Gegner-Check
Gegner-Check Kiel: Die Störche wollen wieder höher fliegen

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Anspruch und Wirklichkeit: "Alles kann, nichts muss" - mit dieser in Dating-Portalen beliebten Phrase versuchte der "Kicker" in seinem Sonderheft zum Saisonstart die Stimmungslage bei den Störchen auf den Punkt zu bringen. Zu verkraften waren ein Erstliga-Abstieg und ein damit einhergehender gewaltiger personeller Aderlass - da darf man vor dem Neustart in der Zweiten Liga keine allzu hohen Erwartungen wecken. Andererseits spülten insbesondere die Abgänge von Shuto Machino, Nicolai Remberg und Armin Gigovic ordentliche Ablösen in die Kassen. Und man hat ein Jahr lang "erstklassiges" TV-Geld eingenommen, das einen gewissen finanziellen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz beschert. Da sollte man dann doch nicht allzu tief stapeln. "Alles kann, nichts muss", das trifft's also ganz gut. Obendrein versprach die Weiterverpflichtung des beliebten und angesehenen Trainers Marcel Rapp Kontinuität - und die Aussicht, möglichst bald wieder in die Spur zu kommen. Nach nunmehr zwölf Spieltagen steht Kiel mit 15 Punkten auf Rang 10, also jenseits von Gut und Böse. Zwei Punkte besser als Mitabsteiger Bochum, der unter ähnlichen Voraussetzungen begann, nach einem Katastrophenstart aber bereits den Trainer wechselte und erst seit Uwe Röslers Amtsantritt förmlich explodiert ist. Die KSV dagegen punktet über den Saisonverlauf bislang durchgehend mittelprächtig. Zuletzt beendete sie mit einem 1:0-Sieg über Fortuna Düsseldorf eine Durststrecke von fünf sieglosen Spielen. Immerhin warf man Erstligist Wolfsburg aus dem DFB-Pokal und hat nun in der nächsten Runde Anfang Dezember den Hamburger SV vor der Brust.
Die Neuen: Die Nordlichter schauen sich besonders gerne auf den Spielermärkten in ihren Breitengraden um, im Zweifelsfall noch weiter nördlich. "Wir wollen für den Skandinavien-Weg stehen", nannte das Sportchef Olaf Rebbe diese Woche gegenüber den "Kieler Nachrichten". Teuerster Einkauf war Jonas Therkelsen (22), der für kolportierte 1,9 Millionen Euro aus Norwegen kam. Ein hochveranlagter offensiver Mittelfeldspieler, der Machino ersetzen soll, sein Können auch schon aufblitzen ließ, die Scorer-Qualitäten des Japaners bislang aber noch nicht unter Beweis gestellt hat. Gut eingefügt hat sich der Däne Kasper Davidsen (20), angeblich 1,6 Millionen Euro schwer. Gegen Düsseldorf zuletzt erzielte er den Siegtreffer. Mit Robert Wagner (22) hat Davidsen im zentralen Mittelfeld einen nicht minder talentierten Wettbewerber, der als Leihgabe des SC Freiburg auch schon in Fürth und auf St. Pauli Zweitliga-Tauglichkeit nachwies. Routinier Stefan Schwab (35), ein Österreicher, der zuletzt in Griechenland die Stiefel schnürte, komplettiert das Angebot an Neuzugängen für die Sechser-/Achterposition, auf denen nun ein ziemliches Gedränge herrscht. Offensiver ausgerichtet ist der 1,5 Millionen teure Slowake Adrián Kaprálik (23), als neuer Torjäger konnte jedoch auch er sich bislang nicht profilieren. Der Däne Frederik Roslyng (19) , der den Störchen ebenfalls über eine Million wert war, kam dagegen noch gar nicht zum Zug. Den Innenverteidiger Mladen Cvjetinovic (22), von Drittligist Ingolstadt geholt, setzt seit dem 2. Spieltag eine Verletzung matt. Stürmer Marcus Müller (23), zuletzt in Osnabrück unter Vertrag, kommt bislang nur zu Kurzeinsätzen. Viel mehr vermag auch der Ex-Rostocker Louis Köster (22) noch nicht vorzuweisen. Vor drei Wochen in Bochum erzielte er allerdings den Ausgleichstreffer zum 1:1. Voll eingeschlagen hat Keeper Jonas Krumrey (21), den die Kieler für kleines Geld bei RB Salzburg loseisten. Der Youngster hat schon viermal zu Null gespielt und sich gegen Düsseldorf sogar als Torvorlagengeber profiliert. Dergleichen gelingt Schlussmännern selten.
