Interview des Monats: FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen, Teil 2/2

"Wir wollen den eingeschlagenen Weg weitergehen"

"Wir wollen den eingeschlagenen Weg weitergehen"

FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen (l.) jubelt mit Co-Trainer Frank Döpper; Foto: Eibner/Neis

Teil 2 unseres Interviews des Monats: Geschäftsführer Thomas Hengen spricht über die Zusammenarbeit mit den Investoren, den Optimierungsbedarf im Kader und die Frage nach dem nächsten Saisonziel des 1. FC Kaiserslautern.

Der Betze brennt: Thomas Hengen, im Umfeld des FCK wird viel über Einflussnahmen von Funktionären und Investoren auf den sportlichen Bereich gemunkelt. Wie haben Sie diesen bislang wahrgenommen?

Thomas Hengen (46): Man ist über die elektronischen Medien heutzutage doch mit allen möglichen Leuten im ständigen Dialog. Mit den Fans, mit dem Beirat, mit den Medienvertretern, natürlich auch mit Investoren. Die ja auch Fans sind. Der Verein kann doch froh sein, dass ihn so eine regionalen Gruppe unterstützt. Natürlich hat da jeder seine eigenen Meinung und die darf er auch sagen, das ist doch das Schöne am Fußball. Ich habe überhaupt kein Problem damit, mich mit allen an einen Tisch zu setzen und Dinge auszudiskutieren. Solange klar ist, wer am Ende die Entscheidungen trifft.

Der Betze brennt: Und das sind in jedem Fall Sie?

Hengen: Im sportlichen Bereich, ja. In Abstimmung mit dem Trainer.

Der Betze brennt: Gibt es feste Termine, zu denen Sie den Investoren regelmäßig Bericht erstatten?

Hengen: Nein, wir tauschen uns immer mal punktuell mal aus. Oder man sieht sich mal im Stadion und diskutiert übers Spiel.

"Im sportlichen Bereich treffe ich mit dem Trainer die Entscheidungen"

Der Betze brennt: Haben Sie bestimmte Ansprechpartner in der Investorengruppe? Klaus Dienes oder Guiseppe Nardi etwa, weil die ja auch im Beirat der FCK-Kapitalgesellschaft sitzen?

Hengen: Ich muss zugeben, dass ich bislang noch gar keine Zeit hatte, die turnusgemäßen Beirats- und Aufsichtsratssitzungen zu besuchen. Das wird sich aber hoffentlich bald ändern.

Der Betze brennt: Sie werden mit den Investoren ja auf jeden Fall darüber reden müssen, wie viel Geld Ihnen zur Verfügung steht und für welche Spieler.

Hengen: An der Budgetierung arbeitet Soeren Oliver Voigt (zweiter FCK-Geschäftsführer neben Thomas Hengen; Anm. d. Red.) zurzeit. Anfang Juni werden wir sehen, wie der Rahmen dieses Jahr für uns gesteckt ist. Und sicher wird es auch die Investoren interessieren, wie wir uns aufstellen können. Es geht aber nicht nur um den aktuellen Kader, sondern beispielsweise auch um unser Nachwuchsleistungszentrum, unser Faustpfand für die Zukunft, in dem sich infrastrukturell die letzten Jahre wenig getan hat. Wir wollen weiter Talente ausbilden, auch wenn das angesichts der finanzkräftigen Konkurrenz um uns herum immer schwieriger wird. Doch wir können den Jungs eine Plattform bieten, sich zu entwickeln, Spielpraxis zu sammeln und ihnen die Perspektive bieten, auf dem kurzen Weg in die Erste Mannschaft aufzurücken. Wer schon als Jugendspieler reich werden will, muss woanders hingehen.

Der Betze brennt: Wie viele neue Spieler verpflichtet werden können, ist angesichts der vielen offenen Personalfragen ja noch gar nicht abzusehen. Aber gibt es einzelne Positionen, auf denen Sie den Kader auf jeden Fall verstärken wollen?

Hengen: Grundsätzlich wollen wir uns in jedem Bereich optimieren.

