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Interview des Monats: FCK-Trainer Torsten Lieberknecht (Teil 1/2)

"Ein Spieler muss für unsere Ziele brennen, so wie ich auch dafür brenne"

24.07.2025, 12:00 Uhr - Autor: Eric Scherer, Thomas Hilmes

Torsten Lieberknecht im großen DBB-Interview: Der FCK-Trainer spricht über die Lehren aus der letzten Saison, sein neues Team und die Einflüsse von Kalli Feldkamp und Co.

Titelfoto

Der Betze brennt: Torsten Lieberknecht, haben Sie im Mai das Champions-League-Finale zwischen Paris Saint Germain und Inter Mailand gesehen?

Torsten Lieberknecht (51): Nein.

Der Betze brennt: Gehört oder gelesen haben Sie aber doch sicher von dem Eröffnungszug, mit dem die Franzosen auch in dieses Spiel starteten: Sie schießen den Ball beim Anstoß absichtlich in der gegnerischen Hälfte ins Aus und erobern ihn sich beim anschließenden Einwurf zurück. Was halten Sie denn davon?

Lieberknecht: Gehört habe ich davon natürlich auch schon. Ich denke, der Hintergrund ist, dass die Franzosen auf diese Weise hoch in der gegnerischen Hälfte wieder in Ballbesitz kommen wollen. Und dass sie überzeugt sind, das auch zu schaffen. Weil sie wissen, wie man die Einwurfzone zustellt, und dass sie gut pressen können.

Der Betze brennt: Dann schlagen wir mal die Brücke zum FCK. Vergangene Saison, 34. Spieltag, Lautern spielt in Köln. 14. Minute, Einwurf Köln. Paqarada wirft den Ball ungefähr in Lautrer Strafraumhöhe keine zehn Meter weit auf Huseinbasic, der nimmt ihn unbedrängt an, passt zurück auf Paqarada, der ebenfalls nur zaghaft attackiert wird, flankt - und Martel köpft den Führungstreffer. Wenn in der Einwurfzone so lasch markiert wird, rauft man sich als Trainer da nicht die Haare, sofern man welche hat?

Lieberknecht: Natürlich ärgert man sich da. Das war eine der Szenen, die gezeigt haben, wo wir uns nächste Saison verbessern müssen. Die Analyse hat gezeigt, dass wir in der vergangenen Spielzeit beim Verteidigen von Flanken im und um den Sechzehner herum mit die meisten Gegentore in der Liga bekommen haben. Da muss die Flanke verhindert, der Einwurf zugestellt werden. Da ist schnelle Zuordnung, schnelle Kommunikation gefragt. Wir müssen uns aber nicht nur bei Einwürfen und Freistößen verbessern, sondern generell beim tiefen Verteidigen.

Der Betze brennt: Bleiben wir aber mal bei den Einwürfen. Sie waren eine der Stellschrauben, an den Ihr Kollege Jürgen Klopp nach seiner Amtsübernahme in Liverpool gewaltig und sehr erfolgreich gedreht hat, um die Reds wieder zu einem Spitzenteam zu formen ...

Lieberknecht: Davon habe ich auch gelesen. Liverpool hatte in der Liga die schlechteste Balleroberungsquote nach Einwürfen, nur 45,4 Prozent. "Kloppo" engagierte daher den Trainer Thomas Grönnemark, der auf Einwürfe spezialisiert ist. Mit ihm schraubten sie die Eroberungsquote auf 68,4 Prozent und waren damit die Besten der Liga.

"Mein FCK-Jugendtrainer Ernst Diehl hat mich am meisten geprägt"



Der Betze brennt: Sie befassen sich also auch intensiv mit Statistiken ...

Lieberknecht: Ich bin nicht so der super Statistik-Fan, aber manchmal ergibt es Sinn, mit Hilfe von Zahlen zu analysieren, wenn man sich verbessern will. Ich kann Euch aber versichern: Auch auf Einwürfe haben wir in der Vorbereitung viel Wert gelegt, sowohl die defensiven als auch die offensiven, um in einer torgefährlichen Situation die eine oder andere Idee mehr mit reinzubekommen. Bezüglich Standardsituationen haben wir mit Niklas Martin nun sogar einen eigenen Trainer für diesen Verantwortungsbereich bestimmt.

