möglicherweise hätte diese Datenbank auch Gerets zu einer besseren Beurteilung von Vreven und Nurmela verholfen. Ob er allein der Daten wegen auf ihre Verpflichtung verzichtet hätte, darf allerdings bezweifelt werden. Denn Zahlen allein über Spielerverpflichtungen bestimmen zu lassen, ist auch heute noch nicht üblich. Auch wenn noch so viel über die immense Bedeutung des "Datenscoutings" im modernen Fußball geredet wird.
Der subjektive Eindruck zählt mehr
"Ich möchte es meinem subjektiven Eindruck überlassen, ob ein niederländischer Spieler mit Spitzenwerten in seiner Liga bei uns adaptiert", sagt beispielsweise Sven Mislintat, bis vor kurzem Sportdirektor beim VfB Stuttgart. "Denn ob diese sich in höheren Ligen anpassen, hängt davon, wie sie im Kopf sind."
Als Chefscout von Borussia Dortmund ist Mislintat vor einigen Jahren zur Legende geworden. Berühmtheit erlangte er vor allem durch die von ihm initiierte Verpflichtung von Shinji Kagawa, den er 2010 in der zweiten japanischen Liga entdeckte. Mit dem nahezu ablösefreien Kagawa auf der Zehn wurde der BVB danach zweimal Deutscher Meister. Anschließend wechselte der Spieler für 16 Millionen Euro Ablöse zu Manchester United.
Allerdings hätte Mislintat auch diesen Transfer niemals durchsetzen können, wenn er seinen Vorgesetzten nur Leistungsdaten vorgelegt hätte. Der damalige BVB-Trainer Jürgen Klopp wurde von Kagawa erst überzeugt, als er ihn leibhaftig im Training erlebte.
Beispiel Shechter: Den Fehler wollten auch andere machen
"Am Ende musst du dir die Spieler selbst live vor Ort ansehen. Wie sich ein Stürmer verhält, wenn der Ball nicht in der Nähe ist, siehst du nur im Stadion", bestätigte auch Boris Notzon, seinerzeit Sportdirektor des FCK, in einem Interview 2018. Dabei gilt Notzon wie Mislintat als Daten-Junkie. Als Leiter des Kölner "SportsLab" leistete Notzon schon vor 20 Jahren Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Beim FCK installierte er ein Club-Management-System, das als erstklassig für einen langjährigen Dritt- und nunmehrigen Zweitligisten gelten darf. Darin abrufbar sind nicht nur alle Trainingseinheiten, Leistungstests, medizinische Daten, Scoutingberichte und Spielanalysen rund ums FCK-Profiteam, sondern auch des Nachwuchses.
Notzon äußerte sich in unserem damaligen Gespräch auch zu Itay Shechter, jenem israelischen Nationalspieler, den der FCK 2012 auf den Betzenberg transferierte, noch bevor Notzon in die Pfalz kam. Der damals 24-Jährige Shechter war in seiner Heimat als Stürmer gehandelt worden, der den Sprung in eine der Topligen Europas schaffen konnte. Der jedoch glückte ihm nicht. Nicht nur in Deutschland, sondern anschließend auch in England und Frankreich. Erst zurück in Israel fand der Stürmer jedoch wieder zu der Treffsicherheit zurück, die ihn einst so attraktiv für den internationalen Markt gemacht hatte. Ob Daten-Scouts diesen Wechsel hätten verhindern können?
"Nein", antwortete Notzon klipp und klar. "Shechter hat ja nicht nur in der israelischen Liga auffallend gespielt, er behauptete sich auch in internationalen Vergleichen, war mit seinem Klub in der Europa League sowie in der Nationalelf aktiv. An der fußballerischen Qualität fehlte es nicht." Der ehemalige FCK-Sportdirektor vermutet eher, dass es Shechter an Integrationswillen fehlte, ihm auch die Sprachbarriere zu schaffen machte. Dergleichen lässt sich unter Zuhilfenahme statistischer Daten nun einmal nicht einschätzen. Im übrigen hatte auch der 1. FC Köln, für den Notzon zu dieser Zeit arbeitete, Shechter im Visier, ebenso Hannover 96 und Bayer Leverkusen. Will sagen: Den Fehler, ihn zu holen, hätten auch andere gern gemacht. Für den FCK war es umso bitterer, weil er im Wettbieten mit Hannover über seine finanzielle Schmerzgrenze hinaus getrieben wurde und später den bis heute nicht korrigierten Abstieg aus der Bundesliga quittieren musste.
