Allgemeine Fan-Themen und Fragen zu selbigen.

Beitragvon Thomas » 27.04.2020, 09:40


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Abpfiff - Der Betze-Krimi von Udo Röbel
Feldkamp und der tote Schiedsrichter


Ein umtriebiger Journalist, ein toter Schiedsrichter und ganz viel Betze-Appeal: FCK-Fan Udo Röbel hat einen Pfälzer Fußballkrimi veröffentlicht, um ein bisschen Abwechslung in den grauen Corona-Alltag zu bringen.

"Wenn derzeit schon kein Live-Fußball möglich ist, müssen wir doch irgendwie für Ersatz sorgen", hat sich der Autor vor ein paar Wochen gedacht - und ist sogleich zur Tat geschritten. Herausgekommen ist ein Fußball-Krimi, der ab heute als Fortsetzungsgeschichte im "Sportbuzzer" veröffentlicht wird - die ersten drei der insgesamt 29 Kapitel gibt es außerdem co-exklusiv hier auf Der Betze brennt.

"Abpfiff - der Betzenberg-Krimi" spielt in der Pfalz, lässt für Fußball-Liebhaber und Fans der Roten Teufel jede Menge große und dramatische Momente der Vereinsgeschichte wieder aufleben und erzählt gleichzeitig die fiktionale Geschichte des tot in seinem Hotelbett aufgefundenen Schiedsrichters Peter Sandig. Ausgerechnet in der Nacht vor einem Spiel auf dem Betzenberg hat es den Referee nämlich unter mysteriösen Umständen dahingerafft. War es ein Mord? Wer steckt dahinter? Immerhin galt ausgerechnet dieser Schiedsrichter als besonders unbeliebt in der Pfalz, da er nach Meinung vieler FCK-Fans jedes Mal ihren Herzensklub verpfiffen hat.

Wir wünschen Euch viel Spaß mit dem ersten Kapitel!

Kapitel 1

In welchem wir den Karl-Heinz Feldkamp kennenlernen. Aber nicht den Trainer, wie ihr vielleicht jetzt denkt, sondern den abergläubischsten FCK-Fan aller Zeiten.

Wenn du Feldkamp heißt, und auch noch Karl-Heinz mit Vornamen, dann ist das so eine Sache in der Pfalz. Da gibt es keinen, der dir nicht gleich auf die Schulter klopft und mit der Zunge schnalzt und sagt: "Ach, der 'Kalli'! Was waren das noch Zeiten?!"

Gut, vielleicht doch nicht jeder.

Denn auch in der Pfalz soll es Leute geben, die bei dem Namen Feldkamp nicht gleich an den 1. FC Kaiserslautern denken und an die ruhmreichen Zeiten, als der "Kalli" noch Trainer auf dem Betzenberg war. Schließlich ist das lange vorbei. Der "Kalli" ist über 80 jetzt und lebt schon lange nicht mehr in der Pfalz. Genauso wie der "Kalli", den ich jetzt meine, der es als junger Mann nicht ausgehalten hat in der Pfalz, der hinausmusste in die Welt, um Journalist zu werden.

Das hat er auch geschafft, sogar Chefredakteur ist er geworden. Jetzt ist er auch schon in Rente, und seine Haare sind fast schon so weiß wie die von dem anderen "Kalli". Von der Pfalz ist ihm nicht mehr geblieben als seine Mutter und seine Schwester, und dass er jedes Spiel vom 1. FC Kaiserslautern im Fernsehen guckt.

Auf dem Berg leiden sie seit Jahren wie der Hund, weil nichts ist wie früher und der 1. FC Kaiserslautern schon lange nicht mehr in der Bundesliga. In diesem Jahr sieht’s noch schlimmer aus. Wenn kein Wunder passiert, steigen sie sogar noch aus der 3. Liga ab.

Daran muss auch der "Kalli" gerade wieder denken. Also der "Kalli", den ich meine. Nicht der Trainer, sondern der "Kalli", mit dem ich damals zusammen in die Schule gegangen bin. Auf das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt. Mit Latein und Altgriechisch noch als Pflichtfächern. Was dem "Kalli" auch prompt das Genick gebrochen hat. Denn in Mathe hatte er schon ab der Untersekunda immer eine Sechs. Und als dann in der Unterprima noch die Sechs in Griechisch dazukam, haben sie ihn durchrasseln lassen, ein Jahr vor dem Abitur.

Der "Kalli" hat es dann noch einmal probiert. Doch da war nicht mehr viel zu machen: In Mathe war er wie gesagt schon ab der zehnten Klasse ein hoffnungsloser Fall, und als er dann die Unterprima wiederholen sollte, saßen da gerade noch sechs andere in der Klasse, die sich mit dem alten Homer und Platon herumschlugen, weil Griechisch inzwischen nicht mehr Pflichtfach war, sondern freiwillig. Und die waren dem Feldkamp natürlich schon Lichtjahre voraus, und außerdem: Mit 17 willst du ganz anderen Dingen auf den Grund gehen als den philosophischen Gedankengängen eines Sokrates.

Vielleicht hätte es der "Kalli" aber doch noch geschafft, das Abitur. Denn eigentlich hat er viel mehr in der Birne gehabt als die meisten in unserer Klasse. Nur ist er halt auch stinkfaul gewesen. Und irgendwann kommst du mit Talent allein nicht mehr durch, und wenn du auch noch jeden Abend für die "Rheinpfalz" unterwegs bist und als freier Mitarbeiter über die Jahreshauptversammlung der Aquarienfreunde oder den Lichtbildervortrag in der Volkshochschule schreibst, statt deine Hausaufgaben zu machen, ist der Ofen dann irgendwann endgültig aus.

Beim "Kalli" ist das gewesen, als er die erste Mathearbeit im neuen Schuljahr, also in seinem zweiten Jahr in der Unterprima, zurückgekriegt hat. Von einem Lehrer, dem sie im Krieg die rechte Hand weggeschossen hatten und der immer seinen Kugelschreiber auf deinem Kopf hat tanzen lassen. Seinen Namen habe ich bis heute nicht vergessen: Schauer, Studienrat Schauer. Und auch nicht sein Gesicht, als der Feldkamp vor seinen Augen die Klassenarbeit mit der roten Sechs drauf in kleine Schnipsel zerriss.

