Taktik-Nachlese zum Spiel Paderborn-FCK
Die DBB-Analyse: Hinten porös und im Zentrum nicht griffig
Wie war das nochmal mit der "Doppelbestrafung"? Gleichzeitig Rote Karte und Elfmeter, das soll es seit der Saison 2016/17 doch nur noch in ganz schweren Fällen geben, oder wie? Weshalb also musste Maxwell Gyamfi nach seinem Trikotzupfer gegen Steffen Tigges vom Platz, obwohl Schiri Konrad Oldhafer schon auf den Punkt gezeigt hatte?
Weil das mit den "ganz schweren Fällen" halt auch so seine Sache ist. Die Gelbe Karte genügt dann, wenn beim vorangegangen Foul im Strafraum wenigstens die Absicht noch erkennbar war, den Ball regelkonform zu spielen, so die korrekte Auslegung der modifizierten DFB-Regel. Dies aber ist bei einem "Textilvergehen" offensichtlich nicht gegeben, drum darf's auch Rot sein, obwohl es sich um kein brutales Foul handelt. Insofern hilft es nicht viel, mit diesem Moment zu hadern, wenn es darum geht, die 0:2-Niederlage des 1. FC Kaiserslautern beim SC Paderborn zu erklären.
Die Unterzahl war bei den Gegentreffern gar nicht relevant
Er muss auch gar nicht mal unbedingt als die "Schlüsselszene" des Spiels angesehen werden. Die Gäste hatten danach zwar eine komplette Hälfte in Unterzahl zu bestreiten, immerhin aber stand es noch 0:0, da FCK-Keeper Julian Krahl den Strafstoß von Filip Bilbija parierte. Und sie hielten das Spiel gegen Zehn gegen Elf auch nur fünf Minuten durch, bis sie den ersten Gegentreffer kassierten - und lediglich drei weitere Minuten bis zum 0:2, das ihnen "den Stecker zog", wie Torsten Lieberknecht es hinterher ausdrückte.
Allerdings: Bei beiden Torszenen war die Pfälzer Unterzahl gar nicht relevant. Beim ersten Treffer darf allerdings anerkannt werden, dass er vom Gegner klasse herausgespielt wurde. Namentlich von Sebastian Klaas, der aus der Linksaußenposition mit einen exzellenten getimten Ball auf den im Halbraum durchstartenden linken Innenverteidiger Calvin Brackelmann durchsteckte. Der passte fast von der Grundlinie hart und flach in die Mitte, wo Bilbija vollstreckte.
Dem zweiten Treffer allerdings ging eine recht banale Linksflanke des Paderborner Starfelf-Debütanten Ruben Müller voraus. Halbhoch und nicht einmal sehr scharf getreten, hätte der Ball eigentlich leichte Beute für Lauterns Abwehr werden müssen. Doch war die Viererkette, die der Trainer nach Gyamfis Ausfall formiert hatte, schlicht und ergreifend zu porös. Der rechte Schienenspieler Laurin Curda hatte geradezu lächerlich leichtes Spiel, das Leder über die Linie zu drücken.
Drei Neue und ein Formationswechsel, und es wurde besser
Nach zwei weiteren gefährlichen Tor-Aktionen der Gäste reagierte der Trainer erneut, brachte nach 62 Minuten mit Leon Robinson, Jan Elvedi und Richmond Tachie gleich drei frische Kräfte auf einmal und stellte gegen den Ball auf ein 5-3-1 um. Und siehe da: Die Zehn, nun auf dem Platz standen, zeigten, dass durchaus auch in Unterzahl was zu holen gewesen wäre. Am Ende aber stellte der 0:2-Rückstand dann doch eine zu große Hypothek dar.
Eine "Hundertprozentige" durfte der SCP, erneut in Person von Bilbija, zwar auch in dieser finalen halben Stunde noch versemmeln. Doch die dezimierten Betze-Buben kamen nun auch zu ein paar Offensivaktionen. Einmal versäumte es Robinson, im Strafraum auf den völlig freistehenden Tachie zurückzulegen, einmal vergab Dickson Abiama völlig frei durchgelaufen vorm Paderborner Tor nach einem weiten Diagonalpass von Luca Sirch.
Viererkette mit zwei Spitzen: Die Rechnung ging nicht auf
Abiama war schon in der Pause gekommen, und das ziemlich überraschend. Dass Lieberknecht auf Gyamfis Platzverweis reagieren würde, war klar. Und dass einer aus dem Offensivtriangel Faride Alidou, Ivan Prtajin und Naatan Skyttä gehen musste, war abzusehen. Allerdings hätte man eher einen weiteren Defensivspieler erwartet. Lieberknecht aber brachte Stürmer Abiama für Stürmer Prtajin, der wegen Wadenproblemen ein wenig angeschlagen war, wie der Coach hinterher erklärte.
Die Absicht dahinter mag gewesen sein, dass sich die dezimierte Mannschaft im 4-3-2 zwar tief positionieren sollte, durch zwei schnelle Spitzen aber kontergefährlich bleiben wollte. Doch die Rechnung ging nicht auf, wie die zwei Gegentreffer innerhalb von drei Minuten zweifelsfrei belegten. Das ab der 62. Minute praktizierte 5-3-1 erwies sich als deutlich stabiler. Eine Erkenntnis, die als "Lessons Learned" in die Restsaison mitgenommen werden darf.