Beispiel Freiburg: Scouting in drei Schritten
Doch auch wenn es nicht allein selig macht, ist Datenscouting heutzutage unerlässlich, um den Kreis möglicher Transferkandidaten frühzeitig einzuengen. Das spart Geld, weil weniger vor Ort gescoutet werden muss. In dem 2022 erschienenen Buch "Was Teams erfolgreich macht" verrät Klemens Hartenbach, Sportdirektor und Chefscout des SC Freiburg, dem Autor Tobias Escher, wie er eine Scouting-Reise nach Argentinien plant. Erst werden die groben Daten zusammentragen, Spieler, die für den Sportclub in Frage kommen, nach Parametern wie Alter, Größe und Position sortiert. Im zweiten Schritt folgt die Videoanalyse. "Potenziell interessante Spieler werden in all ihren Facetten durchleuchtet. Was sind die Stärken, was die Schwächen eines Spielers? Wie verhält er sich im Ballbesitz, im Pressing, im eigenen und gegnerischen Strafraum?"
Anhand der Liste mit den noch verbleibenden Namen wird ein Reiseplan erstellt, den Hartenbach dann vor Ort abarbeitet. Stadion für Stadion, bis er alle Kandidaten persönlich gesehen hat. Und auf den Tribünen Südamerikas begegnet er regelmäßig Kollegen aus Valencia, Neapel und anderen europäischen Fußball-Städten, die sich die gleichen Spieler anschauen. Weil so ziemlich jeder in der Branche mittlerweile genauso arbeitet.
Beispiel Zuck: Daten deuten und bewerten will gelernt sein
Mehr oder weniger jedenfalls. Und die Bandbreite zwischen dem Mehr und dem Weniger kann durchaus gewaltig sein. Sich Zugriff auf eine Unmenge an Leistungsdaten beschaffen, kann heute jeder. Sie richtig zu deuten und die richtigen Prioritäten zu setzen, ist eine Kunst. Über die Qualität eines Innenverteidigers entscheiden andere Skills als bei einem Zehner. Über andere wiederum müssen alle verfügen. Hartenbach etwa betont immerfort die "Intensität", mit der ein Spieler über 90 Minuten bei der Sache sein muss, damit er für Freiburg interessant werden kann. Wer Pausen einlegt, sobald der Gegner den Ball hat, wer seine Mitspieler im Zweikampf nicht unterstützt, der werde in Freiburg schon im ersten Schritt aussortiert.
Ein Beispiel für zu oberflächliche Daten-Bewertung: Im Frühsommer 2021 hatten wir die Daten-Aufbereiter von "Createfootball" gebeten, für uns einmal Hendrick Zuck zu bewerten. Ihr Urteil fiel wenig schmeichelhaft aus: Nur zehn Prozent seiner Schnittstellenpässe kämen an, das sei "unterirdisch". Schwach seien auch seine Pässe ins letzte Drittel und sein Kopfballspiel, und seine Werte im Defensiv-Zweikampf seien in der Spielzeit 2020/21 sogar noch gesunken. "Zuck bietet kaum Mehrwert", so die Analysten. "Der Verein sollte von einer Vertragsverlängerung absehen".
Wir sahen und sehen ihn dennoch stärker. Dass er einer der wichtigsten Aufbauspieler des Teams ist, belegen regelmäßig die Positions- und Passgrafiken in unseren Spielanalysen. Daher haben wir "Createfootball"-Erkenntnisse in unserem Beitrag seinerzeit nur sehr sparsam verwendet. Und sind froh, dass der 32-Jährige noch mindestens bis Ende dieser Saison beim FCK unter Vertrag steht.
Beispiel Liverpool: Physiker analysieren Kicker-Physis - und mehr
In der "Analytics"-Abteilung des FC Liverpool arbeiten, das ist kein Witz, ein Doktor der theoretischen Physik, ein Doktor der Partikelphysik, ein Astrophysiker und ein ehemaliger britischer Schach-Jugendmeister. Sie werten Zahlen und Statistiken aus. Und filtern riesige Datenberge, um Erkenntnisse zu liefern, die Wettbewerbsvorteile bescheren. Über den heutigen Liverpooler Erfolgscoach Jürgen Klopp hatten die Nerds bereits ein 50-seitiges Daten-Dossier angefertigt, noch bevor der Verein zum ersten Mal an den damaligen Dortmunder Trainer herantrat.
