Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-VfL
Die DBB-Analyse: Mit der Kraft der Power-Bank
Wer sein Geld für Sportwetten bei Zweitliga-Spielen ausgibt, ist selbst schuld. Wohl in keinem anderen Wettbewerb in Europa lassen Endergebnisse so schwer vorhersagen. Auch, wer sogenannte "Live"-Wetten zu platziert, sollte sein Kapital besser anderswo verbrennen. Weil sich nicht einmal vernünftig prognostizieren lässt, wann Tore fallen. In dieser Partie etwa lag zwischen der 47. und 72. Minute ein Treffer für den 1. FC Kaiserslautern förmlich "in der Luft", und in diesem Fall darf die Phrase sogar wörtlich genommen werden. Nur kam dabei nichts Zählbares heraus.
Erst scheitert Marlon Ritter mit einem Flachschuss aus halblinker Position am überragenden VfL-Bochum-Keeper Timo Horn. Mika Haas köpft eine Ecke von Marlon Ritter daneben, Ivan Prtajin eine Halbfeld-Flanke von Luca Sirch knapp vorbei - okay, ein Einschlag im Netz wäre wohl wegen Abseits vom VAR kassiert worden. Horn pariert nach eine weiteren Ecke einen Kopfball von Jan Elvedi, dann köpft Prtajin an der Pfosten und Horn hindert einen Haas-Kopfball, der obendrein noch abgefälscht ist, mit einem fast schon übermenschlichen Reflex am Überschreiten der Torlinie. War's das? Nö! Prtajin versucht nicht aus fünf Metern eine flache Hereingabe von Sirch ins Eckige zu rutschen, doch auch das haut nicht hin.
Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo der Ivan her
Und dann? Ist erstmal Schluss. Plötzlich ist der Gast am Drücker, und so manchem FCK-zugeneigten Betrachter kriecht eine Prophezeiung aus dem Alten Testament des Fußballs ins Hirn: "Am Ende wird es sich rächen, wenn man seine Chancen nicht nutzt."
Zum Beleg die "Wyscout"-Visualierung, wie sich Ballbesitz-Verhältnisse unmittelbar vor dem Moment verschoben hatten, in dem die Roten Teufel dann doch noch das 2:1 markierten.
Wie und warum der Treffer dennoch fallen konnte, zu diesem eigentlich nicht mehr wahrscheinlichen Zeitpunkt? Da bieten sich mehrere Erklärungen an.
Erstens: Weil's eben Zweite Liga ist.
Zweitens: Weil es so ist, wie Semih Sahin hinterher sagte: "Wenn du so einen Stürmer hast wie Ivan, dann hast du immer Hoffnung."
Drittens: Weil Lautern in der zweiten Hälfte auf die Westkurve spielte, die, wenn gar nichts mehr geht, den Ball ins Tor schreien kann.
Viertens: Weil Fritz-Walter-Wetter war (auch wenn das auf starken Regen mit Sturmböen eigentlich gar nicht zutrifft).
Fünftens, und für diese vergleichsweise nüchterne Erklärung wollen wir uns entscheiden: Weil FCK-Trainer Torsten Lieberknecht sich einmal mehr die entscheidende Energiereserve aus seiner, beziehungsweise von seiner "Power-Bank" besorgte.
Immer eine Bank: Leon, der Profi
Denn der präzise Steckpass, mit dem Mittelstürmer Prtajin auf die Reise geschickt wurde, um zur erneuten Lautrer Führung zu vollstrecken, kam von Leon Robinson. Der war sechs Minuten vorher für Sahin ins Spiel gekommen. Einer von der robusten Sorte für einen Feintechniker, um die Zweikampfwerte im zentralen Mittelfeld zu erhöhen. Hätte man meinen können. Aber: Auch Leon, der Profi, hat ein feines Füßchen, wie sich zeigte.