"Ach, lecken Sie mich doch am Arsch!", hat der Feldkamp dabei gesagt. Ganz unaufgeregt. Ganz leise. Und dann ist er aufgestanden, hat die Schnipsel in den Papierkorb rieseln lassen und die Tür zum Klassenzimmer hinter sich zugezogen. Das war das letzte Mal, dass wir ihn im Gymnasium gesehen haben.

Denn gleich danach ist er zum Bahnhof gegangen und mit dem Zug nach Ludwigshafen gefahren. Zur Zentrale der "Rheinpfalz", wo er vier Stunden gewartet hat, bis ihn der Chefredakteur empfangen hat.

Der hat auf den Feldkamp noch mit Engelszungen einzureden versucht. Dass es doch besser sei, erst einmal das Abitur zu machen. Für die Zukunft. Für das Leben. Und überhaupt. Aber der Feldkamp hat sich nicht beirren lassen. Und irgendwann hat das auch der Chefredakteur eingesehen, dass der Feldkamp verloren ist für die Schule und mit aller Macht Journalist werden will, und hat ihm ein Volontariat gegeben.

Am nächsten Tag hat der Feldkamp zusammen mit mir dann denselben Zug von Haßloch nach Neustadt genommen wie immer. Nur dass er vom Bahnhof nicht zum Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium gegangen ist, sondern in die Kellereistraße, zur Lokalredaktion der "Rheinpfalz".

Tja, das war damals noch möglich, dass du von einem Tag auf den anderen die Schule hinschmeißt und Journalist wirst. Auch ohne Studium und tausend Praktika. Und wir alle haben damals schon geahnt, dass aus dem "Kalli" mal was Großes wird.

Habe ich gerade wieder "Kalli" gesagt?

Wenn ich es recht bedenke, haben wir damals eigentlich "Kalle" gesagt zu dem Feldkamp. Denn den richtigen "Kalli", also den Trainer Feldkamp, den haben wir ja damals noch gar nicht gekannt. Der ist ja erst viel später zum FCK gekommen. Und erst dann, als der sogar Meister geworden ist mit dem Betze, haben wir unseren Feldkamp natürlich auch nur noch den "Kalli" genannt.

Aber eh wir jetzt immer wieder durcheinanderkommen mit den ganzen "Kalles" und "Kallis", bleibe ich ab jetzt doch lieber bei Feldkamp, wenn ich euch von ihm erzähle.

Feldkamp also.

Und der ist gerade mit dem Auto unterwegs in die Pfalz, um seine Mutter zu besuchen, die morgen ihren 89. Geburtstag feiert. Von der Geschichte, die ihm gleich passieren wird, hat er natürlich noch keine Ahnung. Erst einmal nämlich muss er pinkeln und fährt am nächsten Autobahn-WC raus.

In dem Pissoir stinkt es wie immer gottserbärmlich. Und wie immer zählt er automatisch die Aluminiumurinale an der Wand. Drei. Alle frei verfügbar. Also sucht er sich das zu seiner linken Hand aus. Schließlich muss ein Heimsieg her. Wenn sie heute nicht gewinnen, dann war’s das wohl mit dem Abstieg.

Gut, ich hätte mir jetzt auch einen appetitlicheren Ort vorstellen können, wo wir dem Feldkamp zum ersten Mal persönlich begegnen. Aber dass wir ihn gerade hier kennenlernen, hat gleich zwei Gründe: Erstens, weil genau hier die Geschichte beginnen wird, die ich euch erzählen will. Und zweitens, weil wir hier gerade mitbekommen haben, wie abergläubisch der Feldkamp mittlerweile geworden ist, was den FCK angeht. Man könnte sogar sagen, dass er eine Vollklatsche hat, was das betrifft. Jedenfalls kenne ich keinen anderen FCK-Fan, der selbst noch beim Pinkeln versucht, den Fußballgott zu beschwören.

Angefangen bei dem Feldkamp hat das alles im letzten Meisterjahr 1998. In dem Jahr, als der Betze aus der 2. Liga wieder aufgestiegen und mit Otto Rehhagel sensationell Meister geworden ist. Gleich im ersten Spiel ein 1:0 bei Bayern München. Und so ging das die ganze Saison weiter, bis auch der Feldkamp langsam daran glaubte, dass die das wirklich schaffen könnten. Und dann ist es passiert. Am drittletzten Spieltag. Der Feldkamp war da schon Chefredakteur und hat gerade vor dem Zigarettenautomaten in der Redaktionskantine gestanden und gedacht: Wenn die jetzt zu Hause auch noch gegen Mönchengladbach gewinnen, dann sind sie so gut wie durch.

Wie fast alle in der Redaktion raucht der Feldkamp Marlboro. Und deshalb ist der Automat auch gleich dreimal damit bestückt. Was bedeutet, dass der Feldkamp gleich dreimal die Auswahl hat, für welchen Ausgabeknopf er sich entscheidet. Normalerweise hat er darüber nie nachgedacht und blind auf irgendeine der drei Tasten gedrückt. Hauptsache, seine Marke.

Aber an diesem Tag ist dann plötzlich etwas in seinem Kopf passiert. Etwas Irres, von dem er bis heute nicht weiß, wieso und warum eigentlich: Drei Tasten, drei Ausgabeschächte, schießt es ihm plötzlich durch das Gehirn. Drei Auswahlmöglichkeiten. Ganz wie auf einem Tippzettel. Die linke Taste steht für Heimsieg, die mittlere für Unentschieden und die rechte für Auswärtssieg. Es war, als ob ihn ein Zauber ergriffen hätte. Irgendwas Magisches. Oder so was wie Voodoo. Plötzlich war ihm klar, dass er mit seiner Wahl jetzt über die Meisterschaft entscheidet.