Vor allem die finanzstarken englischen Klubs verlassen sich längst nicht mehr nur auf für jedermann verfügbare Daten-Anbieter wie Wyscout, um ihr Computerwissen zu mehren. Sie nutzen eigene Software-Programme, die die Basis-Daten vertiefen und verfeinern, und geben dafür alljährlich Millionen aus. Ein Wert, der genauer durchleuchtet werden will, ist zum Beispiel die in 08/15-Statistiken gern aufgeführte "Passquote". Wer nur Drei-Meter-Sicherheitspässe mit der Fußinnenseite spielt, verzeichnet da durchaus schon mal eine Erfolgsrate von 95 Prozent. Bei einem Spielgestalter aber, der fortwährend riskante Bälle schlägt, die gegnerische Verteidigungslinien überspielen und echte Torgefahr generieren, wären auch 50 Prozent Passerfolg ein Weltklasse-Wert. Solche Risiko-Ertrag-Verhältnisse genauer zu untersuchen, gehört zu den besonderen Leidenschaften der Liverpooler Analysten.
Beispiel "StatDNA": Exklusive Daten für den FC Arsenal
Sven Mislintat hat Borussia Dortmund Millionen und Abermillionen an Transfererlösen beschert, nachdem der Klub die Talente, die er entdeckte, weiterverkauft hatte. Zuletzt war er dreieinhalb Jahre als Sportdirektor beim VfB Stuttgart aktiv. Auch dort gelangen ihm einige internationale Transfers, die dem Verein enorme Gewinne bescherten. Stellvertretend genannt sei hier Sasa Kalajdzic, der 2019 für sechs Millionen Euro aus Österreich geholt wurde und 2022 für 18 Millionen Euro nach England weiterzog. Ein sportlich erfolgreiches Ganzes ließ sich aus Mislintats Verpflichtungen allerdings nicht formen. Der VfB spielt auch diese Saison gegen den Abstieg, und vor Kurzem beendeten der Verein und Sportdirektor ihre Zusammenarbeit - sehr zum Bedauern vieler Fans.
Einer der ganz wenigen Flops, die sich Mislintat noch in Dortmund leistete, wurmt ihn noch heute: der von Ciro Immobile, des italienischen Star-Stürmers, den der BVB 2014 für 18,5 Millionen Euro Ablöse als Ersatz für den nach München abgewanderten Robert Lewandowski verpflichtete und der gar nicht passte. Als Mislintat 2017 als Chefscout zum FC Arsenal wechselte, lernte er Software des Anbieters "StatDNA" kennen, die sich der Klub exklusiv gesichert hat.
Hätte er in Dortmund damals darauf Zugriff gehabt, hätte er damit gute Argumente gegen den Immobile-Transfer gefunden, verrät Mislintat dem Autor Christoph Biermann in dem Buch "Matchplan. Die neue Fußball-Matrix". Denn mit "StatDNA" hätte er nachweisen können, dass der Italiener viel zu wenig Ballbesitz in den tornahen Bereichen des Spielfelds hatte, dass sein Passspiel nur durchschnittlich und seine Durchsetzungsfähigkeit im Spiel Eins-gegen-Eins mäßig war. So erfolgreich er vor und nach seiner BVB-Zeit in seiner Heimat auch gewesen sein mochte.
Beispiel Dortmund: Günstig einkaufen und teuer verkaufen
Sven Mislintat war in Dortmund auch federführend, als der Verein 2016 eine eigene Scouting-Abteilung für Top-Talente aus der Taufe hob. Schon in den Jahren davor hatte der Verein mit dem günstigen Einkauf junger Spieler, ihrer guten Weiterentwicklung und schließlich dem Weiterverkauf gute Geschäfte gemacht: Allein Ilkay Gündogan, Henrikh Mkhitaryan und Mats Hummels brachten rund 100 Millionen Euro an Transfererlösen. Mit Jungs, die noch im Teenager-Alter in den Ruhrpott gelotst werden, sollten diese Gewinnmargen noch weiter erhöht werden. Die Rechnung ging auf: Allein mit Ousmane Dembélé, Jadon Sancho und Erling Haaland hat die Top-Talente-Abteilung seither rund 300 Millionen Euro an Ablösesummen erwirtschaftet. Und mit Jude Bellingham ist der nächste Wechselkandidat schon ausgeguckt.
