
Interview mit Hans-Peter Briegel, Teil 1/2
"Weil ich ein Lautrer bin"
In der Südpfalz wird am Sonntag ein runder Geburtstag gefeiert: FCK-Legende Hans-Peter Briegel wird 60 Jahre alt. Im zweiteiligen Interview mit Der Betze brennt blickt die Walz von der Pfalz auf seine Karriere zurück und erzählt, was er heute macht.
Der Betze brennt: Hans-Peter Briegel, geboren am 11. Oktober 1955 in Kaiserslautern. Und wahrscheinlich von Anfang an auch FCK'ler, oder?
Hans-Peter Briegel (59): Na klar, anders geht es hier doch gar nicht. Wir haben als Kinder schon immer Fußball gespielt und waren da natürlich die Spieler vom FCK. Mit acht Jahren war ich das erste Mal auf dem Betze, zusammen mit meinem Vater, das war 1963.
Der Betze brennt: Weißt Du noch, gegen wen der 1. FC Kaiserslautern damals gespielt hat?
Briegel: Nein, das weiß ich nicht mehr. Meine erste lebhafte Erinnerung ist ein Heimspiel gegen Duisburg, da ist Torwart Wolfgang Schnarr eine Rückgabe durch die Beine gerutscht. Später hat er noch so ein krummes Ding kassiert. Dann hat er zum Trainer "Auswechseln" signalisiert und ist auch tatsächlich raus in der Halbzeit.
Der Betze brennt: Wie war die Reaktion des Publikums? Wurde da gepfiffen?
Briegel: Klar. Früher wurde sowieso viel mehr gepfiffen als heute. Es ist eine Legende, dass die Fans damals ihre Mannschaft immer nur nach vorne peitschten, bei schlechten Spielen ging es oft auch von den Tribünen härter zur Sache.
Der Betze brennt: Auch Du bekamst zu Deinen Anfangszeiten öfter Pfiffe und böse Worte zu hören: "Was will der Zehnkämpfer denn hier auf dem Fußballplatz? Der kann ja nichtmal den Ball stoppen", wurde geraunt.
Briegel: Das ist auch so eine Mär, dass ich früher nur Leichtathletik gemacht hätte und erst spät mit Fußball angefangen hätte. Und Zehnkämpfe habe ich sowieso nur zwei Stück in meinem Leben absolviert. In Wirklichkeit haben wir schon in der Schule immer Fußball gespielt und nachmittags dann auf dem Bolzplatz oder bei uns im Garten, schon mit acht, neun Jahren. Mit 16 Jahren habe ich dann in der B-Jugend beim SV Rodenbach angefangen, war aber vorher auch schon mit der Schulmannschaft immer und überall unterwegs. Natürlich habe ich aber auch Leichtathletik gemacht und das hat mir später im Profifußball dann auch sehr geholfen. Das vergleiche ich aus heutiger Sicht gerne mit Miroslav Klose.
Der Betze brennt: Wieso Klose?
Briegel: Der ist ja auch erst relativ spät Profifußballer geworden und hat als Jugendlicher noch andere Sportarten gemacht. Wenn du dir darüber Koordination, Kraft und Schnelligkeit erarbeitet hast, so wie ich aus der Leichtathletik, dann hast du schon gute Voraussetzungen auch für den Fußball. Das ist übrigens auch heute noch so.
Der Betze brennt: Vom Dorfverein SV Rodenbach bist Du dann direkt zum FCK gewechselt.
Briegel: Ja, aber erstmal zu den Amateuren. Mit Rodenbach spielten wir in der A-Klasse, das war damals die fünfte oder sechste Liga, da hat mich Erich Ribbeck (FCK-Trainer von 1973-1978; Anm. d. Red.) entdeckt. Mein erstes Spiel für die Profis war dann 1976 bei Bayern München, ich wurde in der 66. Minute eingewechselt. Wir lagen 1:3 zurück und haben noch 4:3 gewonnen, Klaus Toppmöller hat drei Tore geschossen. Das war im April 1976, bis zum Saisonende kam ich dann noch zu sechs weiteren Einsätzen.