Der Betze brennt: Nochmal kurz zu Jürgen Klopp. Sie haben mit ihm zusammen in den Neunzigern in Mainz gespielt. Euer Trainer war Wolfgang Frank, der in Deutschland seinerzeit Fußball sehr fortschrittlich dachte. Er wird noch heute immer wieder als Klopps Mentor genannt. War er das auch für Sie?

Lieberknecht: Ja, absolut. Wolfgang Frank hat mir den Trainerberuf nahe gebracht. Er hatte eine andere Art der Mannschaftsführung, an der er uns teilhaben ließ. Sein größter Verdienst war, dass er in Deutschland erstmals die Raumdeckung im 4-4-2 über den ganzen Platz bekannt gemacht hat - okay, Trainer wie Hannes Bongartz hatten damals auch zuvor schon mal in Wattenscheid und Kaiserslautern experimentiert. Frank war von dem Italiener Arrigo Sacchi inspiriert, der mit diesem Spiel Anfang der 1990er Jahre beim AC Mailand erfolgreich war. In Deutschland wurde da noch mit Libero und Manndeckern gespielt. Da war Fehleranalyse noch einfach: Wenn dein Mann ein Tor geschossen hatte, warst du schuld.

Der Betze brennt: Welche Trainer haben Sie in Ihrer aktiven Karriere noch beeinflusst?

Lieberknecht: Ach, man nimmt doch von jedem Trainer etwas mit. Ein besonderer war natürlich Kalli Feldkamp, der mich beim 1. FC Kaiserslautern in den Beruf des Fußballprofis eingeführt hat. Bei ihm habe ich gelernt, was Ausstrahlung bewirken kann, aber auch, wie man Mannschaftssitzungen vorbereitet. Am meisten geprägt aber hat mich, und er war vielleicht sogar der Beste von allen - mein einstiger Jugendtrainer beim FCK, Ernst Diehl. Von ihm habe ich gelernt, wie man den Nachwuchs führt, ihn auf Erwachsenenfußball vorbereitet. Ihn möchte ich demnächst auf jeden Fall auch mal länger besuchen, zusammen mit Thomas Hengen, der ja damals mein Teamkollege in der FCK-Jugend war.

Der Betze brennt: Zurück in die Gegenwart. Ihr habt jetzt im Sommer im Trainerteam einige Veränderungen vorgenommen, es vor allem verjüngt. Wie viele neue Personalien gehen auf Sie zurück, wie viele auf Sportdirektor Marcel Klos?

Lieberknecht: So exakt gewichten lässt sich das nicht. Die Initiative ging auf jeden Fall von Marcel aus, das ist ja auch sein Job als Sportdirektor. Er hat mich aber direkt mitgenommen. Und es ist keinesfalls so, dass wir dachten, dass früher alles schlecht war. Ich würde sowieso niemals negativ über meine Vorgänger reden, denn das wäre unfair und nicht korrekt. Aber wir wollten der Mannschaft einen neuen Impuls geben, sie aus ihren vertrauten Zonen herausholen, um sie weiter zu verbessern. Natürlich haben die jungen Leute auch eine andere Ansprache, sind näher an der aktuellen Spielergeneration. Und sie implementieren neue Trainingsinhalte. Das sehen wir jetzt etwa bei Torwart-Trainer Sören Rittmeier. Oder bei Athletik-Trainer Jimmy Lohberg, der super strukturiert ist und auch viel im individuellen Bereich arbeitet.

Der Betze brennt: Der neue Video-Analyst heißt Max Lieberknecht. Der Name lässt vermuten, dass diese Besetzung auf Sie zurückgeht.

Lieberknecht: Max ist mein Neffe, aber er hat den Job nicht deswegen bekommen. Sondern, weil er in Darmstadt unheimlich viel Engagement gezeigt und sein Talent unter Beweis gestellt hat. Als ich in Darmstadt Cheftrainer war, hat er die U14 trainiert und sich aufgrund seiner guten Arbeit innerhalb kürzester Zeit zum U19-Co-Trainer hochgearbeitet. Anschließend wurde er Cheftrainer der U17, bevor er in die Analyse gewechselt ist. In einem Klub wie dem FCK zu arbeiten, ist für ihn ein idealer nächster Schritt, in der Spiel-, insbesondere in der Gegner-Analyse ein guter Platz, um sich weiterzuentwickeln.

