Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-FCH

xG-Analyse: Die Konzentration stimmt, die Balance nicht

xG-Analyse: Die Konzentration stimmt, die Balance nicht

Foto: Eibner-Pressefoto / Alexander Neis

Wieder kein Sieg, wieder 0:0: Gegen Tabellenführer Hansa Rostock strapaziert das Team des 1. FC Kaiserslautern erneut die Nerven seines Anhangs. An der Defensivleistung gibt es nicht viel zu meckern, vorne aber fehlt es an Abstimmung - und das nach 8. Spieltagen.

Ja, ein Happy End war möglich. Spätestens in der 75. Minute hätte es sich anbahnen können, als Marlon Ritter aus dem Zentrum flach und vertikal auf den durchstartenden Marvin Pourié passte. Der Ball aber war einen Tick zu lasch gespielt, landete nicht optimal in Pouriés Laufweg. So musste der Stürmer ihn erst annehmen, noch einen Haken an einem Gegenspieler vorbei schlagen, anschließend war der Einschusswinkel nur noch ungünstig, so dass Hansa-Keeper Markus Kolke keine Probleme damit hatte.

Schade. So konzentriert, wie der FCK bis dahin gegen den Ball agiert hatte, wäre eine 1:0-Führung in der Schlussviertelstunde wohl über die Zeit zu bringen gewesen. Und es wäre wohl kaum zu der Kontersituation gekommen, die der eingewechselte Marius Kleinsorge nur durch ein Foul zu stoppen vermochte und folgerichtig Rot sah.

Keine Torchance war wirklich herausgearbeitet

Allerdings: Es wäre ein Sieg auf eine Art gewesen, wie sie dem FCK in den vergangenen Jahren immer wieder Niederlagen beschert hat: Durch ein Tor, das weder herausgespielt noch Resultat einer organisierten Balleroberung noch aus einer Standardsituation heraus entstand - sondern in Folge eines groben individuellen Fehlers. Und für den zeichnete auf Hansa-Seite ein Mann verantwortlich, der auch schon im Lautern-Trikot mehr als nur einen Bock geschossen hat: Jan Löhmannsröben hatte Ritter völlig unbedrängt den Ball am Mittelkreis in den Fuß gespielt.

Auch die andere Szene, die Lautern ums Haar eine Führung beschert hätte, war ein Zufallsprodukt: In Minute 62 klatschte eine Linksflanke von Kenny Prince Redondo zur Überraschung aller an den langen Pfosten. Aus der ersten Hälfte ist lediglich noch ein Geschoss von Pourié erwähnenswert, abgegeben von der Strafraumgrenze. Pourié hatte eine Balleroberung Redondos ins Spiel gebracht, die leicht grenzwertig war, aber immerhin: das Resultat eines aufmerksamen, forschen Pressings in der gegnerischen Hälfte.

Ein xG-Gesamtwert von 0.67: Tiefer geht's kaum

Die kurze Rekapitulation der drei besten Lautrer Torchancen zeigt: Mit organisiertem Offenivspiel hatte der FCK in dieser Partie nicht viel am Hut. Das spiegelt sich auch in der Fieberkurve der "expected Goals (xG)" wider. Da Zufallsprodukte kaum "erwartbare" Einschussgelegenheiten generieren, die sich statistisch bewerten lassen, verursachen diese auch keine sonderlichen Ausschläge.

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Ein Endergebnis von 0.67 - das ist absoluter Tiefstwert für diese Saison. Wir erinnern uns: Bereits ein einziger Elfmeter wird mit 0.75, also mit 75 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit bewertet. Andererseits: Hansa verzeichnet nur einen Wert von 0.4. Das spricht ohne Frage für Lauterns Defensivarbeit: In den sieben Spielen zuvor hatten die Rostocker immerhin schon 14 Treffer erzielt.

Trainer Jeff Saibene hatte diesmal eine 4-2-3-1 als Grundordnung gewählt, die sich gegen den Ball zu einem 4-4-2 formierte. Ritter übernahm dabei die Rolle des Zehners beziehungsweise der zweiten Spitze. Hikmet Ciftci bildete mit Tim Rieder eine "Doppelsechs" der alten Schule. Die beiden suchten das schnelle vertikale Spiel in die Spitze, wann immer es sich aus ihrer Sicht anbot. Doch wenn Pourié oder Ritter dann tatsächlich mal einen langen Ball annahmen, fehlte es an Nachrückern, auf die sie hätten auf- oder ablegen können.