- Ehe er mit 17 Jahren seine Leichtathletikkarriere beendete, war Hans-Peter Briegel Deutscher Jugendmeister im Weitsprung und im Dreisprung geworden. Als Fußballer begann er seine Laufbahn im Mittelfeld, war zeitweise sogar Stürmer, ehe er dann seinen Platz in der Abwehr fand. Seine Karriere beim FCK begann nicht kometenhaft, sondern steigerte sich stetig: Nach den Anfängen bei den Amateuren kam er am Saisonende 1975/76 zu seinen ersten sieben Spielen als Profi, im Jahr danach waren es 15 und nochmals eine Saison darauf 22.
Briegel: Natürlich. 1976/77 wäre ich fast zu Eintracht Trier in die zweite Liga gewechselt, das war eine ganz schwere Saison für mich. Der absolute Tiefpunkt war ein Heimspiel gegen Rot-Weiß Essen, da habe ich kein Bein vor das andere gekriegt und wurde zur Halbzeit beim Stand von 1:1 ausgewechselt. Ohne mich hat der FCK das Spiel dann noch 7:1 gewonnen und ich machte danach monatelang kein Spiel mehr. Eintracht Trier ist dann auf mich zugekommen und ich hätte auch fast dort unterschrieben. Dann haben wir aber mit dem FCK noch ein Freundschaftsspiel gemacht, ich habe zwei Tore geschossen und doch noch mal einen Einjahresvertrag bekommen.
Der Betze brennt: Wann, würdest Du sagen, hast Du beim FCK den Durchbruch geschafft?
Briegel: In seiner letzten Saison in Lautern kam Erich Ribbeck auf die Idee, mich Linker Verteidiger spielen zu lassen. Ab dann war ich Stammspieler – dafür hatte ich drei Jahre gebraucht, also alles andere als von Null auf Hundert. Und dann kam Kalli Feldkamp...
Der Betze brennt: Das war 1978. Unter Feldkamp wurde der FCK von der grauen Maus zum Spitzenteam in der damals stärksten Liga der Welt – und zum Stammgast im UEFA-Cup.
Briegel: ... Feldkamp hat mich dann später noch zum Innenverteidiger umgeschult, wobei es dann auch manchmal wieder nach vorne ging: Wenn ein Spiel eng wurde, habe ich auch mal Mittelstürmer gespielt, oder gegen Real Madrid zum Beispiel im offensiven Mittelfeld. Der Kalli hatte immer so seine Ideen gehabt, und diese Ideen waren auch meistens sehr gut.
- Mit 34 Spielen und 12 Toren ist Hans-Peter Briegel noch heute der Lautrer Rekordspieler im Europapokal und mit 53 Länderspielen (3 Tore) "für" den FCK außerdem der zweiterfolgreichste Internationale nach Fritz Walter. Vor allem unter Trainer Karlheinz Feldkamp erlebte er unvergessene Schlachten im Trikot der Roten Teufel.
Briegel: Ich war zwar Abwehrspieler, aber ich konnte auch mit nach vorne, und zwar mehr als nur einmal. So bin ich in einer Halbzeit gefühlt 20, 25 mal nach vorne gegangen. Und ab und zu ist dann auch mal ein Ball reingegangen.
Der Betze brennt: Ab und zu klingt ein bisschen untertrieben, in 298 Pflichtspielen hast Du immerhin 61 Tore geschossen – und das als Abwehrspieler. Einen großen Titel hast Du mit dem FCK aber leider nicht gewonnen.
Briegel: Wir hatten eine starke Mannschaft und waren oft vorne mit dabei in der Bundesliga, aber auch international. Aber andere Mannschaften waren halt noch stärker. Im Halbfinale des UEFA-Cups waren in einem Jahr mal vier deutsche Vereine, eine Runde davor kamen fünf von acht aus der Bundesliga – und wir hatten das Pech, im einzigen innerdeutschen Duell gegen die Bayern anzutreten und schieden aus. Dazu kamen als Gegner noch zig Topvereine aus dem Ausland, weil ja nur die Landesmeister in der heutigen "Champions League" spielten. Viertelfinale und Halbfinale waren da für uns schon ein riesiger Erfolg, genau wie die dritten und vierten Plätze in der Bundesliga.
