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Über'n Tellerrand: Datenanalyse im Fußball (Teil 1/2)

Datenanalyse: Wo die Zahlen-Teufel triumphieren

09.09.2025, 14:00 Uhr - Autor: Eric Scherer

Wie haben Datenanalysten die Erfolgsgeschichte des FC Liverpool mitgestaltet? Das schildert deren Ex-Chef jetzt in einem Buch. Lassen sich daraus Erkenntnisse für bescheidener aufgestellte Klubs wie den 1. FC Kaiserslautern gewinnen? Wir haben mal reingeschaut.

Titelfoto

Foto: Imago Images

Ian Graham hat in Cambridge studiert. Als Doktor der Physik abgeschlossen, sich seinen Namen aber im Fußball gemacht. Als Leiter der ersten Datenanalyse-Abteilung in der Premier League begleitete er von 2012 bis 2023 den Weg des FC Liverpool zurück an die Spitze des englischen und internationalen Fußballs. Vergangenes Jahr veröffentlichte der heute 46-Jährige ein Buch über diese Zeit. Jetzt ist es auf Deutsch erschienen: "Wie man die Premier League gewinnt."

Echt jetzt? Kann das interessant sein für ein Online-Magazin, das sich um den 1. FC Kaiserslautern dreht? Wir meinen schon. Und die Länderspielpause bietet doch eine gute Gelegenheit, mal wieder über den Tellerrand zu schauen. Also widmen wir uns mal den Roten von der Insel. Und betrachten in Teil 1, was genau sich da eigentlich vollzogen hat.

Anfield Road und Betzenberg: Gar nicht so weit auseinander



Natürlich wird an der Anfield Road in anderen wirtschaftlichen Dimensionen gedacht als am Betzenberg. In die richtige Relation gesetzt aber waren die Ambitionen beider Klubs vergleichbar, als Graham 2012 in der Mersey-Metropole seine Arbeit aufnahm. Der letzte Titelgewinn der Reds lag 22 Jahre zurück. Aktuell hatten sie die Liga auf Platz 8 abgeschlossen. Seit den 1990er Jahren machten Manchester United sowie die Hauptstadtklubs Arsenal und Chelsea die englische Meisterschaft unter sich aus. Dem damals neuesten Scheichklub Manchester City war es gerade zum ersten Mal wieder gelungen, zu diesen Dreien aufzuschließen und sich den Titel zu sichern.
Diese Konkurrenz schien den Reds gerade auch wirtschaftlich weit enteilt. Der Traum, wieder ganz nach oben kommen, lebte in ihnen jedoch genauso intensiv fort wie der aller Lautrer, nach Platz 7 im Bundesliga-Jahr 2011 wieder den Anschluss herzustellen.

Acht Jahre später hatte Liverpool es geschafft. Der LFC war erstmals nach nunmehr 30 Jahren wieder Englischer Meister. Den Uefa-Supercup setzte das Team danach noch obendrauf. Und die Fifa-Klubweltmeisterschaft. Der FCK dagegen war mittlerweile in die 3. Liga abgestiegen.

Und? Erklärt uns Herr Graham nun in seinem Buch, wie das alles hätte anders laufen können, hätte man mehr auf Daten-Nerds vertraut? So einfach wollen wir uns das nicht machen. Das Buch zeigt vielmehr, wie eng sich objektive und subjektive Expertisen miteinander verzahnen müssen, um einen Klub Schritt für Schritt nach vorne zu entwickeln. Daten-Analysen können da lediglich eine Basis bilden. Aber eine verdammt gute, wenn sie tief genug geschürft werden.

Weitere Erfolgsfaktoren: Michael Edwards - und Jürgen Klopp

Ohne Sportdirektor Michael Edwards etwa wäre der Erfolg jedoch ebenso wenig möglich gewesen. Der las Scouting-Berichte erst, nachdem er sich bereits persönlich einen Eindruck von einem Spieler verschafft hatte. Dazu studierte er bis zu 40 komplette Spielvideos von einem Kandidaten, bis er ihn live beobachtete. Und dann musste erstmal ein Cheftrainer - in England: Manager - kommen, der sich ebenfalls nicht darum scherte, was andere von Kickern hielten, von er selbst überzeugt war: Jürgen Klopp.

Eine Eigenschaft, die "Kloppo" übrigens schon kultivierte, als er noch Borussia Dortmund coachte. Erinnert sei nur an Oliver Kirch, den der amtierende Meister 2012 vom Absteiger 1. FC Kaiserslautern verpflichtete, wo er nur noch auf der Bank gesessen hatte. Beim BVB kam der immerhin schon 30-jährige Kirch in den anschließenden drei Jahren noch auf 30 Einsätze in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League.

