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Über'n Tellerrand: Datenanalyse im Fußball (Teil 2/2)

Was Daten-Nerds in der Pfalz bewegen könnten

10.09.2025, 13:45 Uhr - Autor: Eric Scherer

Neben dem FC Liverpool haben zwei weitere englische Klubs Erfolgsgeschichten auf Datenbasis geschrieben. Die könnten auch einen 1. FC Kaiserslautern inspirieren, meint DBB-Autor Eric Scherer im zweiten Teil seiner Betrachtung.

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Foto: Imago Images

Die Rede ist vom FC Brentford und Brighton & Hove Albion. Die Eigentümer dieser beiden Klubs, Matthew Benham und Tony Bloom, hatten schon vor ihrem Einstieg Millionen im Geschäft mit Sportwetten gemacht. Bloom kaufte sich bei Brighton & Hove Albion 2009 ein, Benham bei Brentford 2012. Beide Klubs kickten zum Zeitpunkt dieser Übernahmen in der League One, Englands dritter Liga. Brighton & Hove Albion stieg 2017 in die Premier League auf, Brentford 2021. Beide haben sich nunmehr in Englands höchster Spielklasse etabliert.

Und beide schafften das keineswegs, indem sie auf Rote-Bullen-Art einfach mehr investierten als die Konkurrenz. Sondern mit der konsequenten Anwendung von "Moneyball"-Prinzipien, nach denen sie die Software-Programme entwickelt waren, die sie reich gemacht hatten. Die Algorithmen aus dem Wettgeschäft setzten sie nun im Management ihrer Klubs ein. In dieses übersetzt, hieß das oberste Gebot von nun an: Spieler verkaufen, wenn für sie eine Ablöse geboten wurde, die höher war als die, von der angesichts ihrer Leistungsdaten auszugehen war. Und Spieler kaufen, die am Markt unter dem Wert gehandelt wurden, den die Analysten ausgerechnet hatte.

Blooms und Benhams Credo: Risiko bringt mehr als Zurückhaltung



Wie in Liverpool verzichteten aber auch diese beiden nicht auf gewissenhaftes konventionelles Scouting. Und wie die Reds mit Jürgen Klopp intensiver Pressing-/Gegenpressing-Philosophie definierten sie für ihre Teams fußballerische Ansprüche, die sie dauerhaft auf dem Platz umgesetzt sehen wollten. Getragen von der Überzeugung, dass Risiko unterm Strich mehr Ertrag bringt als Zurückhaltung.

Benham wechselte dabei sogar vergleichsweise oft die Manager - eigentlich ein Ausschlusskriterium für kontinuierliche Weiterentwicklung. Aber er verlangt von all seinen Coaches stets das Gleiche: totale Offensive, auch in Spielzeiten, in denen Brentford als Liga-Neuling unterwegs war. Selbst bei einer 1:0-Führung sollte das Team attackieren.

Blooms Führungsstil bei Brighton & Hove Albion mutet dagegen weniger forsch an. Dafür holt er immer wieder interessante Trainertypen mit Innovationsgeist zu seinem Klub. Nach dem wandelnden Guardiola-Update Roberto de Zerbi sitzt bei ihm jetzt St. Paulis Überflieger Jens Hürzeler auf der Bank.

Das Gehaltsbudget beider Klubs bewegte sich in den Erfolgsjahren stets in der unteren Hälfte der Ligen, in denen sie gerade spielten. An Transfersummen gaben sie in der Regel nicht einmal das aus, was sie einnahmen, sondern achteten auf ausgeglichene Haushaltsbilanzen.

Und wie ist die Datenrevolution in Deutschland angekommen?

Graham: Deutschland hinkt noch hinterher

Natürlich nutzt mittlerweile jeder halbwegs professionell geführte Klub Datenbanken und deren Suchmaschinen, wenn es darum geht, auf dem Spielermarkt Kandidaten auszufiltern, die für eine Position, auf der Bedarf besteht, in Frage kommen. In die Tiefe, in der die genannten englischen Klubs abgetaucht sind, ist jedoch noch keiner vorgedrungen. Zumindest ist das Ian Grahams Eindruck.

"In jeder großen Liga gibt es einen Vorreiter in Sachen Daten", erklärte der langjährige Leiter der Liverpooler "Reseach"-Abteilung vergangenes Jahr in einem "Kicker"-Interview. "In Frankreich der FC Toulouse, in Italien der AC Mailand, in England Liverpool, Brighton, Brentford. In der Bundesliga gibt es da kein Vorbild. RB Leipzig wird oft genannt, aber ehrlich gesagt: Sie haben ihren ersten Datenexperten so um 2019 oder 2020 angestellt, und da ging es eher um Unterstützung fürs Scouting, nicht für die Entscheidungsfindung." In dieser Beziehung hinke nur Spanien den Deutschen hinterher.

Da steht also ein Feld offen, auf dem sich ein neuen Ideen aufgeschlossener Klub Vorteile verschaffen könnte. Gerade, wenn er sich in einem Wettbewerb behaupten will, in dem ein großer Teil der Konkurrenz von Konzernmillionen gepimpt wird, die ihm selbst aufgrund struktureller Nachteile dauerhaft verschlossen bleiben. Wie es beim 1. FC Kaiserslautern der Fall wäre, so ihm denn der Sprung zurück in die Bundesliga glückte.

Liverpool - ein Vorbild? Auf jeden Fall ein lehrreiches Beispiel

Ob er aktuell die Ressourcen hätte, sich so aufzustellen, dass er auf diesem Sektor deutschlandweit vorangehen kann? Das können wir nicht wirklich beurteilen. Ebensowenig, ob er Koryphäen für sich gewinnen könnte, die so sehr gleichermaßen Fußball- wie Statistik-Freaks sind, dass die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn verwischen, wie es bei Graham und seinen Gefährten der Fall zu sein scheint.

