Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-SVD

Die DBB-Analyse: Wie bei Kalli, nur ohne Krönung

Die DBB-Analyse: Wie bei Kalli, nur ohne Krönung


Zwei-Tore-Rückstand gedreht und doch nicht gewonnen: Erneut bietet der 1. FC Kais­ers­lautern zuhause Hochspannungs-Entertainment ohne Happy End. Einiges lief beim 3:3 gegen Darm­stadt 98 aber auch anders als beim 4:4 gegen Magdeburg.

Ja, es war wieder ein irres Spiel. Und, ja, auch diese Analyse könnte mit der Frage beginnen, ob man sich nun freuen oder ärgern soll. Das schenken wir uns diesmal, fahren die Emotionen, so schwer es fällt, auch generell hinunter und stellen knochentrocken fest: In der ersten Hälfte präsentierte sich der FCK endlich mal wieder so konzentriert wie seit dem Heimspiel gegen Paderborn nicht mehr. Denn das ging bekanntlich zwar 0:1 verloren, doch gab es an der Leistung des Aufsteigers aus der Pfalz seinerzeit kaum was zu meckern. Die Roten Teufel begegneten dem spielerisch überlegenen Gegner mit probaten Mitteln und waren damit über 90 Minuten konsequent bei der Sache - außer in den zwei Szenen, die zu einem Platzverweis und zum Gegentreffer führten.

Anschließend beim 3:1 in Fürth, beim 4:4 zuhause gegen Magdeburg und zuletzt beim 0:0 in Sandhausen agierten die Schuster-Jungen vor allem in den ersten 45 Minuten immer wieder fahrig: Verloren im Spiel gegen den Ball die zuvor zurecht so gelobte Ordnung, verpennten gute Pressingmomente oder spielten nach Balleroberungen nicht präzise genug nach vorne. Fünf Punkte sprangen aus diesen drei Partien zwar dennoch raus, doch von denen sollte man sich nicht blenden lassen.

Schon mal gut: Die Konzentration der ersten Saisonspiele war zurück

Gegen Darmstadt 98 war davon nichts mehr zu sehen. Die Männer in Rot erwarteten den Gegner, formierten sich im 4-2-3-1 wieder so geschlossen wie zu Saisonbeginn. Verhielten sich bei gegnerischem Ballbesitz abwartend, pressten nur situativ weiter vorne und wirkten dabei stets voll konzentriert.

So bekamen sie das Spiel im Griff, brannten zwar kein Chancen-Feuerwerk ab, aber was sie vor dem Lilien-Tor zustande brachten, sah gut aus. Marlon Ritter etwa hatte bereits nach drei Minuten eine erste Einschussgelegenheit. Toll freigespielt von Jean Zimmer und Philipp Hercher, drang er halbrechts in den Strafraum ein. Und wie Jason Ceka vor seinem 4:4-Ausgleich für Magdeburg vor zwei Wochen, tanzte Ritter seinen Gegenspieler aus und zog mit links ab, scheiterte aber an 98-Keeper Marcel Schuhen, so, wie Ceka an Andreas Luthe gescheitert war. Der Unterschied zur Szene vor zwei Wochen: Dieser Abpraller wurde nicht ins Netz retourniert, weder von einem eigenen noch von einem fremden Spieler.

Noch bemerkenswerter aber war die Vorgeschichte dieser ersten Torszene: Der Ball war zuvor im Kurzpassverfahren über neun (!) Stationen gelaufen. Die Lautrer können also auch das. Und sollten sich daher nicht einreden oder einreden lassen, sie könnten nur schnelles Umschaltspiel.

Na, da schau her: Der FCK produziert Szenen fürs Lehrbuch

Nach 24 Minuten produzierten sie ein weiteres Mal Lehrbuchmaterial, demonstrierten - halt nur beinahe - in Perfektion, wie "Langer Ball - Zweiter Ball - Angriff" vorgetragen wird. Keeper Luthe drosch das Leder aus der eigenen Hälfte vor den Strafraum des Gegners, Terrence Boyd legte mit dem Rücken zum Kasten auf Philipp Klement ab, der passte mit messerscharfer Präzision in den Lauf des mit perfektem Timing gestarteten Hercher - und der scheiterte an Schuhen.

Zwei Szenen, die einen Treffer verdient gehabt hätten. Während die Lilien zunächst nicht viel entgegenzusetzen hatten. Erst allmählich offenbarte sich, dass die Kanten in der FCK-Abwehr, wenn sie vor Eins-gegen-Eins-Duellen nicht ausreichend gesichert wurden, durchaus Probleme bekamen gegen die wendigen, schnellen Braydon Manu und Marvin Mehlem.

Ritter zurück in seiner alten, Klement in der Wunderlich-Rolle

Haben wir eben schon Klement und Ritter genannt? Da muss noch was ergänzt werden. Den einen hatte Dirk Schuster in seine alte Rolle zurückbeordert. Nach seinem unglücklichen Ausflug auf den linken Flügel in Sandhausen durfte Ritter wieder das spielen, was ihn in Lautern stark gemacht hat: Zweiter Sechser mit der Lizenz zum permanenten Vorwärtsmarsch.