Er hat sich natürlich für die linke Taste entschieden, unser Feldkamp. Obwohl er einen Augenblick gezögert hat. Doch nicht lieber auf Unentschieden setzen? Mit einem Punkt könnte man ja auch zufrieden sein. Aber was, wenn die Bayern zu Hause gegen Leverkusen gewinnen? Und überhaupt: Wenn überhaupt etwas von seiner humanistischen Schulbildung auf dem altsprachlichen Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt bei ihm hängen geblieben ist, dann die Erkenntnis, dass man die Götter nie über Gebühr herausfordern sollte.

Fast hätte er es auch bereut, nicht ein bisschen demütiger gewesen zu sein. Prompt hat der FCK nämlich damals mit 0:2 zurückgelegen! Und der Feldkamp ist beinahe wahnsinnig geworden an diesem Abend. Weil er nicht im Stadion sein konnte. Obwohl er in Baden-Baden war, bei einem von diesen dämlichen Medientreffs, an denen man als Chefredakteur nicht vorbeikommt. Keine zwei Autostunden vom Betze entfernt. Und Handys gab es damals auch noch keine. Also zumindest nicht solche wie heute mit Internet und Liveticker und so. Und Sky oder Premiere, wie das damals noch hieß, hatten sie auch nicht in diesem Hotel, obwohl es angeblich das Beste am Platz war. Was also tun?

Alle zehn Minuten hat sich unser Feldkamp von der Party geschlichen, hat Minister und Promis mitten im Gespräch stehen lassen, ist hinauf in sein Hotelzimmer und hat im Videotext nachgeschaut, wie es steht. Bis dann endlich der Marschall explodiert ist. Kurz vor der Halbzeit noch der Anschlusstreffer zum 1:2. In der 61. Minute dann der Ausgleich. Und mit dem Schlusspfiff sogar noch das 3:2! Olaf Marschall, Fußballgott! Und das alles nur, weil der Feldkamp auf den richtigen Knopf am Zigarettenautomaten gedrückt hat!

Nach diesem Spiel ist das mit dem Zigarettenorakel beim Feldkamp zur Obsession geworden oder hat sich zu einem bedingten Reflex ausgewachsen, wie die Psychologen wohl sagen. Noch heute kann er keine Zigaretten aus dem Automaten ziehen, ohne vorher zu checken, ob man das nächste FCK-Spiel tippen kann. Wie bei dem berühmten Hund des russischen Forschers Iwan Petrowitsch Pawlow, der automatisch anfängt zu sabbern, wenn das Glöckchen klingelt, weil er darauf konditioniert ist, dass es dann auch gleich Futter gibt.

Nur dass bei dem Feldkamp im Lauf der Zeit noch tausend andere pawlowsche Reflexe dazugekommen sind: grüne Ampelphasen, bei Gehwegplatten nicht auf die Fugen treten - oder bei einem Rückstand erst einmal den Fernseher ausmachen und auf dem Balkon eine rauchen ...

Doch wie wir alle wissen, hat auch das dem FCK in den folgenden Jahrzehnten immer weniger geholfen. Wobei du dich eh nur an einen erfolgreichen Zauber erinnerst, wenn er auch aufgegangen ist. Wie oft du wieder vom Balkon zurückgekommen bist und der Betze immer noch zurückgelegen hat, das verdrängst du dann schnell. Was Feldkamps Verstand ihm natürlich auch sagt. Und wenn du ihn darauf ansprichst, wird er dir das sogar einräumen und von sich selbst sagen, dass das alles vollkommen ballaballa ist. Nur ist das für ihn immer noch der Versuch, der Mannschaft irgendwie zu helfen, so eine Art Daumendrücken.

Genau wie jetzt in dem Autobahnpissoir kurz vor dem Viernheimer Dreieck. Wenn sie heute nicht gewinnen, ist es vorbei, denkt der Feldkamp und entscheidet sich für das Urinal gleich links.

In dem Moment klingelt sein Handy …

Morgen folgt Kapitel 2 - in welchem der Feldkamp einen toten Schiedsrichter im falschen Hotel sucht und sich mit Grausen an das letzte Spiel erinnert, das er auf dem Betzenberg gesehen hat.

Über den Autor und den Roman: Der gebürtige Neustädter Udo Röbel, Jahrgang 1950, hat sein Leben lang als Journalist gearbeitet. Er war Chefredakteur bei "Bild" und der Reporter, der 1988 in das Auto der Geiselgangster von Gladbeck stieg - später distanzierte sich Röbel von seinem damaligen, zurecht kritisierten Verhalten. Der heute 70-Jährige ist außerdem als Schriftsteller tätig und, obwohl er seit Ewigkeiten in Hamburg lebt, stets bekennender Fan des 1. FC Kaiserslautern geblieben. Sein teils autobiographisch angehauchter Betze-Krimi "Abpfiff" erscheint als täglicher Fortsetzungsroman auf "Sportbuzzer", die ersten Kapitel außerdem hier auf Der Betze brennt.

Quelle: Der Betze brennt & Sportbuzzer / Autor: Udo Röbel
Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)



Beitragvon Thomas » 28.04.2020, 08:40


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Abpfiff - Der Betze-Krimi von Udo Röbel
Totenstille im Fritz-Walter-Stadion


Kaiserslautern. Fritz-Walter-Stadion. Der 1. FC Kaiserslautern kann mit einem Heimsieg gegen Borussia Mönchengladbach vorzeitig Deutscher Meister werden. Aber was hat das bitte mit einem toten Schiedsrichter im Dorint-Hotel zu tun? Das zweite Kapitel von Udo Röbels Betze-Krimi.

Kapitel 2

In welchem der Feldkamp einen toten Schiedsrichter im falschen Hotel sucht und sich mit Grausen an das letzte Spiel erinnert, das er auf dem Betzenberg gesehen hat.

Als der Feldkamp wieder in seinem Auto sitzt, muss er erst einmal durchatmen. Was ihm da sein ältester Sohn gerade am Handy erzählt hat, ist wirklich ein Ding: Den Sandig haben sie tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Den Schiedsrichter Sandig, den sie in der Pfalz alle hassen bis aufs Blut. Einer von denen, die immer beweisen wollen, dass sie alles sind - nur kein Heimschiedsrichter. Besonders auf dem Betzenberg, wo er uns im Laufe der Zeit bestimmt fünf Elfmeter nicht gegeben hat, aber dafür bestimmt drei unberechtigte Rote Karten.