Bei Liverpool war der Support, den Grahams "Research"-Abteilung leisten sollte, unter dessen Vorgänger Brendan Rogers noch kaum als solcher empfunden worden - auch oder vermutlich gerade, weil die Reds 2013/14 einen beachtlichen zweiten Platz schafften. Rogers ließ sich von den Analyse-Nerds nicht mal beeindruckten, als die ihm darlegten, dass sein eigener Wunschspieler Christian Benteke gar nicht zu seiner Spielidee passte. Benteke wurde 2015 für 46,5 Millionen Euro gekauft und nach einem erfolglosen Jahr 2016 wieder verkauft - mit 15 Millionen Euro Verlust.

Zeitweise stand sogar die Auflösung der Analyse-Abteilung im Raum. Sie blieb bestehen, weil die amerikanischen Investoren der Fenway Sports Group, die den Klub 2010 übernommen hatten, auch nach ersten Rückschlägen noch an ihren Erfolgt glaubten.

Mit Klopp war das noch fehlende Zahnrad gefunden. Auch er wurde übrigens erst nach intensiver Datenrecherche des Graham-Teams verpflichtet, die bis zu dessen Mainzer Anfängen zurückreichte. Und belegte, dass Klopp-Teams fast immer besser performten, als ihre Leistungsdaten es erwarten ließen.

Intensive Datenrecherchen bereiten Transfercoups vor

Klopp beurteilte Transferkandidaten natürlich auch weiterhin nach seinem Kopf, machte sich aber von vorneherein eine Rückversicherung durch Edwards und Daten-Nerds zur Auflage. 2016 verpflichteten die Reds ablösefrei den Schalker Joel Matip, dem niemand sonst die Premier League zutraute. Klopp und Graham konnten aber auf Daten zurückgreifen, die Matip selbst im Vergleich mit der hochbezahlten englischen Konkurrenz als "überdurchschnittlich" bewerteten. Aus Southampton kam Sadio Mané, der als schwieriger Charakter verpönt war. Sportdirektor Edwards aber hatte ihn nicht als solchen kennengelernt. Manés anschließende sechs Jahre im Trikot der Reds bestätigten seine Einschätzung.

Linksverteidiger Andy Robertson haftete der Makel an, bei Absteiger Hull City 2017 Teil einer der schwächsten Defensiven der Liga gewesen zu sein. Liverpool sicherte sich seine Dienste dennoch, weil Klopp auf seine Stärken in der Offensive vertraute. Seine Schwächen zu kaschieren, sollte Aufgabe seiner Mitspieler sein. Mit dieser Denke hatte Klopp in Dortmund bereits Erik Durm zum Nationalspieler gepusht. Der gebürtige Pirmasenser erntete auf keiner anderen seiner Stationen mehr so gute Kritiken wie in Schwarzgelb, auch nicht auf seiner letzten in Kaiserslautern.

Und last but not least kam Mo Salah. Den holten die Reds 2017 aus Rom nach England zurück. 2014/15 war der Ägypter schon mal beim FC Chelsea gescheitert und selbst für Klopp gar nicht mal ein Wunschkandidat. Doch die von der Research-Abteilung vorgelegten Leistungsdaten versprachen, dass bei Salah viel, viel mehr drin war, also ließen die menschlichen Betrachter sich überzeugen.

Zu alledem entwickelte Klopp konsequent seinen von Pressing und Gegenpressing geprägten Offensivstil weiter, für den die genannten Spieler allesamt prädestiniert waren - was die Daten-Analysten ebenfalls bereits belegt hatten.

Und wenn's teuer wird, gab's eben nichts Günstigeres

So stand 2019/20 schließlich ein Meisterteam auf dem Platz, dessen Lohn- und Anschaffungskosten deutlich unter dem lagen, was der Abu-Dhabi-Klub Manchester City investiert hatte. Auch wenn Liverpool 2017 mit Virgil van Dijk und 2018 mit Allison Becker zwei Spieler verpflichtet hatte, die vorübergehend die Rankings der teuersten Innenverteidiger und Torhüter der Geschichte anführten. Doch auch diese Summen riskierten die Reds nur, weil Graham und sein Teams ausgerechnet hatten, dass sich auf dem Markt nichts Günstigeres anbot, das die wachsenden Ansprüche des FCL erfüllte.

Und wer jetzt einwirft, spätestens nach diesem Transfersommer könnte man dessen Finanzgebaren doch kaum noch als vernünftig darstellen, dem sei gesagt: Erstens behandelt Grahams Buch nur die Zeitspanne bis zu seinem Ausscheiden 2023. Zweitens stehen aktuell Transferausgaben von astronomischen 480 Millionen immerhin Einnahmen von 220 Millionen Euro gegenüber. Und allein der aktuelle Titelgewinn, so stand unlängst im "Kicker" zu lesen, hat den Reds 200 Millionen in die Kassen gespült. Drittens wurden die hohe Summen in junge Spieler investiert, deren Wiederverkaufswert noch ein paar Jahre mindestens stabil bleibt. Will sagen: 125 Millionen Euro für Florian Wirtz und 95 Millionen Euro für Hugo Ekitiké zu investieren, ist wirtschaftlich sinnvoller als 70 Millionen für einen Luis Díaz auszugeben, da sie fünf und sechs Jahre jünger sind als der Neu-Bayer.

