Taktik-Nachlese zum Spiel HSV-FCK

Die DBB-Analyse: Zwischen Mut und Verzweiflung

Die DBB-Analyse: Zwischen Mut und Verzweiflung


Der 1. FC Kaiserslautern erarbeitet sich beim Hamburger SV eine Fülle von Torchancen, zieht nach Abwehrfehlern zum Haareraufen am Ende aber doch wieder den Kürzeren. Mut darf der Aufritt im Volksparkstadion dennoch machen.

Was soll man dazu noch sagen? Vergangene Woche, im Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf, pulverisierte sich der 1. FC Kaiserslautern in nur acht Minuten seine eigene starke Leistung über 70 Minuten - und aus einem 1:0 wurde ein 1:3. An diesem Samstag dauerte es nur 29 Sekunden, und aus einer fast schon sicheren 2:1-Führung wurde ein 1:2, das auch den Endstand bedeutete.

Was besonders tragisch - oder bitter-ironisch - anmutet: Die riesige Doppelchance zum 2:1 versemmelte ausgerechnet Almamy Touré. Am Dienstag, im Halbfinal-Drama von Saarbrücken, war er noch der gefeierte Held. Wie der Malier nun gleich zweimal hintereinander aus kürzester Distanz an HSV-Keeper Matheo Raab scheiterte, das erinnerte wiederum fatal an die ausgelassene Vierfach- und anschließende Zweifach-Chance am 18. Spieltag auf St. Pauli.

Dergleichen mag Spieler, Trainer und Fans an der Rand der Verzweiflung treiben, darf aber kein Grund sein zu hadern und nur an Glaube und Hoffnung zu appellieren - weil sich so viel Pech ja irgendwann mal ausgleichen und in Matchglück wandeln müsse, und überhaupt die Leistung ja stimme. Ganz so einfach ist es leider nicht. Der Abstiegsrang 17, den die Pfälzer nun einnehmen, mag nur eine Momentaufnahme sein, aber er lügt nicht.

Benes und Königsdörffer, die Hamburger Unruheherde

Die Art und Weise, wie der FCK Gegentreffer kassiert, gibt weiterhin Anlass zu höchster Sorge. Wenn sich diese Fehler nicht bald minimieren, werden sich die Roten Teufel auch bis zum Rundenende gute Auftritte ruinieren.

Vor dem ersten Hamburger Tor erwartet die Lautrer Hintermannschaft im Grunde formiert. Nach einem Einwurf von der rechten Seite darf der HSV den Ball um den Strafraum herum zirkulieren lassen. Der Ball landet beim halblinks einlaufenden Ransford-Yeboah Königsdörffer, der flach in die Mitte vor den Fünfer passt, wo sich Laszlo Benes an drei Roten Teufeln vorbeidrängelt wie ein hungriger Student in der Mensa, der in der Schlange an der Essensausgabe die Schläfrigkeit seiner Kommilitonen ausnutzt. Und einschiebt.

Zuvor hatte Benes bereits mit einer Direktabnahme den Pfosten getroffen. Da hatten die Gastgeber einen Lautrer Angriff am eigenen Strafraum abgefangen und das Leder erneut über die linke Seite nach vorne getragen. Diesmal hatte Königsdörffer Benes den Ball in den Rückraum serviert. Und schon nach sechs Minuten hatte Benes einen Kopfball aus kürzester Distanz übers Tor gesetzt. Aufgelegt hatte ihm, ebenfalls per Kopf, abermals Königsdörffer, nach einer Rechtsflanke des Polen Lukasz Poreba. Zudem landete in der zweite Hälfte eine Freistoßflanke Benes' am langen Pfosten.

Bereits diese Aufzählung zeigt: Rechtsverteidiger Touré vergab nicht nur die Riesenchance zum 2:1, sondern hatte bei der Ausübung seines Kerngeschäfts auch große Schwierigkeiten mit Königsdörffer. Und Hamburgs Mittelfeld-As Benes bekamen die Betze-Buben überhaupt nicht in den Griff.

Ganz schlimm: der zweite Gegentreffer

Zum Saugrausen war dann der zweite Gegentreffer. Formell eine Umschaltaktion, die sich unmittelbar an Tourés Großchance über dessen verwaiste Abwehrseite anschloss, aber keine sehr schnelle. Und in den fatalen Momenten war, wie schon beim ersten Gegentor, eigentlich genug FCK-Personal anwesend. Eigentlich.