Bereits im Spiel Elf gegen Elf war zu viel Elversberg
Doch schon in der erste Hälfte, in der sich noch elf Mann auf jeder Seite gegenüberstanden, war der FCK nicht gut im Spiel, wie auch Lieberknecht konstatierte. Ein Führungstreffer für die Hausherren wäre, als Oldhafer kurz vor der Pause auf den Punkt zeigte, nicht unverdient gewesen. Die Roten Teufel hatten über weite Strecken des ersten Durchgangs wieder ihr "Elversberg-Gesicht" gezeigt. Also das, was sie am 3. Spieltag bei ihrer 1:2-Niederlage an der Kaiserlinde präsentiert hatten.
Abermals setzte sich insbesondere die Mittelfeldzentrale nicht gegen ihre Gegenspieler durch, weder spielerisch noch im Zweikampf. Auch der Trainer vermisste in dieser Zone "die Griffigkeit, auf die zweiten Bälle zu gehen", wie er hinterher erklärte. Hinzu kam, dass die Hintermannschaft lange Bällen des Gegners per Kopf bevorzugt in die Mitte ablegte, wo sich die Paderborner das Leder direkt wieder griffen. 58 Prozent Ballbesitz der Gastgeber bereits in Hälfte eins sprechen für sich.
Der Vergleich der Mittelfeldzentralen spricht Bände
Und wie in Elversberg offenbart sich das Dilemma im direkten Vergleich der zentralen Mittelfeldspieler. Fabian Kunze war in 68 Minuten Spielzeit 41-mal am Ball, verlor ihn zehn Mal. Gewann am Boden immerhin acht von zehn Zweikämpfen, in der Luft zwei von dreien, spielte seine Pässe zu 76 Prozent präzise - da lässt sich noch von Normalform sprechen. Nebenmann Semih Sahin allerdings: 22 Ballkontakte in 62 Minuten. Elf Ballverluste, kein gewonnener Zweikampf, weder am Boden, noch in der Luft. Passquote: 47 Prozent.
Dagegen der zentrale SCP-Mittelfeldspieler Mika Baur: 70 Ballkontakte in 68 Minuten. Drei von sieben Zweikämpfen gewonnen, 92 Prozent Passpräzision. Nebenmann Santiago Castaneda: 80 Ballkontakte über die volle Spielzeit, vier von neun Zweikämpfen am Boden, vier von fünf in der Luft gewonnen. Ebenfalls 92 Prozent Passpräzision.
Eine Chance für Alidou, der Rest blieb Stückwerk
Einigermaßen im Spiel war der FCK lediglich zwischen der 15. und 35. Minute. In diese Phase fiel auch seine beste Torchance, als er nach einem tiefen Ballgewinn über die linke Seite nach vorne spielte, Skyttä präzise auf den vorm Sechzehner wartenden Prtajin passte und der wiederum auf Alidou durchsteckte. SCP-Keeper Dennis Seimen aber war bereits weit aus dem Tor gestürzt, so dass Alidou das Leder nicht an ihm vorbeizuschieben vermochte. Den ebenfalls aussichtsreichen Nachschuss setzte Paul Joly pber den Kasten. Zwei weitere nach Gelegenheiten ergaben sich nach frühen Balleroberungen, nach denen aber nicht schnell und genau genug gepasst wurde, zwei weitere Schussversuche von Alidou und Sahin waren zu hoch angesetzt.
So dass die Torschuss-Statistik schon zur Pause ein 12:6 für Paderborn auswies. Wobei es die Hausherren angesichts der Lautrer Defensivstärke meist von außerhalb von Strafraums versuchten, und xGoals-Betrachter wissen: Diese Aktionen sind nicht allzu hoch zu bewerten. Festgestellt werden muss aber ebenso: Die Paderborner schlugen auch durchweg gefährlichere Eckbälle als ihre Gäste. Da haben die Betze-Buben ebenfalls noch Nachholbedarf.
Zur Nachahmung empfohlen: Wie Paderborn Ausfälle wegsteckt
Last, but not least gilt es anzuerkennen, wie stabil die Elf von Trainer Ralf Kettemann auch in dieser Partie stand. Obwohl unter der Woche Stammkraft Raphael Obermair ausgefallen war und kurz vor dem Anpfiff auch noch Felix Götze passen musste, der normalerweise den zentralen Mann in der Dreier-Abwehrkette gibt. Tjark Scheller vertrat ihn in dieser Rolle überragend. Und es war nicht das erste Mal in dieser Saison, dass die Westfalen ihre Hintermannschaft umbauen mussten, wie wir auch schon in unserem Gegner-Check bemerkten. Dennoch verzeichnen sie erst vier Gegentreffer. Respekt.
Die Fähigkeit, Ausfälle zu kompensieren, muss nun auch der FCK nachweisen. Im kommenden Heimspiel gegen den VfL Bochum gilt es, Gyamfi zu ersetzen, nachdem an diesem Samstag die Startelf zum dritten Mal hintereinander unverändert geblieben war. Für ihn dürfte Jan Elvedi aufrücken, auch Leon Robinson ist noch eine Alternative für die Innenverteidigung. Unterm Strich zeigte die Niederlage in Paderborn nach zuvor drei Siegen in Folge, was die Roten Teufel noch dazuzulernen haben, um sich tatsächlich als Spitzenteam zu profilieren.
"Wyscout"-Grafiken zu diesem Spiel liegen noch nicht vor. Wer reichen diese so bald wie möglich nach.
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