Der Betze brennt: Deinen ersten nationalen Titel feiertest Du dann 1985 bei der Meisterschaft mit Hellas Verona. Wie kam der Wechsel nach Italien zustande?
Briegel: Ich bin damals vom FCK weg, weil ich nur noch scheiße gespielt habe. Die Fans haben gepfiffen und hatten recht damit. Aber es war auch für den Verein ein gutes Geschäft: Der steckte damals in finanziellen Schwierigkeiten und so kam die Ablösesumme von 2,5 Millionen D-Mark plus zwei Freundschaftsspielen nicht ganz ungelegen. Zwei Jahre vorher hatte ich übrigens auch schon ein Angebot von Real Madrid, nachdem wir die vom Berg geschossen hatten – aber damals fehlte mir noch der Mut für den Schritt ins Ausland. Lautern war mein Verein, die Pfalz meine Heimat. Das abgelehnte Angebot von Real bezeichne ich heute noch als einen von zweieinhalb Fehlern in meiner Karriere.
Der Betze brennt: 1984 wollte Dich dann nicht nur Verona, sondern vorher auch schon der SSC Neapel holen.
Briegel: Die hatten wir im UEFA-Cup auch mal rausgeschmissen und ich habe das entscheidende Tor geschossen (lacht). Aber bei den Verhandlungen haben die Italiener mich verarscht und hingehalten, ehe sie dann Diego Maradona verpflichteten – damals waren ja nur zwei Ausländer pro Team erlaubt und ich war somit raus. Letztendlich bin ich aber auch froh, dass ich bei Hellas Verona gelandet bin.
Der Betze brennt: Das erste Saisonspiel mit Hellas war dann gleich gegen Napoli...
Briegel: ... und meine Aufgabe war ausgerechnet die Bewachung von Maradona. Das Spiel ging 3:1 für uns aus und nicht Maradona traf, sondern ich.
Der Betze brennt: Es folgte eine noch heute legendäre Saison, an deren Ende Du mit Hellas Verona die italienische Meisterschaft errungen hattest und als erster "Legionär" in Deutschland zum Fußballer des Jahres gekürt wurdest.
Briegel: Das ist für mich heute noch unbegreiflich: Wir sind Meister geworden mit einer Truppe von 16 Spielern – inklusive Torhüter. Osvaldo Bagnoli leistete als Trainer eine unglaubliche Arbeit, aber auch eine anstrengende, zwei Mal drei Stunden Training am Tag waren nichts ungewöhnliches. Mit der Mannschaft von damals treffen wir uns heute noch zwei Mal pro Jahr und schwelgen in Erinnerungen.
- Die Meisterschaft von Hellas Verona in der Saison 1984/85 war eine riesige Sensation, vergleichbar mit den Titeln des FCK 1990/91 oder 1997/98. Mit dem dänischen Stürmer Preben Elkjaer Larsen bildete Briegel nicht nur eine kongeniale Achse auf dem Fußballplatz, sondern auch eine Fahrgemeinschaft: "Der fuhr wie eine gesenkte Sau, viel zu schnell und auch mal auf der Gegenfahrbahn, wenn auf unserer Seite Stau war. Einmal landeten wir mit seinem Sportwagen in Verona in einem Vorgarten – Preben hatte nicht auf mich hören wollen, dass es auf der kurvigen und engen Straße knapp wird, wenn uns mal jemand entgegen kommt." In der Halbzeitpause wunderte sich Briegel immer, warum Larsen bei wirklich jedem Spiel auf Klo musste, bis er ihm einmal folgte und den Dänen mit dem Spitznamen "Crazy Horse" beim Rauchen erwischte. Auf dem Platz war das aber alles egal: Von den 42 Saisontoren Veronas erzielte Stürmer Larsen acht und Abwehrspieler Briegel sogar neun – ein Treffer mehr, und er hätte vom Vereinspräsidenten einen brandneuen Maserati als Prämie bekommen. Trotzdem verzichtete "Die Walz aus der Pfalz" im letzten Spiel auf einen angebotenen Elfmeterschuss: "Ich wollte keine geschenkten Tore."
