Im Blickpunkt
Zwischen Aufbruch und Stillstand: Das DBB-Zwischenzeugnis zur Winterpause
In unserem zweiten "DBB-Zwischenzeugnis" (Länderspielpause Oktober) dieser Saison hatten wir dem Team von Torsten Lieberknecht eine deutliche Aufwärtsentwicklung gegenüber dem ersten (September) attestiert. Die sich im dritten Abschnitt (November) jedoch nicht bestätigte. Seit der jüngsten Länderspielpause sind nun zwei Siege, zwei Niederlagen und ein Unentschieden hinzugekommen. Sieben Punkte in fünf Liga-Spielen, bei einem Torverhältnis von 9:7. Das mutet ausgeglichen an, aber machen wir uns nichts vor: Die Stimmungslage rund um den Betzenberg ist es nicht.
Da war ja auch noch die 1:6-Packung bei Hertha im DFB-Pokal. Die liegt schwer im Magen. Dann das 2:3 gegen Magdeburg zum Jahresabschluss. Bei dem - auch da gibt es nichts schönzureden - der 1. FC Kaiserslautern im eigenen Wohnzimmer mindestens eine halbe Stunde lang vorgeführt wurde.
Mit dem 0:0 in Bielefeld waren ebenfalls viele unzufrieden. Da ermauerten sich die eigentlich doch ambitionierten Lautrer "tief stehend" einen Punkt gegen einen Aufsteiger, der wohl eher in der unteren Tabellenhälfte anzusiedeln ist. Worüber der Trainer sich auch noch lobend äußerte - was Teile des Anhangs ebenfalls auf die Palme brachte.
Für Konterspiel fehlt es an Speed
Dazu muss allerdings angemerkt werden: Lieberknechts Lob bezog sich vor allem auf die Defensivleistung seiner Jungs. Ein paar besser vorgetragene Konter mehr hätte er sich schon gewünscht, wie er später auch im DBB-Interview betonte.
Was ihm ebenfalls nicht entgangen sein dürfte: Für ein schnelles Spiel von hinten raus fehlen in diesem FCK-Kader gegenwärtig Spieler mit angemessenem Speed. Da haben selbst Teams wie Braunschweig (Erencan Yardimci, Christian Conteh) oder Bielefeld (Joel Grodowski, Monju Momuluh) geeigneteres Personal, von Hertha BSC (Marvin Winkler, Fabian Reese) ganz zu schweigen.
In gewisser Weise ist dieser FCK also dazu verdammt, das gegnerische Tor auf kürzeren Wegen zu suchen. Mit Balleroberungen nach frühem Pressing. So, wie es Torsten Lieberknechts üblicher Matchplan ja auch vorsieht.
Treffer nach früher Balleroberung sind seltener geworden
Treffer nach konsequentem Angriffspressing oder direktem Gegenpressing fielen etwa im DFB-Pokal gegen Fürth, wo Naatan Skyttä für den 1:0-Sieg sorgte. Oder beim 1:1 gegen Nürnberg, als Daniel Hanslik vollstreckte. Im jüngsten Saisonabschnitt führte dieser Weg allerdings kaum noch zum Ziel. Skyttäs 4:1 im Spiel gegen Kiel resultierte aus einer Balleroberung etwa in Höhe der Mittellinie. Zwei weitere Buden wurden mit zügig, aber keinesfalls mit Hochgeschwindigkeit vorgetragenen Angriffen aus der Tiefe eingeleitet, eine nach einem Einwurf tief in der gegnerischen Hälfte.
Gegen Dresden fielen alle drei Treffer nach ruhenden Bällen (was zumindest einen Fortschritt in punkto Standards offenbart), zum Teil im zweiten Anlauf. Gegen Magdeburg erzielte Hanslik sein 1:3 nach einem Slalom Skytääs durch eine bereits formierte Gegnerdeckung. Der Elfmeterpfiff, der Marlon Ritters 2:3 ermöglichte, erfolgte nach einem Handspiel nach einer Rechtsflanke Luca Sirchs - ebenfalls gegen eine Abwehr, die zuvor genug Zeit hatte, sich zu positionieren.
