Spielbericht: Union Berlin - 1. FC Kaiserslautern 5:0

Auflösungserscheinungen in der Hauptstadt

Auflösungserscheinungen in der Hauptstadt


Auf die Heimniederlage vor Minuskulisse gegen Aue folgt der nächste Tiefpunkt. An der Alten Försterei wird die junge Truppe aus der Pfalz zur leichten Beute für die Eisernen. Union Berlin schlägt den 1. FC Kaiserslautern mit tatkräftiger Unterstützung der Roten Teufel selbst.

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Der Zerfall-Prozess verläuft schleichend: "Nur" 800 Tickets hatte der FCK im Vorverkauf abgesetzt. Am Montagabend sorgten immerhin weitere 400 Fans der Pfälzer an der Tageskasse für rege Betriebsamkeit. Als Gründe für die fanfeindliche Terminierung wurden der Berlin-Marathon und die Bundestagswahl genannt, letztendlich fanden sich somit 1.200 der eigentlich so reisefreudigen Betze-Fans im Gästeblock ein. Nur widerwillig füllten sie die Ränge. Viel lieber stand man mit den anderen bei einem Bier und Steak-Brötchen vor dem Block, in sicherem Abstand zum Platz. Andere hinderte ein Busunfall an der pünktlichen Ankunft. Mit dem nahenden Anpfiff sammelten sich die Anhänger hinter den Zaunfahnen im Block und dem obligatorischen "We don't like Mondays"-Banner am Zaun und warteten bang auf das, was kommen sollte.

Das neue, vorläufige Trainerteam des FCK, das anfangs selbst noch seinen Platz im Stadion suchte und zunächst auf der Bank Platz nahm, ehe man sie auf die separaten Trainerstühle hinwies, hatte bei der Kaderzusammenstellung schon einiges bewegt und auch die erste Elf nochmal verändert. Kapitän Daniel Halfar war wieder fit genug für 90 Minuten. Phillipp Mwene rotierte in die Abwehr hinein. Giuliano Modica erhielt eine neue Chance und auch Gino Fechner durfte von Anfang an ran. U19-Trainer Alexander Bugera coachte die Mannschaft sehr aktiv aus der Trainerzone heraus, NLZ-Leiter Manfred Paula agierte eher punktuell. Doch die Eingriffsmöglichkeiten blieben spärlich.

Riesige Lücken, wo in der Vorsaison kein Durchkommen war

Die Hoffnungen nach dem Trainerwechsel waren groß, doch schon in der sechsten Minute setzte es den ersten Dämpfer. Mit einer unüberlegten Aktion bediente Marius Müller per Abwurf die Berliner und Sebastian Polter netzte ein (6.). Kurz danach trudelte dann auch die letzte Busbesatzung im Gästeblock ein, die das Glück hatten, die ersten Minuten von verunsicherten Roten Teufeln und entschlossenen Köpenickern verpasst zu haben. Besser wurde es jedoch nicht. Die zweite Trommel war gerade installiert, die fehlenden Zaunfahnen drapiert, der Block zum Zusammenhalt animiert und die Mannschaft kollektiv angefeuert, da erhöhte Giuliano Modica nach einer Ecke per Eigentor auf 2:0 für die Heimmannschaft (11.). Fassungslosigkeit machte sich breit, die nach dem durch einen Fehlpass eingeleiteten 3:0 in Panik umschlug (25.). Wo letzte Saison eine engmaschige Abwehr die Gegner zur Verzweiflung brachte, klafften heute riesige Lücken. Jede Offensiv-Aktion der Gegner führt entweder zu einem Tor oder muss durch Torwart Müller spektakulär entschärft werden. Rettungsaktionen der Feldspieler: Fehlanzeige. Gleiches gilt für die Kommunikation der Roten Teufel. Jeder kämpft oder spielt für sich allein, aber Absprachen mit den Mitspielern wirken eher wie der Austausch von Vorwürfen und Besserwissereien.

Mit dem dritten Gegentreffer fand die Unterstützung im Gästeblock ihr jähes Ende. Das Geschehen auf dem Platz drohte zum Hintergrundrauschen zu verkommen, als Schiedsrichter Markus Schmidt zur Freude der Union-Fans Elfmeter gegen den FCK pfiff. Den frühen Dreierpack von Polter konnte Müller allerdings entschärfen und den Strafstoß abwehren. In dieser Situation hätten früher die Mitspieler ihrem Torwart aufmunternd und dankbar abgeklatscht. Nicht in der Saison 2017/18. Lauter Jubel und ein Hauch von Aufmunterung im Gästeblock, doch wenige Minuten später fälschte Correia den Ball zum zweiten Eigentor des Spiels (Das vierte Eigentor im achten Spiel der Saison - bei nur drei eigenen Treffern) in die Maschen (32.). Selbst die kühnsten Träumer dürften sich hier von einem spektakulären Comeback in der zweiten Halbzeit verabschiedet haben. Kurz vor Halbzeitpfiff und nach 15:0 Torschüssen für Union, zog "Manni" Osei Kwadwo mit einem satten Schuss aufs Tor der Unioner. 15:1 Torschüsse. Ohne Erfolg für Kaiserslautern. Mit Halbzeitpfiff zogen die ersten Gästefans schon Konsequenzen und traten den Heimweg an, andere trieben den Umsatz am Bierstand in die Höhe. Viele Gespräche wurden geführt, die teilweise auch die zweite Halbzeit überdauerten.

Nach dem Abpfiff: Leere Gesichter auf beiden Seiten

Als die Union-Fans nach Wiederanpfiff zum "Scheiß DFB"-Wechselgesang anstimmten, war der Gästeblock parat und neben einem kollektiven "Fußballmafia DFB"-Gesang wurde noch mit Banner gegen die Installation der chinesischen U20-Nationalmannschaft im Regionalliga-Fußball demonstriert. Union Berlin hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon längst aus der eigenen Krise rausgeschossen und den Schongang eingestellt. In der 77. Minute fiel trotzdem noch das 5:0. Zusammen mit dem 0:5 in Koblenz vor neun Jahren die höchste Niederlage in der Lautrer Zweitliga-Historie. Endstand und Signal für viele, wenn auch nicht alle Fans, die Zaunfahnen einzurollen. Die wenigen Schwenkfahnen und Doppelhalter waren da schon längst verstaut. Viele Fans ballten die Fäuste und verließen weit vor Spielende mit einem wütenden "Wir sind Lautrer und ihr nicht" den Block und überließen der schweigenden Mehrheit die letzten Minuten.

Mit Abpfiff ging Alexander Bugera Richtung Gästeblock und zog die Mannschaft hinter sich her, blieb aber der einzige Rote Teufel vorne am Zaun. Die anderen wahrten mit leeren Gesichtern einen Sicherheitsabstand zu den Anhängern. Leere Gesichter und Sicherheitsabstand dominierten auch im Gästeblock. Milan Sasic hätte hier wohl länger nach Hass in den Gesichtern suchen müssen, um Liebe zu finden.

Autor: Toco

Weitere Links zum Thema:

- Stimmen zum Spiel | "Fällt schwer, mit der Niederlage umzugehen" (Der Betze brennt)

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