Dennoch kann Liverpool als lehrreiches Beispiel dienen. Weil es zeigt, wie langanhaltender Erfolg entsteht, wenn die gesamte sportliche Leitung eines Klubs über Jahre hinweg eine gemeinsame Idee verfolgt, wie der Fußball seines Teams auszusehen hat - und dementsprechend einheitlich an der Auswahl seiner Spieler feilt. Dabei entwickelt jeder eigene Vorstellungen, die auch kontrovers diskutiert werden. Am Ende aber müssen alle von einem Transfer überzeugt sein. Tief geschürfte Leistungsdaten sorgen dabei für die Grundierung. Es gilt der Grundsatz: Wenn die Zahlen dagegen sprechen, wird ein Spieler nicht verpflichtet - egal, wie viele der menschlichen Entscheider dafür sind.

Auf dem Papier ging's aufwärts - aber Kontinuität?

Und wie sieht das beim FCK aus? Von der Zeit vor der "Stunde null" im Jahr 2019/20 wollen wir gar nicht mehr reden. Wie viele Spieler lotsten Martin Bader, Boris Notzon und Co. in vier Jahren 3. Liga an den Betzenberg, die den Verein wieder nach oben führen sollten, aber auch nach ihrer Zeit in der Pfalz lediglich Dritt- und oder gar Viertklassigkeit nachwiesen? Die Aufzählung würde ausufern.

Unter Geschäftsführer Thomas Hengen, so sieht's jedenfalls auf dem Papier aus, ging es nun in viereinhalb Jahren immer ein Stück voran, lediglich das zweite Aufstiegsjahr 2023/24 war mit Fast-Abstieg und Pokal-Finale ein Zwiespalt zwischen Fortschritt und Rückschritt. Eine wirkliche Kontinuität in Sachen Kaderentwicklung ist hingegen nicht zu erkennen. Immer wieder kamen mit neuen Köpfen neue Ideen. Beispiele gefällig?

Unter Dirk Schuster war Mike Wunderlich und Felix Götze nicht mehr gefragt, die unter Marco Antwerpen noch Leistungsträger waren. Bei Dimitrios Grammozis blieben Daniel Hanslik, Kenny Redondo und Tobias Raschl außen vor und wurden von Friedhelm Funkel wiederbelebt, ebenso Ben Zolinski. Dafür hatte Funkel für Richmond Tachie keine Verwendung mehr, der nun bei Torsten Lieberknecht wieder voll dazugehört. Dagegen wurde Jan Gyamerah nach nur einem Jahr wieder abgegeben. Er passte in Markus Anfangs Vorstellungen von Verteidigerspiel, aber nicht in die Lieberknechts.

Auf dem Papier ging's aufwärts - aber Kontinuität?

Ohne Frage wurden einige Spieler geholt, deren Wert Scouts und Teamleitung in Lautern besser einschätzten als andere Klubs, die vielleicht mehr Geld hätten bieten können: Boris Tomiak, Ragnar Ache, Luca Sirch, Daisuke Yokota, Filip Kaloc. Denen gegenüber stehen aber mindestens ebenso viele Verpflichtungen, die dann noch nicht passten: Philipp Klement, Nikola Soldo, Jannik Mause, Chance Simakala, Filip Stojilkovic, Grant Ranos.

Die Personalpolitik eines Klubs wird in der Regel einer Person zugeschrieben, Sportdirektor, Sport-Vorstand, Geschäftsführer Sport oder wie immer diese genannt wird. Im Alltag dürfte das jedoch anders aussehen, gerade beim FCK, wo der Geschäftsführer auch lizenzierter Fußballlehrer ist. Der wird sich ebenso in die Kadergestaltung einbringen wie es Sportdirektor und Cheftrainer von Amts wegen tun. Und eigentlich sollte auch ein Chefscout immer mal einen Kandidaten präsentieren können.

Vorbilder nicht nur nennen - ihnen folgen ist die Kunst

Was sich ja durchaus zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen könnte. Sofern alle die gleiche Idee verfolgten, wie Betze-Fußball aussehen soll. Aber tun sie das? Zurzeit jedenfalls sieht's - noch - nicht so aus. Erinnert sei nur an den Ausspruch Semih Sahins nach dem Elversberg-Spiel, dass man zwar die Spieler dafür hätte, "hinten raus zu spielen", es aber nicht auf den Platz bekäme.

Ironischerweise nennen viele Verantwortliche, Beobachter und Fans des FCK immer wieder den SC Freiburg oder 1. FC Heidenheim als Vorbilder - für die "Kontinuität", die man sich auch im eigenen Verein wünscht. Dabei zeigen gerade diese Beispiele, dass ein Christian Streich oder ein Frank Schmidt zwar über Jahre prägende Gesichter ihrer Klubs waren oder noch sind, sie sich aber auch auf gewachsene Strukturen stützen durften, in denen mehrere Personen fest an einem Strang ziehen und auch die Fans und die Geldgeber fest dahinter stehen - und eben nicht drei Niederlagen in Folge der Kopf des Trainers gefordert wird.

Auf objektive Daten zu vertrauen, die vielleicht etwas tiefer geschürft werden, als es die Konkurrenz derzeit noch tut, kann dafür eine Grundlage bilden. Aber eben auch nur eine Grundlage.

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Weitere Links zum Thema:

- Datenanalyse, Teil 1/2: Wo die Zahlen-Teufel triumphieren