Im einem anderen Thread wurde es schon kurz angeschnitten, aber in der Ausführlichkeit ist es wohl hier besser aufgehoben. Ein Interview mit dem Hoffenheimer Fanbeauftragten auf Stadionwelt, bei dem zumindest ich mehr als einmal den Kopf schütteln musste...
„Wir haben Verständnis dafür, dass man uns nicht mag“
Die TSG Hoffenheim schaffte vor wenigen Wochen den direkten Durchmarsch aus der Regionalliga in die Bundesliga. Stadionwelt sprach mit Mike Diehl, dem Fanbeauftragten der TSG, über den Erfolg der letzten Saison und die Erwartungen an die erste Liga.
Stadionwelt: Der direkte Durchmarsch von der Regionalliga in die Erste Bundesliga ist Euch geglückt. Wie erlebt man als Fan einen solchen Erfolg?
Diehl: Wir in Hoffenheim sind natürlich überglücklich und stolz, dass sich unser kleines Dorf demnächst mit den ganzen großen Vereinen in Deutschland messen kann. Als wir noch in der Regionalliga gespielt haben, klopfte die TSG bereits zweimal an die Tür zum Profifußball, doch viele haben es nicht für möglich gehalten, dass wir wirklich einmal in der zweithöchsten Klasse spielen. Daher war der Aufstieg in die Zweite Bundesliga im vergangenen Jahr ein Riesenerlebnis. Aber das, was in diesem Jahr passiert ist, toppt alles. So richtig begreifen kann das noch niemand. Ich glaube, wir werden die Erstligazugehörigkeit erst realisieren, wenn im August das erste Spiel in der Bundesliga angepfiffen wurde.
Stadionwelt: Was waren die Highlights der abgelaufenen Zweitligasaison?
Diehl: Das absolute Highlight war für uns die Auswärtsfahrt nach Dortmund zum Pokal-Viertelfinale. 70 Busse aus dem Rhein-Neckar-Raum rollten Richtung Ruhrgebiet. Bei Anstoß waren ungefähr 4.500 Hoffenheimer Fans im Gästeblock, und obwohl wir verloren haben, herrschte eine gute Stimmung. Als weiteres Highlight ist das Aufstiegsspiel gegen Fürth und die daran anschließende Party zu nennen. Es war alles in allen ein sehr schöner Tag. Das besondere daran war, dass der Verein darauf bestand, dass alle mitfeiern können. So versammelten sich schließlich über 10.000 Menschen in der Sinsheimer Messehalle, vom Vorstand, über Sponsoren, Fans bis hin zu den Medienvertreter. Einfach alle haben bis in die Morgenstunden ausgelassen gefeiert.
Stadionwelt: Inwiefern hat das erste Jahr im Profifußball die Fanszene in Hoffenheim nach vorne gebracht?
Diehl: Das hat damals in der Oberliga schon begonnen, als die TSG begann, erfolgreich zu spielen. In dieser Zeit gründete sich der erste Fanclub, der „Zwingerclub“, mit circa 50 Mitgliedern.
In der Regionalliga kamen dann immer mehr Fans hinzu und auch zwei bis drei Fanclubs gründeten sich. Durch den guten Fußball, den die TSG in den letzten Jahren geboten hat, ist die Zahl dann noch weiter angestiegen. Heute zählt der Club 23 Fanclubs mit ungefähr 1.000 Mitgliedern, die über die ganze Republik verteilt sind. Es gibt beispielsweise Fanclubs in Essen, Berlin, München oder auch Hamburg.
Stadionwelt: Wie hat sich die Zahl der Auswärtsfahrer entwickelt?
Diehl: In letzter Zeit herrschte natürlich eine unglaublich große Euphorie, da sind auch viele auswärts mitgefahren. Wie bereits erwähnt, waren beim Pokalspiel in Dortmund 4.500 TSG-Fans vor Ort. Aber auch in Köln, wo über 3.500 Hoffenheimer zugegen waren, oder in Offenbach begleitete eine große Anzahl die TSG.
Der Schnitt der Auswärtsfahrer betrug in der letzten Saison so ungefähr 500 Fans. Ich denke, in der Ersten Liga wird dieser Durchschnitt aber noch steigen, wenn es zu den attraktiven Gegnern nach Bayern, Hamburg oder Schalke geht.
Stadionwelt: Wie ist Szene generell geprägt? Kommen die Leute aus dem Umland? Und wie ist der Altersdurchschnitt der Szene?
