Interview mit FCK-Trainer Torsten Lieberknecht
"Wir haben eine absolute Gemeinsamkeit, selbst wenn es mal unterschiedliche Meinungen gibt"
Der Betze brennt: Torsten Lieberknecht, wie gut haben Sie in der Nacht nach dem Magdeburg-Spiel denn geschlafen?
Lieberknecht: Nach einem Spiel schlafe ich meistens nicht gut. Nach einer Niederlage natürlich noch schlechter. Nach dieser erst recht. Es ärgert mich wahnsinnig, dass wir die 30-Punkte-Marke nicht erreicht haben.
"Ich mache mein Spiel immer vom Personal abhängig, das ich zur Verfügung habe"
Der Betze brennt: Ein Spiel wie dieses gießt sicher Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sagen, dass die Art "Ballbesitzfußball", den Mannschaften wie Magdeburg bevorzugen, dem augenscheinlich einfacheren Fußball, den Sie spielen lassen, überlegen ist ...
Lieberknecht: Ach, es ist doch so: Jedes Spielsystem bietet seine Vorteile. Offenbart aber immer auch Schwächen, wenn es nicht gut umgesetzt wird. Wir bevorzugen das mannorientierte Spiel mit frühen Balleroberungen. Um damit erfolgreich zu sein, hätten wir gegen Magdeburg die Eins-zu-Eins-Situationen in den Zweikämpfen besser gestalten müssen, als wir es in den ersten 50 Minuten getan haben. Wir wollten auch versuchen, mehr fußballerische Elemente reinzubringen. Lange Bälle zu spielen und auf zweite Bälle zu gehen, sollte nur eine Option sein. Wir wollten durchs Zentrum kommen und auf die Außen spielen. Aber da waren einige von den Jungs nicht mutig genug, sich die Bälle abzuholen. Dass wir das besser können, haben wir diese Saison aber auch schon gezeigt.
Der Betze brennt: Stichwort: Mannorientiertes Spiel, Eins-zu-Eins-Duelle über den ganzen Platz. Davon hört, liest und sieht man auch im internationalen Fußball jetzt immer mehr. Die Bayern dominieren damit gerade die Bundesliga. Sind Sie also - im Gegensatz zu dem, was Ihre Kritiker immer mal annehmen - eben doch ein Trainer, der sich am State of the Art orientiert?
Lieberknecht: Meine Überlegungen sind da eigentlich ganz andere. Keine andere Mannschaft hat in der 2. Bundesliga in der vergangenen Saison beim Verteidigen um den Strafraum herum so viele Gegentore kassiert und Torchancen zugelassen wie der FCK. Darum wollen wir nun den Ball weit vom Tor weghalten. Hoch attackieren, früh pressen, auch, weil es eine absolute Stärke von uns ist, wie ich finde. Und ein Stil, der zum 1. FC Kaiserslautern passt. Wir müssen neben unseren eigenen Stärken aber auch immer auf den Gegner schauen. Und, welche Spieler wir gerade zur Verfügung haben. In bestimmten Situationen müssen wir unsere Taktik auch mal anpassen. Wie in Bielefeld, wo wir mal 90 Minuten tief verteidigt haben.
Der Betze brennt: Was ja wohl auch eine Reaktion auf die vorangegangenen Auswärtsspiele in Bielefeld und im DFB-Pokal gegen Hertha war, die mit 0:2 und 1:6 verloren gingen, oder?
Lieberknecht: Nicht unbedingt. Ausschlaggebend war, dass wir wie immer die Stärken und Schwächen des jeweiligen Gegners genau analysiert hatten. Wir wussten, dass Bielefeld schnelle Spieler hat, gegen die wir besser tief stehen. Natürlich hätten wir uns auch da die eine oder andere Kontersituation mehr gewünscht. Am Ende aber waren wir die erste Mannschaft seit fast einem Jahr, gegen die die Arminia in einem Pflichtspiel zuhause kein Tor geschossen hat. Insofern war ich mit dem Spiel gar nicht so unzufrieden. Manchmal gelingt es auch nicht, die Stärken des Gegners einzudämmen, obwohl du sie vorher gut analysiert hast. Auch, weil Spieler fehlen, andere vielleicht nicht ihre volle Leistung abrufen können und eigentlich eine Pause bräuchten, aber die Alternativen fehlen. So wie es gegen Hertha der Fall war. Und selbst da hatten wir die erste große Chance des Spiels. Nutzen wir die, wäre es vielleicht anders gelaufen.