Briegel: Das war schon gigantisch. Fritz Walter, der ja wirklich alles erlebt hatte, war während des ganzen Wochenendes bei uns zu Gast und sagte, dass er so etwas noch nie gesehen hätte. Auf den 30 Kilometern von meinem Wohnort bis zum Stadion war jedes, wirklich jedes Haus gelb und blau beflaggt, in den Farben von Hellas Verona. Sogar die Straßen waren gelb-blau angestrichen (lacht). Und es waren auch einige FCK-Fans mit dabei, die uns da unten immer wieder besuchen kamen. Übrigens habe ich noch heute den Geruch der Rauchbomben von damals in der Nase, beim Einlaufen vor jedem Heimspiel war da eine riesige Show auf den Tribünen.
Der Betze brennt: 1986 bist Du dann zu Sampdoria Genua gewechselt, mit denen Du 1988 noch den italienischen Pokal gewinnen konntest, ehe Du dann Deine aktive Karriere beendet hast. Warum bist Du nicht noch mal zum FCK zurückgekehrt?
Briegel: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch mal eine Anfrage aus Kaiserslautern, außerdem von Werder Bremen und Espanyol Barcelona. Aber ich war schon 33 Jahre alt, meine Karriere ging langsam zu Ende, auch der Körper hat nicht mehr so mitgespielt. Ich hätte zwar in Spanien viel Geld kassieren und meinen Vertrag absitzen können – aber das ist nicht meine Art. Entweder mache ich etwas richtig oder gar nicht.
Der Betze brennt: Und Werder Bremen, damals immerhin Deutscher Meister, kam nicht in Frage, weil Du in Deutschland für keinen anderen Verein als den FCK spielen wolltest – stimmt das?
Briegel: Ja, das stimmt. Wenn ich noch fit gewesen wäre, wäre ich vielleicht noch mal zum FCK gegangen, das war für mich in Deutschland der einzige Verein. Als Otto Rehhagel mich mit Werder Bremen angesprochen hatte, sagte ich: "Ich kann nur für Kaiserslautern spielen, weil ich ein Lautrer bin." Darauf antwortete er mir: "Peter, dafür interessiert sich danach kein Schwein mehr." Irgendwo hatte er schon recht damit.
Der Betze brennt: Aber hängt mit dieser Identifikation nicht auch Deine nach wie vor große Beliebtheit bei den FCK-Fans zusammen? Viele rechnen es Dir hoch an, dass Du in Deutschland für keinen anderen Klub gespielt hast.
Briegel: Das weiß ich nicht. Klar, ich bin von Kaiserslautern, habe 53 Länderspiele für Kaiserslautern gemacht, wurde für den FCK Europameister, wie man es damals noch formuliert hat. Vielleicht halten mir das manche Fans wirklich heute noch zugute.
Am Sonntag blicken wir im zweiten Teil unseres großen DBB-Interviews mit Hans-Peter Briegel auf die Zeit nach seiner Spielerkarriere zurück: Woran ist eine längerfristige Rückkehr zum FCK gescheitert? Welche (Trainer-)Stationen außerhalb der Pfalz sind ihm besonders im Gedächtnis geblieben? Was waren die erwähnten zweieinhalb Fehler in seiner Karriere? Und natürlich: Wie bewertet er die heutige sportliche Situation bei "seinem" FCK?
Quelle: Der Betze brennt

Interview mit Hans-Peter Briegel, Teil 2/2
"Für den FCK ist alles möglich"
Am heutigen Sonntag feiert Hans-Peter Briegel seinen 60. Geburtstag. Im zweiten Teil des Interviews mit Der Betze brennt spricht die Walz von der Pfalz über die Zeit nach seiner Spielerkarriere – mit Erfolgen weit draußen in der Welt, aber auch bitteren Momenten "dehäm" bei seinem FCK.