Die Positions- und Passgrafik spiegelt dies allerdings nur unzureichend wider.

xG-Plot

Jeff Saibene hatte bei seinem Amtsantritt angekündigt, dass er bei Angriffen mehrere Spieler in den gegnerischen Strafraum einrücken sollen. Janik Bachmann etwa hatte in Wiesbaden und gegen Mannheim auch schon vorgemacht, wie das aussehen könnte, diesmal aber pendelte kaum mal ein zentraler Mittelfeldspieler vorne ein. Lediglich Redondo leistete Pourié im Strafraum gelegentlich Gesellschaft, kam in der Anfangsphase sogar zu zwei halbgaren Kopfballchancen.

Hanslik zaghaft, Zuck "seitenverkehrter" Flügel mit starker Szene

Auffällig ist erneut die tiefe durchschnittliche Ballannahmeposition Daniel Hansliks, der auch sonst unauffällig blieb. Normaler Weise läuft ein Stürmer, der zum Flügelspieler umfunktioniert wird, Gefahr, dass er seine neue Rolle zu offensiv interpretiert. Bei Hanslik scheint es umgekehrt zu sein: Er agiert auf dieser Position eher zu zaghaft. Dabei hat er nach seiner Einwechslung im Derby gegen Mannheim gezeigt, dass er auch forsch kann. Da war er allerdings als Spitze ins Spiel gekommen.

Gegen Rostock kam nach einer Stunde Hendrick Zuck für Hanslik, der bis zu Kleinsorges Einwechslung 15 Minuten später die rechte Seite besetzte, als Linksfuß im Grunde also "seitenverkehrt" agierte. Das kommt einem Spielertypen wie ihm entgehen, denn es erlaubt ihm, mit dem starken Fuß innen in den Zehnerraum ziehen zu können und von dort in die Spitze zu passen. So gelang ihm auch ein beinahe erfolgreiches vertikales Zuspiel auf den in den Strafraum einlaufenden Pourié, aber eben nur beinahe.

Um dieses Spiel zu kultivieren, bräuchte es einen energisch an der Außenlinie durchstartenden Verteidiger wie Dominik Schad, der dafür sorgt, dass die Breite im Spiel erhalten bleibt. Schad fällt nach seinem Wadenbeinbruch allerdings noch Monate aus. Doch auch Philipp Hercher kann in der Offensive mehr, als er gegen Rostock zeigte.

Der Vollständigkeit halber hier noch die Positions- und Passgrafik der Rostocker. Auffällig, wie schön gleichmäßig die Hanseaten ihre Flügel bespielen.

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Fazit: Es hilft nicht viel, darauf zu verweisen, dass dieses Spiel eine deutliche Leistungssteigerung gegenüber dem vorangegangenen in Meppen brachte. Wär diese Mannschaft gegen Rostock genauso fahrig aufgetreten wie bei diesem 2:3, hätte man sie vom Spielbetrieb abmelden können. Wenn, dann muss diese Partie im Gesamtkontext der nunmehr sechs Auftritte unter Jeff Saibene betrachtet werden, und in diesem sollte das Meppen-Spiel gnädiger Weise als negativer Ausreißer abgehakt werden.

Und da ist zu sagen: Gegen den Ball machte der FCK gegen Rostock sein bislang bestes Saisonspiel. Unterm Strich aber ist das 1:1 gegen Ingolstadt vor zwei Wochen dennoch höher zu bewerten, da dem FCK da mehr Aktionen nach vorne glückten. Es kommt eben auf die richtige Balance zwischen Offensive und Defensive an. Und die auszutarieren, ist schwer für einen Trainer, der sein Amt erst nach dem zweiten Spieltag übernommen hat und dem ein dicht gedrängter Terminplan kaum Zeit fürs Einstudieren spezieller Abläufe lässt.

Eines sollte der FCK aus dieser Partie auf jeden Fall mitnehmen: Die wunderschönen bordeauxroten Trikots, die die Elf anlässlich des 100. Geburtstags von Fritz Walter trug. Die sind einfach zu schade, um gleich wieder eingemottet zu werden.

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Kohlmeyer

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