Gegner-Check
Gegner-Check Paderborn: Kettemann folgt Kwasnioks Spuren

Foto: Imago Images
Anspruch und Wirklichkeit: Platz 6 nach sechs Runden. Erst vier Gegentreffer kassiert, das ist Liga-Bestwert. Zuletzt dreimal hintereinander "zu null" gespielt. Keine Frage, der SC Paderborn steht bereits sehr stabil. Und alles deutet darauf hin: Er wird auch in dieser Saison wieder eine gute Rolle spielen. Und das, obwohl sich in den vergangenen Monaten nicht nur im Profi-Kader einiges änderte. Die gesamte sportliche Leitung wurde ausgewechselt. Für den nach Augsburg abgewanderten Sport-Geschäftsführer Benjamin Weber steht nun der ehemalige SCP-Torhüter Sebastian Lange an der Spitze. Ebenso neu besetzt wurden die Posten des Sportdirektors mit Robin Trost sowie des Lizenzbereichs-Leiters mit Dominik Roll. Am einschneidendsten aber war der Wechsel auf der Trainerbank: Lukas Kwasniok verließ den Klub nach vier Jahren Richtung 1. FC Köln. Unter ihm haben die Paderborner nie schlechter als auf Platz 7 abgeschlossen. Mit Ralf Kettemann setzte Lange einen Liga-Neuling auf die Bank, der sich, wie seinerzeit Kwasniok, seine erste Trainersporen als Nachwuchscoach beim Karlsruher SC verdiente. Die Abgänge des linken Schienenspielers Aaron Zehnter (zum VfL Wolfsburg) und von Stürmer Ilyas Ansah (zu Union Berlin) spülten rund neun Millionen Euro in die Vereinskasse, und kurz vor Transferschluss wurde Stürmer-Veteran Adriano Grimaldi an den 1. FC Nürnberg abgegeben. Dem Vernehmen nach für 500.000 Euro, auch nicht ganz schlecht für einen 34-Jährigen. In Transfers reinvestiert wurde davon jedoch kaum was, der SCP setzte fast ausschließlich auf junge Spieler aus unteren Klassen, wie es schon seit Jahren sein Stil ist. Offenbar fährt er damit gut. Auf dem Rasen jedenfalls ist von dem Aderlass bislang nichts zu spüren.
Die Neuen: Prominentester Neuzugang ist Stefan Tigges vom 1. FC Köln. Eine 1,94-Meter-Stürmerkante, wie sie bei Kwasniok wenn, dann meist nur von der Bank kam. Der mochte es vorne lieber kleinteilig und wuselig. Getroffen hat Tigges noch nicht. Von allen Neuen am nachhaltigsten auf sich aufmerksam gemacht hat bislang Keeper Dennis Seimen (19). Der Youngster, der vom VfB Stuttgart geliehen ist, erhielt direkt den Vorzug vor dem erfahreneren Mitbewerber Markus Schubert (27) und rechtfertigte dieses Vertrauen mit starken Leistungen. Die übrigen Neuzugänge müssen sich zurzeit noch als Teilzeitkräfte bewähren, etwa die Flügelspieler Lucas Copado (21) und Nick Bätzner (25), die aus Linz und Wiesbaden kamen. Niklas Mohr (21), ehemals Großaspach, und Jonah Sticker (21), ehemals Viktoria Köln, müssen sich als denkbare Zehnter-Nachfolger hinter Stammkraft Raphael Obermair (29) anstellen, der nun wieder auf der linken Seite auftaucht. Auch der aus Dresden zurückgekehrte Mika Baur (21) kann links eingesetzt werden, ebenso im zentralen Mittelfeld taucht.
