Gegner-Check
Gegner-Check F95: Fortuna sucht das Glück

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Anspruch und Wirklichkeit: Dreieinhalb Jahre war er am Niederrhein im Amt. Er genoss ein so hohes Ansehen, dass er auch in schwächeren Phasen unangetastet blieb. Und tatsächlich schaffte er es immer wieder, Mannschaft und Umfeld neu zu packen. Am 8. Spieltag dieser Saison aber war Schluss: Das 2:3 gegen den 1. FC Nürnberg war bereits die dritte Niederlage im vierten Heimspiel - und bedeutete das Aus für Daniel Thioune als Trainer von Fortuna Düsseldorf. Die Vorwürfe in der Stunde des Abschieds waren die üblichen: Es sei ihm nicht gelungen, aus den starken Individualisten im Kader ein Team zu formen, auch insgesamt wäre das spielerisch zu wenig, die Abläufe stimmten nicht, und wenn vorne mal Tore fielen, wurden die durch dumme Abwehrfehler direkt wieder egalisiert ... Als hätte der eben noch so hochgeschätzte Trainer sein Handwerk über Nacht verlernt. Fakt ist, dass die Fortuna im Sommer tragende Säulen verlor, die erst einmal ersetzt werden wollten. Mit Ísak Jóhannesson etwa den mutmaßlich besten Mittelfeldspieler der vergangenen Zweitliga-Saison, mit Jamil Siebert einen Innenverteidiger mit Potenzial zum Top-Spieler. Für die gab’s wenigstens gutes Geld. Der langjährige Kapitän André Hoffmann dagegen ging ablösefrei, Torjäger Dawid Kownacki war von Bremen nur ausgeliehen und hat jetzt einen Koffer in Berlin bei Zweitliga-Konkurrent Hertha. Außerdem gingen einige Spieler, die nicht unbedingt Leistungsträger waren, aber zum Stamm gehörten, etwa Vincent Vermeij, Jona Niemiec oder Nicolas Gavory. Den neu formierten Kader in die Spur bringen soll nun Markus Anfang, bis April dieses Jahres noch Trainer beim 1. FC Kaiserslautern. Mit Ilia Gruev steht ihm ein weiterer Ex-Lautrer zur Seite, der Bulgare assistierte einst Krassimir Balakov und Kosta Runjaic. Zum Auftakt kassierten die beiden mit einem 1:2 gegen Eintracht Braunschweig zunächst die vierte Heimniederlage, eine Woche später unterlagen sie nach einem späten Gegentreffer Hertha BSC mit 0:1. Allerdings wurden ihrem Team nach beiden Partien deutliche Leistungssteigerungen bescheinigt. Im Pokalspiel gegen den SC Freiburg am Mittwoch setzte sich die Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag gnadenlos fort: Durch einen Doppelschlag in der Anfangsphase gerieten die Fortunen früh in Rückstand, spielten dann stark auf, kamen sogar zum Anschlusstreffer - und mussten sich am Ende dem Erstligisten doch mit 1:3 geschlagen geben.
Die Neuen: Was Sportchef Klaus Allofs holte, um die Lücken zu schließen, die der Transfer-Sommer hinterließ, mutet eigentlich vielversprechend an. Nur mochte noch keine der Raketen bislang so richtig zünden, sieht man mal von Anouar El Azzouzi (24) ab, der aus dem niederländischen Zwolle geholt und direkt zum Denker und Lenker im Mittelfeld wurde. Cedric Itten (28), Sturmtank aus Basel, fügte sich mit drei Treffern an den ersten fünf Spieltagen gut ein, fiel aber vor zwei Wochen mit einer Beckenprellung aus. Gegen Freiburg kehrte er zurück, musste aber nach 21 Minuten schon wieder raus, nachdem er mit dem Kopf mit Freiburgs Matthias Ginter zusammengeprallt war. Der aus Amsterdams Ajax-Schule stammende Christian Rasmussen (22), der BVB-Spross Julian Hettwer (22) und der Stuttgarter Zögling Luca Raimund (20) sollen dem Düsseldorfer Spiel Flügel verleihen. Regelmäßig zum Einsatz kam bislang nur Rasmussen, Hettwer wurde von einem Meniskusanriss lahmgelegt. Der von Sporting Lissabon geliehene Sotiris Alexandropoulos (23) erlitt nach dem Braunschweig-Spiel einen Muskelbündelriss und fällt ebenfalls bis auf Weiteres aus. Ebenso der aus Hoffenheim geholte Christopher Lenz (31), der sich schon nach dem 2. Spieltag abmeldete. Direkt einen Stammplatz in der Innenverteidigung erobert hat sich der Norweger Jesper Daland (25), der kurz vor Transferschluss aus England kam. Der quirlige Florent Muslija (27), aus Freiburg mit Kaufoption ausgeliehen, soll Spielwitz einbringen - läuft so mittel. Tim Breithaupt (23), vergangene Rückrunde noch in Lautern, hat sich nun von Augsburg nach Düsseldorf verleihen lassen - in Karlsruhe seinerzeit waren seine "Kicker"-Noten besser. Zan Celar (26), Leihspieler mit Kaufoption aus England, verrichtet im Sturm bislang nur Kurzarbeit.