Auch auf dem Weg nach oben hatte Liverpool immer mal Spieler abgegeben, etwa den Zehner Philippe Coutinho. Doch der spülte fette 135 Millionen Euro vom FC Barcelona in die Kassen. Eigentlich viel zu viel Geld für einen, mit dem Graham gar nicht mal so zufrieden war. Er hatte selbst zu diesem exzellenten Weitschussspezialisten Zahlen parat, die belegten, dass bei Coutinhos Abschlüssen von außerhalb des Strafraums viel zu viele scheiterten, ehe mal einer im Netz einschlug. Unterm Strich wäre es erfolgreicher gewesen, er hätte öfter mal in eine Spielfeldzone gepasst, in der sich die Wahrscheinlichkeit, ein Tor erzielen, signifikant erhöht hätte. Denn auch dazu stellte die Research-Abteilung Berechnungen an.

Alles lässt sich bewerten. Selbst Kunstrasen

Wie eigentlich zu allem, was zum Fußball gehört, ob auf oder außerhalb des Rasens. Da wird beispielsweise anhand einer Fülle von Vergleichsdaten wird geprüft, welches Gehaltsangebot für einen Spieler angemessen ist, welche Ablöse sowieso. Insbesondere, ob er gegebenenfalls für weniger zu bekommen ist, als es seinen Leistungsdaten entspricht. Sie untersucht, ob der sogenannte Heimvorteil noch existiert, und wie er sich unter Corona veränderte, als vor leeren Rängen gespielt wurde. Die Ergebnisse werden mit anderen Ligen verglichen und festgestellt: Ja, in England zählt der Heimvorteil immer noch mehr als in der Bundesliga. Oder sie checkt, wie sich Schiedsrichter-Lleistungen auf ein Ergebnis auswirken können. Oder, ob Mannschaften, die zuhause auf Kunstrasen antreten, einen Vorteil gegenüber Gästen genießen, die diesen nicht gewohnt sind. Und, und, und.

Das Maß aller Dinge sind jedoch Spielerbewertungen. Und dazu tauchen die Liverpooler Nerds in statistische Tiefen ab, in die ihnen bislang noch keiner gefolgt ist. Dazu nur ein Beispiel: Lediglich die Passquote eines Kickers zu bestimmen, ist Graham und Co. viel zu wenig aussagekräftig. Sie errechnen, wie oben schon angedeutet, einen "Expected Possession Value", einen erwarteten Ballbesitzwert. Aus dem lässt sich schließen, welche und wie viele der Abspiele eines Kickers in welchem Maß die Wahrscheinlichkeit auf einen Treffer erhöhen. So lassen sich die wirklich effektiven Passspieler identifizieren. Und die ausmerzen, die ihre Passquote mit wirkungslosen Sicherheitspässen in die Höhe treiben.

"Nie zuvor wurde die Datenrevolution besser beschrieben"

Dann gibt es da noch die "Pre-Strike-"und "Post-Strike-Expected Goals". Die Dixon-Coles-Methode, das Bayes-Theorem und die Markow-Kettenanalyse. Wobei das Ridgewell-Problem nicht außer acht gelassen werden darf. Und sich mal mit Will Spearmans "Physikbasierter Modellierung von Passwahrscheinlichkeiten im Fußball" zu befassen, hat ebenfalls noch nie geschadet ...

Zugegeben, als Laie Grahams Ausführungen zu folgen, ist bisweilen schwindelerregend. Dennoch sagt der deutsche Fußballautor Christoph Biermann, der selbst zwei Bücher zum Thema verfasst hat, über dieses Werk: "Nie zuvor wurde die Datenrevolution im Fußball so gut von innen heraus beschrieben."

Graham streicht aber nicht nur die Erfolge Liverpools heraus. Auch andere englische Klubs sind in den vergangenen Jahren mit datenbasierter Personalentwicklung enorm nach vorne marschiert.

Dazu morgen mehr im zweiten Teil unserer Betrachtung. Wo wir auch der Frage nachgehen, welche Lehren ein in der Pfalz ansässiger Zweitligist aus solchen Erfolgsgeschichten ziehen kann.

"Wie man die Premier League gewinnt" von Ian Graham ist im Verlag Die Werkstatt erschienen, hat 352 Seiten und kostet 29,90 Euro - unter anderem bei Amazon oder natürlich überall im gut sortierten Buchhandel.

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Weitere Links zum Thema:

- Datenanalyse, Teil 2/2: Was Daten-Nerds in der Pfalz bewegen könnten