Wir sehen: Das, was Lieberknecht zum Markenzeichen seines Team machen will, war zuletzt kaum erfolgreich. Und ist längst nicht das einzige, was zur Winterpause wieder verstärkt die Skeptiker auf den Plan ruft, die an der Zukunftstauglichkeit seiner Spielidee zweifeln. Immerhin: Kurz nach Saisonbeginn hatten ihm einige Hobbykritiker noch unterstellt, er habe überhaupt kein Offensivkonzept.
"Mannorientiertes" Spiel - was ist das überhaupt?
Zumindest das wird ihm nun nicht mehr vorgeworfen. Auch, weil der Trainer mittlerweile schon mehrfach seine Vorstellung vom scharfen Angriffspressing erläuterte. In Vor- und Nachbetrachtungen, ebenso im DBB-Interview, fiel dabei immer wieder das Wort vom "mannorientierten" Spiel, das die Roten Teufel weiter perfektionieren wollen. Und da wir alle ja zwischen den Jahren ein wenig mehr Zeit zum Lesen haben, wollen wir an dieser Stelle mal innehalten und zu einem kleinen Exkurs ansetzen: Was ist das überhaupt und wo kommt es her?
Bedeutet es etwa die Rückkehr zur simplen, sturen Manndeckung, die in Deutschland um die Jahrtausendwende sukzessive abgeschafft wurde, nachdem sie im europäischen Spitzenfußball schon zehn Jahre zuvor als veraltet galt? Wäre ja nicht das erste Mal, dass im Fußball alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird.
Wie so oft lautet die Antwort auch in diesem Fall: Ja und nein.
Eins nach dem anderen: Manndeckung, Raumdeckung, Positionsspiel
Wir erinnern uns: Am nachhaltigsten demonstrierte Anfang der 1990er Jahre Arrigo Sacchis AC Milan, wie überlegen das kompakte Verschieben in Richtung Ballnähe dem sturen Hinterlaufen hinter einer Nummer war. In Deutschland machten die Trainer Ralf Rangnick (SSV Ulm, später TSG Hoffenheim), Wolfgang Frank und Jürgen Klopp (beide Mainz 05) die Raumdeckung erst Jahre später nach und nach populär. Interessant übrigens, dass alle drei diese Entwicklung als Zweitliga-Coaches anstießen.
Als um 2010 herum dann so ziemlich jedes Team in Europa im Raum verteidigte, entwickelte ein gewisser Pep Guardiola eine neue Idee, um dem zu begegnen: Das Positionsspiel. Er teilte das Spielfeld gedanklich in fünf Längsbahnen auf, auf denen sich seine Spieler so zu positionieren hatten, dass es für den Ballführenden stets mehrere Anspielmöglichkeiten gab, vorzugsweise über Diagonalpässe direkt nach Ballgewinn. So stellten sie eine Breite her, mit der sich enge Räume gut überwinden ließ.
Im Ballbesitz legten sich Guardiola-Teams den Gegner mit einem schnellen Kurzpassspiel zurecht, das Mister Pep "El Toque" taufte, die Berührung. Ein paar Dumpfbacken verballhornten dies als "Tiki-Taka", und wie es halt so geht auf der Welt, setzte sich die eigentlich verunglimpfend gemeinte Bezeichnung durch.
Guardiola inspirierte mit seinen Ideen eine ganze Trainergeneration, Epigonen wie Roberto de Zerbi verfeinerten sie. In Kaiserslautern war Positionsspiel vergangene Saison unter Markus Anfang zu sehen.
Und jetzt heißt es wieder: Mann gegen Mann
Irgendwann aber musste jemand mit einer Idee kommen, die auch diesem Spiel wirkungsvoll zusetzte. Und diese lautete: Back to the Roots. Mann gegen Mann, am besten über den ganzen Platz. Wem der Lorbeer gebührt, die "Mannorientierung" wieder hoffähig gemacht zu haben, ist nicht ganz klar. So ganz weg war sie ja auch nie: Ab einem gewissen Abstand vorm eigenen Tor wurden Gegenspieler auch noch in Zeiten der Raumdeckung fest zugeordnet.
Auch beim frühen Anlaufen des Gegners darauf zu setzen, könnte Marcelo Bielsa als Erster wiederentdeckt haben, der in Europa zuletzt bei Leeds United aktiv war. Auffälliger in Erscheinung getreten ist Gian Piero Gasperini bei Atalanta Bergamo, als er mit konsequenter Mannorientierung im Finale der Europa League 2024 Xabi Alonsos Bayer Leverkusen entzauberte, das zuvor eine ganze Saison lang unbesiegbar geblieben war.
