Habe für heute Abend schon lange Konzertkarten gehabt - war ja klar, dass es genau dann ein kleines "Torfest" werden würde
Zum Glück kann man in Berlin ja auch mal durch den Abend kommen, ohne mitzukriegen wie der Betze gespielt hat. Gerade gebannt die Schrott1-Aufzeichnung geschaut - sauber.
Das grobe Muster kennen wir jetzt ja zu genüge (hinten immer mal wieder n Bock, dafür spielt vorne die Musik). Trotzdem war's heute was Besonderes. Nicht nur, weil heute selbst die "zweite junge Garde" mit Zellner und Linsmayer eine Leistung gebracht hat, mit der man sich nahtlos in ein Spitzenteam der 2. Liga einfügt. Nicht nur, weil Zuck und Heintz langsam inmitten all der bemerkenswerten einzelnen Aha-Momente auch noch ein zartes Pflänzchen Konstanz groß ziehen - und dazu in der Leistungsspitze richtig frech werden (Heintz Soli, oder mit welcher Mischung aus Energie und Eleganz Zuck beim Ersten den Außenrist reinstellt

).
Nein, vor allem weil Franco Foda uns eine Idee von Offensive gegeben hat. Ich weiß nicht, wie viele Steine mir vom Herzen purzeln seitdem bei uns ein Plan das Prinzip Hoffnung in der gegnerischen Hälfte abgelöst hat. Unglaublich, wie dieser Plan von Mal zu Mal besser umgesetzt wird. Unglaublich schön, wie diese Spielidee heute in zwei, drei Phasen zwischenzeitlich erblüht ist. Nach dem 1:0 spielten wir minutenlang in einer eigenen Dimension. Wenn der Schiri da nicht zwischendurch mal unkonsequenterweise auf Deeskalation umgestellt hätte, hätte er in der Phase n Extra-Heftchen gebraucht um bei den gelben Karten für Aue die Übersicht zu behalten. Schnell und mit wenigen Kontakten nach vorne, so flach und direkt durch die Mitte wie's nur irgend geht.
Wir spielen schnell.
Wir spielen hart.
Wir spielen ohne Umwege.
Unser Umschaltspiel ist das Beste der Liga. Mit Abstand. Das liegt nicht an einem Spieler (selbst Linsmayer hat heute das Spiel zwei, drei mal mutig und klasse schnell gemacht). Und doch gibt es einen Spieler, der in unserem System immer mehr zur "Perle in der Auster" wird. Den einen Akzent, der aus etwas pragmatisch-funktional Hochwertigem Kunst macht. Wie Baumjohann die Bälle in alle Richtungen weiterleitet, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Dieser Mann hat ein dynamisches 3D-Modell der Spielsituation im Schädel. Solche Übersicht lernt man nicht, die wird gegeben. Und wie
schnell der das Kombinationsspiel macht. Der Junge ist einer der wenigen Spieler, die nicht nur wissen dass der Ball schneller als jeder Mensch ist, sondern die auch wissen mit welcher Bewegung man jeweils genau diesen Umstand optimal zu nutzen weiß. Einfach nur passend, was hier weiter vorne jemand aus dem ARD-Ticker zitiert hatte: Was macht dieser Mann in der zweiten Liga? Allein deshalb müssen wir rauf. Wenn der am Ende der Saison für Umme geht, dann verhält sich das zu dem Hajnal-Abgang nach der Saison 06/07 wie eine Dekapitation zu nem Mückenstich. So einen kriegt man nicht oft. Der Fallrückzieher - herrlich, aber: geschenkt. Was Zuck und Baumjohann
davor machen, das ist tendenziell Pornografie am Ball. Haltet Euren Töchtern die Augen zu, die Lautrer kommen. Unfassbar schön. Unfassbar geil.
Bleibt eigentlich nur, der Mannschaft aus Aue und Carsten Baumann zu danken; zum einen dafür, dass sie heute mit einer für ihre Verhältnisse starken Leistung zu diesem tollen Spiel beigetragen haben. Vor allem aber dafür, dass sie eine große Frage für uns vorerst geklärt haben, die da lautet: Was ist der optimale "Matchplan" gegen den FCK? Antwort: Im Moment bewegen wir uns innerhalb eines Verhältnisses von Mannschaftsqualität und Wettbewerbsniveau, bei dem wir nur über Tagesform zu packen sind - taktisch können die uns alle nicht viel. Wir haben bisher regelmäßig mit Mannschaften zu tun gehabt, die ein Spiel zu verhindern versucht haben. Das hat den Gegnern im Optimalfall einen Punkt gebracht, mindestens genauso oft haben wir irgendwann doch das eine Mal mehr genetzt. Dass wir ein Gefälle zwischen Offensiv- und Defensivqualität (der gesamten Mannschaft) haben, hat sich wie gesagt bereits länger abgezeichnet. Da war es eine Frage der Zeit, bis die Gegner mal ausprobieren, was passiert, wenn man aus einer offensiven Grundaufstellung heraus hoch presst und uns in der eigenen Hälfte beschäftigt. Stanislawski hat da letzte Woche schonmal vorgefühlt. Baumann hat heute ernst gemacht. Respekt. Das war die Flucht nach vorne. Nur: Heute hat die Liga klar gesehen, was passiert, wenn man uns so kommt. Unser Umschaltspiel ist nun nach einem guten Drittel der Saison auf einem Niveau, wo wir nicht mehr hinten zu halten sind. Wer uns hoch stellt, der bittet zum Tanz. D.h. kurz- und mittelfristig wohl leider, dass uns die gestaffelte 9er-Kette noch öfter begegnen wird. Es zeigt aber auch, dass Foda uns wieder dahin bringt, wo man - sobald sich 2 Mannschaften treffen, die darum
spielen wollen wer der bessere ist - ein gewichtiges Wörtchen mitreden kann. Und - so weh es tut, das auszusprechen -
das haben wir am Berg nun wirklich lange nicht mehr gehabt.
Marco Kurz hat uns 09/10 mit einer angesichts der Gegebenheiten klugen und erfolgreichen Taktik aus dieser Liga herausgeführt. Foda hingegen geht einen riskanteren Weg. Er arbeitet konsequent an einer
Offensiv-Philosophie. Er gibt uns jetzt die taktischen Grundlagen (diese sind nicht unbedingt an ein bestimmtes System gebunden), um eine Etage höher einen zeitgemäßen Anlauf zu wagen. Dazu gehört selbstverständlich, dass man im Fall der Fälle die individuellen Qualitäten weiter erhöht (weil sonst das schöne Offensivspiel oben angesichts neuer Kräfteverhältnisse nicht weiterverfolgt werden kann, s. aktuell Fürth). Aber wenn wir es dieses Jahr packen, dann wird im nächsten Sommer mal nicht bei Null angefangen.
Diese Mannschaft ist keine Garantie. Aber die Idee ist gut. Der Weg ist der richtige. Und dieser Verein gibt uns langsam wieder dezente Ausblicke darauf, wie viel Spaß wir noch alle zusammen haben werden. So kann's weitergehen.