Damit nicht genug: In der 84. Minute kam Afeez Aremu für den erschöpften Prtajin. Ein zweiter Sechser für den Mittelstürmer. Um das 2:1 über die Zeit zu bringen und dem Doppeltorschützen einen Applaus-umtosten Abgang zu bescheren? Neeeee - Aremu leitete mit einem frühen Ballgewinn und einem Abspiel auf den schon in der 66. Minute eingewechselten Dickson Abiama das 3:1 durch Paul Joly ein.
Wir erinnern uns: Schon das Heimspiel gegen Darmstadt (3:1) am 4. Spieltag wurde mit der Kraft von der Power-Bank gewonnen, da hießen die Energie-Reserven Skyttä, Faride Alidou und Tobias Raschl. Doch auch Robinson und Aremu waren bislang stets verlässliche Nachrücker. Jetzt haben sie erstmals ihr Team nicht nur stabilisiert, sondern die Partie mitentschieden. Die Bank an des Trainers Seite hat wieder Zinsen ausgezahlt.
Serien sind nur was für Papiertiger
Alla gut. Der erneute Führungstreffer mag zu dem Zeitpunkt, an dem er fiel, ein wenig glücklich gefallen sein. Aber angesichts des Übergewichts an Chancen, die die Betze-Buben über die volle Spielzeit herausholten, ist das Ergebnis am Ende doch hochverdient, oder? Der FCK hat nun sein saisonübergreifend sechstes Heimspiel hintereinander gewonnen, der VfL dagegen sein sechstes Liga-Spiel in Folge verloren. Am Ende hat sich der positive und der negative Trend bestätigt. Unter diesen Gesichtspunkten war der Spielausgang doch von vorneherein absehbar. So what?
Eben nicht. In dieser Liga läuft kein Spiel wie das andere. Solche Ergebnisserien sind was für Papiertiger. Vor allem werden sie den Verlierern nicht gerecht. Denn es ist kein Zufall, dass Bochum jedes dieser sechs Spiele nur knapp verlor. Auch auf dem Betzenberg waren sie näher dran, was mitzunehmen, als die nackten Zahlen es aussagen.
Die rechte Seite kommt mit Macht - und schon steht's 1:0
Wobei es zunächst schon nach einer klaren Angelegenheit für die Roten Teufel ausgesehen hatte. Kapitän Marlon Ritter war in die Startelf zurückgekehrt. Daher verzichtete Lieberknecht auf die Doppelspitze, auf die er seit dem Darmstadt-Spiel gesetzt hatte. Hinter Keilspitze Prtajin formierte sich zunächst eine offensive Dreierreihe. Sahin rückte, ein wenig überraschend, auf die rechte Seite, in der Mitte positionierte sich Naatan Skyttä, links Ritter.
In der Dreier-Abwehr ersetzte Elvedi den rotgesperrten Maxwell Gyamfi und nahm auch dessen Platz im Zentrum ein. Sirch blieb auf der rechten Seite der Innenverteidiger mit der Lizenz zum Marschieren. Und gemeinsam mit Längst-Leistungsträger Paul Joly bildeten Sahin und Sirch rechts eine Macht, die sich bereits in der 7. Minute eindrucksvoll in Szene setzte.
Joly bringt mit einer Kombination aus Grätsche und Abspiel Sahin in Ballbesitz. Der dreht sich lehrbuchmäßig frei. Setzt mit einem Zuckerpass den rechts durchstampfenden Sirch ein. Der flankt gleich beim ersten Ballkontakt flach in die Mitte zur mitgelaufenen Nummer 9 - und Prtajin netzt. Besser geht's nicht.
Aber: Löcher im Zentrum, die linke Seite hängt durch
Danach aber zeigte sich, dass die Formation mit vier Offensivkräften auch Risiken barg. Fabian Kunze war im hinteren Mittelfeld allein, so dass die Gäste dort zunehmend Räume und Anspielstationen fanden. Die linke Seite hing durch.