Günstig einkaufen und teuer weiterverkaufen - das gilt längst als das einzig wahre Geschäftsprinzip für Klubs, die nicht von Mega-Investoren gepimpt werden. Und wo immer darüber schwadroniert wird, fällt bald auch ein bestimmter Begriff: "Moneyball". Und der wiederum ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Billy Beane. Und der lässt seit einiger Zeit auch FCK-Fans aufhorchen. Billy Beane? Der ist doch unlängst als "Geschäftspartner" der Pacific Media Group (PMG) genannt worden, die im Frühjahr letzten Jahres als Investor beim 1. FC Kaiserslautern eingestiegen ist.
Könnte das bedeuten, dass auch auf dem Betzenberg bald "Moneyball" gespielt wird? Dieser Frage spüren wir morgen im zweiten Teil unserer Betrachtung über "Datenscouting" nach.
Quelle: Der Betze brennt / Autor: Eric Scherer

Brad Pitt als Billy Beane im Hollywood-Film "Moneyball"; Foto: Imago Images
Über'n Tellerrand: Datenscouting im Fußball (2/2)
Datenscouting: Vom "Moneyball" und anderen Mythen
Spielt der 1. FC Kaiserslautern zukünftig "Moneyball"? Die Investoren der "Pacific Media Group" sind doch mit dessen Erfinder Billy Beane verbandelt ... Im zweiten Teil seiner Betrachtung zu Datenscouting spürt Eric Scherer diesem Mythos nach.
Erst mal zum Upgrade für alle, die mit diesem Namen nichts anfangen können: Billy Beane ist eine amerikanische Manager-Legende, die in "ihrem" Sport, dem Baseball, Geschichte geschrieben hat. Unter Beanes sportlicher Leitung qualifizierten sich die Oakland Athletics ab dem Jahr 2000 mit einem im Wettbewerbsvergleich lächerlich geringen Etat viermal in Folge für die Playoffs zur nationalen Meisterschaft.
Beane scoutete sein Personal mit Hilfe neuer statistischer Auswertungen, den "Sabermetrics", die der Baseball-Nerd Bill James erfunden hatte. Beane identifizierte damit Spieler, die auf dem Markt deutlich unter Wert gehandelt wurden, aber bestimmte Leistungskriterien erfüllten, die der Manager für die Rolle, in der er sie einplante, als entscheidend erachtete. Bei einigen entdeckte er sogar Eignungen für Positionen, auf denen sie noch nie eingesetzt worden waren - und auf denen ihre Leistungen förmlich explodierten, nachdem Beane sie geholt hatte.
Seine revolutionäre Personalpolitik wurde "Moneyball" getauft - und so populär, dass Hollywood seine Geschichte 2011 unter diesem Titel verfilmte und seinen Part mit Weltstar Brad Pitt besetzte. Der nunmehr 60-Jährige Beane übt auch heute noch eine Funktionärstätigkeit bei Oakland aus, ist zudem Direktor des Cloud-Computing-Unternehmens NetSuite und trat im Jahr 2020 dem Investmentfonds "RedBall Acquisition Corp" bei.
Lassen sich "Sabermetrics" auf den Fußball übertragen?
Und, ja, Billy Beane ist auch Fußball-Fan. Er ist Anhänger des englischen Erstligisten Tottenham Hotspurs, besuchte 2006 die Fußball-WM in Deutschland und sah dort womöglich das 1:1 zwischen Italien und den USA in Kaiserslautern. Darüber hinaus ist Beane seit 2017 Anteilseigner des englischen Klubs FC Barnsley. Und das wiederum scheint bereits sein einziger Berührungspunkt mit der "Pacific Media Group" (PMG) zu sein, deren Gesellschafter als "Platin 2180 GmbH" im Frühjahr letzten Jahres als Neben-Investor auch beim FCK eingestiegen sind. Außerdem engagiert sich Beane beim niederländischen Erstligisten AZ Alkmaar, in dem die PMG aber keine Aktien hat.
