Taktik-Nachlese zum Spiel KSC-FCK
Die DBB-Analyse: Ritter ohne Furcht und Tadel
Der 1. FC Kaiserslautern gibt eine 2:0-Führung ab, gewinnt in der Nachspielzeit aber doch noch. Gegen einen Gegner, dessen Trainer seinen Jungs hinterher dennoch ihre bislang beste Saisonleistung bescheinigt. Zwei der Lautrer Treffer fallen nach Kontern, vor denen dem Karlsruher SC nur ein letzter präziser Pass gefehlt hätte, um selbst eine Großchance kreieren. Bei einem Treffer wird der Ball zudem für den Keeper höchst unglücklich abgefälscht.
Will da im Ernst irgendjemand über "verdient" oder "unverdient" diskutieren, über "glücklich" oder "unglücklich"? Wer das tut, hat diese Liga immer noch nicht verstanden. Auch dieses Spiel haben wieder Nuancen entschieden. Im Grunde durch zwei geniale Momente, die die Lautrer mehr hatten als ihre Gastgeber.
Und es war, wie es sich für ein gutes Derby gehört, ein Drama. Diese werden bekanntlich in Akte unterteilt.
Also Vorhang auf.
Fast schon ärgerlich: Nach 20 Minuten steht's nur 1:0
Erster Akt: 1. bis 19. Minute. Ein fast perfekter Start der Roten Teufel. Hochkonzentriertes Mann gegen Mann-Spiel über den ganzen Platz. Die Badener bekommen keinen Fuß in Tür, die Pfälzer verzeichnen gleich drei Großchancen.
Die erste schon nach zwei Minuten: Ivan Prtajin geht nach einem tiefen Pass von Luca Sirch aus der eigenen Hälfte auf und davon. So hat er zuletzt gegen Bochum zum 2:1 getroffen, diesmal scheitert er an Keeper Hans Christian Bernat. Der Linienrichter zeigt danach Abseits an. Die TV-Bilder lassen jedoch vermuten: Bei einer VAR-Überprüfung wäre ein Treffer womöglich doch gegeben worden.
Nach elf Minuten das 1:0. Nach einer Rechtsflanke von Paul Joly wird ein Schussversuch Jisoo Kims geblockt. Mika Haas versucht es aus dem Rückraum. Sein Geschoss wäre weit am Kasten vorbeigegangen, doch Prtajin fälscht es mit der Hacke ins Netz ab. Der erste der beiden anfangs angesprochenen Geniestreiche.
Und nach 19 Minuten hätte eigentlich das 2:0 fallen müssen. Nach einem kurz aufgeführten Freistoß von Joly chippt Luca Sirch den Ball in den Strafraum. Fabian Kunze läuft am zweiten Pfosten ein, kommt völlig frei vorm Tor zum Schuss, zielt aber vorbei.
Nach diesem ersten Akt gibt's aus Lautrer Sicht nur eins zu meckern: Dass es nur 1:0 steht.
Der KSC wird stärker, das Spiel rauer
Zweiter Akt: 20. Minute bis zur Pause. Jetzt kommt der KSC ins Spiel. Findet vor allem über die rechte Seite immer wieder Wege.
Die beiden auf dieser Flanke werktätigen Außenbahnspieler Mika Haas und Rafael Pinto Pedrosa machen sich miteinander bekannt. Und könnten glatt beste Freunde werden. Sofern sich diese Beziehung so entwickelt, wie sich Freundschaften im amerikanischen Actionkino entwickeln: Da kloppen sich die Protagonisten auch erst mal, bevor sie zueinander finden. Sowohl Haas als auch Pinto Pedrosa besorgen sich Arbeitsnachweise in Form Gelber Karten.
Überhaupt wird das Derby nun rauer. Faride Alidou und Christoph Kobald sehen nach einer Rudel-Rangelei Gelb. Lilian Egloff, der den Tumult ausgelöst hat, indem er Naatan Skyttä umstieß, geht leer aus. Mysterien eines Schiedsrichter-Gehirns. Egloff holt sich den Karton eine Minute später ab, nach einem Foul an Fabian Kunze. Das hätte also auch die zweite Gelbe sein können.
"Gefährliches Spiel" sorgte für Aufregung, Lieberknecht sieht Gelb
KSC-Kapitän Marvin Wanitzek wird mit ersten Offensiv-Aktionen auffällig, Julian Krahl pariert saustark gegen Kobald. Zuvor allerdings hatte KSC-Stürmer Fabian Schleusener bei einem Seitfallzieher-Versuch den Fuß aber fast im Gesicht seines Gegenspielers. Gefährliches Spiel also. FCK-Trainer Torsten Lieberknecht erregt sich darüber so sehr, dass er Gelb sieht.
