youngboyhextras hat geschrieben:
Ich sehe immer noch nicht das Ziel des Boykotts. Was soll sich denn ändern. RB wird aller Voraussicht nach aufsteigen und wird ein weiterer Verein neben Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen sein. Einen Lizenzentzug wird es nicht geben und die oben genannten Vereine werden wohl auch ohne Boykott nicht mehr Gästefans ins Stadion bringen. Die TV-Kameras werden also dann auf das Spielfeld gerichtet sein. Die Bundesliga ist eben eine reine Vermarktungsmaschine. Warum spielen große Vereine wie Bayern, Barca Real in China und in Japan. Doch nicht wegen des Fußballs. Aus diesen Gründen sind doch die unteren Ligen bei wahren Fußballfans so beliebt geworden. Dort geht es um den Sport. Kein Schnick Schnack. Keine aufgemotzten Arenen, Werbung überall.
Die Kritik der Kritik ist plausibel, weil RB lediglich die neue – oben sehr informativ und nachvollziehbar dargestellte – Qualität in einem Spiel darstellt, dessen Regeln sich vor unseren Augen verändern. Wer nun glaubt, dass die Veränderung von solchen Spielregeln ablaufen wie Naturgesetze, dem erscheint es notwendigerweise als sinnlos, sich gegen diesen Prozess zu stellen.
Dieser Prozess verläuft nun aber nicht naturgesetzlich zwingend, sondern lediglich eigendynamisch, durch die Vereinskonkurrenz befeuert. Und die meisten von uns unterliegen wahrscheinlich einem schleichenden Gewöhnungsprozess an seine Auswirkungen. An Auswirkungen, die zu anderen Zeiten unvorstellbar gewesen wären – nehmen wir hierzu als Beispiel nur mal die entwürdigende Inszenierung des ‚Betze-Mythos‘ auf dem Betze vor dem Spiel durch den FCK! Herzschlag vom Band. Stimmt: gegenüber RB ist das eine Lappalie, man kann aber schon fragen ob diese akustische Enteignung der Zeit durch ein Marketing-Eventkonzept nicht eben auch diesem Trend folgt.
Diese Gewöhnung gibt solchen eigendynamischen Prozessen ihr naturgesetzlich-unabweisbares Antlitz. Und: Beides wirkt den Trend verstärkend: Sowohl die Eigendynamik durch die Konkurrenz der Vereine, als auch die Gewöhnung der Fans an die kommerzialisierten Folgen dieser Konkurrenz. Gerade wurde noch die sog. TSG Hoffenheim als Knall in der Schallmauer gesehen, jetzt soll es RB sein? Was ist eigentlich mit Ingolstadt? Aus diesem Grund erscheint die Kritik der Kritik plausibel – das macht den Trend aber nicht besser!
Was mir ganz besonders gefällt ist, dass der Boykott als Protestform vorwegnimmt, um was es geht: Ist das Spiel erst einmal vollkommen zum Werbe-Event geworden, das Publikum zur Kulisse und das Gekicke vollkommen instrumentalisiert, dann ist dieser Fußball sinnlos geworden. Das zeigt, dass das, was sich die großen Geldgeber von Außerhalb kommend im Fußball einkaufen wollen, nämlich Emotionen, Leidenschaft und Bedeutung, durch sie selbst nicht planmäßig hergestellt werden kann. Es handelt sich gewissermaßen um eine Überfischung von sozialen Ressourcen, um einen Raubbau am sozialen Leben. Ein Boykott nimmt diese Leere im Gästeblock nur vorweg! Deshalb zeigt er, worum es tatsächlich geht und ich halte ihn deshalb für eine absolut angemessene und hellsichtige Aktion!
In dieser Vorwegnahme der näher rückenden Sinnentleerung durch die schleichenden Veränderungen der Regeln des Fußballs liegt aber auch eine Aufforderung über sich selbst nachzudenken. Denn schließlich machen auch die eigenen Leidenschaften das Geschäft derer aus, die wir stoppen wollen. Ich übe deshalb schon im Aufkündigen der Voraussetzungen des Spiels – und siehe da: Fußball in den unteren Klassen und auf der Straße macht nicht weniger Spaß! Ich brauche zu dieser Freude keine Pay-Card und kein Pay-TV und auch keine Fußballmillionäre – ganz gleich ob in Sonnenbrille vorm grünen Lamborghini, oder in Zukunftsgewissheitspose vom Werbeplakat. Mal ehrlich, das ist doch einfach Scheiße.
Deshalb finde ich den Boykott so gut – er zeigt, dass viele von uns Fußballfans verstanden haben worum es geht. Nur mit der glaubhaft gezeigten Bereitschaft nicht mehr an dem Konsens festzuhalten, der von den Kommerzialisierungsinteressen längst aufgekündigt und zum Verkauf freigegeben worden ist, lässt sich das vermeintliche Naturgesetz widerlegen: Indem man sich daran erinnert, dass die Welt der Menschen von Menschen gemacht wird. Die Frage ist nur, in wessen Sinne! Hier gibt es nichts zu verlieren, setzt der Trend sich durch, ist das gestorben, was uns einmal gefallen und in Aufregung gebracht hat. Und deshalb liegt hier die Macht von uns sog. Zuschauern – denn wir alle entscheiden darüber, was wir mit unserer Zeit machen und unter welchen Bedingungen wir uns durch wen Enteignen lassen wollen – kommerzialisierter Fußball ist da nur eine Lappalie und Boykott von RB auch gar nicht schwer! Man versäumt nur eins: Nichts!