Laut Tobias Escher, dem Godfather aller deutschen Taktiknerds, praktiziert in der Bundesliga mittlerweile nur noch Rasenballsport Leipzig reine Raumdeckung. Ausschließlich mannorientiert trete aber auch niemand auf. Stattdessen wird auf eine Kombination von Mannorientierung und Raumdeckung gesetzt.
Gegenspieler übergeben? Gibt's noch, will aber gekonnt sein
Mann gegen Mann ist gegen den Ball angesagt. Gerade auch, wenn's ins Angriffspressing geht. In der Rückwärtsbewegung dagegen können Gegenspieler auch übergeben werden.
Dass es da beim FCK hapert, zeigte der erste Treffer der Magdeburger beim jüngsten 2:3. Plötzlich war keiner mehr bei Marcus Mathisen, der die Flanke schlug, die nach Julian Krahls Torwartabwehr bei Baris Atik landete, worauf der nur noch einzuschieben brauchte.
Die Bayern - ein Vorbild für den FCK? Ja und nein
Im Interview mit "n-tv" lobte Torsten Lieberknecht unlängst, wie stark Vincent Kompanys Bayern derzeit das mannorientierte Spiel zelebrieren. Dies habe er auch bei seiner Mannschaft zum Thema gemacht. Was allerdings nicht so verstanden werden sollte, dass Lauterns Trainer sein Team nach dem Vorbild der Münchner zu formen gedenkt.
Die Bayern setzen bei Ballbesitz nach wie vor auf dominantes Kurzpassspiel, wie Kompany es einst als Spieler unter Guardiola bei Manchester City lernte. Das liegt Lieberknechts Lautrern fern. Ihr Aufbauspiel ist schneller und vertikaler angelegt. Und lief bei den Heimsiegen dieser Hinrunde bisweilen gar nicht mal schlecht, zuletzt aber auch nicht mehr rund.
Lauterns Aufbauspiel läuft noch nicht rund
Aufgebaut wird über die Halbräume, wie auch auf den Passmaps in unseren Spiel-Analysen zu sehen ist, meistens jedenfalls. Der öffnende Pass in die Tiefe erfolgt vorzugsweise diagonal. Semih Sahin und Marlon Ritter unterstützen beim Aufbau den linken Außenbahnspieler, Luca Sirch und Naatan Skyttä den rechten.
Funktionsstörungen ergeben sich, wenn Ritter und Skyttä auf den Flügeln kleben bleiben und nicht rechtzeitig in die Mitte ziehen, wo sie ihre wahren Stärken ausspielen können. Oder eben nach krassen individuellen Fehlern, von denen nach wie vor einfach zu viele gemacht werden.
Stellvertretend ist da Maxwell Gyamfi zu nennen. Der ist laut Statistik der passsicherste Spieler der 2. Bundesliga (94,22% Passpräzision). Aber halt immer wieder für einen Bock gut, der dann auch prompt Punkte kostet. So geschehen etwa in Elversberg, in Berlin, in Paderborn, in Braunschweig, zuletzt gegen Magdeburg.
Auch der Torwart sollte heutzutage Aufbauspieler sein. Dafür ist Julian Krahl nicht gerade prädestiniert, aber da behaupten wir mal: Es ist bereits besser geworden. Und Krahl ist noch jung genug, sich weiter zu verbessern.
Laufintensität: Ist besser geworden, aber noch nicht gut genug
Der Blick auf die Bayern ist noch unter anderem Aspekt interessant. Laufarbeit. Ist beim mannorientierten Spiel das A und O. Die Kompany-Bayern rennen wie noch keine Münchner Mannschaft zuvor. Unter Guardiola haben sie ihre Gegner serienweise zerlegt und sind dabei oft insgesamt nur um die 105 Kilometer gelaufen. Jetzt rennen sie im Schnitt rund 120 Kilometer pro Spiel. Sind damit Spitze im Liga-Vergleich. Und in den Rankings "Intensive Läufe" und "Sprints" Dritter.
Lieberknechts Lautrer haben ihre Laufwerte gegenüber den Vorjahren fraglos verbessert. In den Vergleichsrankings finden sie sich seit dieser Saison in der oberen Tabellenhälfte wieder. Um "top" im mannorientierten Spiel zu werden, müssen sie in diesen aber ebenfalls "top" werden.
