Taktik-Nachlese zum Spiel F95-FCK
Die DBB-Analyse: Fortuna war schon ausgeknockt - fast
Was Torsten Lieberknecht vergangene Woche nach dem Spiel gegen 1. FC Nürnberg einwarf, hat sich einmal mehr bestätigt: Ein 1:0 ist ein Scheißergebnis. Als Zwischenstand, wohlgemerkt. Denn solange es 1:0 steht, braucht der Gegner nur eine gelungene Aktion, um aus drei schon sicher geglaubten Punkten nur einen zu machen. So geschehen beim 1. FC Kaiserslautern gegen Nürnberg, nun erneut gegen Fortuna Düsseldorf.
Der späte Gegentreffer im Rheinstadion schmerzt mehr.
Miro Kloses "Glubberer" hatten sich den späten Ausgleich auf dem Betze vielleicht nicht mit der Brechstange erzwungen, aber sie hatten bis zum Schluss forsch mitgespielt. Markus Anfangs Team dagegen präsentierte sich spätestens nach Luca Sirchs Führungstreffer in der 55. Minute nicht nur an-, sondern fast schon ausgeknockt.
Fortuna: Kaum noch Traute nach dem Rückstand
Durch Verletzungspech ohnehin schon gehandicapt, zeigte die Mannschaft nach dem Rückstand kaum noch die nötige Traute, das Ruder noch einmal herumzureißen. Die in der Saison bereits vier Heim- und unter Anfang zuletzt drei Pflichtspielniederlagen in Folge drücken offenbar schwer aufs Gemüt.
Auch wenn ihr Coach es hinterher anders sah und seine jugendliche Rumpftruppe über den grünen Klee lobte - das mag aus psychologischen Gründen ja nachvollziehbar sein. Fakt ist aber, dass seine Jungs keine wirkliche Druckphase zustande brachten. Der FCK hielt das Leder weitgehend vom eigenen Tor weg, hatte sogar weiterhin mehr Ballbesitz.
Haas' Fehler beschert den Ausgleich - Auch 1:2 war möglich
Sicher, da war Anouar El Azzouzis Kopfballchance in Minute 74 nach einer Freistoßflanke von Florent Muslija. Aber das war auch schon alles. Bis eine Tapsigkeit von Mika Haas in der 84. Minute den eingewechselten Simo Suso in Schussposition brachte, der das Leder gekonnt ins linke lange Eck schlenzte.
Erst danach bekamen die Düsseldorfer mal ein wenig Oberwasser. Und in der insgesamt neunminütigen Nachspielzeit hatte Moritz Heyer sogar noch eine Kopfballchance zum Siegtreffer. Schon klar, in Zeiten, in denen das Matchglück den Pfälzern abhold war, wären sie sogar als Verlierer vom Platz gegangen.
Lautern war schon in der ersten Hälfte strukturierter und präsenter
Der starke El Azzouzi hatte schon in der ersten Halbzeit für die einzige nennenswerte Einschussgelegenheit der Gastgeber gesorgt. Denn auch der erste Durchgang war nicht so ausgeglichen, wie ihr Trainer es hinterher gesehen haben wollte. Das mochte zeitweise vielleicht so gewirkt haben. Aber das Lautrer Spiel war strukturierter. Und die Betze-Buben gewannen auch das Gros der Zweikämpfe. Wenngleich sie kein Chancenfeuerwerk abbrannten.
Interessant, dass die erste Torannäherung aus einer Eckballvariante resultierte, die so in dieser Saison noch nicht zu sehen war. Paul Joly passte auf Semih Sahin, der zu Fabian Kunze, und der wieder zurück auf Joly legte. Erst dann kam die Flanke. Maxwell Gyamfi versuchte, den Ball ins Netz zu lenken, scheiterte aber an Keeper Florian Kastenmeier. Daniel Hansliks Nachschuss wurde abgeblockt.
Endlich gefährliche Standards
Auch der Führungstreffer fiel nach einem ruhenden Ball. Sirch verwandelte einen Freistoß direkt. Aus halbrechter Position mit rechts ins rechte Toreck. Und dem Beinahe-Treffer zum 2:0, bei dem Leon Robinson eine Kopfballvorlage von Ivan Prtajin über die Linie drückt, ging eine Freistoßflanke von Naatan Skyttä voraus.
Dass es dann wieder mal geschlagene fünf Minuten dauerte, bis der oder die Video-Schiedsrichter sich dazu durchgerungen hatten, eine Abseitsstellung von Prtajin zu erkennen, ist ohne Worte. Da passt es ins Bild, dass auch noch das Mikrofon ausfällt, als Schiri Lars Erbst die Entscheidung verkünden will.
Diese Prozeduren sind und bleiben eine Zumutung insbesondere für das Publikum, das viel Geld bezahlt hat, um ein Fußballspiel im Stadion zu erleben. Das sollte auch Anspruch auf eine Spielleitung live vor Ort haben und nicht permanent obskuren Eingriffen irgendwelcher Kellergeister ausgesetzt werden.
Als positive Erkenntnis halten wir fest: Endlich waren die Roten Teufel mal nach Standardsituationen erfolgreich und auch sonst gefährlich. Dafür war das Herausarbeiten von Torchancen aus dem Spiel heraus ...