Klement übernahm die Zehner-Rolle von Mike Wunderlich, der diesmal zunächst nur auf der Bank saß. Schuster vervollständigte das zentrale Mittelfeld lieber mit einem robusten Sechser. Nachvollziehbare Entscheidung. Und gar nicht so überraschend, wenn man die letzten Spiele verfolgt hat, in denen ein Feintechniker-Trio mit Wunderlich, Ritter und Klement nicht so recht zusammenfand.

Was die reine Ballfertigkeit angeht, steht Klement Wunderlich auch kaum nach. Allerdings: Wenn es gilt, den Rückwärtsgang reinzuhauen, zögert der Last-Minute-Neuzugang aus Stuttgart zu oft, und der ihm am nächsten postierte Gegenspieler ist ihm schon drei, vier Schritte voraus, bis er reagiert. Diese Schwäche ist Klement im Lauf seiner Karriere wohl schon öfter angekreidet worden. Ob er sie mit nunmehr 29 Lenzen auf dem Buckel noch abzulegen vermag? Unmöglich ist das nicht.

Dann aber doch: Die Lilien gehen in Führung, Zimmer hat gepatzt

Zurück zum Spiel. 45 starke Minuten, aber dann doch der Rückschlag, und das noch vor dem Halbzeitpfiff. Und es patzte: ausgerechnet der Kapitän. Zimmer versucht, einen nicht gerade scharf getretenen Diagonalball mit der Brust in die Arme seines Keepers zu lenken. Im sei "Zeit" signalisiert worden, erklärte der Unglücksrabe später, aber die hatte er nicht. Darmstadts linker Außenbahnspieler Fabian Holland spritzt dazwischen, kommt vor Luthe an den Ball, der erwischt bei seinem Rettungsversuch nur den Gegenspieler. Klarer Elfer. Lilien-Routinier Tobias Kempe vollstreckt.

So war Coach Schuster nun doch angehalten, in der Pause Änderungen im Spiel der Seinen vorzunehmen. Ohne den vermeidbaren Rückstand hätte es dafür kaum einen Anlass gegeben. Der Trainer entschied sich für einen Doppelwechsel. Für Erik Durm und Daniel Hanslik kamen Hendrick Zuck und Kenny Redondo.

Komplettaustausch der linken Seite: Zunächst mal schwer verständlich

Komplettaustausch der linken Seite also. Das überraschte ein wenig, denn die hatte sich nicht wirklich schlecht dargestellt. Es war vielmehr so, dass Darmstadt über die rechte Seite viel stärker war. Schienenspieler Matthias Bader setzte sich viel stärker in Szene als sein Gegenüber Holland, der bis zu der Elfmeterszene offensiv kaum in Erscheinung trat. Hinter ihm sicherte Pascal Pfeifer als rechter Innenverteidiger souverän, zudem bevorzugte der zweite Stürmer in Torsten Lieberknechts 3-5-2, der flinke Manu, ebenfalls den rechten Flügel. Da hatten Durm und Hanslik Schwerstarbeit zu leisten, weswegen ihnen nach vorne nicht viel gelungen war.

Das wurde auch mit Zuck und Redondo nicht besser - zunächst. Erst einmal setzte es einen weiteren Schlag in die Magengrube. Philipp Tietz erzielte den zweiten Treffer für die Gäste. Manu hatte ihn freigespielt, und anschließend hatte der Mittelstürmer zentral vorm Sechzehner viel zu viel Zeit und zu viel Platz, um Maß zu nehmen. So wie vor zwei Wochen schon Moritz Kwarteng, als er das zwischenzeitliche 3:1 für Magdeburg erzielte.

Was passiert, wenn das 1:2 fällt? Lieberknecht weiß es nur zu gut

Eine Viertelstunde lang sah es nun so aus, als wäre die Partie gelaufen. Lautern bekam keinerlei Zugriff mehr, die Lilien ließen die Teufel förmlich hinterm Ball herrennen. Aber: "Vielleicht haben wir da den Ballbesitz übertrieben und versucht, das 2:0 runterzuspielen", bilanzierte Darmstadts Coach Lieberknecht hinterher. "Doch da hätten wir nachsetzen und auf das 3:0 gehen müssen. Denn wenn das 1:2 fällt, dann kommt nicht nur Dirks Mannschaft zurück, sondern das ganze Stadion. Und als Pfälzer weiß ich nur zu gut, wie das ist."

Tatsächlich. Ein erster Kopfballversuch Boyds und ein wegen Abseits zurecht nicht gegebenen Treffer setzten ersten Signale. Dann war es soweit. Redondo verwertete eine Flanke aus dem sogenannten Halbfeld - die gelten eigentlich als wenig erfolgversprechend - von Tomiak per Kopf. Zehn Minuten, nachdem Schuster weitere Wechsel und eine vielleicht abermals entscheidende Weichenstellung vorgenommen hatte. Wunderlich und Robin Bormuth kamen für Niehues und Zimmer, und die Elf ordnete sich in ein 3-4-1-2. Genau so hatte es Schuster vor zwei Wochen nach dem 1:3-Rückstand gegen Magdeburg gemacht.