Der Betze brennt: Wie wichtig sind Videoanalysen für Ihre Arbeit?

Lieberknecht: Was Spielersichtung angeht, ist mir immer noch Live-Scouting am liebsten. Da kann ich mir besser ein eigenes Bild von dem Jungen machen, ihn etwa schon beim Aufwärmen beobachten und meine Schlüsse ziehen. Natürlich muss ich da auch eine gute Scouting-Abteilung hinter mir wissen, die eine entsprechende Vorarbeit leistet, das geht ja auch aus Zeitgründen gar nicht anders. In der Spielvorbereitung aber geht's heutzutage gar nicht mehr ohne Videoanalyse.

"Die Aufmerksamkeitsspanne in der Kabine liegt bisweilen bei 15 Minuten"

Der Betze brennt: Ihr Heidenheimer Kollege Frank Schmidt hat ein schönes Buch geschrieben, in dem er erklärt, dass er als junger Trainer erstmal lernen musste, wieviel Videostudium man einer Mannschaft vor einem Spiel zumuten kann. Früher zeigte er 100 Minuten lang Ausschnitte, stellte aber bald fest, dass seine Jungs gar nicht solange bei der Sache sind.

Lieberknecht: Das ist absolut richtig. Man darf die Jungs nicht überfrachten. Die Aufmerksamkeitsspanne lässt bisweilen schon nach 15 Minuten nach, da muss ich mich auf das Essenzielle beschränken. Manches machen wir auch auf Englisch, zweisprachig oder zwei Mal nacheinander, für unsere noch nicht deutsch sprechenden Spieler. Es gibt so viel, dass man vom Gegner zeigen könnte, Spieleröffnungen, insbesondere Torwart-Spieleröffnungen et cetera. Aber diese Dinge können sich auch von Woche zu Woche ändern. Daher muss ich mich vor jedem Spiel erstmal intensiv mit dem Video-Analysten besprechen und fragen: Was ist das Wesentliche, das wir in die Sitzung mitnehmen? Oft beschränke ich mich auf drei Szenen. Die müssen den Spielcharakter einer Mannschaft zeigen, das, was daran auffällig ist. Zu wenig darfst du allerdings auch nicht machen. Denn dann können sich die Spieler nach einer Niederlage dahinter verstecken, dass sie keine vernünftige Gegnervorbereitung bekommen haben. Und Trainerkollegen, die sich nicht genug darum kümmern, sagen gerne: Wir brauchen keine Gegner-Analyse, wir zwingen dem Gegner unser Spiel auf. So einer bin ich auch nicht.

Der Betze brennt: Teil des Teams geblieben ist Co-Trainer Niklas Martin. Sie sagten es bereits: Er hat jetzt eine neue Zusatzrolle, fungiert als Standardtrainer. Im Trainingslager war er da intensiv gefordert. Wie wird das im wöchentlichen Trainingsbetrieb aussehen?

Lieberknecht: Üblicherweise werden immer einen Tag vorm Spiel Standards trainiert. Für mich ist das ein Ticken zu wenig. Wenn man den Gegner kennt, kann man auch schon früher damit beginnen, die eigenen Standards auf ihn anzupassen, defensiv wie offensiv. Und immer in Absprache mit dem Torwart-Trainer, denn das gehört für mich zusammen. Dafür muss Nik natürlich auch die entsprechende Zeit bekommen. Vielleicht nicht täglich, aber beispielsweise mal eine Extra-Stunde an sogenannten Regenerationstagen, und im Abschlusstraining sowieso. Bislang macht er da einen super Job. Und das wird Euch freuen zu hören: Einwürfe sind für ihn ein besonders interessanter Part.

Der Betze brennt: Anstöße sind ja irgendwie auch Standardsituationen. Im Testspiel gegen Notts Country habt Ihr einen Treffer direkt nach dem Anstoß erzielt. War das auch schon Ausdruck der neuen Standard-Philosophie?