Diehl:
In Hoffenheim ist festzustellen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche zu den Spielen ins Stadion kommen. Meistens werden sie von ihren Eltern begleitet, die ihren Nachwuchs dann gleich mit Schals und Trikots ausstatten. Es ist auch wichtig, dass gerade die Jüngeren so an den Verein gebunden werden. Die ältere Generation hat ja eigentlich schon einen Hauptverein und hat die TSG erst in den letzten Jahren für sich entdeckt.
Für die Kinder ist die TSG aber der erste Verein – und wird es auch hoffentlich bleiben. Zur Herkunft der Fans ist zu sagen, dass die meisten aus der Metropolregion kommen. Gerade aus dem Raum Heidelberg, Mannheim oder Heilbronn fahren viele zu den Partien der TSG. Das ist die Hauptregion, aus der sich die Hoffenheim-Fans rekrutieren.
Aber an den Fanclubs sieht man auch, dass es überall in Deutschland TSG-Fans gibt.
Stadionwelt: Gibt es Entwicklungen in Richtung ultraorientierten Support? Wenn ja, welche Gruppe zeichnet sich dafür verantwortlich?
Diehl:
Eine Gruppe im Sinne der Ultrabewegung hat sich in Hoffenheim bislang noch nicht entwickelt. Darauf legt der Verein aber eigentlich auch keinen Wert. In Hoffenheim herrscht auch so eine gute Stimmung vor. Die Choreographien, die im Stadion gezeigt wurden, entstanden alle unter der Führung des Fanverbandes. Der Verband ist ein Zusammenschluss von Fanclubs, die den Verein gesanglich und optisch nach vorne peitschen wollen. Sie feuern die Mannschaft dann ab und zu schon mal mit einer Choreographie an.
Die Ideen dazu haben sie selber, der Verein besorgt ihn dann die Papptafeln, so wie beim letzten Spiel gegen Fürth. Da waren es 6.000 Pappen.
Stadionwelt: Du sagst, dass es keine Ultras in Hoffenheim gibt. Dann ist das Crescendo Hohenlohe, das in der deutschen Supportersszene ja noch ein relativ unbeschriebenes Blatt ist, also auch keine Ultragruppierung?
Diehl: Nein, nicht dass ich wüsste. Das Crescendo bezeichnet sich selbst als lautester Fanclub in Hoffenheim. Vielleicht heben sie sich dadurch etwas von den anderen Fanclubs ab.
Stadionwelt: Dadurch, dass das Dietmar-Hopp-Stadion über eine sehr begrenzte Zuschauerkapazität verfügt, waren die Spiele meist immer ausverkauft. Hat dies eine Entwicklung der Fanszene gehemmt? Mussten viele Fans außen vor bleiben?
Diehl: Ja, das stimmt. Aufgrund des geringen Fassungsvermögens des Dietmar-Hopp-Stadions konnten leider nicht immer alle Kartenwünsche berücksichtigt werden. Ob das aber die Entwicklung der Fanszene gehemmt hat, mag ich nicht beurteilen. Aber im neuen Stadion werden auf jeden Fall mehr Zuschauer die Möglichkeit haben, das Team spielen zu sehen.
Stadionwelt: Was erwartet Ihr Euch von der Ersten Bundesliga?
Diehl: Eigentlich sind wir alle damit sehr zufrieden, so wie es bisher gelaufen ist. Von daher kann alles so bleiben wie es ist. Die Fans sollen die Mannschaft anfeuern und sie zum Sieg schreien.
Die Leute sollen im positiven Sinne „durchdrehen“ und alles für die Mannschaft geben. Mir schwebt da England als Vorbild vor. Dort unterstützen die Fans ihr Team mit voller Inbrunst. Gesänge, die den Gegner verschmähen, hört man dagegen so gut wie gar nicht. Genau so sollte es in Hoffenheim auch sein beziehungsweise bleiben. Alle sollen hundertprozentig hinter dem Verein stehen.
Stadionwelt: Befürchtet Ihr, dass Euch in der Ersten Liga wieder Abneigungen entgegengebracht werden, wie dies teilweise in der vergangenen Saison schon war?
Diehl:
Natürlich rechnen wir damit, dass wir nicht gleich überall gut gelitten sind. Aber das ist in Deutschland ja leider normal. Wenn etwas Neues aufgebaut wird, stößt man als aller erstes auf Ablehnung oder zumindest Reserviertheit. Ich denke, das Neidgefühl der Deutschen ist da ziemlich ausgeprägt.