Der Betze brennt: Haben Sie denn auf Ihren vorangegangenen Stationen in Braunschweig oder Darmstadt die gleiche Spielidee verfolgt wie jetzt in Kaiserslautern?
Lieberknecht: Nein, ich mache mein Spiel immer von dem Personal abhängig, das ich zur Verfügung habe. In Darmstadt hatte ich beispielsweise viele zentrale Mittelfeldspieler im Kader, wie Fabian Schnellhardt, Marvin Mehlem oder Tobias Kempe. Aber kaum Flügelspieler. Deshalb habe ich mein System entsprechend angepasst. In Kaiserslautern fand ich, dass die Spieler in einer Viererkette Probleme haben und habe eine Systematik gefunden, in der sie sich wohlfühlen. Auch wenn wir trotzdem noch das eine oder andere Gegentor zu viel bekommen haben. Was aber auch daran liegt, dass wir sehr offensiv denken. Generell möchte ich gemeinsam mit der Mannschaft und dem Verein immer den größtmöglichen Erfolg erzielen. Das ist mir mit meiner Philosophie in Braunschweig und Darmstadt bereits gelungen, indem wir uns für unsere Arbeit mit dem Bundesliga-Aufstieg belohnen konnten.
Der Betze brennt: Während die Zahl der geschossenen Tore mit 29 praktisch gleich zur vergangenen Saison geblieben ist - trotz des Abgangs von Ragnar Ache -, konnten die Gegentreffer reduziert werden. Nach den 64 und 55 Gegentoren der vergangenen beiden Saisons hatte FCK-Boss Thomas Hengen erklärt, das Ziel für diese Spielzeit müsse sein, unter 40 zu bleiben. Nach der Hinrunde steht Ihr bei 21, nachdem zum Abschluss gegen Magdeburg leider noch drei gefangen wurden. Unter 40 zu bleiben, ist aber nach wie vor realistisch. Zufrieden?
Lieberknecht: Ich bin zumindest nicht unzufrieden. Wir haben dreimal zu null gespielt, ein paar Dinge verbessert - aber komplett zufrieden bin ich auch nicht. Da geht noch mehr. Beziehungsweise weniger.
"Wenn die Verletzten fit werden, haben wir auch auf der Bank ganz andere Möglichkeiten"
Der Betze brennt: Stichwort Systematik ans vorhandene Personal anpassen. Es hat ein wenig gedauert, bis Marlon Ritter und Naatan Skyttä regelmäßig gemeinsam in der Startelf standen. Dass da in Normalform beide hineingehören, steht wohl außer Frage. Brauchten die eine Weile, um zusammenzufinden?
Lieberknecht: Zu Saisonbeginn haben wir mit einem Zehner und zwei Stürmern gespielt. Daraus ergab sich eine Konkurrenzsituation zwischen Marlon Ritter und Naatan Skyttä. Nach einigen Siegen kristallisierte sich vorübergehend eine Mannschaft ohne Marlon heraus. Ich habe ihn aber immer von der Bank gebracht und weiter gefördert. Nach dem Ausfall von Ivan Prtajin mussten wir eine neue Mischung aus bulligen und quirligen Spielern suchen. So kam es zur Formation mit Marlon, Naatan und Daniel Hanslik, die sich das Feld individuell aufteilen. Wichtig ist auch, wie sie gegen den Ball arbeiten und ihren freien Geist einbringen. Das haben sie auch gut gemacht. Und Marlon hat gerade zuletzt seine Wertigkeit unter Beweis gestellt.
Der Betze brennt: Zuletzt hieß es auch öfter, der FCK habe nicht genug Qualität auf der Bank, um oben angreifen zu können. Wie stehen Sie zu diesem Vorhalt?
Lieberknecht: So pauschal kann ich das nicht unterschreiben. Ich bin kein Trainer, der jammert, aber da muss ich jetzt doch mal auf unsere Verletztenliste verweisen. Wenn Ivan Prtajin, Jisoo Kim, Mahir Emreli, Kenny Redondo und Simon Asta fit sind, haben wir auch auf der Bank ganz andere Möglichkeiten. Solche Vorhalte kommen meistens auch nur nach Niederlagen. Nach den Heimsiegen gegen Münster, Kiel und Dresden hat das niemand gesagt. Richtig ist, dass uns auf den Außenbahnen derzeit die Alternativen fehlen, etwa für Paul Joly. Zumal gerade die sogenannten "Wingbacks" in unserem Spiel besonders gefordert sind.
