@Hellboy:
Ok, verstanden
Kommt halt auch darauf an wie viel Gewicht man in das „Gesamtkonzept“ legt — zwischen „Hier ist jedes Detail vorab definiert“ und „Schuster, Grammozis, Anfang, Lieberknecht — was sind schon Unterschiede?“ gibt es viel Spielraum. Aber Du hast recht, das führt zu weit weg.
@emkathor:
Wenn ich es wiederum richtig verstehe sind wir gar nicht so weit weg. Wir waren in meinen Augen eh in der zweiten Hälfte recht defensiv, da sind wieder wenig Spieler mitgegangen — meistens waren ganz vorne Hanslik, Ritter und Skyttä Alleinunterhalter. Der Unterschied zur Schlussphase war aber dass diese drei genug Technik zusammenbringen um a) auch zu dritt noch Kombinationen hinzubekommen (klingt nach mehr als ich meine, kein Tiki Taka, aber eben Situationen aus
spielen können) und Du deshalb b) zumindest tendenziell etwas „Verweilzeit“ im Angriffsdrittel hast.
Wenn Du dann die beiden 10er rausnimmst und zwei reine „Sprinter“ dafür bringst, dann hast Du hingegen a) „nur“ noch 2 Optionen selbst für Gefahr zu sorgen — indem die fitten Flitzer beim fleißig anlaufen nen „tödlichen“ Ballgewinn holen oder eben mit Tiefe aus einer defensiven Gesamtordnung in den Lauf geschickt werden — und b) zwangsläufig weniger „Verweilzeit“ und schnellere Gegenaktionen des Gegners (weil es schwerer wird Bälle vorne zu halten und das Personal dann eigentlich nur noch schnelle Abschlüsse hergibt).
Insofern hab ich das Problem gestern vielleicht zu sehr auf den ersten Doppelwechsel reduziert; Strenggenommen ist es die Kombination beider Doppelwechsel und deren taktischer Kontext gewesen.
Konkret: Für sich genommen hättest Du mit Abiama & Tachie sogar die totale Offensive ausrufen können. Dafür müsstest Du aber komplett, mit der gesamten Mannschaft als kompakter Block hochschieben und kollektiv ins Pressing. Dann helfen 2 frische Leichtathleten. Das würde Lieberknecht so aber nie bei Führung machen (das war der Offensivplan von Grammozis; wenn Du da nicht die Struktur hältst und nicht gleichzeitig noch durchgängig schnelle Innenverteidiger hast fliegt Dir das — besonders wenn vorne niemand den Ball sichern kann — fix um die Ohren).
Lieberknecht hat die Mannschaft nicht einfach mit 11 Mann mauern lassen — so meinte ich das nicht —, sondern er hat die 10er runter genommen, 2 Jungs gebracht die schon im Aufbau stressen können, den defensiven Block tief gehalten um das abzusichern und dann 2 frische Defensive gebracht um den tiefen Block zu stärken — insbesondere Elvedi bringst Du nicht für eine hohe letzte Linie —und darauf gesetzt dass wir — wenn nicht mal ganz vorne mit Glück ein Ballgeklaut wird —die beiden schnellen Stürmer aus dem tiefen Defensivblock heraus schicken können. (Das meinst Du mit „Hail Mary“, right?)
Das Ergebnis — und nicht wirklich überraschend — war, dass nach kurzer Gewöhnungsphase bis sich die Nürnberger Abwehr an das aggressive Anlaufen der frischen Jungs gewöhnt hatte und die Routine das überschaubare 3-Mann-Pressing zu überspielen gefunden hatte — a) jeder Ball den wir nach vorne gespielt haben sehr schnell wieder zurück kam und b) die Nürnberger durch die recht große Lücke zwischen unserer hohen Mini-Abteilung „Pressing“ und dem absichernden tiefen Block spaziert sind und um einiges schneller und öfter in ihrem Angriffsdrittel als vorher waren.
Und damit wären wir beim unspektakulär-versöhnlichen Fazit der Taktiknachlese zu gestern: Natürlich kann man jetzt in Verteidigung Lieberknechts sagen „wenn die einen hohen Ballgewinn gehabt hätten oder einmal gefährlich hätten geschickt werden können hätte der Coach alles richtig gemacht“. Ja, aber damit haben wir in einer Spielsituation in der Nürnberg komplett abgemeldet war und kaum richtig durch unser Mittelfeld gekommen ist selbst eine Situation herbeigeführt, in der plötzlich wieder logisch-strukturell Druck auf unsere letzte Reihe entstanden ist (das ist die berühmte „Statik des Spiels“). Einfach gesagt: Anstatt a) höher zu schieben und im Kollektiv mit Plan auf das 2:0 zu gehen oder auch nur einfach b) viel Ballsicherheit im Mittelfeld herzustellen (deshalb hätte ich Raschl gebracht) und sicher die Uhr runter zu spielen haben wir c) den „Todesstoß“ auf einem Weg setzen wollen, der es beinhaltete dem Gegner das Mittelfeld zu öffnen. Und wenn Du dann in einem Spiel in dem der Gegner kaum noch Strafraumaktionen hatte durch ein unglückliches Foul in eben jenem einen 11er verursachst kannst Du glaube ich mit Fug und Recht folgern dass das „kommen lassen“ mal so richtig nach hinten losgegangen ist.
Wenn man so will: Das war das zweite Mal hinter einander dass wir eine Führung verspielt haben weil wir dem Mittelfeld nicht so viel Bedeutung beigemessen haben — eine Tendenz, die man glaube ich auch daran erkennen kann wofür Lieberknecht seine 5 Wechseloptionen mit Vorliebe einsetzt: Frische Stürmer und frische Verteidiger.
Wie heißt es so schön? „Im Strafraum liegt das Geld.“ Insofern ist Torsten Lieberknecht sicher nicht der einzige der das so handhabt (man denke an Schuster). Und insofern wäre es grundsätzlich auch kein Wunder dass ein nerdiger Struktur-Begeisterter wie ich da regelmäßig meckert.
Die Intensität meines Meckerns hat aber im Moment weniger mit Geschmack oder Philosophie zu tun, sondern schlicht damit, dass wir jetzt 2x hintereinander eine Umstellung vorgenommen haben die es für mich absehbar schlimmer gemacht hat (und beide Male auch im Verspielen von Vorteilen geendet ist). Da erhöhe ich schonmal Frequenz & Lautstärke meiner Beiträge.
Ich bin aber ungern der Partyschreck, außerdem hätte ich selbst keinen Bock hier das One-Trick-Pony zu werden dass jetzt Woche für Woche den Finger in die Wunde legt und die vermeintlichen taktischen Fehler aufzeigt. Deshalb an dieser Stelle ein Dank an @Firehead81 & andere für ihre netten Worte, ich werd mich jetzt mal — vorausgesetzt dass die ganz großen Dramen ausbleiben — mal wieder etwas aus der Mahner- in die Leserrolle zurückziehen. Meine Skepsis ist ausreichend dargelegt, ich bin niemand der Öl ins Feuer gießt. Beteilige mich dann gerne am Jubeln wenn‘s was zu jubeln gibt
