Spielbericht: 1. FC Kaiserslautern - 1. FC Nürnberg 8:7 n.E.

Mehr als ein Lebenszeichen

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Der FCK verwandelt im DFB-Pokal gegen Nürnberg insgesamt neun Elfmeter und steht nach einem am Ende dramatischen Spiel im Achtelfinale. Fast noch wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass das Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans vielleicht doch noch gekittet werden kann.

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"Oooh Rot-Weiß-Rot - wir saufen bis zum Tod. Wir holen den DFB-Pokal und wir werden Deutscher Meister / wir scheißen auf den Meister!" Nach vielen Wochen, in denen die Anhänger des 1. FC Kaiserslautern kaum noch wussten, ob sie dem sportlichen Treiben ihres Lieblingsklubs mit Protest, Desinteresse, Galgenhumor oder bösen Beschimpfungen begegnen sollten, herrscht am Mittwochabend beim DFB-Pokal-Spiel der zweiten Runde gegen den 1. FC Nürnberg im Fritz-Walter-Stadion tatsächlich mal wieder eine gute Portion Betze-Atmosphäre. 

120 immer packender werdende Minuten, drei geschossene und verwandelte Foulelfmeter im Spiel (alle von Timmy Thiele, einer davon wurde vom Schiri zurückgepfiffen), zwölf Versuche im Elfmeterschießen und zwei irre Situationen rund um die beiden Torhüter haben die immerhin 21.714 Zuschauer gesehen, ehe sie mit voller Inbrunst einen der größten Klassiker im Repertoire der Lautrer Fangesänge anstimmen dürfen. Nach der Sensation zum Auftakt gegen den ungeliebten rheinland-pfälzischen Rivalen Mainz 05 kegeln die Roten Teufel auch den Zweitligisten aus Franken mit 8:7 nach Elfmeterschießen aus dem Cup und freuen sich am Sonntag auf die Auslosung des Achtelfinales.

Graffiti-Banner, Wunderkerzen und eine ordentliche Pokal-Stimmung

Dass das Verhältnis zwischen den treuesten Fans und der zuletzt so arg enttäuschenden Mannschaft nicht völlig zerrüttet ist, zeigt sich schon vor dem Anpfiff der Begegnung zwischen den beiden Altmeistern, die im DFB-Pokal tatsächlich zum allerersten Mal in ihrer langen Geschichte die Klingen kreuzen. Mit einem 80 Meter breiten Banner und der Aufschrift "1. Fußball Club Kaiserslautern" sowie tausenden Wunderkerzen sorgt die Westkurve zum Einlaufen der Teams trotz vieler freier Plätze für eine ordentliche Pokal-Atmosphäre und auch die rund 2.500 mitgereisten Clubberer zeigen einen ansprechenden Gäste-Support.

Mit einem "Wir unterstützen euch, aber wir wollen auch etwas sehen" ist die Stimmung in der Anfangsphase wohl ganz gut beschrieben. Insofern hätte die Partie kaum besser beginnen können als mit der Elfmeter-Entscheidung von Schiedsrichter Guido Winkmann, der nach einer Grätsche von Enrico Valentini gegen Florian Pick auf den Punkt zeigt. Timmy Thiele nimmt die Kugel vom zuletzt in Gonsenheim erfolgreichen Christian Kühlwetter und verwandelt sicher links unten zur frühen Führung für den FCK (8.). Nur sieben Minuten später steht es allerdings 1:1. Einmal mehr ist ein Freistoß der Ausgangspunkt für den Gegentreffer. Ein Lautrer köpft den anderen im eigenen Strafraum an, Lukas Jäger trifft aus kurzer Distanz für Nürnberg (15.).

Alles wieder offen, aber auch noch nichts verloren für die von Trainer Boris Schommers mit einer defensiven Fünferkette ins Match geschickten Roten Teufel. Mal kein Rückstand nach einer Viertelstunde - damit muss man als FCK-Fan in diesen Tagen ja schon zufrieden sein. Trotzdem bahnt sich das Murren zum Ende des ersten Durchgangs etwa bei Abspielfehlern im Umschaltspiel oder bei länger hinausgezögerten Spieleröffnungen von Grill einige Male seinen Weg. Immer wieder verharrt selbst das Stimmungszentrum hinter dem Tor für einige längere Momente komplett ohne Support.

"Becca, hau ab": Klare Botschaft der Ultras nach Luxemburg

Dort werden nach Wiederbeginn erstmal zwei Spruchbänder gezeigt, mit denen die Lautrer Ultragruppen, ihre Sicht auf die vereinspolitischen Vorgänge der letzten Tage und Wochen deutlich machen. "Unwahr und falsch ist, dass man euch diese Intrigen und Klüngeleien durchgehen lässt." "Richtig ist, dass de Buhr, Becca und seine Gefolgschaft abhauen sollen", heißt es in Anspielung an die jüngste vermeintliche Richtigstellung des Vereinsvorstands als Reaktion auf einen "Kicker"-Artikel zur nicht kommunizierten Neuwahl des KG-Aufsichtsrats. Noch weniger Platz für Interpretationen lässt das zweite Spruchband: Mit "Becca, hau ab", schicken die Ultras hier eine unmissverständliche Botschaft, die auch in Luxemburg zur Kenntnis genommen werden dürfte. Bei allem Mitfiebern an einem bis hierhin ordentlichen Pokal-Auftritt bergen die kommenden Wochen und vor allem die Mitgliederversammlung am 01. Dezember weiterhin reichlich Zündstoff.

