Gegner-Check
Gegner-Check Hannover: Wettfavorit, aber auch Wundertüte

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Anspruch und Wirklichkeit: Am weitesten aus dem Fenster gelehnt hat sich bislang Dirk Tietenberg, Fußball-Berichterstatter der "Hannoverschen Neuen Presse": "In dieser Form ist 96 in der 2. Liga nicht zu stoppen", schwärmt der Kollege in einem Kommentar, den er selbst als "furchtlos" betitelt. Da mag sich die Führungsriege des Klubs auf ein eher zurückhaltendes "Wir wollen oben mitspielen" geeinigt haben, das Umfeld ist bereits elektrisiert. Anlass boten nicht zuletzt die finalen Testspiel-Ergebnisse gegen Drittligist Hansa Rostock (3:0) und den italienischen Erstligisten Cagliari (2:0). In denen sah auch der neue Trainer Christian Titz seine Prinzipien des dominanten, hochpositionierten Spiels bereits gut umgesetzt: "Was über weite Strecken sehr gut war, war nicht nur unser Anlaufpressing auf den Gegner, sondern auch unser Gegenpressing - dass wir sie nicht haben atmen lassen", wird Titz im "Kicker" zitiert. Damit würde in einem erstaunlichen Tempo zusammenwachsen, was erst im Sommer grundlegend neu formiert worden ist. Ein Dutzend Spieler hat den Verein verlassen, darunter Stammkräfte wie Abwehrchef Marcel Halstenberg, Innenverteidiger Phil Neumann und Sechser Fabian Kunze, der bekanntlich zum FCK wechselte. Bei Stürmertalent Nicolò Tresoldi mussten die Hannoveraner einem Sechs-Millionen-Angebot aus Brügge nachgeben. Vor allem aber überraschte der Abgang der eigentlich unbestrittenen Nummer 1: Ron-Robert Zieler wechselte zum 1. FC Köln. Die 36-jährige, aufs klassische Torwartspiel konditionierte Ikone habe befürchtet, von Titz auf die Bank gesetzt zu werden, weil der neue Coach mitspielende Keeper bevorzuge, heißt es. In der Chefetage dagegen scheint fürs Erste Ruhe eingekehrt. Das Problem-Kind der vergangenen Jahre, der nunmehr 81-jährige Investor und Ex-Geschäftsführer Martin Kind, fungiert im Profibereich nur noch als Aufsichtsratschef. Die sportliche Entscheidungsgewalt liegt allein bei Sport-Geschäftsführer Marcus Mann, dem ebenfalls neuen Sportdirektor Ralf Becker und Titz. Und dieses Trio hat bislang einen hochinteressanten Kader zusammengestellt, mit 16 neuen Spielern aus wirklich aller Herren Länder. Einigermaßen objektiv beurteilen können diese bislang zwar nur Insider, die Zocker an den Wettbörsen sind von ihnen schon jetzt überzeugt: Dort nämlich sei 96 Aufstiegsfavorit, schreibt die "Neue Presse".
Die Neuen: Wo anfangen? Gegen Cagliari brillierte rechts offensiv ein gewisser Mustapha Bundu (28). Der stammt aus Sierra Leone, kickte zuletzt beim englischen Zweitliga-Absteiger Plymouth Argyle. Ime Okon (21) holten die 96er aus Südafrika. Auch er stand gegen Cagliari in der Startelf, weswegen dem Innenverteidiger gute Chancen eingeräumt werden dürfen, auch am Sonntag aufzulaufen. Ebenso wie dem Rumäne Virgil Ghiță (27) , der bereits zum Vize-Kapitän bestimmt wurde. Wo wir gerade bei Buchstabierungen mit ausgefallenen Sonderzeichen sind: Waniss Taïbi (23) ist Franko-Algerier, kam vom französischen Zweitligisten Rodez. Gegen Cagliari schied der zentrale Mittelfeldspieler allerdings verletzt aus. Mit Ghiță vom polnischen Cracovia Krakau wechselte der finnische Mittelstürmer Benjamin Källman (27) an die Leine. Ebenfalls aus Polen, aber von Legia Warschau geliehen wurde das einstige Bremer Gewächs Maik Nawrocki (24). Und der Spieler mit dem höchsten Marktwert im Kader (4 Millionen Euro) heißt jetzt Hendry Blank (20) und ist für ein Jahr von RB Salzburg geleast worden. Blank und Nawrocki standen allerdings nicht in der Startelf gegen Cagliari. Ach ja, ein paar vertraute Namen finden sich ebenfalls auf der neuen Payroll der Niedersachsen: Der ablösefrei aus Elversberg geholte, linke Außenbahnspieler Maurice Neubauer (29) etwa, oder der ehemalige Kieler Mittelstürmer Benedikt Pichler (28). Im Tor wird Nahuel Noll (22) den abgewanderten Zieler ersetzen. Er ist von der TSG Hoffenheim geliehen, die den Keeper vergangenes Jahr bei der SpVgg Fürth Spielpraxis sammeln ließ. Und diese Woche streifte sich auch noch Daisuke Yokota (25) das 96-Trikot über. Der KAA Gent hat ihn jetzt nach Hannover verliehen, nachdem die Belgier zuvor mit dem FCK und dem FC St. Pauli nur über einen Verkauf verhandelten, der zwischen Medizincheck und Unterschrift noch scheiterte.