"Dass wir ein Längenproblem haben, ist ja kein Geheimnis"

Der Betze brennt: Der FCK kassiert überdurchschnittlich viele Gegentreffer per Kopf. Auch fällt auf, dass alle Topteams der 3. Liga eine Kante im Kader haben, einen "Wandspieler" für die vorderste Front. Der FCK hat keinen Typ dieser Art. Das sind doch ganz klar Prioritäten, die gesetzt werden müssen.

Hengen: Dass wir ein Längenproblem haben und vor allem in der Innenverteidigung mehr Körpergröße brauchen, ist ja kein Geheimnis. Wir haben aber auch Optimierungsbedarf, um der U23-Regel in der 3. Liga gerecht zu werden. Jetzt nennen Sie mir mal einen Innenverteidiger im U23-Alter, der großgewachsen ist, aber auch technisch stark ... Es ist schwierig zurzeit. Es wird sich auf dem Markt aber noch einiges tun, da müssen wir die Augen offenhalten und vielleicht Geduld haben. Einige Entscheidungen über Aufstieg und Abstieg stehen noch aus. Corona zwingt viele Vereine, ihre Kader zu verschlanken. Andere lösen ihre Zweitvertretungen auf. Die U17-, U19- und U21-Jahrgänge konnten sich vergangene Saison fast gar nicht zeigen, was ja auch ungeheuer bitter ist für die Jungs, die ein komplettes Jahr verloren haben. Viele bekommen keine neuen Verträge mehr, so dass der Markt gerade brutal überschwemmt wird mit U19-Spielern.

Der Betze brennt: Sie reden von "dem" Markt. Aber es gibt ja nicht nur den deutschen. Sie waren in Ihren Jahren als Scout für Vereine wie den FC Everton, den Hamburger SV oder den PSV Eindhoven unter anderem auch in den Benelux-Ländern unterwegs, zuletzt auch in Südeuropa. Werden Sie sich jetzt auch für den FCK auf diesen Märkten umschauen?

Hengen: Unmöglich ist nichts. Aber da muss man bedenken: Wegen Corona scouten wir ja seit anderthalb Jahren fast nur noch am Bildschirm. Einen Spieler nur anhand von Videomaterial aus dem Ausland zu verpflichten, ist riskant. Du musst ja auch beurteilen können: Ist der Spieler anpassungsfähig, wie funktioniert es mit der Sprache, mit dem sozialen Umfeld, mit der Mentalität, wie viel Anlaufzeit bräuchte er - ohne Recherchen vor Ort ist das alles sehr schwierig.

Der Betze brennt: Aber so ein paar interessante Kandidaten haben Sie von Ihren früheren Auslandsreisen schon noch im Block?

Hengen: Ich habe nicht nur einen Block, ich habe ganze Ordner voller Spielernamen. Ich bin aber kein Träumer und bewege mich lieber in der Realität. Es hat schon seinen Grund, dass viele mittlerweile lieber im Teich vor der eigenen Haustür fischen. Auch in den Regionalligen gibt es gute Jungs.

"Man darf es mit Daten und Algorithmen nicht übertreiben"

Der Betze brennt: Werden Sie am bestehenden Scoutingsystem insgesamt etwas ändern?

Hengen: Es gibt andere Baustellen, die zurzeit mehr Aufmerksamkeit benötigen. Seit Januar ist Olaf Marschall unser Chefscout, als Hospitant unterstützt ihn Luca Sickinger, auch die Trainer oder ich stehen bereit, interessante Spieler zu beobachten, so wir denn in die Stadien dürfen. Ich denke, für die 3. Liga sind wir gut aufgestellt.

Der Betze brennt: Heute werden die Spieler ja auch mit Hilfe elektronischer Daten analysiert. Wie gewichten Sie zwischen Zahlen und eigenen Eindrücken?