Und nun ist er also tot. Und der Feldkamp hat gar nicht gewusst, dass er heute auch wieder den FCK hätte pfeifen sollen. Und in der ganzen Aufregung hat er ganz vergessen, seinen Sohn zu fragen, wie er eigentlich gestorben ist, der Sandig.

Sein Ältester ist auch Journalist geworden. Er lebt und arbeitet in Berlin für dieses große Nachrichtenmagazin. Die Gene halt. Nur dass er mit Fußball so gar nichts am Hut hat. Dafür kann er recherchieren wie ein Spürhund. Wenn der sich erst einmal in eine Geschichte verbissen hat, gibt er keine Ruhe, bis er nicht auch den letzten Knochen ausgegraben hat.

"Über die Todesursache ist noch nichts bekannt", sagt er, als ihn der Feldkamp noch einmal anruft. "Zumindest offiziell noch nichts. Vielleicht war es ja Selbstmord. Wie damals bei dem Babak Rafati in Köln. Nur dass den damals seine Kollegen noch haben retten können."

"Ja, ich erinnere mich", unterbricht ihn der Feldkamp. "Das war doch 2011, vor dem Bundesliga-Spiel Köln gegen Mainz? Und warum hat der sich damals noch gleich umbringen wollen?"

"Er selbst hat später einmal von Depressionen gesprochen", sagt sein Sohn. "Vielleicht auch ausgelöst dadurch, dass er zwei Monate vorher von der Liste der Fifa-Schiedsrichter gestrichen worden war. Und von den Bundesliga-Spielern war er zuvor viermal zum schlechtesten Bundesliga-Schiedsrichter gewählt worden."

Na ja, denkt der Feldkamp. Da kannst du schon depressiv werden, wenn sie dir ständig sagen, dass du die Vollpfeife der Nation bist. Gleichzeitig kommt er sich ein bisschen schlecht vor bei diesem Gedanken. Weil sich das nun eigentlich nicht gehört, so über einen Menschen zu denken, der sich aus Verzweiflung das Leben hat nehmen wollen. Aber der Sandig? Dieser eitle Gockel? So selbstherrlich, wie der immer über den Platz stolziert ist? Nein! Von dem kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Depressionen gehabt haben soll.

<span class="article-infobox-left" style="width:202px;][url=/images/artikel/3093/abpfiff-cover-gross.jpg]<img src="/images/artikel/3093/abpfiff-cover.jpg" alt="Cover: Abpfiff - Der Betze-Krimi von Udo Röbel (vergrößern)" />[/url]
</span>"Ich bin ja gerade unten in der Pfalz", sagt er zu seinem Sohn, "auf dem Weg zur Oma. Ich kann mich ja mal umhören. Vielleicht finde ich ja etwas heraus über den Sandig."

Der Feldkamp schaut auf die Uhr. Kurz vor 12 Uhr erst. In Haßloch erwarten sie ihn eigentlich erst am späten Nachmittag. Genug Zeit hätte er, vorher schnell noch einmal in Kaiserslautern vorbeizufahren, um sich im Dorint umzuhören, dem Hotel direkt neben dem Stadion, dort, wo immer die Gastmannschaften absteigen und in dem sie den Sandig tot in seinem Zimmer gefunden haben.

Je länger er darüber nachdenkt, umso mehr packt ihn ein Gefühl, von dem er gar nicht mehr wusste, dass es noch in ihm steckt: dieses Prickeln wie früher, als er noch als Reporter unterwegs war. Immer auf der Jagd nach der großen Story. Und dieses Gefühl tut immer noch gut.

Entschlossen schiebt er Plainride in den CD-Spieler seines alten Golfs 2.0 Turbodiesel. Knüppelharter Stoner Rock aus Köln. Für den Feldkamp die beste Autobahnmusik überhaupt. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass Plainride die Band von seinem Jüngsten ist, der in Köln lieber Rockstar studiert als Psychologie.

Egal. Mit jedem Kilometer, mit dem er jetzt Richtung Betzenberg jagt, fühlt sich der Feldkamp plötzlich jünger und jünger.

So lange, bis er oben auf dem Berg ankommt.

So lange, bis ihm wieder klar wird, was für ein alter Knochen er doch inzwischen ist.

Denn das Dorint gibt es natürlich nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Und das ist auch kein Wunder. Das letzte Mal, dass er hier war, liegt schon ein halbes Leben zurück. 1991 war das. Ja genau: am 8. Juni 1991. Der Tag, an dem er extra aus Hamburg eingeflogen war. Der Tag, an dem er mit dem FCK die vorzeitige Meisterschaft feiern wollte. Der Tag, an den er sich noch heute mit Grausen erinnert: Der FCK, im Jahr davor nur mit knapper Not dem Abstieg entronnen, war mit 46:18 Punkten - ja, damals galt noch die alte Punkteregelung - Tabellenführer. Vier Punkte vor den Bayern. Und wieder einmal ein Schlüsselspiel gegen Gladbach. Ein Unentschieden am vorletzten Spieltag zu Hause gegen die "Fohlen" hätte genügt, um vorzeitig deutscher Meister zu werden. Dementsprechend euphorisch waren die Fans. Überall in der Stadt waren schon die Stände für die Meisterschaftsfeier aufgebaut. Diese Nacht sollten der Riesling und das Bier in Strömen fließen - nur dass der große Kater dann schon gleich nach dem Abpfiff eingesetzt hat.

Die alten Bilder ...

Plötzlich hat sie der Feldkamp alle wieder vor Augen, als sei es erst gestern gewesen: die Spieler von Gladbach, die sich die Zeit bis zum Anpfiff im Hotel am Flipper und am Kicker vertrieben. So jung und klein waren sie ihm damals vorgekommen, fast wie Milchbubis. Aber eben auch so unbekümmert, wie du sein musstest, wenn du damals auf dem Betze gewinnen wolltest.