Der Betze brennt: Hans-Peter Briegel, nach Deiner Zeit in Italien wärst Du 1988 fast noch einmal als Spieler zum 1. FC Kaiserslautern zurückgekehrt. Letztendlich beendetest Du aber Deine aktive Karriere und wurdest Trainer. Hat in diesen Jahren auch mal der FCK angeklopft?
Hans-Peter Briegel (60): Nein, als Trainer hatte ich keine Anfrage vom FCK. Als der Verein 1996 im Abstiegskampf feststeckte, bat mich Norbert Thines um Hilfe und ich war eine Zeit lang in beratender Funktion tätig, später dann offiziell als Sportlicher Leiter.
Der Betze brennt: Nach dem Abstieg kam es damals zum großen Umbruch auf dem Betzenberg. Thines musste gehen und Atze Friedrich wurde der neue starke Mann im Verein, holte Otto Rehhagel als neuen Trainer. Du bliebst noch ein Jahr beim FCK, nach dem Wiederaufstieg 1997 hast Du dann aber – fast zeitgleich mit Kalli Feldkamp, der damals im Aufsichtsrat saß – hingeschmissen. Könnte man sagen, dass Ihr als erste die dunklen Wolken gesehen habt, die auf den Verein zurollten?
Briegel: Das will ich so nicht sagen. In meinem Fall ging es hauptsächlich um die sportlichen Handlungskompetenzen, wo unterschiedliche Ansprüche zwischen Otto Rehhagel und mir zutage traten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich da auch Fehler gemacht habe, dafür habe ich mich dann auch entschuldigt. Und der FCK hatte ja auch erstmal noch großen Erfolg und wurde 1998 Deutscher Meister.
Der Betze brennt: Später kehrtest Du noch einmal in Amt und Würden zurück: In einer der größten Krisen der Vereinsgeschichte wurdest Du 2002/03 mit überwältigender Mehrheit in den Aufsichtsrat gewählt, wo Du aber auch nach nur einem Jahr wieder zurückgetreten bist. Deine Worte von damals klingen bis heute noch in den Ohren vieler Fans: "Jäggi (der FCK-Vorstandsvorsitzende René C. Jäggi; Anm. d. Red) hinterlässt hier verbrannte Erde. Da möchte ich nicht dabei gewesen sein."
Briegel: Am Anfang hatte ich viel von Jäggi gehalten, aber musste dann feststellen, dass ich mich in ihm sehr getäuscht habe. Vielen anderen ging es da ähnlich. Mir blieb dann nichts anderes als der Rücktritt übrig, denn wie könnte ich in einem Verein bzw. in einem Aufsichtsrat bleiben, der gegen mich prozessiert?
- Briegel wollte Ende 2002, als der FCK wieder tief im Abstiegsstrudel steckte, den einstigen Meistermacher Karlheinz Feldkamp zurück in den Verein holen. Aus dieser Überlegung heraus resultierte ein Machtkampf, der vor allem von Seiten der übrigen Vereinsführung schmutzig geführt wurde: Vorstand Jäggi war gegen die Verpflichtung von Feldkamp, im Aufsichtsrat drehte sich die Mehrheit "über Nacht" gegen die Stimme von Briegel. Noch schlimmer: Jäggi forcierte im Namen des FCK einen Gerichtsprozess gegen Briegel.
Briegel: Dafür hat sich Ruda später bei mir entschuldigt und dieses Thema ist für mich mittlerweile abgehakt. Auch der Zivilprozess wurde dann ja eingestellt und die Schadenersatzklage durch den Verein zurückgenommen – auch wenn es mehr als sieben Jahre gedauert hat, obwohl das Gericht frühzeitig die mangelnden Erfolgschancen für Jäggi und Co. signalisiert hatte. Da möchte ich auch meinen Rechtsanwalt Stefan Motzenbäcker hervorheben, der sehr zu dieser Erkenntnis des Gerichts beigetragen hat. Aber im Grunde genommen ist beim FCK heute noch alles genauso wie damals: Vor allem die Mitgliederversammlungen sind eine einzige Inszenierung, ich habe das ja schon von beiden Seiten aus miterlebt. Wenn du diese Veranstaltung organisierst, dann kannst du sie lenken, kannst zum Beispiel Redezeiten geschickt verteilen und die wichtigen Diskussionen nach hinten schieben, wenn die meisten Leute schon ungeduldig werden.