Denn: Andras Nemeths Schussversuch als halbrechter Position hat keinen wirklichen Drive, so dass Boris Tomiak ihn souverän klären müsste. Eigentlich. Stattdessen baut er eine ziemlich unsinnige Kerze, die Keeper Robin Himmelmann abfischen müsste. Eigentlich. Der aber vermag sich gegen zwei vor ihm postierte Gegenspieler nicht konsequent durchzusetzen, klatscht nur ab. Der Ball landet im Rückraum bei Poreba. Und dessen Hinterhaltsgeschoss sieht nicht wirklich unhaltbar aus. Eigentlich. Drin ist es trotzdem. Hat der FCK nach Julian Krahls Ausfall nun auch ein Torwartproblem?

Zu allem Überfluss hebt Tomiak eine mögliche Abseitsposition auf, wie der VAR bestätigt. Ausgerechnet Tomiak, der schon seit Wochen zusammen mit Jan Elvedi eine stabile Innenverteidigung bildet. Eigentlich.

Kleiner Exkurs: Wer die meisten Gegentreffer kassiert, steigt ab

Unterm Strich stehen damit also erneut zwei Gegentreffer zu Buche, die Punkte kosten. Insgesamt sind es nun 56, pro Spiel also zwei im Durchschnitt. Der hat sich auch unter Funkel kaum gebessert, nach sieben Liga-Spielen unter seiner Regie sind im Schnitt 1,86 Gegentreffer zu verzeichnen. So viele Gegentore hat bislang kein anderes Team der Liga kassiert. Und die Mannschaften mit der schlechtesten Defensive steigen fast immer ab. Ausnahmen sind in Liga zwei nur selten zu finden. In der Saison 2017/18 blieben Heidenheim und Duisburg mal drin, obwohl sie mit 56 Gegentoren die löchrigsten Hintermannschaften stellten, der MSV schloss damit sogar auf Rang 7 ab. 2014/15 blieb Bochum mal mit dem Höchstwert von 55 Gegentreffern in der Klasse.

Wohlgemerkt: So viele Einschläge wie in den genannten Beispielen verzeichnet der FCK schon jetzt, nach grade mal 28 Spieltagen. Kassiert er weiter Buden in dieser Frequenz, muss er sich schon den Karlsruher SC in der Saison 2010/2011 zum Vorbild nehmen: Da nämlich schluckten die Badener 72 Gegentreffer - und blieben drin.

Dennoch: Der Matchplan hat gestimmt

Damit ist es jetzt aber genug mit den negativen Aspekten. Von den schlimmen Momenten in der Abwehrarbeit abgesehen, darf der Aufritt im Volksparkstadion durchaus Mut machen. Friedhelm Funkels Matchplan hat gestimmt, und auch wenn die Ergebnisse auf dem Papier noch keinen Aufwärtstrend erkennen lassen, so ist es auf dem Rasen doch deutlich zu sehen: Die Mannschaft hat unter dem neuen Coach zur einer besseren Balance zwischen Defensive und Offensive gefunden.

Wie erwartet, gestaltete sich diese Partie vollkommen anders als das DFB-Pokal-Halbfinale in Saarbrücken unter der Woche. Darauf hatte Funkel unter anderem mit Personalrotation im Angriff reagiert. Alle vier Offensivkräfte des Saarbrücken-Spiels saßen entweder auf der Bank oder waren gar nicht im Kader. Stattdessen vertraute der Trainer auf die schnellen Flügelspieler Richmond Tachie und Aaron Opoku anstelle der wegen kleinerer Blessuren zuhause gebliebenen Kenny Redondo und Jean Zimmer. Im Sturmzentrum lief der genesene Ragnar Ache auf, auf der Zehn dahinter ersetzte Tobias Raschl Marlon Ritter.

HSV presst, FCK kontert, lässt aber zu viel liegen

Der HSV spielte phasenweise hohes Pressing, das die Gäste in der Regel zwar nicht auf kurzen Wegen zu überspielen versuchten, sondern mit langen Bällen. Die in der Regel wurden mit Bedacht auf die Zielspieler vorne geschlagen. Auch das Nachrücken, um zweite Bälle zu sichern, klappte insgesamt gut.

Zudem glückten den Pfälzern im Mitteldrittel immer wieder Balleroberungen, die zu vielversprechenden Umschaltaktionen führten. Die die Hamburger allerdings, so ehrlich muss man sein, in der ersten Hälfte auch durch Stockfehler ermöglichten, die eines Aufstiegskandidaten unwürdig waren. Leider verdaddelten die Lautrer diese Momente ein ums andere Mal. Vor allem Opoku und Tachie hätten zweimal nur auf den freistehenden Ache querlegen müssen, um diesen in eine Top-Schussposition zu bringen.

Auch der Ausgleich resultierte aus einer solchen Umschaltsituation. Raschl eroberte sich das Leder kurz vor Mittellinie und schickte Opoku auf die Reise. Worauf diesem diesmal ein recht schwieriges Zuspiel glückte, zwischen mehreren Abwehrbeinen hindurch auf den am langen Eck lauernden Ache, der zum 1:1 einschob. Manchmal scheint's eben kompliziert besser zu gehen als einfach.