"Was wollen die denn?", hat er damals gedacht. Die hauen wir doch weg nachher! Doch erstens kommt es anders - und zweitens als man denkt: In der neunten Spielminute das 0:1! Durch einen gewissen Thomas Kastenmaier. Nach einem katastrophalen Fehler von Torwart Gerry Ehrmann.

Na ja, hat der Feldkamp gedacht. Das kann auch dem Besten mal passieren. Kein Grund zur Panik.

In der 20. Minute dann das 0:2! Wieder dieser Kastenmaier. Mit einem direkt verwandelten Freistoß. Diesmal unhaltbar. Trotzdem immer noch grenzenloser Optimismus auf dem Berg. Keiner, der in der Halbzeit nicht in seine Bratwurst gebissen hat, ohne zu sagen: "Das biegen wir noch locker um. Schließlich haben wir in dieser Saison noch kein einziges Heimspiel verloren."

Angriff auf Angriff ist dann in der zweiten Halbzeit auf das Gladbacher Tor gerollt. Doch in dem steht ein Uwe Kamps, der an diesem Tag das Spiel seines Lebens macht. Dinger hält der - unglaublich! Und wenn er einmal nicht die Fingerspitzen am Ball hat, helfen ihm Latte oder Pfosten.

So verrinnt Minute um Minute, der Berg ist nur noch ein einziges Seufzen, Ächzen und Stöhnen. Ein Stoßgebet nach dem anderen haben sie gen Himmel geschickt - bis es dann endgültig still gewesen ist im Stadion: in der 82. Minute auch noch das 0:3! Durch Peter Wynhoff nach einem der wenigen Gladbacher Entlastungsangriffe.

Die ersten der 38 000 Zuschauer im ausverkauften Stadion drängen zum Ausgang. Keiner unter ihnen, der noch einen Pfifferling auf den FCK gegeben hätte. Und der Feldkamp guckt nur noch versteinert auf den Platz. Genauso wie sein Namensvetter, der Karl-Heinz Feldkamp auf der Trainerbank.

Scheiße! Scheiße! Scheiße!

Bis plötzlich der Berg in einem einzigen Aufschrei explodiert!

Foulelfmeter für den FCK! In der 89. Minute!

Zurück, zurück auf die Ränge und die Plätze! Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Markus Kranz zum 1:3 verwandelt.

Die alten Bilder ...

Ganz klar und deutlich sieht der Feldkamp wieder, wie der Ball neben dem linken Pfosten einschlägt und im Netz zappelt, kann förmlich den Typ neben sich wieder spüren. Groß wie ein Kleiderschrank. Mit Händen wie Schaufelblätter, die ihm gerade so heftig auf die Schulter hauen, dass ihm der Bierbecher aus der Hand rutscht. "Glaab mir, des Ding drehn mer noch!", brüllt er. So laut, dass es ihm im Ohr geklingelt hat.

Es ist die 91. Minute. Und plötzlich auch noch der Bruno Labbadia! Nur noch 2:3!

"Was hab’ ich dir g’sacht?", schreit der Kleiderschrank. "Die Beer is noch ned g’schält!"

Was für Nichtpfälzer übersetzt heißt, die Birne sei noch nicht geschält, aber als Beweis dafür herhalten mag, wie überlegen der Pfälzer Dialekt doch in mancher Hinsicht der hochdeutschen Schriftsprache ist, was Ausdrucksschärfe und Gefühlskraft betrifft. Besonders in dem Hexenkessel, der jetzt über das Stadion hinaus bis hinunter in die Stadt schwappt. Dass einer in dieser Situation brüllt: "Die Birne ist noch nicht geschält", klingt irgendwie blutleer. Genauso saft- und kraftlos, als hätte er geschrien: "Die Sache ist noch nicht gegessen!"

Die 93. Minute und noch einmal Eckball für den FCK. Das Ungetüm neben dem Feldkamp braucht Beistand vor dem drohenden Herzinfarkt. Seine rechte Hand greift nach der linken vom Feldkamp und droht sie zu zerquetschen.

Die Ecke. Getreten von Lelle.

Jaaa!!! Jaaa!!!

Der Ball ist doch schon drin!!!

Und dann kriegt dieser Kamps doch noch irgendwie seine Finger dran.

Aus! Aus! Das Spiel ist aus!

Totenstille im Stadion. Totenstille in der ganzen Stadt. Totenstille auch im Hotel. Bis auf den Portier, der den Feldkamp abpasst, als er sich um Jahre gealtert zurück ins Haus schleicht: "Herr Feldkamp, da hat eben gerade jemand aus Hamburg für Sie angerufen. Ob sie mal zurückrufen könnten. Es sei dringend."

Wie gesagt, damals hat es noch nicht die Smartphones gegeben. Gott sei Dank! Wie sich der Feldkamp gerade erinnert. Die hätten ihn damals bombardiert mit Anrufen, Nachrichten oder Whatsapps. Ein Blick auf den Zettel, den ihm der Portier über den Tresen schiebt, reichte ihm. Die Nummer seiner Zeitung. Die Durchwahl der Sportredaktion. Er hat sofort gewusst, was die von ihm wollen. Kannst Du uns vielleicht noch einen kleinen Bericht schreiben? Eine Stadt unter Schock oder so? Am besten aus der Sicht eines Fans? Gern auch in Ichform geschrieben.

Aber das hat dem Feldkamp jetzt gerade noch gefehlt, dass er auch noch einen Bericht schreiben soll über seinen Schmerz. So hat er den Zettel zerknüllt, ihn wieder zurückgeschoben zu dem Portier und ist runter in die Bar, wo auf den Fernsehschirmen schon die "Sportschau" angefangen hatte.

Aber auch hier Totenstille. Kein Fan, mit dem man gemeinsam den Kummer hätte ersaufen können. Selbst den Barmann scheint es gerissen zu haben. Als der auch nach mehrmaligem Rufen nicht erscheint, geht der Feldkamp wieder hoch zur Rezeption und verlangt die Rechnung. Weg! Nur noch weg aus dieser Grabeskammer!

