Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-KSC

Die DBB-Analyse: Die Meister des Minimalgroove

Die DBB-Analyse: Die Meister des Minimalgroove


Der 1. FC Kaiserslautern schlägt den Karlsruher SC im Südwest-Derby mit 2:0. Ein denkwürdiges Spiel, auch, weil die Roten Teufel noch in keiner anderen Saisonpartie so viel aus so wenig machten. Da wurde manche Erinnerung wach - auch an die Neue Deutsche Welle.

In den Musikmedien wird derzeit oft an die deutsche Musikformation "Trio" erinnert, die vor 40 Jahren zur Ikone der sogenannten "Neuen Deutschen Welle" aufstieg. Was diese Info in der Einleitung einer Fußball-Analyse zu suchen hat? Nun, "Trio" wurden seinerzeit als "Meister des Minimalgroove" gefeiert. Ihre Musik war von geradezu provozierender Schlichtheit. Steh-Schlagzeuger, Gitarrist und ein Sänger, der ab und zu mal ein paar Akkorde auf einem Keyboard tastete, mehr war’s nicht. Doch ihre Melodien, die eigentlich nur Rhythmen waren, gingen einfach ins Ohr. Ihr Hit "Da da da" klingt heute noch nach.

Und als "Meister des Minimalgroove" haben sich auch die Roten Teufel in dieser Saison schon öfter präsentiert. Erinnert sei noch einmal an das 1:1 beim damaligen Tabellenführer Hamburger SV, als ihnen im Spielverlauf trotz lediglich 29 Prozent Ballbesitz genauso viele Torabschlüsse im Strafraum glückten wie den dominanten Gastgebern, nämlich neun. Gegen den KSC aber haben die Jungs von Trainer Dirk Schuster nun ihr minimalistisches Meisterstück vollbracht. Nur 30 Prozent Ballbesitz, nur sechs Tor-Aktionen innerhalb des Sechzehners, aber 2:0 gewonnen. Da da da.

Lass mich rein, lass mich raus: Schuster wechselt die Flügel

Die zweite Liedzeile des Evergreens mutet übrigens gerade in Bezug auf dieses Derby brandaktuell an: "Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht" - wurde das Verhältnis zwischen FCK- und KSC-Fans jemals treffender beschrieben?

Der ebenfalls recht bekannte Trio-Song "Anna" wiederum enthält die Aufforderung "Lass mich rein, lass mich raus". Diesem Motto getreu besetzte Dirk Schuster im zweiten Spiel dieser Englischen Woche seine Flügel neu. Daniel Hanslik und Philipp Hercher, die eingewechselten Matchwinner beim 3:2-Sieg in Bielefeld, durften von Beginn an ran, dafür kamen die Startelfstarter vom vergangenen Samstag, Kenny Redondo und Aaron Opoku, erst von der Bank - und entschieden die Partie. Dazu später mehr.

Für den diesmal gelbgesperrten Erik Durm kehrte der zuletzt gelbgesperrte Jean Zimmer zurück und übernahm die rechte Abwehrseite. Dominik Schad wechselte auf die linken Verteidigerposition, da der erkrankte Hendrick Zuck noch nicht genesen war.

Die Anfangsphase: Minimalismus monoton

Wo Minimalisten am Werk sind, wird’s aber auch oft monoton, und so startete auch diese Partie zunächst einmal wenig ereignisreich. KSC-Trainer Christian Eichner hatte seine Startelf nach der 1:4-Heimklatsche gegen Holstein Kiel auf vier Positionen umgestellt. Sein Vierer-Mittelfeld formierte er als Raute, und wie in unserem Gegner-Check vermutet, verdichteten die Gäste schon früh das Zentrum, um dem Gegner den ersten Aufbaupass aus der Abwehr zu erschweren. Die Lautrer reagierten darauf, indem sich der ballsichere Zehner Philipp Klement in die hintere Reihe zurückfallen ließ, um sich als Anspielstation anzubieten. Mehr als eine Kopfballchance durch Terrence Boyd gab’s in der Anfangsphase auf Seiten der Gastgeber aber nicht zu sehen, und die resultierte aus einem Eckball von Klement.