Hengen: Über die Jahre bin ich mit allen möglichen Arten von Daten und Algorithmen in Berührung gekommen. Man darf es damit aber nicht übertreiben, und davon muss man sich schon selbst ein Bild von machen. Daten können aber sicher unterstützen, auch in anderen Bereichen, etwa bei der Trainingssteuerung. Und sie können dem Trainer helfen, einen Spieler auch mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: Wenn er meint, er wäre er gerannt wie Weltmeister, das Analysetool aber zeigt, dass er in 90 Minuten nicht mal fünf Kilometer gelaufen ist.

Der Betze brennt: Wie sehen Sie die Entwicklung generell? Werden die Daten mittlerweile zu wichtig genommen?

Hengen: Das ist Ansichtssache. Ein langer Ball, der nach vorne geschlagen wird, ist für den einen ein toller Packingpass hinter die Kette, für den anderen war’s nur ein Befreiungsschlag. Schlussendlich musst du das selbst beurteilen, das nimmt dir keiner ab. Was nutzt es, wenn ein Spieler den Laufdaten zufolge 15 Kilometer abgespult hat, er aber doch nur sinnlos durch die Gegend gerannt ist. Der Trainer kann mittlerweile auf alle möglichen medizinischen Daten zugreifen und sie studieren, am Ende aber muss er eine homogene Truppe auf dem Platz haben, in der auch Empathie und Gruppendynamik stimmen, und deren Wert kann keiner messen. Die können nur übers Zwischenmenschliche herausgekitzelt werden.

"Vor allem zuhause Vollgas geben und versuchen, jedes Spiel zu gewinnen"

Der Betze brennt: Wie wichtig sind Mitspieler, von denen man was lernen kann, die auch führen können? Als Sie damals in den Profi-Kader aufrückten, gab es einen Ciriaco Sforza, von dem Sie sich ein bisschen was abschauen konnten.

Hengen: (lacht) Oh ja, ein bisschen was ... Der kam, glaube ich, als 23-Jähriger zum ersten Mal auf den Betzenberg und konnte alles: verteidigen, attackieren, passen, schießen, köpfen. Natürlich lernst du als junger Spieler von so jemandem. Wir müssen halt schauen, dass wir das nun auch auf unserem Niveau hinbekommen. Jean Zimmer mit seiner Erfahrung aus höheren Ligen hat das doch gut gemacht, auch Anas Ouahim. Oder Kevin Kraus, der ruhig noch ein bisschen mehr aus sich herausgehen könnte.

Der Betze brennt: Die Abschlussfrage formulieren wir extra ein bisschen provokativ, aber wir gehen eben auch gerne mit einer positiven Grundeinstellung voran: In den letzten zehn Saisonspielen erreichte der FCK einen Schnitt von 1,7 Punkten, in den Heimspielen unter Marco Antwerpen waren es sogar 2,0 Punkte. Trotz der unterm Strich katastrophalen Saison lässt sich auf diesen Endspurt doch gut aufbauen. Also wird das Ziel für nächstes Jahr dann der Aufstieg sein, oder?

Hengen: (lacht) Um über einen konkreten Tabellenplatz als Ziel zu sprechen, dafür ist es jetzt noch zu früh. Ich denke, dieses schwierige Jahr hatte für uns auch etwas Gutes: Wir sind geerdet worden und wieder mehr zusammengewachsen. Die Spieler haben verstanden, was für eine Verantwortung sie für die gesamte Region haben. Das ist viel wert in diesen Zeiten, in denen viele sagen, dass der Fußball sich immer weiter von der Basis entfernt. Auf dieser Grundlage wollen wir den Weg, den wir in den vergangenen Wochen eingeschlagen haben, weitergehen. Wir wollen Leistung auf den Platz bringen, die Intensität hochhalten, vor allem zuhause Vollgas geben und versuchen, jedes Spiel zu gewinnen. Denn hier ist unser Wohnzimmer. Die Leute sollen sich freuen, wenn sie wieder auf den Betze gehen dürfen.

Der Betze brennt: Herzlichen Dank für das Gespräch und ein gutes Händchen für die anstehenden Aufgaben!

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer, Gerrit Schnabel, Thomas Hilmes

Weitere Links zum Thema:

- Teil 1 des Interviews: "Abwartender Fußball passt nicht zu uns"

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