Erfolge der Mannschaft könnten helfen, um zumindest etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen. Und tatsächlich reißen die Lautrer das Heft in den zweiten 45 Minuten immer mehr an sich. Die ganz klaren Chancen springen zwar nicht heraus, doch rund eine Viertelstunde vor Schluss zeigt Schiedsrichter Winkmann nach einem Foul an Schad erneut auf den Punkt. Wie im ersten Durchgang verwandelt Thiele zunächst sicher, muss dann aber ein zweites Mal ran, da der Referee den Strafstoß aufgrund von zu früh in den Strafraum laufenden Spielern wiederholen lässt. Aber sei’s drum. Thiele schießt auch seinen insgesamt dritten Versuch sicher ein und spätestens jetzt hat man bei so viel ungewohnter Nervenstärke das Gefühl, dass heute etwas gehen kann.

Grills unglaublicher Patzer sorgt für Fassungslosigkeit und Verlängerung

Bis kurz vor Anbruch der Nachspielzeit ist der FCK zwar defensiv gefordert, lässt angetrieben von den nun voll hinter dem Team stehenden Anhängern aber wenig zu. Auch in der 89. Minute fängt Grill einen Ball zunächst sicher ab. Was danach passiert, ist dann aber selbst für die Kummer gewohnten Lautrer Fans nur schwer zu begreifen. Ohne auf den hinter ihm stehenden Michael Frey zu achten, legt der Lautrer Keeper dem Stürmer den Ball vor die Füße. Frey sagt Danke und trifft ins leere Tor zum 2:2-Ausgleich. Fassungslosigkeit auf der FCK-Bank, Fassungslosigkeit auf den Tribünen. Grills Defensiv-Kollegen sind jedoch schnell da und versuchen den Youngster nach diesem unglaublichen Bock wieder aufzubauen. Es geht in die Verlängerung.

Dort ist auf Lauterns Nummer Eins wieder Verlass. Mehrfach hält Grill gegen die nun drückenden Nürnberger das Unentschieden fest, einmal sogar in einer 1:1-Situation gegen Nikola Dovedan. Obwohl die Gastgeber in dieser Phase nur selten für Entlastung sorgen können, rückt kurz vor dem Ende schließlich auch Grills Gegenüber Patric Klandt in den Mittelpunkt. Nach einer ebenfalls schon geklärten Situation kommt der Schlussmann im eigenen Strafraum unglücklich auf und kann mit Verdacht auf Achillessehnenriss nicht mehr weiterspielen. Da die Nürnberger ihr Kontingent inklusive vierter Auswechslung in der Verlängerung bereits erschöpft haben, muss mit Valentini für das Elfmeterschießen ein Feldspieler in den Kasten des FCN.

Lennart Grill - vom Depp zum Held in 30 Minuten

Dieses findet sehr zum Jubel der Lautrer Anhänger vor der Westkurve statt. Kevin Kraus macht den Anfang und verwandelt ebenso wie die folgenden Lucas Röser, Manfred Starke, Christian Kühlwetter, Christoph Hemlein und Andri Bjarnason. Grill wiederum ist beim ersten Nürnberger Versuch in der richtigen Ecke, muss diesen aber wie auch die vier nächsten passieren lassen. Die Westkurve macht bei den Elfmetern der Gäste mächtig Alarm, beim sechsten Versuch von Tim Handwerker spekuliert Grill wieder richtig und wehrt den Ball unter dem frenetischen Jubel der FCK-Fans ab. 8:7 nach Elfmeterschießen! Auf dem Betze brechen alle Dämme! Was für ein Spiel! 

Bei Trainer Schommers fließen nach dem Happy End sogar ein paar Tränen, als er in die Jubeltraube seiner Spieler eintaucht. Er widmet den Sieg seinem kleinen Sohn, der an diesem Tag zuhause seinen fünften Geburtstag feierte, aber auch der enorme Druck nach dem Sturz auf einen Abstiegsplatz in der Liga dürfte hier eine Rolle gespielt haben. Zum ersten Mal seit der Saison 2014/15 steht der FCK im DFB-Pokal wieder unter den letzten 16 und freut sich auf Zusatzeinnahmen in Höhe von wohl mehr als einer Million Euro - die kann der gebeutelte Klub fast genauso gut gebrauchen wie die Wiederannäherung der Mannschaft an die eigenen Fans.

Autor: Ingo

Weitere Links zum Thema:

- Stimmen zum Spiel | Pokalheld Grill: "Und dann dachte ich so: Fuck..." (Der Betze brennt)
- Blick in die Kurve | "Haut ab": Ultras kritisieren de Buhr und Becca (Der Betze brennt)

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