Die Formation: Titz' Grundordnung soll, wie zuvor schon in Magdeburg, ein 3-4-3 werden. Als bereits etablierte Größen stehen im Abwehrzentrum der Ex-Lautrer Boris Tomiak(26) und im zentralen Mittelfeld der neue Kapitän Enzo Leopold (24) fest. Einige Kicker, die bereits im zweiten Jahr für 96er auflaufen, behaupteten sich in den Testspielen energisch gegen die nachdrängenden Neulinge. Hayate Matsuda (21), vergangenes Jahr noch Leihspieler, macht auf der rechten Außenbahn dem Ex-Kieler Jonas Sterner (23) den Startplatz streitig. Links offensiv überzeugte der Libanese Husseyn Chakroun (20), so dass Jannik Rochelt (26) gegebenenfalls auf der Bank Platz nehmen muss. Fällt Taïbi aus, stünde Bayern-Leihgabe Noel Aseko (19) fürs zentrale Mittelfeld bereit. Problematisch wird's, wenn sich die Verletzung, die Leopold am Mittwoch im Training erlitt, als schwerwiegender erweist. Beigebracht hat ihm diese, hört, hört, der Ex-Lautrer Yokota. Unterm Strich stehen Titz immer noch 32 Profis zur Auswahl, er hat für Sonntag also jede Menge Möglichkeiten, neu- oder umzudisponieren. Bis zur Schließung des Transferfensters sollen aber noch einige Spieler abgegeben werden.
Zahlenspiele: Dass für die Hannoveraner vergangene Saison nicht mehr drin war, lag daran, dass sie von allen Teams der oberen Tabellenhälfte die wenigsten Treffer erzielten (41). Lautern dagegen kassierte zu viele Gegentreffer (55), um weiter oben zu landen. Spielen diese Zahlen am Sonntag noch irgendeine Rolle? Wohl kaum. Beide Teams kommen mit neuem Trainer, neuer Spielidee und jede Menge neuem Personal. Dass der FCK, egal, mit welchem Coach, gegen Titz' Magdeburger fast immer schlecht aussah, sollte da schon eher zu denken geben. Von den zehn Pflichtspielen, die die Pfälzer gegen die Mitteldeutschen mit dem gebürtigen Mannheimer auf der Bank bestritten, gewannen sie nur ein einziges: das 4:1 im Mai 2024 unter der Regie von Friedhelm Funkel. Nach wie vor spannender ist, darüber zu grübeln, wer von beiden derzeit eigentlich mit mehr Geld am Markt unterwegs ist: Thomas Hengen oder Marcus Mann? Im Winter wechselte bekanntlich Boris Tomiak aus Lautern an die Leine, weil er dort für sich eine rosigere Zukunft blühen sah. Im Sommer warb der FCK Fabian Kunze ab, den die 96er gerne behalten hätten. An Ivan Ptrajin und Mahir Emreli sollen beide gebaggert haben, beide Male erhielten die Pfälzer den Zuschlag. Jetzt aber ist Daisuke Yokota in Hannover gelandet, um dessen Weiterbeschäftigung auch am Betzenberg gebuhlt wurde ... Unterm Strich verfügen die 96er mit insgesamt 33 Millionen Euro Gesamtmarktwert laut "Transfermarkt.de" über den wertvolleren Kader - der des FCK wird mit über zehn Millionen Euro weniger beziffert (22,53 Millionen). Was nicht nur daran liegt, dass Hannover gegenwärtig noch einige Profis mehr unter Vertrag hat. Auch der durchschnittliche Marktwert eines 96-Profis ist um einiges höher: 1,14 Millionen Euro gegenüber 751.000 Euro. Damit nehmen die Teams die Ränge 5 und 11 im Ligavergleich ein. Aber wie immer merken wir hier an: Diese von vielen gerne zitierten "TM-Marktwerte" sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie etwa durch Leihspieler oder das Alter der Akteure verzerrt werden. Als Prognose für ein bevorstehendes Ligaspiel können sie nur selten dienen.
Fazit: Die einen haben sich über alle Grenzen hinweg umgeschaut, um ihren Kader neu aufzubauen, die anderen haben sich dazu vornehmlich in deutschen Landen bedient. Gegensätze treffen auch auf den Trainerbänken aufeinander: Auf der einen Seite der Visionär Christian Titz, der sich sein Team gemäß seiner Idee vom schönen Spiel zurechtschleift, auf der anderen der Pragmatiker Torsten Lieberknecht, der das spielen lassen will, was seine Jungs am besten können. Unter diesen Vorzeichen könnte man annehmen, dass der FCK zum Start weniger Anlaufprobleme hat. Nach den Generalproben zu urteilen, ist allerdings eher das Gegenteil zu erwarten: Hannover scheint weiter zu sein. Die Betze-Buben leiden immer noch darunter, dass ihnen ein wichtiger Härtetest gegen den CFC Genua kurzfristig gestrichen wurde. Dennoch: Die wirklich gültigen Wahrheiten werden erst mit dem Anpfiff am Sonntagnachmittag geschaffen. Während die Startformation der Gastgeber weitgehend der vom Test gegen Cagliari entsprechen dürfte, kann über die der Gäste noch eifrig gerätselt werden. Wir spekulieren mal: Gegenüber dem finalen Test gegen AS Rom (0:1) kehrt Luca Sirch ins Abwehrzentrum zurück. Dadurch wird für Marlon Ritter ein Platz im zentralen Mittelfeld frei, und vorne kommt das ohnehin allgemein erwartete Sturm-Duo Ptrajin/Emreli zum Einsatz. Spannend wird Lieberknechts Antwort auf die Frage, wer Sirch in der Dreier-Abwehrkette flankiert: Rechts wäre zwischen Jan Elvedi, Jannis Heuer und Maxwell Gyamfi zu wählen, links zwischen Flo Kleinhansl und Jisoo Kim. Und wo werden Allzweckwaffe Daniel Hanslik und der jüngst vom "Kicker" als "Königstransfer" Semih Sahin ihre Plätze finden? Wir sehen: Auch Torsten Lieberknecht hat noch jede Menge Möglichkeiten, uns zu überraschen.
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