Quelle: 2008 Neue Westfälische
Bielefelder Tageblatt (MW), Montag 04. August 2008
Weltauswahl aus der Provinz
FUSSBALL: Aufsteiger 1899 Hoffenheim baut auf die Hopp-Millionen
VON ERIC SCHMIDT
Hoffenheim. Das Dorf macht sich vom Acker: Nach nur einem Jahr 2. Liga greift 1899 Hoffenheim in der Bundesliga an. Ein normaler Aufsteiger ist die Weltauswahl aus der Provinz nicht. „Wir wissen, was wir können“, sagt Kapitän Selim Teber.
Woher kommt der Verein?
Von ganz unten. Vor 20 Jahren ging der Verein als TSG Hoffenheim noch gegen den 1. FC Stebbach, den TSV Ittlingen und den VfB Epfenbach auf Torejagd – in der Bezirksliga und der Kreisklasse A Sinsheim.
Der eigene Waldsportplatz galt als eine der miesesten Hoppelweiden im gesamten Kreis. Zeitzeugen erinnern sich, dass die Spieler „wie Wildschweine“ aussahen. Nach einer Niederlage in einem Relegationsspiel in Elsenz fühlte sich ein Zuschauer namens Dietmar Hopp an der Ehre gepackt. Seitdem steigt „Hoffe“ auf wie Kohlensäure.
Wohin will der Verein?
Auf jeden Fall nicht zurück, sondern immer nach vorne. In vielen Bereichen war 1899 Hoffenheim schon als Regional- und Zweitligist erstklassig besetzt. So hat sich um den schwäbischen Taktiktüftler Ralf Rangnick eine Expertenkommission geschart. Jan Schindelmeiser ist ein umsichtiger Manager, Jochen A. Rotthaus setzt als Geschäftsführer mit dem Stadionneubau Meilensteine. Mentaltrainer Hans-Dieter Hermann gilt in Deutschland als Nummer eins auf seinem Gebiet.
Wie steht’s mit den Finanzen?
Mit Dietmar Hopp hat der Verein einen Hauptsponsor, auf den hundertprozentig Verlass ist. Der SAP-Mitbegründer wird 1899 Hoffenheim auch posthum unterstützen, finanziell ist alles geregelt. Hopp hat früher selbst in „Hoffe“ gekickt und sieht sich als ersten Profi des Vereins – „weil ich für jedes Tor eine Dose Büchsenwurst bekommen habe“. Seine größte Baustelle ist derzeit der neue Fußball-Palast, der für 60 Millionen Euro an der Autobahn A 6 bei Sinsheim gebaut wird. Im Nachbarort Zuzenhausen entsteht nach englischem Vorbild ein Trainingszentrum. Auch wenn die Mannschaft Verstärkung braucht, rollt der Rubel. Vergleiche mit Chelseas Abramowitsch sind dennoch absurd. Hopps Ziel ist, dass sich der Verein „irgendwann selbst finanziell trägt“.
Wer hat das Sagen?
Der Trainer ist der Star. Ralf Rangnick sagt, wo es lang geht. Er genießt das volle Vertrauen und kommt auch bei den Fans gut an.
Prognose:
Gut möglich, dass der Verein auf seine bewährte Underdog-Taktik zurückgreift. In den vergangenen beiden Jahren hat Hoffe in den ersten vier Spielen nie gewonnen – um am Ende mit Pauken und Trompeten aufzusteigen. „Wenn das Erfolg verspricht, könnten wir das ja auch in der Bundesliga so tun“, sagt Ralf Rangnick.
Der Typ, auf den Sie achten sollten:
Ramzan Özcan. Der Torwart mit dem Künstlernamen „Rambo“ ist immer für Action-Szenen gut. Gäbe es die olympische Disziplin Ballweitschießen, würde er die einzige Goldmedaille Österreichs holen.
Gegen wen gewinnt Hoffenheim am liebsten?
Früher waren es der FC Zuzenhausen und der SV Sinsheim. Jetzt, in der Bundesliga, werden Siege auch mal wehtun. Fanbeauftragter Mike Diehl ist Gladbach-Fan, Spielleiter Dirk Rittmüller trinkt seinen Kaffee am liebsten aus der HSV-Tasse. Peter Hofmanns Lieblingsfarbe ist Rot – der Vereinsvorsitzende ist leidenschaftlicher Anhänger des FC Bayern. Siege gegen den KSC und den VfB Stuttgart würden der badischen Seele am meisten gut tun.
Was ein echter Fan unbedingt haben muss:
In Sachen Fanartikel ist der Kraichgau noch Entwicklungsland. Beliebt sind Schals mit der Aufschrift „Hurra! Hurra! Das ganze Dorf ist da“ für 10 Euro.
„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren!“