Ein Treffer des umtriebigen Mathis Clairicia, der wegen Abseits aberkannt wurde, setzte bereits ein erstes Warnsignal. In der 15. Minute war's soweit: Diesmal setzte sich der junge Kacper Koscierski auf der rechten Seite durch, passte in den Rückraum auf Gerrit Holtmann - und der schoss zum Ausgleich ein.
Umstellung stopft Löcher, bremst aber die Offensive
Im weiteren Verlauf der ersten Hälfte formierte sich der FCK wieder wie in den ersten Saisonspielen. Sahin rückte ins Zentrum und agierte fortan zurückgezogenener. Skyttä und Ritter gaben rechts und links die Halbstürmer. Danach schlossen sich zwar die Lücken im Zentrum, aber das Offensivspiel der Pfälzer lief weniger rund als zu Beginn.
Und wie in den ersten Saisonspielen zeigte sich, dass es Ritter nicht guttut, wenn er zu weit auf links außen gedrängt wird. Dabei hat er sich auf der Position einst in den Fokus des Profifußballs geballert, als Nachwuchskraft in der Zweiten Mannschaft Borussia Mönchengladbachs. Aber ein Spieler entwickelt sich eben weiter. Und schneller wird er mit Jahren schon gar nicht.
Allerdings: Nach der Pause lief es bei MR7 wesentlich besser, so, wie diese 3-4-2-1-Formation sich auch insgesamt harmonischer zusammenfügte. Die Chancenflut in den folgenden 25 Minuten belegt es. Der eine oder andere wird jetzt vielleicht einwenden, dass diese fast ausschließlich aus Eckbällen resultierte. Aber auch die wollen erst einmal herausgespielt werden.
Ärgerlich: Das Lenz-Solo und Elvedis Eigentor
Auf der Minus-Seite erwähnt werden muss die Großchance, die sich dem VfL noch beim Stand von 1:1 bot: Wieso kann der junge Cajetan Lenz sich bis vors Lautrer Gehäuse durchknoddeln? Die Partie hätte an diesem Punkt durchaus in andere Richtung kippen können.
Ebenfalls kein Ruhmesblatt für die Hintermannschaft war der späte Anschlusstreffer der Bochumer. Elvedi sah sich im Fünfer plötzlich gleich mit zwei Gegenspielern im Clinch. Der offiziellen Lesart zufolge hat er das Leder sogar selbst über die Linie bugsiert. Dennoch sind ihm die wenigsten Vorwürfe zu machen.
So bleibt unterm Strich ein FCK-Sieg, der nach objektiven wie nach subjektiven Kriterien als verdient bezeichnet werden darf. In dem die unverdrossenen Skeptiker aber auch ein paar Haare in der Suppe finden dürfen. Womit wieder mal jeder was für sich mitnehmen durfte von seinem Betzenberg-Besuch. Was will man mehr.
MR7 und Prtajin: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?
Zur Veranschaulichung hier noch ein paar Grafiken. Die xG-Timeline spricht, wen wundert's noch nach unseren Ausführungen, eindeutig für den FCK. Endergebnis 3,4 : 0,65.
Die Positions- und Passgrafik des FCK: Zeigt, was wir oben beschrieben haben. Im hinteren ging dass es ein wenig zu luftig zu. Kunze (Nr. 6) war allein auf weiter Flur. Aber auch, wie stark einmal mehr die rechte Seite war. Haben wir eigentlich Paul Joly (26) schon gebührend gelobt? Dann tun wir's jetzt. Er war wieder einer der Besten - nicht nur wegen seines ersten Liga-Treffers im FCK-Trikot. Erfreulich auch die gute Passkommunikation zwischen Ritter (7) und Prtajin (9) - der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?
Zum Vergleich die Passmap des VfL. Das sieht ganz schön linkslastig aus. Obwohl er die starken Szenen in der ersten Halbzeit über die rechte Seite einleitete.
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