Taktik-Nachlese zum Spiel BTSV-FCK
Die DBB-Analyse: Kein Kampf, kein Tempo, kein Wille
Was muss an dieser Darbietung eigentlich groß analysiert werden? Der FCK verliert 0:2 bei Abstiegskandidat Eintracht Braunschweig. Klar, verdient und beinahe chancenlos. So wie letzte Saison, vorletzte Saison und vorvorletzte Saison. Weil nicht ein FCK-Spieler seine Zweikampfbilanz positiv gestalten kann. Und die meisten dieser Zweikämpfe verloren wurden, weil sie in diese nicht schnell genug hineinkamen. Weil der Gegner einfach fixer war, auf den Beinen, aber auch im Kopf. Obwohl Trainer Torsten Lieberknecht vor der Partie auf die vielen Tempospieler der Gastgeber ausdrücklich hingewiesen hatte.
Wie ein solcher Auftritt zu erklären ist, nur eine Woche nach dem starken 4:1 zu Hause gegen Holstein Kiel? Dazu fiel auch dem Trainer unmittelbar nach dem Spiel noch nichts Vernünftiges ein. Er wollte sich auf dem Heimweg Gedanken machen, "weshalb wir es nicht schaffen, nach einem guten Spiel mit einer Energie ins nächste zu gehen, die zeigt, dass du das Ding ziehen möchtest, mit Haut und Haar."
Ja, klar, da wäre diese Szene in der 31. Minute ...
Damit könnte man es nun auch schon gut sein lassen. Allenfalls noch auf den "Knackpunkt" in der 31. Minute hinweisen. Nach einem langen Ball auf Naatan Skyttä reißt Robin Heußer als letzter Mann den Finnen um, er wäre allein aufs Tor zugelaufen. Und Schiri Timo Gansloweit signalisiert allen Ernstes "Ball gespielt". Kein Linienrichter hebt die Fahne und bittet den Pfeifenmann um Rücksprache. Und im Kölner Keller läuft wohl gerade ein anderer, womöglich aufregenderer Pay-TV-Kanal.
Wer sich im Vergleich dazu noch einmal die Abläufe in Erinnerung ruft, nach denen der FCK vor einigen Wochen in Paderborn mit einer Roten Karte für Maxwell Gyamfi und einem Elfmeter gleich doppelt bestraft wurde, nachdem der Unparteiische bereits hatte weiterlaufen lassen, muss im Grunde zwingend erkennen: Es existiert im Schiedsrichterwesen einfach keine klare Linie, wann, wo und wie genau mit dieser Ausgeburt VAR eigentlich zu verfahren ist. Es ist dringend an der Zeit, dass die Vereine dagegen endlich mal geschlossen bei DFB und DFL Sturm laufen. Solange dies immer nur die Verantwortlichen der benachteiligten Teams tun, hat das doch keine Wirkkraft. In Braunschweig allerdings bestätigte sogar Gastgeber-Trainer Heiner Backhaus, dass hier gut und gerne eine Rote Karte gegen sein Team fällig gewesen wäre.
Ja, zu diesem Zeitpunkt hätte ein Platzverweis die Partie noch einmal neu konfigurieren können. Zumal der FCK gerade in diesen Minuten erste Ansätze eines Offensivspiels gezeigt hatte. Skyttä hatte nach einem langen Kontersprint Dickson Abiamas Braunschweigs Keeper Ron-Thorben Hoffmann erstmals gezwungen, sich langzumachen. Und kurz nach der strittigen Szene jagte Ivan Prtajin aus halbrechter Position einen strammen Linksschuss über die gegnerische Torlatte.
... die aber nichts entschuldigt
In der Gesamtwürdigung des Spiels aber vermag diese Aktion die Nicht-Leistung der Lautrer nicht zu entschuldigen. Warum kann eine solche Fehlentscheidung nicht auch einmal eine Trotzreaktion der Benachteiligten bewirken? Und ihren Adrenalinspiegel so hochfahren lassen, dass sie fortan entschlossener und engagierter zur Sache gehen?
Wie sich ein negatives Erlebnis positiv auswerten lässt, machten die Braunschweiger vor. Sie verloren kurz vor der Pause ihren Sechser Florian Flick, der sich nach einem Zusammenprall mit Leon Robinson eine üble Risswunde samt Muskelverletzung am Oberschenkel zuzog und vom Platz getragen werden musste. In der Kabine sorgte Trainer Backhaus anschließend erst einmal dafür, dass seine Jungs keine Bilder von der Aktion zu sehen bekamen, "weil du solche Bilder schwer aus dem Kopf kriegst". Flick habe ihnen noch von der Trage aus zugerufen: "Haut sie weg! Und das hat uns motiviert, in der zweiten Halbzeit nochmal eine Schippe draufzulegen. Für Flo." Respekt.
Damit wäre nun wirklich alles gesagt. Nur, wer will, kann jetzt auch noch der Geschichte zweier Matchpläne folgen, die dieses Spiel erzählt. Der eine ging voll auf, der andere daneben, und es half auch nichts, ihn während der Partie mehrmals zu ändern.
Viele Wechsel, neue Matchpläne: Auf ging nur einer
Beide Trainer hatten ihre Startelf-Formationen der Vorwoche geändert. Torsten Lieberknecht auf zwei Positionen, und das gezwungenermaßen: Neben dem gelbgesperrten Gyamfi fiel auch Paul Joly verletzt aus.