Die Badener schienen einen Tick besser im Spiel zu sein. Marvin Wanitzek prüfte Andreas Luthe zweimal, Stürmer Malik Batmaz vergab eine Riesengelegenheit, als ihm ein abgeblockter Distanzschuss seines Kapitäns Jerome Gondorf vor die Füße fiel.

Die plötzliche Brechung im Rhythmus: Boyd macht das 1:0

Meister des Minimalismus verstehen sich jedoch darin, ihre eingefahrenen Rhythmen in einem plötzlichen, unvorhergesehenen Moment zu brechen. Und so, wie sich in Trio-Konzerte damals mit "Energie" ein waschechter Calypso-Song in ihr NDW-Gedudel mischte, zelebrierte auch der FCK nach 34 Minuten völlig unvermittelt eine südländisch anmutende Aktion, die prompt die Führung bescherte.

Voraus ging ein mit überlegtem Passspiel vorbereiteter Flankenwechsel, den der abermals zurückgeeilte Klement mit einem Diagonalball auf Zimmer einleitete. Der steckte auf Hercher durch. Der wiederum flankte gar nicht mal überragend in die Mitte. Marlon Ritter nahm den Ball elegant mit der Hacke an, legte ihn sich mit Auge Richtung Grundlinie vor, flankte flach in die Mitte, wo Boyd abstaubte. 1:0.

"Schnell gesehen, schnell geschossen, gute Aktion", heißt es bei Trio in dem Song "Los Paul", der übrigens auf den ehemaligen Bayern-Spieler Paul Breitner anspielt.

Luthe stark - und viele frühe Wechsel in Hälfte zwei

Wanitzek bot sich noch vor der Pause die Chance zum Ausgleich, als er eine Gondorf-Flanke aufs Tor köpfte, Luthe diese aber mit langen Fingern über die Latte lenkte. Im weiteren Verlaufs des Spiel glänzte der Schlussmann vor allem als souveräner Abfischer von hohen Flankenbällen. Nicht von ungefähr taucht er in den datenbasierten Auswertungen von "Sofascore" und "Whoscored" heute als bester FCK-Spieler auf - womit nebenbei auch die subjektive Sicht von Fans und Journalisten in der DBB-Spielerbenotung bestätigt wird.

Die zweite Hälfte war von frühen Wechseln geprägt. Christian Eichners Absicht dürfte gewesen sein, das dominante, aber fruchtlose KSC-Angriffsspiel mit frischen Ideen zu belebe. Bei Dirk Schuster dürfte in der Mitte der Englischen Woche eher das Haushalten mit menschlichen Ressourcen die Hauptrolle gespielt haben.

Wobei manchmal auch beides zusammenkommt: Nachdem der KSC-Trainer zur Pause Paul Nebel gebracht hatte, schickte sein Kollege nach 54 Minuten Hikmet Ciftci für Julian Niehues auf den Platz. Zweitgenannter hatte sich verletzt und humpelte raus, aber auch aus taktischen Gründen dachte Schuster vermutlich, dass Ciftci mit dem kurzgewachsenen, säbelbeinigen Nebel am Boden besser zurechtkommen würde als der schlaksige Niehues. Das kam auch ungefähr hin.

Der KSC hat den Ball - und der FCK kann nicht umschalten

Und nach nur einer Stunde kamen bereits Tyger Lobinger und Kenny Redondo für Klement und Boyd. Damit war die Schuster-Elf nun ihres besten Torschützen und ihres besten Passspielers beraubt. Was sich vor allem darin niederschlug, dass etliche Umschaltgelegenheiten schon früh stockten, was die Nerven des FCK-Anhangs unter den knapp 44.000 Zuschauer strapazierte. Zur Ehrenrettung der beiden Neuen aber muss gesagt werden: Sie rackerten fleißiger gegen den Ball als ihre Vorgänger.

Die Karlsruher schraubten ihren Ballbesitzanteil nun auf 73 Prozent hoch. Dass sie und ihr Fantross angesichts dieser augenscheinlichen Überlegenheit es hinterher nicht fassen mochten, nunmehr auch das sechste Pflichtspiel in Folge verloren zu haben, mag menschlich verständlich sein. Aus nüchtern analytischer Sicht muss jedoch festgehalten werden: Trotz ihrer Dominanz verzeichneten die Gäste in der zweiten Hälfte nur drei Toraktionen innerhalb des Strafraums, die Gastgeber, trotz ihrer wahrlich nicht berauschenden Umschaltspiels, derer immerhin vier (Quelle: sofascore).