Ob und wie Billy Beane seine Expertise, die er sich im Baseball erworben hat, auch im Fußball einbringt? Im Gegensatz zu Baseball ist Fußball ungleich komplexer, kein "Start-Stop-Sport”, der sich analytischer Betrachtung in viele kleine Elemente zerlegen lässt. Drum fragte Autor Christoph Biermann bei seinen Recherchen zu seinem 2011 erschienenen Buch "Die Fußball-Matrix” Beane genau dies. Der aber antwortete nur sehr allgemein: "Ein richtiger Mathematiker wird angesichts hoher Komplexität nicht aufstecken."
Checken wir daher mal Fakten. Tabellarisch kickt Alkmaar in der Eredivisie regelmäßig im oberen Drittel mit, war da aber schon auch vor Beane zuhause. Allerdings erzielte der Klub zuletzt am Spielermarkt beachtliche Transfer-Saldi. Allein in der Saison 2021/2022 machten die Niederländer 45 Millionen Euro Plus - da könnte in der Tat "Moneyball" im Geiste Beanes dahinterstecken.
FC Barnsley: Toller Start mit Beane und PMG, aber dann ...
Ob wiederum PMG von auf Fußball übertragenen "Sabermetrics” profitiert? Beim FC Barnsley starteten Beane und die PMG sportlich vielversprechend. Barnsley schaffte den Sprung von der dritten Liga in die zweite Liga, qualifizierte sich zwei Jahre später für die Playoffs zur Premier League, verlor diese aber - dieses Scheitern auf den letzten Metern war seinerzeit übrigens auch für die Oakland Athletics typisch. Und in diesem Sommer stieg Barnsley wieder ab, als Tabellenletzter.
Transfererlöse nach "Moneyball"-Art? Der Klub veräußerte Innenverteidiger Ethan Pinnock 2020 für 3,35 Millionen Euro an den FC Brentford, nachdem er 2017 für lediglich 570.000 Euro eingekauft worden war. Mittelstürmer Kieffer Moore wechselte für 2,70 Millionen Euro zu Wigan Athletic, angeschafft worden war er für 850.000 Euro. Abwehrspieler Liam Lindsay ging für 2,25 Millionen Euro zu Stoke City, verpflichtet wurde er für 400.000 Euro. Okay, die Zahlen lesen sich nicht schlecht. Aber sie hauen auch nicht gerade um.
Fette Marktwertsteigerungen funktionieren auch ohne "Moneyball"
Zum Vergleich: In seinen Zweitliga-Jahren zwischen 2012 und 2018 erwirtschaftete der FCK mehrmals Transfergewinne in durchaus vergleichbaren Höhen, ohne dass ihm ein "Moneyball"-Etikett anhaftete - erinnert sei nur an Simon Zoller oder Jón Dadi Bödvarsson. Zoller kam 2013 für 400.000 Euro aus Osnabrück und ging 2014 für drei Millionen Euro nach Köln, Bödvarsson kam im Januar 2016 für lau aus Norwegen und ging im August schon wieder für 3,2 Millionen Euro nach Wolverhampton. In nachhaltigen sportlichen Erfolg, auch das ist bekannt, ließ sich mit diesen Gewinnen nicht investieren.
Dass dieser sich auch bei allen übrigen PMG-Klubs bislang nicht einstellte, hatten wir beim Einstieg der Investorengruppe bereits erörtert. Ebenso halten sich die Transfererlöse beim AS Nancy, dem FC Thun, KV Ostende oder Esbjerg fB bislang in Grenzen. "Moneyball" á la Billy Beane wird da offenbar nirgends gespielt.
Der "Moneyball"-Mastermind im Fußball heißt Matthew Benham
Im Fußball-Geschäft wird der Begriff gegenwärtig ganz woanders strapaziert - und hat dort grad mal gar nix mit Billy Beane zu tun. Der Mastermind hinter den Erfolgsgeschichten des englischen FC Brentford und des dänischen FC Midtylland heißt Matthew Benham. Der Physiker mit Oxford-Abschluss entwickelte Rechenmodelle fürs Finanzwesen und im Sportwetten-Business, ehe er sich den genannten Klubs zuwandte. Jetzt setzt er von ihm entwickelte Programme ein, um in aller Welt Spieler zu identifizieren, deren Marktwert unter ihrem tatsächlichen Leistungsvermögen liegt. Die transferiert er zu seinen Klubs und verkauft sie irgendwann gewinnbringend weiter.