Doch, tatsächlich: Sie können auch richtig Fußball spielen

Dieses Team kann jedoch nicht nur auf Konter lauern. Sondern auch Torgelegenheiten gegen bereits formierte Hintermannschaften herausspielen - das machte die Partie ebenfalls nachdrücklich deutlich. Schon nach vier Minuten etwa ermöglichten Opoku und Julian Niehues nach gutem Zusammenspiel Tymo Puchacz eine Flanke, die Ache mit dem Kopf übers Tor setzte. Nach elf Minuten brachte Puchacz sich nach einem Doppelpass mit Raschl im dicht besetzten HSV-Sechzehner in eine gute Schussposition, schob den Ball aber am langen Pfosten vorbei. Auch Traorés Riesenchance legte Opoku nicht nach einer Umschaltaktion auf, sie ergab sich nach einem weiten Torabschlag Himmelmanns, der gut gesichert und auf den linken Flügelmann weitergeleitet wurde.

Damit sind noch nicht einmal Torgelegenheiten für den FCK aufgezählt. Dass "bundesliga.de" ein xGoals-Verhältnis von 2,81 : 3,00 zugunsten der Gäste errechnet hat, spricht für sich. Und zeigt, dass auch ein anderes Ergebnis durchaus möglich gewesen wäre.

Natürlich: Nach dem Führungstreffer der Hamburger gelang den Betze-Buben nicht mehr viel. Das lag aber nicht daran, dass sie mental oder körperlich abbauten. Im Gegensatz zu früheren Partien dieser Saison, die in der zweiten Halbzeit verloren gingen, hielt die Elf, in die Funkel nun sukzessive frisches Blut pumpte, Kraft und Konzentration aufrecht. Allerdings zogen sich die Gastgeber nun zurück und präsentierten sich so gefestigt, wie sein Anhang es von einem Aufstiegskandidaten erwartet. Und Ragnar Ache hatte den Platz nach 63 Minuten bereits verlassen, so war es mit dem Trainer abgesprochen. Dass ohne den Torgaranten nicht viel geht, lässt sich bekanntlich auch statistisch beweisen.

Unterm Strich aber ist nach diesem Auftritt nicht nur Zweck-Optimismus angebracht. Trotz zweier Niederlagen in Folge bleibt die Erkenntnis, die Friedhelm Funkel formulierte: "Wir sind ein ganzes Stück weiter, so wie wir auftreten."

Die "Wyscout"-Grafiken liegen bislang noch nicht vor. Einfach morgen nochmal vorbeischauen, dann reichen wir sie nach.

Ergänzung, 11.04.2024: Die xG-Grafiken zum Hamburg-Spiel

Zu den Grafiken. In der xG-Timeline sind die Pfälzer wieder mal blau. "Wyscout" kommt sogar auf xG-Ergebnis von 2,58 : 3,54 zu Lautrer Gunsten, demnach hätte es also ein klarer Sieg sein müssen. Schön zu sehen: Der gewaltige Sprung, den Tourés Chance bewirkt, ehe die Hamburger zuschlagen.

xG-Timeline HSV-FCK

Die Passmap der Roten Teufel: Nur Opoku (Nr. 17) hat Mittelstürmer Ache (9) mehr als dreimal erfolgreich angespielt, nicht zuletzt unmittelbar vor dem 1:1. Insgesamt recht linkslastig, das Lautrer Spiel. Klar wird aber auch: Das ist nicht die Passmap eines Teams, das nur auf Konter gespielt hat. Dazu auch noch ein paar Zahlen: Im offenen Spiel verzeichnete der FCK insgesamt 15 Ballbesitze, bei denen der Ball zwischen 20 und 45 Sekunden in den eigenen Reihen blieb. Solche Werte gab es unter Schuster und Grammozis kaum. Und: Die Funkel-Truppe spielte insgesamt 23 Pässe in den gegnerischen Strafraum, von denen zwölf von einem Mitspieler angenommen wurden. Die Hamburger passten lediglich 21-mal in den Sechzehner, fanden dabei nur zehnmal einen Teamgefährten.

Passmap FCK

Die Passmap: In dem Maße, in dem das Lautrer Spiel linkslastig war, war das der Gastgeber rechtslastig.

Passmap HSV

Die Übersicht über die geführten Duelle: Hier ist der FCK nun wieder rot. Die zuletzt starken Innenverteidiger Elvedi und Tomiak sehen diesmal gar nicht gut aus. Nicht gut im Spiel war außerdem Tachie. Eine gute Torszene hatte allerdings auch er. Auch Hanslik fand nach seiner Einwechslung nicht gut in die Partie.

Zweikampf-Duelle HSV-FCK

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2023/24: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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