Tja, das war das letzte Mal, dass der Feldkamp auf dem Betzenberg gewesen ist. Nie wieder, hat er sich damals geschworen. Nie wieder gehe ich ins Stadion! Wenn ich dem FCK doch nur Unglück bringe …

Morgen folgt Kapitel 3 - in welchem der Feldkamp wie der Ochs vorm Berg steht. Erst vor einem Bratwurststand und dann vor einem Hotelportier.

Über den Autor und den Roman: Der gebürtige Neustädter Udo Röbel, Jahrgang 1950, hat sein Leben lang als Journalist gearbeitet. Er war Chefredakteur bei "Bild" und der Reporter, der 1988 in das Auto der Geiselgangster von Gladbeck stieg - später distanzierte sich Röbel von seinem damaligen, zurecht kritisierten Verhalten. Der heute 70-Jährige ist außerdem als Schriftsteller tätig und, obwohl er seit Ewigkeiten in Hamburg lebt, stets bekennender Fan des 1. FC Kaiserslautern geblieben. Sein teils autobiographisch angehauchter Betze-Krimi "Abpfiff" erscheint als täglicher Fortsetzungsroman auf "Sportbuzzer", die ersten Kapitel außerdem hier auf Der Betze brennt.

Quelle: Der Betze brennt & Sportbuzzer / Autor: Udo Röbel
Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)



Beitragvon Thomas » 29.04.2020, 10:10


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Abpfiff - Der Betze-Krimi von Udo Röbel
Kapitel 3: Rückkehr auf den Betzenberg


Der Betze-Krimi von Udo Röbel: In Kapitel 3 kehrt Protagonist Feldkamp nach Jahren wieder nach Kaiserslautern zurück. Was hat es mit dem Fall des verstorbenen Schiedsrichters auf sich?

Kapitel 3

In welchem der Feldkamp wie der Ochs vorm Berg steht. Erst vor einem Bratwurststand und dann vor einem Hotelportier.

Und nun ist er also doch wieder auf dem Berg, der Feldkamp, nach all den Jahren. Aber so richtig wissen, was er jetzt hier eigentlich soll, tut er nicht. Auch das ist so lange her. Dass er selbst Reporter gewesen ist, dass er persönlich vor Ort war, um eine Geschichte zu recherchieren. Und wie soll man etwas herausfinden über einen Schiedsrichter, den sie tot im Hotel gefunden haben, wenn es das Hotel gar nicht mehr gibt?

Auf jeden Fall braucht er jetzt erst einmal eine Bratwurst, denkt der Feldkamp. Nicht nur, weil er Hunger hat, sondern weil es auf dem Betzenberg immer noch die besten Bratwürste gibt. Das hat auch Jupp Derwall immer gesagt. Der frühere Bundestrainer. Oder "Häuptling ondulierte Silberlocke", wie ihn die Trainerlegende Max Merkel genannt hat. Zumindest hat das Feldkamps alter Sportchef immer so erzählt, dass der Jupp, wenn er vor der Wahl stand, welchen von zwei möglichen Kandidaten für die Nationalelf er sich mal live anschaut, sich stets für das Stadion mit der besseren Bratwurst entschieden habe.

Der Jupp ist jetzt auch schon tot. Genauso wie der Merkel. Und die Lauterer sind schon lange nicht mehr in der Bundesliga. Doch wenigstens, was die Bratwürste angeht, sind sie erstklassig geblieben.

Als der Feldkamp rüber zum Stadion geht, ist er immer noch so in seinen Erinnerungen versunken, dass er sich gar nicht fragt, warum ihm eigentlich immer mehr Fans entgegenkommen. Erst als er das Stadion schon fast erreicht hat, wird ihm klar, dass sie schon wieder auf dem Weg nach Hause sind.

Das Spiel ist vor einer halben Stunde abgesagt worden. Weil sie beim DFB so schnell keinen Ersatzschiedsrichter auf den Berg bekommen haben. Oder vielleicht auch aus Pietätsgründen.

Doch die Bratwurststände vorm Stadion sind noch offen. Nur dass sie kein Bargeld nehmen. Was den Feldkamp vor dem Bratwurstverkäufer stehen lässt wie den sprichwörtlichen Ochs vorm Berg und ihm den Unmut einiger hungriger Fans hinter sich einbringt, die wissen wollen, welcher Trullo sie da so lange aufhält. Weil der Feldkamp schon einige Zeit braucht, um zu kapieren, wie das heute so läuft, wenn man auf dem Betzenberg eine Bratwurst und ein Bier kaufen will: Man muss sich vorher so eine Art Prepaidkarte kaufen, mit aufgeladenem Guthaben. So wie bei einer Telefonkarte fürs Handy. Damit das schneller geht in der Halbzeitpause und nicht ständig einer mit einem 50-Euro-Schein angedackelt kommt. Und die Karte kriegt man bei den Männern in den grünen Westen vorm Stadion oder am besten im Internet. Ehe der Feldkamp auch noch fragen kann, was das denn jetzt schon wieder ist mit diesen grünen Männern, erbarmt sich ein Fan hinter ihm, schiebt seine Karte über den Verkaufstresen und sagt: "Mach dem sei Brodworschd uff mich, ehe mer noch all verhungern!"

<span class="article-infobox-left" style="width:202px;][url=/images/artikel/3093/abpfiff-cover-gross.jpg]<img src="/images/artikel/3093/abpfiff-cover.jpg" alt="Cover: Abpfiff - Der Betze-Krimi von Udo Röbel (vergrößern)" />[/url]
</span>Der edle Spender hat wilde feuerrote Haare und jede Menge Sommersprossen im Gesicht. Er erinnert den Feldkamp an den Gehlbach, mit dem wir damals zusammen in einer Klasse waren und den wir alle heimlich bewundert haben. Weil er schon mit 16 gekifft und immer als Erster die neuesten Platten von den Rolling Stones gehabt hat. Aber der Gehlbach kann es nicht sein, der ihm jetzt die Bratwurst gekauft hat. Dafür ist er zu jung. Aber vielleicht sein Sohn?