Die Gewinne, die Benham und seine Computer-Fahnder erzielen, sind in der Tat beachtlich: Laut "Transfermarkt.de" hat Brentford in den vergangenen Jahren rund 76,5 Millionen Euro in Spielerkäufe investiert und 193,8 Millionen Euro durch Verkäufe eingenommen. Bei Midtjylland stehen 32,2 Millionen Euro an Zu- etwa 63,7 Millionen Euro aus Verkäufen gegenüber.
Beispiele mit deutschem Bezug: Den heutigen Schalker Dominik Drexler verpflichtete Midtjylland im ersten Halbjahr 2018 von Holstein Kiel für 2,5 Millionen Euro und verkaufte ihn bereits im Sommer des gleichen Jahres an den 1. FC Köln weiter - für 4,5 Millionen Euro. Drexler hatte für die Dänen nicht ein einziges Mal gespielt. Zu Brentfords Leistungsträgern zählt aktuell der deutsche U21-Nationalspieler Vitaly Janelt, den die Engländer 2020 für 600.000 Euro von Zweitligist VfL Bochum holten. Mittlerweile wird der Marktwert des 22-Jährigen auf 14 Millionen Euro taxiert. Den Sprung auf den deutschen WM-Zug hat er verpasst, sonst wäre er noch teurer.
Sportlich zufrieden sein kann Benham mit seinen Klubs ebenfalls. Brentford ist 2021 mit einem im Wettbewerbsvergleich bescheidenen Etat in die Premier League aufgestiegen, hat im ersten Jahr den Klassenverbleib geschafft und rangiert aktuell auf Rang 10. Midtjylland hat seit 2015 vier Mal die dänische Meisterschaft gewonnen und ist aktuell amtierender Vizemeister.
Beispiel Liverpool: Es geht nicht nur um die höchste Gewinnspanne
Guten "Moneyball" kann aber auch spielen, wer das Etikett für sich gar nicht in Anspruch nimmt. Für Buchautor Escher etwa beherrschen ihn auch die Liverpooler Analytiker perfekt. Dabei machen die Reds mit ihren Transfers Miese. 700 Millionen Euro gaben sie in der Ära Klopp bislang für Transfers aus, nahmen aber nur rund 500 Millionen Euro ein. Das irritiert zunächst, doch verglichen mit den anderen englischen Großinvestorenklubs stellen 200 Millionen Euro Minus eine beinahe ausgeglichene Bilanz dar. Manchester United bescherte sich in den vergangenen Jahren ein Transferminus von 900 Millionen Euro, Manchester City blieb mit 650 Millionen Euro im roten Bereich und der FC Arsenal mit rund 600 Millionen Euro.
Im Übrigen sollten Gewinnmargen nicht der alleinige Gradmesser für erfolgreichen "Moneyball” sein, so Escher. 2017 etwa verpflichtete Liverpool den Niederländer Virgil van Dijk vom FC Southampton für 80 Millionen Euro. Der Verdienst der Datenscouts lag darin, die Verantwortlichen zu überzeugen, dass ihnen diese gewaltige Investition tatsächlich die Dienste des besten Abwehrspielers der Welt sicherte. Was schon bald nach dem Wechsel niemand mehr bezweifelte. Und vor dem Transfer von Mohamed Salah wiesen die Analyse-Nerds anhand ihrer Datensammlungen nach, dass er ein idealer Angreifer für die Reds sein könnte, obwohl er zwei Jahre zuvor beim FC Chelsea gescheitert war. Womit sie ebenfalls goldrichtig lagen.
Außerdem sollten Datenscouts nicht nur an den Transfererlösen gemessen werden, die mit ihrer Hilfe erzielt werden. Sondern auch an den Ausgaben, die sie vermeiden - weil sie rechtzeitig ein Veto gegen eine Verpflichtung einlegen. Und daran, ob sie die Potenziale im eigenen Verein erkennen und korrekt bewerten, vor allem im Nachwuchsbereich.