Diesmal wieder - und wieder ging die Post ab.

Wieder was fürs Lehrbuch: Umschalten mit Terrence und Marlon

Nur drei Minuten nach dem Anschlusstreffer durften die 38.380 Zuschauer ausflippen. Bader attackierte den eigentlich vom Tor weglaufenden Zuck unnötig und vielleicht von der Kulisse beeindruckt - Schiri Marco Fritz pfiff. Erneut Elfmeter, erneut zurecht. Wunderlich verwandelte.

Jetzt brannte die Luft. Und in Minute 82 trat der Betzenberg zwei Wochen nach dem letzten "Zurück in die Zukunft" erneut die Zeitreise an. Erst gab's wieder was für Lehrbuch, Thema diesmal: Umschaltspiel. Ballgewinn, vorne nimmt Boyd das Leder, der sich auch in dieser Partie unermüdlich auf der gesamten Spielfeldbreite anbot. Boyd setzt den aus aus der eigenen Hälfte durchstartenden Ritter ein, dessen Flankenlauf begleitet Redondo in der Mitte. Die Flanke kommt im richtigen Moment und mit höchster Genauigkeit, und der Deutsch-Spanier ist abermals mit dem Kopf zur Stelle.

3:2!

Kaiserslautern ist zurück in den Neunzigern, ohne DeLorean, aber mit Dirk. Zurück in der Kalli-Feldkamp-Zeit, als 3:2-Siege nach 0:2-Rückständen den "Betze" zwar regelmäßig zum Überkochen brachten, irgendwann aber auch keine besonderen Vorkommnisse waren.

Jetzt heißt es: Fehler abstellen, Konzentration weiter hochhalten

Doch wie schon gegen Magdeburg blieb der emotionalen Achterbahnfahrt das Happy End auch diesmal verwehrt. Der eingewechselte Aaron Seydel durfte einen langen Ball an der Strafraumgrenze handwerklich sauber annehmen und per Drehschuss verwerten. Gegen Magdeburg war's einfach nur Pech, weil Eigentor, weil nicht geahndetes Foul zuvor. Diesmal muss gefragt werden: Wie konnte das sein? Wenn doch mit Tomiak, Kraus und Bormuth drei Innenverteidiger auf dem Platz stehen, die ausgebildet sind, solche Flugbälle abzuräumen? Und mit Lars Bünning kurz zuvor noch ein vierter dazu gekommen war?

In der Wiederholung zeigt sich: Bünning war vor Seydel platziert - und der, der den Ball noch am ehesten vor Seydel hätte erwischen können. "Das erste Tor geschenkt, beim zweiten nicht nach vorne verteidigt, beim dritten das Kopfballduell nicht richtig angenommen - jeder Fehler wird bestraft, das ist Zweite Liga" - so kommentierte Dirk Schuster die drei Gegentreffer hinterher.

Der FCK darf aber auch positive Erkenntnisse aus dem Spiel mitnehmen. Zum Beispiel die, dass der Kasten auch sauber bleiben kann, wenn die Konzentration so hoch gehalten wird wie in der erste Hälfte minus Nachspielzeit. Und dass die Umstellung von 4-2-3-1 auf 3-4-1-2 nun schon zum zweiten Mal eine entscheidende Wende zum Besseren herbeiführte.

Ob sich deswegen aber anbietet, die Grundordnung dauerhaft umzustellen? Nächsten Sonntag in Heidenheim wohl eher nicht, wie unser Gegner-Check zeigen wird.

Schön anzuschauen: die Passgrafiken. Und zwar von beiden Teams

Zu den xG-Plots. 2.27 : 1.71 nach xGoals hat Sander Ijtsma ausgerechnet, "Wyscout" ebenso, "bundesliga.de" kommt auf 2.99 : 1.33 für Lautern. Lässt sich mit subjektiven Fußball-Erlebnis nur schwer in Einklang bringen. So überlegen war der FCK nicht, außerdem hätte sich, wenn man die hohen Bewertungen der Elfmeter abzieht, demnach vor den Toren kaum was abgespielt.

xG-Plot FCK-Darmstadt

Die Positions- und Passgrafik. Ist das nicht schön anzuschauen, so ein schönes, gleichmäßig verteiltes Passspiel. Da Zehner Klement sich gerne mal fallen lässt und Sechser/Achter Ritter ständig am Marschieren ist, könnte man die Grundordnung auch als 4-1-4-1 interpretieren.

Passmap FCK

Zum Vergleich die Positions- und Passgrafik der Gäste: Auch die sieht gut aus. Starkes Zentrum, bei Manu wären eigentlich die Dreiecke links und rechts zu erwarten, mit der normaler Weise die Beweglichkeit eines Spielers gekennzeichnet wird. Dass Holland Manu so oft erfolgreich angespielt hat, ist uns, ehrlich gesagt, nicht aufgefallen.

Passmap Darmstadt

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2022/23: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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