Daraus erklärt sich zum Teil auch die Stagnation in den finalen Hinrundenspielen. Vor allem die Akkus der "Wingbacks" Mika Haas und Paul Joly wurden gegen Ende schwächer, so dass sie nicht mehr auf das von ihnen geforderte Laufniveau kamen. Gleichwertige Alternativen hielt der Kader nicht bereit. Für Joly gibt's gar keine, solange Simon Asta ausfällt, und Florian Kleinhansl vermag Haas nicht eins zu eins zu ersetzen.
Positionswechsel? Auch da sind die Möglichkeiten begrenzt
Noch ein weiterer Blick auf die Bayern lohnt sich. Diesmal unter dem Gesichtspunkt Variabilität. Das Verfolgen von Gegenspielern über den ganzen Platz führt zwangsläufig dazu, dass Spieler in Positionen auftauchen, auf denen sie sich selbst wohl nie vermutet hätten. Linksaußen Luis Diaz gibt da plötzlich den Innenverteidiger, Mittelstürmer Harry Kane agiert vorübergehend als ballverteilender Zehner, ist dann aber doch wieder zur Stelle, um das Tor zu machen, der rechte Außenbahnspieler Konrad Laimer bejagt plötzlich in der vordersten Linie gegnerische Innenverteidiger. Und das alles klappt hervorragend.
Ob Lieberknechts Spieler zu solch munterem Wechselspiel fähig sind? Einige polyvalente Kicker weiß der Trainer durchaus in seinem Kader: Daniel Hanslik, Leon Robinson, Luca Sirch. Aber der große Rest?
Am Rande unseres DBB-Interviews wies uns Torsten Lieberknecht darauf hin, dass ein Hinrundengegner sich dieses Manko auch mal clever zunutze machte. Im Spiel gegen den SC Paderborn schob Coach Ralf Kettemann seine Innenverteidiger immer wieder weit nach vorne. Wie von ihm erhofft, machte sich FCK-Mittelstürmer Ivan Prtajin an deren Verfolgung - und verließ die Zone, wo er am gefährlichsten ist.
Ein Transferfenster wird kaum genügen, um alle Weichen zu stellen
Wir fassen also zusammen: Mannorientiertes Spiel, frühe Ballgewinne, kurze Wege zum Tor, vertikales Aufbauspiel über die Halbräume mit diagonalen Flankenwechseln - dass es in diese Richtung gehen soll, war in der Hinrunde durchaus zu sehen. Aber vieles ist noch verbesserungsbedürftig. Die Laufintensität ist zwar verbessert, muss für diese Spielweise aber noch weiter gesteigert werden. Im Aufbauspiel läuft einiges noch nicht rund. Und auch was gut lief, ließ zum Jahresende nach. Weil personelle Alternativen fehlten.
Von den individuellen Fehlern, die immer wieder zu Gegentoren führen, mal ganz zu schweigen. Bei Spielern wie Gyamfi darf man allerdings hoffen, dass sich deren Fehleranfälligkeit mit zunehmender Reife minimiert. Bei anderen Kickern im Kader dürften sich die Verantwortlichen mittlerweile im Klaren sein, dass diese den angedachten Weg nicht weiter mitgehen können. Ein Transferfenster wird aber kaum genügen, alle notwendigen Weichen zu stellen.
Dennoch gilt: Zuversichtlich bleiben
Nur mal zum Vergleich: Torsten Lieberknechts einstiger Weggefährte Jürgen Klopp benötigte vier bis fünf Transferperioden, um aus seinem Liverpooler Kader das Pressingmonster zu formen, das, so ähnlich jedenfalls, wohl auch dem FCK-Coach vorschwebt. Und den unterstützte die mutmaßlich beste Datenanalyse-Abteilung der Welt bei der Spielersuche.
In Kaiserslautern ist nicht nur das Budget geringer, sondern auch die Geduld mit Übungsleitern. Unter diesem Gesichtspunkt, aber nur unter diesem, sind die gegenwärtigen Zweifel an der Zukunftstauglichkeit des Lieberknecht-Projekts nachzuvollziehen.
Uns bleibt da nur, einmal mehr Werder-Trainer Horst Steffen zu zitieren: "Ein Pessimist wird immer irgendwann mal Recht behalten. Aber bis dahin hatte er nicht viel Freude."
In diesem Sinne: Alles Gute für 2026 - und viel Freude!
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