Stadionwelt: Habt Ihr Verständnis dafür, wenn andere Vereine das „Modell Hoffenheim“ kritisieren?
Diehl: In gewisser Weise haben wir schon ein Verständnis dafür, dass man uns nicht mag. Diese Meinung darf man ja auch ruhig haben, aber es darf nie unter die Gürtellinie gehen. Egal ob das von den Vereinsverantwortlichen oder den anderen Fans kommt, der Gegenüber muss immer geschätzt und respektiert werden.
Stadionwelt: Für ein halbes Jahr steht nun erst einmal der Umzug nach Mannheim bevor. Fällt Euch der Abschied aus Hoffenheim schwer? Was erwartet Ihr von Mannheim?
Diehl: Der Abschied aus dem Dietmar-Hopp-Stadion fällt uns schon schwer. Wir haben dort zusammen gelitten, gezittert und letztendlich auch viel gefeiert. Insgesamt war es einfach eine schöne Zeit dort. Aber man muss auch sehen, dass unser Dorf und die Infrastruktur einfach zu klein sind, um den Ansprüchen der Bundesliga zu genügen. Für viele Besucher war beispielsweise schon die Anreise sehr beschwerlich, da kaum ausreichend Parkplätze in Stadionnähe vorhanden waren. Daher ist es schon logisch, dass wir für ein halbes Jahr in die Mannheimer Nachbarschaft ausweichen. Das Carl-Benz-Stadion wird ja gerade für die Erste Liga aufgepäppelt.
Vielleicht können sogar viele Menschen aus Mannheim durch die Spielweise der Mannschaft für die TSG gewonnen werden. Die Menschen in dieser Region lechzen geradezu nach Bundesligafußball, und Hoffenheim bietet ihnen nun die Gelegenheit, diesen in Mannheim zu erleben – wenn auch nur für ein halbes Jahr. Das einzige was uns wohl gegenüber dem Benz-Stadion fehlen wird, ist die Enge, die das Hoffenheimer Stadion ausmachte. Das ist schade.
Stadionwelt: Und was erwartet den Fan in Sinsheim?
Diehl: In Sinsheim entsteht ein kleines und kompaktes Stadion. Dort wird die Enge wieder zu spüren sein, dafür garantieren allein schon die Tribünen.
Es wurde nämlich beim Bau darauf Wert gelegt, dass das Stadion die steilstmöglichen Ränge erhält. Somit ist neben einer guten Sicht wohl auch ein guter Support garantiert. Damit auch die optische Unterstützung stimmt, wird in der Arena eine Fanwerkstatt eingerichtet, in der die Fans Choreographien, Fahnen und ähnliches herstellen können.
Stadionwelt: Wie wird Euer neuer Standort im Stadion aussehen? Wird es Stehplätze geben?
Diehl: Der harte Kern der Hoffenheimer Fans wird sich – wie schon im alten Stadion – wieder in der Südkurve
hinter dem Tor versammeln. Dort wird es einen Stehplatzbereich mit Variositzen geben.
Stadionwelt: Was haltet Ihr von der Spielplanreform, die die DFL anregt?
Diehl:
Ich persönlich finde die Spielplanreform gar nicht so schlecht, da man so sehr variabel spielt. Man hat vielleicht mal die Möglichkeit, in Dortmund an einem Freitag unter Flutlicht zu spielen. Diese ganze Diskussion um die Anstoßzeit „Samstag 15.30 Uhr“ ist typisch deutsch. Man kann sich nicht stur auf eine Zeit festlegen. Als Fan muss man auch mal flexibler sein. Schließlich spielen auch die Fernsehgelder eine gewichtige Rolle, die den Vereinen zugute kommen. Das einzige was bei der Spielplanreform berücksichtigt werden müsste, ist eine vernünftige Koordination mit den Amateurvereinen. Es müsste so geregelt sein, dass sich Profis und die vielen Amateure in den Klassen zeitlich nicht in die Quere kommen, denn viele der Zuschauer im Stadion wollen selber noch Fußball spielen oder zumindest ihren Heimatverein sehen. (Stadionwelt, 26.06.08)
Komplettes Interview:
http://www.stadionwelt.de/neu/sw_fans/i ... ws_id=1818 (Anmeldung erforderlich)