Insgesamt steht der FCK aber in der Tiefe sehr kompakt, blockt die Mehrzahl der Karlsruher Schussversuche gut ab. Und Skyttä schafft nach einem Gewaltmarsch kurz vor der Pause noch eine Einschusschance für die Roten Teufel.
Skyttäs Schuss wird mit Gegners Hilfe zum tückischen Lupfer
Dritter Akt: 46 Minute bis 58. Minute. Nach dem Wiederanpfiff hat der FCK das Spiel zunächst wieder im Griff. Und belohnt sich in der 54. Minute.
Mit einem Treffer, der seinen Ausgangspunkt im Lautrer Strafraum nimmt: Jan Elvedi blockt ein Zuspiel ab, mit dem Egloff seinem Kollegen Schleusener eine "Hundertprozentige" eröffnet hätte. Kunze trabt mit einer Ruhe, zu der dieses Spiel insgesamt nur selten findet, durchs Mittelfeld, leitet den Flankenwechsel auf Joly ein, der passt in den Zehnerraum auf Daniel Hanslik. Der schiebt das Leder in die Box zu Skyttä. Der wiederum zieht ab, der Ball wird abgefälscht und senkt sich in hohem Bogen über Bernat ins Netz.
Pech für Karlsruhe, Glück für Lautern, werden viele nun sagen. Andererseits: Skyttäs gute Schussposition musste erst einmal herausgespielt werden, und hätte der unglückselige Abwehrspieler den Schlappen nicht hingehalten, hätte der Finne freie Schussbahn gehabt.
Hanslik: Der, der die ersten und zweiten Bälle riecht
Hanslik? Der ist erstmals seit August wieder im Einsatz. Kam in der Pause für Alidou, den Lieberknecht als rotgefährdet ansah. Was er an Hanslik schätzt, brachte der Coach hinterher sonderschön auf den Punkt: "Er ist intelligent, riecht erste und zweite Bälle und kann Räume gut schließen."
In Minute 56 folgt ein zweiter Wechsel. Leon Robinson kommt für Kim. Dem Koreaner stecken die langen Flugreisen während der Länderspielpause sichtlich noch in Knochen. Und Robinson ist als Zweikämpfer und Balleroberer abermals so präsent wie in allen Partien, in denen er zuletzt eingewechselt wurde. Zu diesem Zeitpunkt des Spiels also ein echtes Upgrade.
Leider aber währt die 2:0-Führung nur vier Minuten. Nach einem starken Zusammenspiel zwischen Karlsruhes linken Schienenspieler David Herold und Wanitzek wehrt Krahl einen Ball direkt vor die Füße Schleuseners ab. Und schon steht's nur noch 1:2.
Der KSC drückt - Sirch mit irrem Rettungsmove
Vierter Akt: 58. bis 83. Minute. Jetzt ist, da beißt keine Maus einen Faden ab, der KSC am Drücker. Marschiert nun vor allem über die linke Seite, über Herold. Hat nun einige Chancen, die erneut entweder gut geblockt werden oder von Krahl pariert werden. Höhepunkt ist ein irrer Rettungsmove von Sirch, der einen Wanitzek-Schuss aus spitzem Winkel kurz vor der Torlinie weggrätscht.
Es kommt zu weiteren Wechseln. Der erste 17-Jährige Eymen Laghrissi kommt für Innenverteidiger Marcel Beifus. KSC-Coach Christian Eichner stellt nun auf ein 4-4-2 mit Raute um. Lieberknecht bringt Florian Kleinhansl und Erik Wekesser für Prtajin und Haas - und baut tüchtig um. Die beiden Neuen übernehmen die linke Seite. Robinson gesellt sich zu Kunze ins defensive Mittelfeld.
Die Idee dahinter ist wohl, das Zentrum dicht zu machen. Gleichzeitig schwächt der Wechsel jedoch die linke Seite. Prompt leitet der KSC über diese den Ausgleich ein. Laghrissi passt auf Egloff, der vollstreckt. Sowohl Kleinhansl als auch Wekesser haben nicht eng genug markiert.
Ritter oder Tachie? Das war hier die Frage ...
Fünfter Akt: 85. Minute bis Schluss. Marlon Ritter kommt für Skyttä. Eine "Gefühlsentscheidung", wie Lieberknecht später verrät. Richmond Tachie und Ritter hatten sich gemeinsam warmgelaufen. Erst, nachdem er beide zur Trainerbank gerufen hatte, habe er sich entschieden, Ritter zu bringen.