Beispiel Frankfurt: Auch mal Mut zum Problem-Profi
Erfolgreichen "Moneyball", ohne den Begriff zu benutzen, hat in der jüngsten Vergangenheit auch Eintracht Frankfurt gespielt. Sebastian Haller kam für sieben Millionen Euro, ging für 50 Millionen Euro. Luka Jovic wurde nach einer Leihe für 20 Millionen Euro verpflichtet, später für 60 Millionen Euro an Real Madrid verkauft. André Silva kostete drei Millionen Euro, brachte 23 Millionen Euro. Und sportlich passte es auch. Nach etlichen grandiosen Europapokal-Auftritten gewannen die Hessen im Frühsommer die Europa League.
Der Erfolg eines Scouting-Systems, das Fredi Bobic, bis 2021 Sportvorstand der Eintracht, und sein Chefscout Ben Manga etablierten. Deren wichtigste Ideen: Auch mal auf Spieler vertrauen, deren Marktwert im Keller ist, weil sie als schwierig gelten oder aus anderen Gründen anderswo nicht zurechtkommen, Beispiele: Kevin-Prince Boateng, Martin Hinteregger, Filip Kostic. Bei Beurteilungen, ob sich solche angeblich schwierigen Charaktere bei einem Wechsel in die Erfolgsspur führen lassen, können Daten-Scouts freilich nur bedingt behilflich sein. Außerdem scheuten sich die Frankfurter nicht, auch in weniger starken Ligen Europas zu scouten. Und sie vermochten gut einzuschätzen, inwieweit dort gezeigte Leistungen auch in der Bundesliga zu erwarten und sogar noch zu steigern wären - eben daran war der damalige FCK-Coach Erik Gerets bei Stijn Vreven und Mika Nurmela gescheitert. Vor allem aber erkannten die Hessen Potenzial früher als andere und waren mit unterschriftsreifen Verträgen zur Stelle, ehe Ablöseforderungen ins Uferlose wuchsen.
Das übrigens sieht auch Klemens Hartenbach als das wichtigste Erfolgsrezept seiner Freiburger an: Entscheidungen fallen schnell, weil auf kurzen Wegen. Der Chef ist für seine Scouts jederzeit erreichbar. Hartenbach, Cheftrainer Christian Streich und Sportvorstand Jochen Saier ticken schon seit ewigen Zeiten im absoluten Gleichtakt. Und frühzeitiges, effektives Datenscouting kann einen zusätzlichen Beitrag leisten, Transfer-Entscheidungen zu beschleunigen.
Und am Betzenberg? Ist Billy-Beane-Expertise wohl nicht in Sicht
Dass es an der gegenwärtigen Transferpolitik des FCK nichts zu meckern gibt, dürfte außer Frage stehen. Obwohl da augenscheinlich keine "Moneyball"-Aspekte eine Rolle gespielt haben. Andreas Luthe, Philipp Klement, Erik Durm, Ben Zolinski oder der bereits im vergangenen Winter geholte Terrence Boyd sind bereits im fortgeschrittenen Alter und bestimmt nicht geholt worden, weil der FCK für sie in absehbarer Zeit abkassieren will.
Um das langfristige Ziel in Angriff zu nehmen, sich wieder in der Bundesliga zu etablieren, muss der Kader jedoch schon bald mit Personal aufgefüllt werden, das Marktwertsteigerungen und fette Transfererlöse verspricht. Denn ohne die kann sich ein Klub, der nicht regelmäßig mit Konzern-Millionen gespeist wird, schon lange nicht mehr dauerhaft im Oberhaus halten.
Und da wird die internationale Expertise gefragt sein, die sich Geschäftsführer Thomas Hengen in seiner Zeit als Scout verschiedener europäischer Vereine wie dem FC Everton, dem Hamburger SV oder Feyenoord Rotterdam aneignete. Denn Talente mit erstklassigen Perspektiven, die auf dem deutschen Markt heranreifen, werden schon lange früh von den finanzstarken Vereinen einkassiert. Und Hengen muss wiederum auf flache, stabile sowie gut und schnell funktionierende Hierarchien vertrauen können, wie sie Eintracht Frankfurt und den SC Freiburg erfolgreich gemacht haben. Darauf, dass am Betzenberg demnächst Billy Beane aufschlägt und mit ihm "Moneyball" spielen will, sollte er sich allerdings auf keinen Fall verlassen.
Quelle: Der Betze brennt / Autor: Eric Scherer