"Wir müssen die Passqualität erhöhen" - wie wahr, wie wahr
Überlassen wir es dem Trainer, es in Worte zu fassen: "Unser Thema bleibt, dass wir die vielen hohen Ballgewinne, die wir haben, sauberer ausspielen und unsere Passqualität erhöhen müssen." Oh ja. Exemplarisch angeführt seien hier die Passquoten von Semih Sahin, die bei "Sofascore" nachzulesen sind: Seine Zuspiele kommen zu 89 Prozent, wenn er sie in der eigenen Hälfte ausführt. Sie sind allerdings nur noch zu 56 Prozent präzise, wenn er die Mittellinie überschritten hat.
Auf den Verbindungsspieler zu verzichten - eventuell zugunsten von Marlon Ritter, der einmal mehr auf der Bank Platz nehmen musste und erst in der 79. Minute kam - ist dennoch nicht angezeigt. Denn Sahin bietet seinen Mitspielern permanent Anspielstationen, weil er ein Meister im Freilaufen ist.
Bezeichnend auch die Szene in der 9. Minute. Tiefer Ballgewinn von Fabian Kunze. Schnelles Umschalten über Joly. Der pflügte durch den rechten Halbraum bis fast vor den Sechzehner, musste das Leder nur noch in den Lauf des rechts durchgestarteten Sirch legen, und schon eröffnete sich diesem keine "hundertprozentige", aber doch eine gute Einschusschance. Das an sich einfache Zuspiel aber blieb an Düsseldorfs Kenny Schmidt hängen.
Pressing und Gegenpressing sind die wirksameren Stilmittel
Dass Schiri Erbst ein paar Momente nach einem taktischen Foul von Tim Breithaupt an Prtajin lieber abpfeift, um dem Fortuna-Sechser die Gelbe Karte zu zeigen, statt angesichts des erkennbaren Vorteils für den FCK weiterlaufen zu lassen, ist dagegen Pech. Die Distanzschussversuche von Hanslik, Skyttä, Kunze und Sahin wiederum bereiteten Kastenmeier keine ernsthaften Probleme.
Aber: Sie wurden allesamt nach hohen Ballgewinnen ermöglicht, als Folge konsequenten Pressings oder Gegenpressings. Was die Wirksamkeit dieses Stilmittels unterstreicht. Überhaupt war dieses Spiel keines, das für die oft und gerne propagierte Überlegenheit des "Ballbesitz-Fußballs" spricht. Aus längeren Ballbesitz-Phasen entwickelte sich kaum etwas Torgefährliches. Allenfalls, nach Ballverlusten, eine Umschaltchance für den Gegner.
Die Sache mit dem Ballbesitz
Und wer in diesem Zusammenhang glaubte, dass sich an diesem Nachmittag zwei konträre Spielansätze begegnen, wurde ebenfalls eines Besseren belehrt. Markus Anfang, der sich den Gegner mit feinem Passspiel über mehrere Stationen zurechtlegen will, gegen Torsten Lieberknecht, der mit möglichst wenigen Zügen vor Gegners Tor kommen möchte? Von wegen.
Auch das widerlegen die Zahlen: Lange Ballbesitze zwischen 20 und 45 Sekunden verzeichneten die Pfälzer genauso viele wie die Rheinländer, 17 nämlich. Bei den sehr langen Ballbesitzen über 45 Sekunden zählten die "Wyscout"-Analysten bei Düsseldorf einen mehr als bei Lautern, vier nämlich.
Wobei, wie beschrieben, die überschaubare Zahl an Toraktionen mehrheitlich zustande kam, wenn's nach Balleroberungen zügig zur Sache ging. Oder nach ruhenden Bällen. Und von beidem hatten die Betze-Buben unterm Strich mehr. Drum dürfen sie sich ja auch zu Recht über zwei verlorene Punkte ärgern.
Aktivposten: Skyttä, Sirch, Robinson
Zu den Grafiken. Nach xGoals siegt der FCK knapp mit 1,44 : 1,11. Nach der ersten Halbzeit stand's 0,92 : 0,44. Dennoch: In einigen weiteren Szenen fehlte nur ein präziser Pass mehr, und das xGoals-Ergebnis wäre noch deutlicher.
Die Positions- und Passgrafik des FCK. Prtajin (Nr. 9) und Hanslik als Doppelspitze (19), Skyttä (15) auf der Zehn? Da sieht man wieder mal, wie ungenau die vielerorts veröffentlichten Schemata doch sind. Eigentlich war Skyttä mehr zweite Spitze als Hanslik. Vor allem in der zweiten Hälfte trug der Finne über seine Seite mehrfach gefährliche Konter nach vorne. Dem Freistoß, der zum 1:0 führte, ging ein Foul an ihm voraus.
Bemerkenswert auch die hohe Position des eigentlichen rechten Innenverteidigers Sirch (31). Und sein munteres Zusammenspiel mit Skyttä und Joly (26). Von dem hätte man sich gewünscht, dass einige seiner zahlreichen Flanken präziser gekommen wären. Interessant auch die Rolle von Leon Robinson (37) als Anspielstation.
Zum Vergleich die Passmap der Fortuna: Sie versuchen sich ja schon am sauberen Kombinationsspiel. Mal sehen, wie lange es dauert, bis Markus Anfangs Ansatz sich auch in Toren und Punkten niederschlägt.
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