Die Formation: Marcel Rapp bevorzugt eine 3-4-2-1-Grundordnung. Und auch wenn sich neben den bereits genannten Leistungsträgern im Sommer noch eine Fülle weiterer Stammkräfte für lau oder eher kleines Geld verabschiedete - etwa Benedikt Pichler, Timo Becker, Finn Porath, Colin Kleine-Bekel, Fiete Arp oder Lewis Holtby: Ein paar Korsettstangen sind den Kielern erhalten geblieben. Der Schwede Carl Johansson (31) etwa, der zu den besten Innenverteidigern der Liga zählt. Zur Seite stehen ihm mit dem Slowenen David Zec (25) und Marco Komenda (28) ebenfalls erfahrene Kräfte, dazu mit Marko Ivezic (23) eine ebenfalls gut integrierte Alternative. Die 1,96-Kante Patrick Erras (30), lange Jahre ein Dauerbrenner in der Verteidigung, ist nach einer Gehirnerschütterung dauerhaft außer Gefecht. Die Schienenspieler Lasse Rosenboom (23, rechts) und John Tolkin (23, links) sind ebenfalls gut eingespielt, verfügen mittlerweile auch schon über einen beachtlichen Marktwert, scheinen ihre Endausbaustufe aber immer noch nicht erreicht zu haben. Im zentralen Mittelfeld muss sich der Norweger Magnus Knudsen (22) gegen die bereits erwähnten Neuzugänge behaupten. Im Offensivtriangel brilliert der Schwede Alexander Bernhardsson (27). Allerdings hat er bislang nur einen Treffer selbst erzielt. Immerhin einer mehr als der langjährige Topscorer Steven Skrzybski (32), den seit Monaten eine Ladehemmung plagt. In den jüngsten drei Partien stand der Kapitän, der im Frühsommer schwer umworben war, nicht einmal mehr im Kader. Auf dem Betze fällt Skrzybski nun verletzungsbedingt aus. Während der Länderspielpause hat sich dafür ein anderer Kandidat für die Mittelstürmer-Position in Erinnerung gebracht: Phil Harres (23), der sich 2023/24 beim FC Homburg den Fahrschein für die Profi-Klasse erarbeitete, erzielte beim Test gegen den dänischen Erstligisten Silkeborg zwei Treffer zum 3:2-Sieg.
Zahlenspiele: Mit erst zwölf Gegentreffern stellt Holstein Kiel die sechstbeste Defensive der Liga, mit erst 13 selbst erzielten Treffern die viertschwächste Offensive. Damit ist wohl ausreichend belegt, wo der Schuh drückt. Nach den Expected-Goals-Berechnungen allerdings müssten sie drei Tore mehr erzielt, aber auch drei Buden mehr kassiert haben. Am nachhaltigsten lässt sich die Torflaute natürlich an Skrzybski festmachen. Die Stürmer Kaprálik und Harres jedoch haben ebenfalls erst zweimal getroffen, die anderen Offensivkräfte noch weniger. Bernhardsson ist mit nunmehr sechs Assists auf dem Konto allerdings bester Vorlagengeber der Liga. Davon abgesehen, gehören die Kieler zu den lauf- (Rang 2) und zweikampfstärksten (Rang 3) Teams der Liga. Lautern belegt in diesen Rankings lediglich die Mittelfeldplätze 10 und 7. Eine überdurchschnittliche Qualität haben die Störche auch im Spielen von "Schlüssel"-Pässen, da sind sie die Zweitbesten nach den Bochumern. Lautern belegt in diesem "Wyscout"-Ranking immerhin einen ordentlichen siebten Platz.
Fazit: Marcel Rapp gilt als Verfechter eines erfrischenden Offensivspiels, das allerdings, so formulieren es Skeptiker, oft "zu wenig ergebnisorientiert" sei. So sich das bewahrheitet, darf am Sonntagnachmittag ein munteres Spielchen im Fritz-Walter-Stadion erwartet werden. Mit guten Siegchancen für den FCK, wenn Torsten Lieberknecht weiter an dem gefeilt hat, was er vor der Länderspielpause ankündigte: Nach den frühen Balleroberungen, die seiner Mannschaft öfter gelingen als jeder anderen in dieser Liga, schneller und präziser Richtung Tor spielen. Was der Trainer in der Pause an Erkenntnissen gewonnen hat, die auf seine Startelf-Besetzung am Sonntag Einfluss nehmen können, lässt sich zur Stunde noch nicht sagen. Jisoo Kim und Mika Haas haben ihre Länderspielreisen abgesagt, um sich von Blessuren zu kurieren, das sollte ihnen gut getan haben. Naatan Skyttä kehrte leicht lädiert zwei Tage früher aus Finnland zurück, sollte bis zum Wochenende aber ebenfalls einsatzbereit sein. Die permanente Nachfrage nach Mahir Emreli hat sich aufgrund seiner Verletzung nun bis zur Winterpause erledigt, die Frage "mit oder ohne Ritter" wird auch diesmal erst kurz vor dem Anpfiff beantwortet werden. Keinerlei Bedeutung ist einmal mehr dem aktuellen Tabellenstand des Gegners beizumessen. Da kommt ein Gast mit hohem spielerischen Anspruch, der einige hoch veranlagte Kicker um sich geschart hat, die um die 23 Lenze zählen und kurz vor dem Durchbruch in die Oberklasse stehen. Womöglich hat Harres nach seinen Testspielerfolgen jetzt in die Spur gefunden, und Typen wie Bernhardsson, Kaprálik und Therkelsen fehlt eigentlich nichts, außer dass sie regelmäßiger treffen müssten. Da sollten die Roten Teufel darauf achten, dass sie nicht gerade uffem Betze damit anfangen.
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