Der Betze brennt: Quantitativ betrachtet ist der Kader ja eher überbesetzt. Hinzu kommt, dass Sie weiterhin mehr Nachwuchsspielern zu Einsatzzeiten verhelfen wollen. Und Verstärkungen soll's in der Winterpause ebenfalls geben. Da stellt sich die Frage: Wieviele Spieler müssten eigentlich abgegeben werden, damit ausreichend Plätze frei werden, um diese Pläne zu verwirklichen?
Lieberknecht: Das habe ich ja auch anderswo schon gesagt: Wegjagen werden wir keinen. Das ist auch eine Frage des Stils. Jeder muss selbst überlegen, wie er mit seinen Einsatzzeiten zufrieden ist und für sich entscheiden, ob er durch einen Wechsel etwas daran ändern will. Ich schätze mal, dass das bei vier oder fünf unserer Spieler der Fall sein könnte. Namen nenne ich aber keine.
Der Betze brennt: Neben möglichen Abgängen werden auch die Augen nach punktuellen Verstärkungen offen gehalten. Wie wichtig ist es denn, dass diese möglichst schon ab dem Trainingsstart Anfang Januar dabei sind und nicht erst zum Ende der Transferperiode kommen, wo dann auch schon wieder drei Spiele vorbei wären?
Lieberknecht: Ich wünsche mir natürlich, dass mögliche neue Spieler - wenn wir ein paar gute Optionen finden sollten -, schon möglichst früh dazukommen. Wenn ein Spieler bis zum Schluss mit seiner Unterschrift warten würde, wäre er glaube ich auch nicht der richtige für uns.
Der Betze brennt: Stichwort Nachwuchs. Mit Dion Hofmeister hat der FCK einen erst 16-Jährigen schon jetzt längerfristig an sich gebunden. Wird es solche Vereinbarungen künftig öfter geben?
Lieberknecht: Bei einem Jugendspieler, von dem ich mir vorstellen kann, dass er die Qualität zum Profifußballer mitbringt und der auch Vertrauen in uns hat, dass wir ihn dauerhaft fördern können, sind langfristige Bindungen in jedem Fall sinnvoll. Ich kann diese aber nur empfehlen. Bei der Frage, wie diese Verträge ausgestaltet werden, kommen andere Parteien ins Spiel. Ich bin nur der, der den Jungs die Möglichkeit geben kann, im Profiteam zu spielen, wenn ich sie für soweit halte.
Zusammenarbeit mit den Bossen und Investoren? Lieberknecht: "Das passt absolut"
Der Betze brennt: Wie läuft es denn mit diesen besagten anderen Parteien: Geschäftsführer Thomas Hengen, Sportdirektor Marcel Klos, auch die Investoren von der Saar-Pfalz-Invest und der Beirat reden gerne mal mit - nach nicht gewonnenen Spielen wie zuletzt bestimmt erst recht. Ist innerhalb der, nennen wir es mal Führungsetage, noch alles paletti?
Lieberknecht: Ja. Das passt absolut. Ich versuche immer, alles zu berücksichtigen und jeden zu involvieren. Wir haben eine absolute Gemeinsamkeit - das kann ich nur betonen -, selbst wenn es mal unterschiedliche Meinungen gibt, was nach den Spielen gegen Bielefeld und Magdeburg aber auch nicht der Fall war.
Der Betze brennt: Die Abschlussfrage wäre nun eigentlich, wo landet der FCK zum Saisonende. Bleiben wir aber in dem von Ihnen gewählten Sprachbild vom Radar, unter dem Sie fliegen wollen. Wann möchten Sie mit dem FCK denn auf dem Radar erscheinen?
Lieberknecht: Wir haben vor der Saison gesagt, wir wollen besser sein als vergangene Saison. Aber ich habe immer das Bestreben, das Optimum direkt zu schaffen und es ist mir auch schon öfter gelungen. Und mit dem FCK aufzusteigen, ist nunmal mein Lebenstraum. Ob wir es dieses Jahr schon schaffen, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass es generell machbar ist. Deswegen hoffe ich, dass wir irgendwann auf dem Radar auftauchen und alle anderen erschrecken.
Der Betze brennt: Ihnen wär's doch bestimmt ganz recht, wenn dieser Fall erst am 34. Spieltag eintritt …
Lieberknecht: Gar nicht mal. Es darf gerne auch ein wenig früher sein. Wäre besser für meine Nerven (lacht).
Der Betze brennt: Dann wünschen wir Ihnen, dass Sie Ihre Nerven wenigstens über die Feiertage ein wenig schonen können, damit sie in der Rückrunde wieder stark genug sind. Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
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