Noch ehe er sich richtig bei dem Feuerkopf bedanken und fragen kann, ob er vielleicht etwas mit dem Gehlbach zu tun hat, ist der schon wieder im Gewühl verschwunden, und der Feldkamp steht immer noch ein wenig verdattert vor dem Stadion, immer noch gefangen in den alten Bildern, die in seinem Kopf umherschwirren.

Ein Biss in die Bratwurst bringt den Feldkamp zurück in die Gegenwart. Und jetzt sieht er auch, dass es das Dorint doch noch gibt. Nur dass es jetzt Best Western heißt und gerade ein Mannschaftsbus vorfährt. Also scheinen hier immer noch die Gastmannschaften abzusteigen. Und damit auch die Schiedsrichter. Alles andere wäre ja auch Blödsinn.

Auch die Tiefgarage gibt es noch, in der der Feldkamp jetzt seinen Golf parkt. Und als er aussteigt und sich nach dem Fahrstuhl hoch in die Rezeption umsieht, fällt sein Blick auf einen schwarzen 5er-BMW mit dem Autokennzeichen MM wie Memmingen.

MM-PS 2583. Bingo, denkt der Feldkamp. Das muss das Auto von dem Schiedsrichter sein. Peter Sandig, Zolloberinspektor aus Memmingen im Allgäu. Und dass der auch noch sein Kürzel PS auf seinem Autokennzeichen hat, passt doch wie Arsch auf Eimer bei diesem eitlen Gockel.

Erst einmal ein paar Bilder mit dem Handy machen, sagt sich der Feldkamp. Ein Foto vom Auto des toten Schiedsrichters einsam in der Hotelgarage, das ist schon einmal kein schlechter Anfang für eine gute Story. Aber wie jetzt weiter? Wieder beginnt es, in seinem Bauch zu kribbeln. Aber in die Aufgeregtheit und Spannung des jungen Reporters mischen sich plötzlich auch Selbstzweifel: "Mein Gott, wie lange ist das her, dass ich mal wieder auf Recherche gewesen bin?", fragt sich der Feldkamp. "Kann ich das überhaupt noch? Und wie fange ich das jetzt am besten an?" Denn eines ist klar: Einen toten Gast auf dem Zimmer hat kein Hotel auf der Welt gern. Und dass sich dafür Journalisten interessieren erst recht nicht.

Hinter der Rezeption steht eine junge Frau in weißer Bluse und schwarzem Businesskostüm. Ziemlich jung sogar, denkt der Feldkamp. Wenn ich Glück habe, ist sie noch in der Ausbildung und hat noch keine Erfahrung mit Gästen, die tot in ihren Zimmern herumliegen. Aber soll ich wirklich gleich mit der Tür ins Haus fallen? So auf die Tour: "Grüß Gott, mein Name ist Feldkamp, und ich bin Journalist und wollte mal fragen, wie das denn genau war mit dem Herrn Sandig, wer ihn gefunden und wer ihn zuletzt noch lebend gesehen hat, bla, bla."

Schon auf dem Weg zum Empfangstresen ist dem Feldkamp klar, dass er sich mit Sicherheit eine Abfuhr einhandeln wird. Wenn Hotelfachschülerinnen eines schon im ersten Lehrjahr lernen, dann ist es, Diskretion zu wahren.

Nur wie soll er es denn dann angehen?

Am besten ist, ich schaffe erst einmal eine normale Geschäftsbeziehung, legt sich der Feldkamp einen Schlachtplan zurecht. Eine Situation, in der man dem Gast zuvorkommend begegnet. Also werde ich jetzt zum Empfangstresen gehen und die junge Dame fragen: "Guten Tag, mein Name ist Feldkamp. Hätten Sie vielleicht noch ein Zimmer für mich?"

Und die junge Dame wird sagen: "Aber gern. Wie lange?"

Und ich werde sagen: "Nur von heute auf morgen. Ich bin auf der Durchreise."

Und dann wird sie wieder fragen: "Ein Einzel- oder ein Doppelzimmer, Herr Feldkamp?"

"Ein Einzelzimmer."

"Raucher oder Nichtraucher?"

Und dann kommt der Knackpunkt des Ganzen. Denn ich werde antworten: "Raucher. Leider immer noch." Und ich werde eine kleine Kunstpause machen und möglichst witzig und harmlos klingen: "Und wenn es vielleicht möglich wäre, nicht gerade das Zimmer, in dem heute Morgen, Sie wissen schon, dieser Schiedsrichter ..."

Tja, was wird sie dann sagen? Am besten wäre natürlich: "Oh, keine Sorge, Herr Feldkamp. Ihr Zimmer liegt ein Stockwerk höher. Und außerdem war Herr Sandig Nichtraucher." Und schon wären wir im Gespräch.

So schön sich der Feldkamp das alles ausgedacht hat - sein Plan muss natürlich in die Hose gehen.

Erstens, weil es in so gut wie allen deutschen Hotels gar keine Raucherzimmer mehr gibt.

Und zweitens, weil genau in dem Augenblick, als er an den Empfangstresen tritt, der Chefportier das Mädchen an der Rezeption ablöst.

"Sie wünschen?"

"Ähem ... ähem ...", beginnt der Feldkamp zu stottern. "Wissen Sie, ich bin Journalist ... und ich hätte da eine Frage ... wegen dem Herrn Sandig ... wissen Sie, dem Schiedsrichter, der bei ihnen ... ähem ... ich meine in ihrem Haus ... ähem ... verstorben ist ..."

"Entschuldigen Sie, aber ich weiß nicht, was Sie meinen." Der Portier zupft indigniert an der Silberkrawatte unter seinem Anzug und gibt dem Feldkamp zu verstehen, dass hinter ihm bereits zwei andere Gäste darauf warten, bedient zu werden. Was dem Feldkamp jetzt doppelt peinlich ist, dass das auch noch andere Ohren mitbekommen haben, wie er sich da einen abstammelt.

Aber wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Linienrichter her ...