Der Betze brennt: Wie ist denn Dein Verhältnis zur heutigen Vereinsführung um Stefan Kuntz?
Briegel: Wenn wir uns sehen, dann gebe ich Stefan Kuntz natürlich die Hand. Wir haben uns in diesen siebeneinhalb Jahren, seitdem er wieder da ist, vielleicht zwei Mal unterhalten, da waren auch andere Ex-Spieler dabei. Aber unter vier Augen haben wir nie gesprochen.
Der Betze brennt: Du sprachst von zweieinhalb Fehlern, die Du in Deiner Karriere gemacht hattest. Gehören dazu auch die beiden Rücktritte als FCK-Funktionär?
Briegel: Nein, das nicht. Wie schon gesagt mache ich etwas entweder richtig oder gar nicht, und das war in diesen beiden Fällen nicht mehr gegeben. Die eine Sache war das Angebot von Real Madrid, das ich 1982 abgelehnt habe. Andererseits wäre ich dann aber zwei Jahre später sicher nicht bei Hellas Verona gelandet, deswegen bezeichne ich das im Rückblick nur als halben Fehler.
Der Betze brennt: Und die anderen beiden Fehler?
Briegel: Das eine war als Trainer in Istanbul bei Besiktas, wo wir 1999/2000 mit zwölf Siegen in Folge fast noch Galatasaray die Meisterschaft abgejagt hätten und in der Champions-League-Quali spielten. Ich hatte also Erfolg und hätte bleiben können, aber der neue Präsident wollte mir in meine Arbeit reinreden – das wollte ich dann nicht und habe aufgehört. Der andere Fehler war meine Station als Nationaltrainer in Albanien, wo ich nach vier Jahren ein Angebot auf Vertragsverlängerung ebenfalls ausgeschlagen habe.
Der Betze brennt: Waren Besiktas und Albanien die Höhepunkte in Deiner Trainerkarriere?
Briegel: Das kann man schon so sagen. Was in Istanbul los ist, ist der Wahnsinn und überhaupt nicht vergleichbar mit Deutschland oder auch mit Italien. Hier gibt es zwar auch emotionale Fans, aber man fühlt sich als Aktiver doch stets "sicher", was in der Türkei so nicht immer gegeben war. Bei einem Stadtderby standen da schon mal Panzerfahrzeuge vor dem Stadion. Trotzdem überwiegen ganz klar die positiven Erinnerungen. Auch die Fußballnation Albanien wird übrigens gerne unterschätzt. Als wir mal gegen Griechenland gewonnen hatten, waren da zwei Millionen Menschen auf der Straße und feierten uns.
Der Betze brennt: Der Trainer von Griechenland hieß damals Otto Rehhagel, ausgerechnet Dein Kontrahent aus früheren FCK-Tagen. Ihr hattet Euch zu diesem Zeitpunkt aber schon wieder vertragen und pflegt heute ein besseres Verhältnis. Stimmt eigentlich die Geschichte, dass nach diesem Sieg in Albanien viele Kinder "Briegel" getauft wurden?
Briegel: Jein. Es gibt da immer solche Legenden, auch dass ich in Albanien in einem Protzpalast des ehemaligen Diktators gelebt hätte, stimmt beispielsweise nicht. Menschen mit dem Vornamen "Briegel" gab es aber tatsächlich, das resultierte aber mehr aus den 1980er Jahren und nicht aus meiner Zeit als Trainer. Damals wurden dort viele Kinder nach Fußballspielern benannt, wahrscheinlich gab es auch einige "Rummenigges". Einem Namensvetter von mir bin ich mal in einer Hotellobby begegnet, der spielte da am Klavier und sein Vater haderte auf albanisch die ganze Zeit mit ihm: "Briegel, Briegel...". Das war schon komisch.