Bevor dieser seinen großen Auftritt hat, wogt das Spiel noch eine Weile hin und her. Taktische Geplänkel gibt's nun nicht mehr. Als Trainer fühle man sich da nur noch "lost", wie Eichner hinterher formuliert. Beide Team wollen den Sieg. Und die Gastgeber vielleicht ein bisschen zu sehr mehr. Denn das wird ihnen zum Verhängnis.
Erneut haben sie die Möglichkeit, vor dem FCK-Tor eine Situation Zwei-gegen-Einen zu kreieren. Wenn ein an Wanitzek gerichtetes Zuspiel ankommen würde. Kommt es aber nicht. Kunze, dieser viel zu oft unbesungen bleibende Held, grätscht dazwischen, leitet den Gegenangriff ein. Über Semih Sahin und Hanslik, der den rechts einlaufenden Ritter einsetzt. Joly wäre ebenso frei gewesen. Weshalb? Weil Herold, offensiv der große Karlsruher Dampfmacher der zweiten Hälfte, nicht zurückgekommen ist.
Auftritt MR7 - und alles wird gut
Der Einschusswinkel aus halbrechter Position ist zwar recht gut, Ritters Ausführung dennoch genial. Denn die Schussbahn zwischen den Beinen von Nicolai Rapp, Kobald und Keeper Bernat hindurch ist verdammt schmal. Für einen MR7 aber nicht zu schmal. Er findet die Linie, als hätte er sie zuvor mit einem Lineal ziehen können. Der Ball rollt wie an einer Schnur gezogen ins lange Eck. 3:2.
Vorhang und Schlussapplaus. Was für ein Drama.
Sahin: "So kriege ich meine vollen PS nicht auf den Platz"
Bei aller Emotion sollen die taktischen Winkelzüge, die der akribische Formations-Knoddeler Lieberknecht diesmal vornahm, aber nicht unbeachtet bleiben. Okay, er ließ Ritter wieder auf der Bank und brachte mit Alidou einen gelernten zweiten Stürmer in der Startelf. Dass dies dem FCK-Spiel grundsätzlich besser zu Gesicht steht, darüber haben wir gerade in unserem jüngsten Zwischenzeugnis referiert.
Nur: Dass sich da nun tatsächlich das erwartete 3-4-1-2 formiert hätte, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten. Skyttä marschierte in der zweiten Hälfte fast nur noch über die rechte Seite. Und Prtajin war eigentlich nur dann Mittelstürmer, wenn's drauf ankam. Hier mal seine von "Sofascore" entnommene Heatmap:
Dafür agierte Sahin so weit vorne wie nie. Was ihm selbst gar nicht so gefiel, wie er hinterher zugab: "So kriege ich meine vollen PS nicht auf den Platz." Ein "Hauptsache, gewonnen", entlockte ihm dann aber ein wenigstens noch süßsaures Lächeln. Hier, zum Beleg, Sahins Heatmap:
Lieberknecht erklärte den Kniff hinterher damit, dass man den Gegner im Spiel gegen den Ball frontal anlaufen und sich dabei auf die Halbräume fokussieren wollte, da sich auch die KSC-Spieler öfter dorthin verschieben.
Erstaunlich: Eichner wechselte nur einmal
Zu den üblichen Grafiken. Die xG-Timeline weist ein recht klares 2,35 : 1,50 für den KSC aus. Das liegt aber auch daran, dass die "Wyscout"-Software die Prtajin-Chance in der 2. Minute nicht berücksichtigt. Wir bleiben dabei: Es wurde zwar Abseits angezeigt. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass der VAR auf Treffer entschieden hätte, so er gefallen wäre.
Die Position- und Passgrafik des FCK: Ist nur bedingt aussagekräftig, da die Spots nur Durchschnittspositionen anzeigen und es permanent zu Verschiebungen kam. In der Realität standen sich Hanslik (Nr. 19) und Skyttä (15, verdeckt) ebenso wenig auf den Füßen wie Joly (26) und Sirch (31, verdeckt). Gut zu erkennen ist aber auch hier die ungewohnt offensive Position von Sahin (8).
Die Passmap des KSC: Wesentlich passintensiver als die der Lautrer. Kein Wunder bei einem Ballbesitzverhältnis von 63 : 37. Erstaunlich: Eichner wechselte nur ein einziges Mal, dafür aber sehr offensiv. Für Beifus (4) kam Laghrissi (44).
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