Trotz optischer Unterlegenheit: Der FCK-Sieg hat Gründe

Und dass Distanzschüsse gegen eine geordnete Abwehrreihe fast durchweg abgeblockt werden, sollte keinesfalls zu der Phrase verleiten: "Mit ein bisschen Glück könnte so einer doch auch mal durchgehen." Die Badener hatten ein solches Glück bereits in der ersten Hälfte, als ein Abpraller bei Korkmaz landete. Dass aus solchen Versuchen gar nichts wird, ist nun einmal viel wahrscheinlicher - und auch statistisch belegbar.

Und trotz ihres bescheidenen Ballbesitzanteils spulten die Männer in Rot mehr Kilometer ab als die Gäste - 115,2 Kilometer Laufleistung markieren endlich auch mal in einem Heimspiel ein ordentliches Ergebnis, die Karlsruher liefen lediglich 112,9 Kilometer. Dazu zogen die Betze-Buben mehr Sprints an: 188 gegenüber 176 der Gegner. Zudem gewannen sie mehr Zweikämpfe: 91:70 weist die Statistik aus, als besten Zweikämpfer ist übrigens Zimmer aufgeführt. Da hilft das Eckballverhältnis von 8:2 zugunsten des KSC gar nichts (Quelle: bundesliga.de)

Will sagen: Ob es ein "verdienter" oder "unverdienter" Derby-Sieg des FCK war, darüber sollen andere schwadronieren. Erklärbar ist er auf jeden Fall, auch oder gerade wegen der minimalistischen Lautrer Darbietung. Fehlt noch das Happy End aus FCK-Sicht.

Redondo setzt den Schlusspunkt - und wie

"Soso, du denkst, es ist zu spät, aha. Und du meinst, dass nichts mehr geht, aha", singen Trio in "Da da da." Sollten die Karlsruher das auch gedacht haben, wurden sie kurz vor Schluss noch eines Besseren belehrt.

In der 83. Minute kamen Aaron Opoku und Mike Wunderlich für Hercher und Hanslik. Und schon präsentierte sich das 4-2-3-1 der Gastgeber wieder klarer strukturiert. Wunderlich übernahm die Zehnerrolle, Redondo und Opoku bildeten die Flügelzange. Noch in der gleichen Minute eröffnete sich für Redondo und Lobinger eine erste Riesenchance, die vom eingewechselten Sebastian Jung aber auf der Linie geklärt werden konnte.

In der 88. Minute dann nach etlichen erfolglosen Versuchen endlich die Umschaltaktion fürs Lehrbuch: Kopfballabwehr am eigenen Strafraum, Ritter marschiert durchs zentrale Mittelfeld, passt nach rechts auf Opoku, der startet bis fast zur Grundlinie durch, flankt flach, Redondo erwischt den Ball am langen Pfosten, 2:0. Die Entscheidung.

Womit uns nur noch bleibt, den Karlsruher einen Liedvers aus der späteren Solokarriere von Trio-Sänger Stephan Remmler hinterherzusingen: "Einer ist immer der Loser, einer muss immer verlieren ..."

Lautern auch nach xGoals vorne

Zu den üblichen Visualisierungen. Mit 2,0 : 1,52 sieht Sander Ijtsma den FCK auch nach xGoals vorne, "bundesliga.de" hat 1,9 : 1,38 errechnet. Auch das an die Adresse aller, die glauben, 70 Prozent Ballbesitz insgesamt machen den KSC zu einem unglücklichen Verlierer.

xG-Dynamik FCK-KSC

Die Positions- und Passgrafik: in der Tat minimalistisch. Der arme Hercher hängt vollkommen in der Luft, dabei hat er doch den Führungstreffer mit vorbereitet. Bitte dran denken: Passlinien werden erst ab drei Zuspielen eingezeichnet. Der Steckpass von Zimmer auf Hercher findet daher keinen Niederschlag.


Passmap FCK

Zum Vergleich die Positions- und Passgrafik des KSC: ganz schön linklastig.


Passmap KSC

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2022/23: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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