Lieberknecht: Ja, wir haben da verschiedene Varianten, für die wir verschiedene Bezeichnungen haben. Natürlich fällt der Treffer nur, weil der gegnerische Abwehrspieler einen Wahnsinns-Fehlpass Richtung eigenen Torhüter spielt. Aber den spielt er doch nur, weil wir ihn mit entsprechenden Laufwegen gestresst haben. Ich mag das nicht, wenn beim Anstoß drei Pässe zurückgespielt werden, und der letzte landet dann beim eigenen Torwart. Und mit einem steilen Pass direkt einen Treffer zu erzielen, ist doch das Optimum. Sogar noch effektiver, als ihn erstmal ins Aus zu kicken (lacht).

"Als Trainer musst du Ideen haben, aber auch kompromissbereit sein"

Der Betze brennt: Dass Sie mit Thomas Hengen bereits in der A-Jugend des FCK gespielt haben und dort Deutscher Meister wurden, ist bekannt. Gab es auch schon Berührungspunkte zu Marcel Klos, bevor Sie als Trainer an den Betzenberg zurückkehrten?

Lieberknecht: Nein, nie. Wir haben uns erst hier kennengelernt. Aber gleich einen guten Draht zueinander gefunden.

Der Betze brennt: Und wie ist das mit Co-Trainer Carsten Rump?

Lieberknecht: Den kenne ich natürlich schon lange. In dem Spiel, in dem er vor der Bielefelder Mannschaft die legendäre Kabinenansprache hält, die ihn zum YouTube-Star machte, war ich Trainer von Gegner Eintracht Braunschweig, den die Arminia anschließend mit 6:0 vom Platz fegte. Ich hätte ihn auch gerne schon als Co-Trainer nach Darmstadt geholt, aber da hatte er andere Pläne. Er sollte ja auch schon mal hierher kommen, als Jeff Saibene Cheftrainer des FCK wurde. Jetzt hat es geklappt, und ich denke, alle haben bereits gesehen, dass er ein richtig guter Co-Trainer ist. Er bringt auch mal eigenständig Dinge ein, ist aber immer loyal und hat stets ein offenes Ohr für jeden. Wir waren gleich auf einer Wellenlänge. Ich brauche Leute um mich, die den gleichen hohen Energielevel haben wie ich.

Der Betze brennt: Sie haben die Mannschaft bereits im April übernommen, vor den finalen vier Spielen Saisonspielen. War das Blick auch mit Blick auf die kommende Spielzeit ein Vorteil, weil Sie so sich noch mehr in die Personalplanung einbringen konnten, als Sie es mit einem Amtsantritt am 1. Juli vermocht hätten?

Lieberknecht: Es war jedenfalls kein Nachteil. Ich konnte die Spieler kennenlernen, von denen die meisten einen guten Eindruck auf mich machten. Mir aber auch Gedanken machen, wer könnte noch dazu passen, zu meiner Spielidee. Die Zeit war aber ebenso wichtig, um die personellen und strukturellen Veränderungen drumherum auf den Weg zu bringen.

Der Betze brennt: Zu den Neuzugängen: Maxwell Gyamfi und Ivan Prtajin sind Spieler, die der FCK schon länger auf der Liste hatte. Ist unter den Neuen einer, von dem Sie sagen, den wollte ich unbedingt?

Lieberknecht: Ach, sowas zu sagen, ist immer schwierig. Natürlich habe ich meine Ideen, die ich auch einbringe, aber die haben der Sportdirektor und die Scouts ebenso. Da muss man sich zusammensetzen, diskutieren und sehen, was überhaupt machbar ist. Als Trainer musst du auch kompromissbereit sein und dich überzeugen lassen, wenn es mal nicht dein Wunschkandidat werden soll. Mein wichtigster Part ist dann, im Gespräch mit dem Spieler zu spüren, ob er wirklich für das brennt, was wir wollen. So wie ich selbst auch dafür brenne.

Morgen in Teil 2 unseres großen Cheftrainer-Interviews: Torsten Lieberknecht über seinen Lebenstraum mit dem FCK, attraktiven und erfolgreichen Fußball sowie die Rolle, die er für Marlon Ritter vorgesehen hat.

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- Teil 2 des Interviews: "Der Aufstieg mit dem FCK wäre ein Lebenstraum"