- Die Trainerkarriere von Hans-Peter Briegel endete 2007 relativ plötzlich nach zwei kurzen Abenteuern mit der Nationalmannschaft von Bahrain und bei MKE Ankaragücu in der Türkei. Briegel-typisch war vor allem der Abschied in Bahrain: "Die Scheichs hatten nach einer Niederlage hinter meinem Rücken eine Mannschaftssitzung einberufen und den Spielern eine Standpauke erteilt, was als Trainer ja eigentlich meine Aufgabe gewesen wäre. Da war für mich Schluss." Als Trainer lagen die großen Erlebnisse der "Walz aus der Pfalz" vor allem im Ausland, auch exotische Anfragen etwa aus Ruanda oder Pakistan lagen mal auf dem Tisch: "Aber das hat mich nicht mehr gereizt."
Briegel: Nein, meine Zeit als Trainer ist beendet. Es gab zwar immer mal wieder Anfragen, aber irgendwann ist es dann auch so, dass man aus dem Geschäft raus ist.
Der Betze brennt: Was machst Du heute?
Briegel: Ich bin seit fünf Jahren freier Mitarbeiter und Repräsentant bei Lotto Rheinland-Pfalz, wo ich gerade auch meinen Vertrag noch mal verlängert habe. Da betreue ich zum Beispiel als Trainer die Lotto-Elf, mit der wir schon über 1,8 Millionen Euro für karitative Zwecke eingespielt haben. Außerdem schreibe ich Kolumnen, habe öffentliche Auftritte, tippe die Spiele der Südwestvereine. Das macht mir Spaß.
Der Betze brennt: Da kommen wir natürlich nicht drumherum, Dich nach Deinem Tipp zu fragen: Wo landet der FCK am Ende dieser Saison?
Briegel: Meistens liegen ja die mit ihren Tipps richtig, die eigentlich keine Ahnung von Fußball haben (lacht). Im Ernst: Die ersten beiden Spiele unter dem neuen Trainer waren schon vielversprechend, nachdem es vorher nicht so prickelnd lief. Ich bin generell Optimist und glaube, dass der FCK mit dieser Mannschaft grundsätzlich vorne mitspielen könnte. Nach dem Trainerwechsel kann sie nun auch befreiter aufspielen – meiner Meinung nach ist alles möglich.
Der Betze brennt: Bist Du denn noch regelmäßig bei den Spielen des FCK?
Briegel: Wenn es geht, bin ich bei jedem Heimspiel, gegen Düsseldorf zuletzt war ich auch oben. Ich versäume vielleicht zwei, drei Spiele pro Jahr.
Der Betze brennt: Und hast Du noch viel Kontakt zu Deinem alten Wegbegleiter Kalli Feldkamp?
Briegel: Ja, mit Kalli unterhalte ich mich noch regelmäßig und natürlich geht es dabei auch immer wieder um den FCK. Er wird mich an meinem Geburtstag auch hier in der Pfalz besuchen kommen.
Der Betze brennt: Zum Abschluss des Interviews ist uns noch eine Frage wichtig, über die auch bei den Fans immer mal wieder diskutiert wird: Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann noch mal ein offizielles Amt beim FCK zu übernehmen?
Briegel: Nein. Das habe ich schon mehrmals gesagt, aber die Frage kommt immer wieder: Ich strebe keinen Posten mehr beim FCK an und würde auch auf Anfrage für kein Amt zur Verfügung stehen.
Der Betze brennt: ... und wenn Dich jemand vom FCK um Deinen Rat fragen würde?
Briegel: Das wäre kein Problem. Man kann über alles miteinander sprechen.
Lieber Hans-Peter Briegel, wir bedanken uns für das interessante Gespräch und wünschen Dir alles Gute zum Geburtstag. Bleib so, wie Du bist!
(Das Interview führten Altmeister, jos und Thomas)
Quelle: Der Betze brennt