Die Formation: Anfang etabliert seit seinem Amtsantritt sein auch aus Kaiserslautern noch bekanntes 4-1-2-3. Als Grundordnung ist dies seinem Team nicht so ganz unbekannt, da Thioune zwischen mehreren Formationen variierte. Zu großen personellen Verschiebungen kam es bislang allerdings nicht, weil es wegen der vielen Verletzungen an Alternativen fehlt. Dass Anfang an der Position von Keeper Florian Kastenmeier (28) rütteln würde, war ohnehin nicht zu erwarten. Ein Engpass tut sich vor allem auf den Außenverteidiger-Positionen auf. Bei der 0:1-Niederlage in Berlin mussten sowohl Matthias Zimmermann (33) (rechts) als auch Kenneth Schmidt (23) (links) verletzt raus, wurden zum Freiburg-Spiel aber wieder fit. Zimmermann jedoch verletzte sich erneut, musste sogar vom Platz getragen werden. Für ihn kam Moritz Heyer (30), der ihn womöglich auch gegen Lautern ersetzt. Weiterhin gesetzt sein dürfte Tim Oberdorf (29) als Innenverteidiger neben Daland. Auf der Sechs wird wohl wieder Breithaupt auflaufen, für die vorderen zentralen Mittelfeldpositionen El Azzouzi und Shinta Appelkamp (24) erste Wahl. Alternativ Muslija, sofern der nicht am Flügel zum Einsatz kommt. Denn in der Offensive bieten sich Anfang die meisten Variationsmöglichkeiten. Für die Positionen rechts und links stehen Rasmussen, Raimund und Emmanuel Iyoha (28) bereit. Fällt Itten wieder aus, dürfte ihn Danny Schmidt (22) in der Sturmmitte vertreten. Kann der Schweizer auflaufen, wäre auch Schmidt ein Kandidat für die Flügel.
Zahlenspiele: Okay, sie haben vier von fünf Heimspielen verloren. Mehr Negativtrend geht kaum. Und doch wäre es absolut unsinnig, den FCK deswegen aufs Favoritenschild zu heben. Wie es überhaupt wenig Sinn ergibt, nach dem Trainerwechsel Statistiken heranzuziehen, in die Zahlen aus der Zeit vor dem Trainerwechsel einfließen. Drum seien hier ein paar Daten angeführt, die zeigen, wie stark die Düsseldorfer am Mittwoch dem Bundesligisten aus Freiburg trotz der 1:3-Niederlage Paroli boten. Sie erspielten sich über 60 Prozent Ballbesitz und ein Eckballverhältnis von 8:3. 82 Prozent ihrer Pässe fanden den Mitspieler, zudem gewannen sie 54 Prozent ihrer Luftzweikämpfe. Wir wollen sie aber auch nicht zu stark reden: Dass die Flügelverteidigung lahmt, war auch im dritten Spiel unter Anfang zu erkennen. Der erste Freiburger Treffer wurde über links, der zweite über rechts eingeleitet. Erwähnenswert sind noch zwei Einzelschicksale. Keiner blockt so viele Torschüsse ab wie Innenverteidiger Oberdorf, und beim Abfangen von Bällen ist er der fünftbeste der Liga, sagen die "Wyscout"-Statistiken. Kastenmeier hält die zweitmeisten Bälle in der Liga - hinter einem gewissen Julian Krahl.
Fazit: "Diese Niederlage könnte zum Wendepunkt der Saison werden", schrieb "Kicker"-Reporter Norbert Krings nach dem 0:1 der Düsseldorfer bei der Hertha. "In Berlin stand zum ersten Mal in dieser Saison eine echte Mannschaft auf dem Rasen, die mit allen Mitteln den Erfolg gesucht hat. (...) Endlich passt also auch das Spiel nach vorne, fünf klare Chancen vor der Pause zeigten aber auch, dass es dem Team von Trainer Anfang noch an Effizienz fehlt." Sätze, die andeuten, dass die Fortunen drauf und dran sind, den Bock endlich umzustoßen. Oder auch nicht? Im Falle einer weiteren Heimniederlage droht der Sturz auf einen Abstiegsplatz, das dürfte die Adrenalinspiegel noch einmal in die Höhe treiben. Wenn die Roten Teufel da bestehen wollen, müssen sie dem Gegner den gleichen Willen, vor allem die gleiche Aggressivität, entgegensetzen. Wer hat nach dem Pokalmittwoch auch am Sonntag noch die gefährlicheren Tiger im Tank? Personell können die Lautrer aus einem breiteren Angebot schöpfen, erst recht, wenn Ivan Prtajin und Jisoo Kim wie erhofft zurückkehren würden. Das könnte ein Vorteil sein.
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