Die Formation: Kettemann setzt weiter auf das 3-4-2-1, das auch Kwasniok bevorzugte. Beim jüngsten 2:0-Auswärtssieg brillierte im Offensivtriangel Filip Bilbija (25) mit einem Doppelpack. Ihm zur Seite stand Sebastian Klaas (27), der sein erstes Liga-Spiel von Anfang an bestritt. Als Halb- oder Flügelstürmer denkbar wären ebenso Bätzner, Baur oder Oldie Sven Michel (35), der diese Saison aber noch nie länger als 25 Minuten im Einsatz war. Als einzige Spitze rackert Tigges. Das eigentlich Erstaunliche an Paderborns starker Defensivleistung ist, dass dieser trotz diverser Ausfälle auf hohem Niveau konstant blieb. Stamm-Innenverteidiger Tjark Scheller (23) flog bei der bislang einzigen Niederlage (1:2) in Düsseldorf schon nach zwölf Minuten vom Platz und musste in Nürnberg (0:0) ersetzt werden. Stammkraft Marcel Hoffmeier (26) verabschiedete sich nach dem vierten Spieltag mit einem Kreuzbandriss. In Berlin fiel auch der linksfüßige Innenverteidiger Calvin Brackelmann (26) aus. Dadurch rückte Mattes Hansen (21) in die Dreier-Abwehrkette, der sich ansonsten im defensiven Mittelfeld prächtig entwickelt. Dort hat der SCP mit Santiago Castañeda (20) aber noch ein weiteres Talent am Start. Eine Bank als zentraler Abwehrmann ist nach wie vor der auch in Kaiserslautern noch bestens bekannte Felix Götze (27), der nunmehr zum Kapitän aufgestiegen ist. Der ideale Mann für den ersten Pass. In Berlin glänzte er aber ebenso mit einer Rettungstat auf der Torlinie. Die Außenbahnen besetzen links Obermair und rechts Laurin Curda (23).
Zahlenspiele: Nur vier Gegentreffer bislang, das imponiert. Aber: Drei der vier Buden fielen über gegnerische Flügelangriffe, und die beherrschte der 1. FC Kaiserslautern zuletzt doch richtig gut, oder? Für den vierten Einschlag sorgte der Damals-noch-Kieler Armin Gigovic per direkt verwandeltem Freistoß, dergleichen ist den Pfälzern diese Saison noch nicht gelungen. Die Lautrer Abwehr hat bislang zwar einen Treffer mehr kassiert, steht nach "xGoals against" aber einen Tick besser da (6,49) als ihre Gastgeber (6,52). Das bedeutet: Der SCP lässt ein wenig mehr zu, als die Tabelle es zurzeit ausdrückt. Paderborns Ballbesitzanteile sind ordentlich, aber nicht überragend (49,7 Prozent), in punkto Pressing-Intensität belegen sie ebenso wie in den Lauf-Rankings vordere Plätze. Mit 120,26 Kilometern Gesamtlaufleistung pro Spiel liegen Kettemanns Jungs fast vier Kilometer über dem Liga-Durchschnitt (116,82), da kommen die Roten Teufel (116,85) noch nicht ganz ran. Was aber auch mal hervorgehoben werden darf: Der FCK hat aktuell den besten Torvorbereiter der Liga in seinen Reihen. Neuzugang Paul Joly legte schon vier Buden auf. Und niemand hat so viele Torschüsse abgewehrt wie Julian Krahl (25).
Fazit: Da stehen sich am Samstag also zwei der bislang besten Defensivreihen der Liga gegenüber. Da ist nicht zwingend ein Torfestival zu erwarten, eher so eine Partie nach dem Motto: Wer den ersten Fehler macht, verliert. Für den FCK heißt es, weiter zu kultivieren, worin er zuletzt zusehends stärker wurde: Konzentriert und kompakt stehen, aber nicht tief. Aufs Spiel über die Flügel setzen, das scheint gerade gegen diesen Gegner vielversprechend. Zumal diesen seine Ausfälle in der Hintermannschaft stärker geschwächt haben könnten, als es zuletzt in Berlin den Anschein hatte. Wenn die Trainingsleistungen in dieser Woche stimmen, kann Torsten Lieberknecht guten Gewissens zum dritten Mal hintereinander der gleichen Startelf vertrauen. Egal, wie viele Medien unter der Woche meinen werden, unbedingt auch mal eine Geschichte darüber bringen zu müssen, wie wohl sich Marlon Ritter auf der Bank und Mahir Emreli auf der Tribüne fühlen.
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