"Entschuldigen Sie", sagt nämlich einer von den beiden Männern hinter ihm, als er sich umdreht. "Habe ich das gerade richtig mitgekriegt? Sie sind Journalist?"

Der Feldkamp kriegt schon kein Wort mehr heraus und kann nur noch nicken.

"Dann wissen Sie vielleicht schon, was unserem Kollegen zugestoßen ist?"

Der Feldkamp kann sein Glück kaum fassen. Wie sich herausstellt, sind die zwei die Linienrichter, die zusammen mit dem Sandig das Spiel heute hätten leiten sollen. Oder die Schiedsrichterassistenten, wie man heute sagt. Nur dass sein Glück genauso schnell wieder vorbei ist, wie es gekommen ist. Denn die beiden wissen genauso wenig wie er. Eigentlich sogar noch weniger. Nur, dass sie hier im Hotel mit dem Sandig verabredet gewesen waren. Zwei Stunden vor Spielbeginn. Und dass sie irgendwann beim DFB angerufen hatten, als er immer noch nicht erschienen war.

"Heißt das, ihr Kollege hat gar nicht mit Ihnen hier im Hotel übernachtet?", fragt der Feldkamp nach.

"Nein. Uns hat er nur gesagt, dass er direkt von Memmingen nach Kaiserslautern fährt."

Der Feldkamp muss an den 5er-BMW in der Tiefgarage denken, den er fotografiert hat.

"Hat der Herr Sandig vielleicht einen schwarzen BMW gefahren?", fragt er.

"Das wissen wir nicht", antworten beide unisono. "Wir haben ihn auch noch nie persönlich kennengelernt. Es wäre das erste Spiel gewesen, das wir gemeinsam mit ihm gepfiffen hätten."

Dein Schiedsrichter, das unbekannte Wesen, denkt sich der Feldkamp und holt sein Handy hervor: "Und wem gehört dann dieses Auto mit dem Memminger Kennzeichen? Und wie kommt es hier in die Tiefgarage?"

Zu seiner Überraschung mischt sich plötzlich der Chefportier in das Gespräch ein. "Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen", sagt er, "dieser BMW gehört einem anderen Gast. Einem Gast, dessen Namen ich ihnen selbstverständlich nicht nennen kann. Aber was diesen Herrn Sandig betrifft, da kann ich ihnen versichern, meine Herren, dass er diese Nacht nicht Gast bei uns war. Und falls es Sie interessiert, Herr Feldkamp, ich habe gerade mal nachgeschaut: Ein Peter Sandig ist bei uns noch nie abgestiegen."

Der Feldkamp ist jetzt doch einigermaßen erstaunt. Nicht nur, weil der Portier überhaupt geredet hat, sondern auch, weil er sich seinen Namen so schnell gemerkt hat. Entweder der hat jetzt die Wahrheit gesagt, denkt er. Oder der will mich verarschen.

Auf jeden Fall wird die Geschichte immer mysteriöser.

Morgen folgt Kapitel 4 - in welchem sich die Frage stellt, ob man Mutters Geburtstag in einem Hotel feiern darf, in dem ein toter Schiedsrichter gefunden worden ist. Ab hier geht es exklusiv auf "Sportbuzzer" weiter. Wir bedanken uns für die Bereitstellung der ersten drei Kapitel auch auf DBB!

Über den Autor und den Roman: Der gebürtige Neustädter Udo Röbel, Jahrgang 1950, hat sein Leben lang als Journalist gearbeitet. Er war Chefredakteur bei "Bild" und der Reporter, der 1988 in das Auto der Geiselgangster von Gladbeck stieg - später distanzierte sich Röbel von seinem damaligen, zurecht kritisierten Verhalten. Der heute 70-Jährige ist außerdem als Schriftsteller tätig und, obwohl er seit Ewigkeiten in Hamburg lebt, stets bekennender Fan des 1. FC Kaiserslautern geblieben. Sein teils autobiographisch angehauchter Betze-Krimi "Abpfiff" erscheint als täglicher Fortsetzungsroman auf "Sportbuzzer", die ersten Kapitel außerdem hier auf Der Betze brennt.

Quelle: Der Betze brennt & Sportbuzzer / Autor: Udo Röbel
Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)



Beitragvon Thomas » 09.05.2020, 20:15


Hier gibt es noch die weiteren bisher erschienenen Kapitel von "Abpfiff" - more to come! :teufel2:

Kapitel 4, in welchem sich die Frage stellt, ob man Mutters Geburtstag in einem Hotel feiern darf, in dem ein toter Schiedsrichter gefunden worden ist:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-4-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 5, in welchem die Mutter vom Feldkamp ihre Geburtstagsblumen in die Mülltonne wirft und sich im Hubertushof auf Mördersuche begibt:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-5-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 6, in welchem die Mutter vom Feldkamp recht behält, und der seinen Augen nicht traut:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-6-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 7, in welchem der Feldkamp sein Handy verloren hat, die Frau des toten Schiedsrichters kennenlernt und dem Anton beinahe eine reinsemmelt:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-7-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 8, in welchem ein silberfarbener Alukoffer verschwindet – dafür aber ein roter Damenslip auftaucht:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-8-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 9, in welchem der Feldkamp bei Gulasch mit Spätzle darüber nachdenkt, wie man das Handy des Sportkameraden Sandig knacken kann:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-9-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 10, in welchem der Feldkamp einen Einfall hat, wie er der Frau Sandig erst einmal ordentlich Bargeld verschaffen kann:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-10-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 11, in welchem die Frau Sandig ordentlich über den Tisch gezogen wird und dem Feldkamp ein Auto auffällt, das er schon einmal gesehen hat:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-11-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 12, in welchem der Feldkamp wieder einen genialen Einfall hat, aber die Frau Sandig nur an Zwiebelrostbraten denkt:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-12-roman-udo-robel-kaiserslautern/

Kapitel 13, in welchem der Feldkamp sich mal wieder selbst quält und der Sandig sich mit einem Chinesen im Arm liegt:
https://www.sportbuzzer.de/artikel/abpfiff-der-betzenberg-krimi-kapitel-13-roman-udo-robel-kaiserslautern/
Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)




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