Heiner Backhaus dagegen nahm vier Wechsel vor, von denen sich nur einer zwingend ergeben hatte: Max Marie lief für den ebenfalls gelbgesperrten Sven Köhler auf. Die anderen hatten sich also aus taktischen Überlegungen oder gezeigten Trainingsleistungen ergeben. Unter anderem saßen Mehmet Aydin und Fabio Di Michele Sanchez zunächst auf der Bank, die bislang kaum mal in der Startelf gefehlt hatten.
Die rechte Abwehrseite war die Achillesferse
Wo Backhaus die Schwachstelle des FCK ausgemacht hatte, wurde schnell deutlich. Mit Leon Bell Bell und Christian Conteh ließ er zwei seiner schnellsten Kräfte über die linke Seite stürmen. Unterm Strich inszenierten die Gastgeber 42 Prozent ihrer Angriffe über diese Seite, und nur sieben Prozent über die rechte.
Weshalb, lässt sich leicht erraten. Backhaus wusste natürlich, dass dem FCK mit Joly und Simon Asta die beiden Fachkräfte für die rechte Außenposition fehlten. Und wie erwartet, bemühte sich der gelernte Stürmer Abiama, die Lücke zu stopfen. Im Spiel nach vorne setzte der 27-Jährige sogar einige der wenigen Akzente in seinem Team. Nach hinten aber bekam er seine Gegner nicht in den Griff. Und da auch der rechte Innenverteidiger Luca Sirch diesmal im Zweikampf schwächelte, war die Achillesferse der Gäste schnell ausgemacht.
Und nach 34 Minuten nutzten die Gastgeber sie zählbar. Conteh setzt sich über links gegen Sirch durch, passt in den Rückraum, und der vollkommen freistehende Marie hat alle Zeit der Welt, um zum 1:0 Maß zu nehmen. Weshalb? Der sonst so zuverlässige Fabian Kunze hatte sich unnötigerweise zu sehr Richtung Fünfmeterraum orientiert. Denn dort hatten Jan Elvedi und Leon Robinson die ganz vorne lauernden Heußer und Erencan Yardimci gut markiert.
Kunze rückt auf die Elvedi-Position: Keine gute Idee
Obendrein hatte Gyamfi-Vertreter Jan Elvedi schon nach drei Minuten Gelb gesehen, der zentrale Mittelfeldspieler Semih Sahin nach zwölf. Damit waren zwei Lautrer gezwungen, über einen langen Zeitraum mit gebremstem Schaum zu agieren – unter anderem der zentrale Abwehrmann. In der Pause ließ Lieberknecht Elvedi in der Kabine, wohl um keinen Platzverweis zu riskieren. Für ihn brachte er Stürmer Daniel Hanslik, wohl um für mehr offensiven Spirit zu sorgen.
Sahin übernahm darauf die Position des ballverteilenden Sechsers. Und Kunze rückte als Mittelmann in die Innenverteidigung. Eine Entscheidung, die sich schon vier Minuten später als schlecht erwies: Langer Ball auf Mittelstürmer Yardimci, der hängt Kunze im Laufduell ab und vollstreckt zum 2:0.
Zwei Tor-Aktionen nach Dreifach-Wechsel und mit Viererkette
Nach 66 Minuten baute der Trainer noch einmal größer um: Florian Kleinhansl, Richmond Tachie und Tobias Raschl kamen für Mika Haas, Marlon Ritter und Kunze. Fortan mühten sich die Pfälzer in einer Art 4-3-3 oder auch 4-2-4 und verzeichneten bis zum Schlusspfiff wenigstens noch zwei nennenswerte Torchancen. Einmal musste Braunschweigs Innenverteidiger Patrick Nkoa einen Tachie-Kopfball nach Skyttä-Ecke von der Torlinie köpfen, und Prtajin prüfte Hoffmann in der Nachspielzeit mit einem strammen Geschoss aus halblinker Position.
Ob es mit dem zur Verfügung stehenden Personal nicht besser gewesen wäre, es mit einer Vierer-Abwehrkette zu versuchen – entweder von Beginn an oder nach einer früher vorgenommenen Umstellung? Möglich. Aber auch müßig zu diskutieren, angesichts der Unterlegenheit der Roten Teufel in puncto Laufintensität und Zweikampfführung. So verliert man jedes Spiel, egal in welcher Grundordnung.
Braunschweig hatte nur 41 Prozent Ballbesitz, war aber besser
Insgesamt sind die Betze-Buben ja gar nicht mal so wenig gelaufen: 117,68 Kilometer – da haben sie jahrelang schlechtere Werte produziert. Aber ihre Gastgeber legten halt die von Backhaus angesprochene Schippe mehr drauf: Sie liefen 122,72 Kilometer.
Nach xGoals unterlag der FCK mit 0,48 : 1,73. Die Betrachtung der Timeline macht jeden weiteren Kommentar überflüssig.
Die Positions- und Passgrafik der Roten Teufel zeigt: Die rechte Seite machte noch am ehesten Betrieb nach vorne. Sie hatte allerdings auch die größten Probleme nach hinten – und das ist hier nicht zu sehen. Von links kam gar nichts in Richtung Prtajin (Nr. 9).
Die Passmap der Braunschweiger: Ja, sie hatten nur 41 Prozent Ballbesitz – deswegen sind die Linien so dünn. Aber wenn man sich mal anschaut, wo diese verlaufen, erkennt man, wo die Musik spielte. Conteh (32), Yardimci (9) und Heußer (30) durften sich munter zupassen.
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