Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-SVW

DBB-Analyse: Kampf total, aber kompakt und konzentriert

DBB-Analyse: Kampf total, aber kompakt und konzentriert


Was für ein Derby! 0:0 - und dennoch besiegen neun Lautrer elf Waldhöfer in puncto Moral, Lauf- und Kampfbereitschaft sowie taktischem Geschick. Ob der 1. FC Kaiserslautern dies auch mit in die nächsten Spiele nehmen kann? Man wagt es kaum zu hoffen.

Eines gleich mal vorweg: Um die Schiedsrichterleistung und die daraus erwachsenen Konsequenzen - mehrere nicht gegebene Gelbe, zwei Rote Karten auf, zwei neben dem Platz, eventuell Handelfmeter, und eine aus unersichtlichen Gründen nochmals verlängerte Nachspielzeit - soll es in dieser Analyse nun nicht mehr gehen, darüber wird andernorts bereits genug diskutiert. Fragen wir uns stattdessen: Was hat dieses Derby denn aus fußballerischer Sicht geboten, was in die nähere und womöglich in eine bessere FCK-Zukunft weist?

Zunächst mal fiel auf: Coach Marco Antwerpen hat abermals eine Begegnung mit Magdeburg zu einer Zäsur genutzt. Nach der 0:1-Niederlage am 29. Spieltag der vergangenen Runde präsentierte er zum Start ins Saisonfinale gegen Halle eine auf vier Positionen veränderte Startelf sowie eine taktische Neuausrichtung, in der insbesondere Felix Götze als Variable zwischen Sechser-Position und Innenverteidigung hervorstach, durch die das Team fließend zwischen Dreier- und Viererkette wechseln konnte.

Drei Änderungen, aber was für welche

Rund fünf Monate später nahm Antwerpen nach der neuerlichen 0:1-Niederlage in Magdeburg vor dem Derby gegen den Waldhof nur auf drei Positionen Änderungen vor, doch die hatten es in sich. Kein Daniel Hanslik, kein Muhammed Kiprit, "gelernte" Stürmer suchte man in der Startelf vergeblich. Dafür präsentierte sich René Klingenburg als zentrale Spitze einer 3-4-3-Formation. Hinten bildeten mit Boris Tomiak, Kevin Kraus und Marvin Senger drei angestammte Innenverteidiger eine Dreierkette, von denen eigentlich keiner besondere Qualitäten als Aufbauspieler, geschweige denn die Option zum "Switchen" ins Mittelfeld aufweist. Was man als Anzeichen dafür werten könnte, dass der Coach von vorneherein kein Derby erwartete, in dem spielerische Feinheiten gefragt sein würden. Womit er fraglos richtig lag.

Im Vorfeld hatte er dennoch keine starre Formation angekündigt, sondern eine, die sich im Lauf des Spiels fließend verändern sollte. Leider stehen nur knapp 24 Minuten zur Verfügung, um zu beurteilen, wie dieser Auftritt denn genau hätte aussehen können, beziehungsweise, wie zukunftstauglich er war. Denn danach verlangte der erste Platzverweis andere Lösungen.

Variableres Offensivspiel? War bestenfalls in Ansätzen zu sehen

Klingenburgs Darbietung als Sturmspitze etwa ist kaum zu beurteilen. Solange der FCK vollzählig war, war jedenfalls nicht zu erkennen, dass seine Mitspieler ihn besser in Szene setzten als seine unglücklichen Vorgänger Hanslik, Kiprit und Elias Huth. Zu vermuten ist, dass es Klingenburgs Auftrag war, öfter mal aus der Spitze auszupendeln, um seine Nebenleute ins Zentrum vorstoßen zu lassen, schließlich ist er gelernter Mittelfeldspieler. Bei Redondo war zumindest die Absicht erkennbar, den Stürmer zu unterstützen. Überhaupt war der nominell linke Offensivspieler sehr beweglich und wechselte auch mal die Seiten.

Zu sehen war ebenfalls, wie Jean Zimmer einmal Philipp Herchers Part auf der rechten Außenbahn übernahm, so dass dieser sich in die Spitze mogeln konnte. Angesichts der Torgefährlichkeit Herchers, die er bereits in der vergangenen Saison offenbarte, eine durchaus ausbaufähige Variante. Überhaupt kam das Spiel mit Dreierkette insbesondere den Außenbahnspielern besser zupass, sowohl Hercher als auch seinem Gegenüber Hendrick Zuck.

Die Zentrale: Neue Rolle für Wunderlich, Ritter top

In der Mittelfeldzentrale musste der bisherige Zehner Mike Wunderlich formationsbedingt tiefer als zuletzt agieren. Auch das könnte - wohlgemerkt könnte, denn wirklich gute Erkenntnisse lieferten diese 24 Minuten eben nicht - für ihn die dankbarere Rolle sein. Der Routinier kann nach wie vor ordnen, ihm fallen auch noch viele kluge Dinge ein, doch mit seinen nunmehr 35 Lenzen kommt er mittlerweile öfter einen Schritt zu spät, wenn es schnell, hart und eng wird. Aus einer zurückgezogeneren Position heraus gelingt ihm womöglich mehr.

In seiner Funktion als Aufbauspieler ausgestochen wurde Wunderlich allerdings von seinem Nebenmann Marlon Ritter. Der 26-Jährige, der seine Muskelquetschung im Oberschenkel nun auskuriert hat, stand seit der Saisonpremiere gegen Eintracht Braunschweig zum ersten Mal wieder über volle 90 Minuten auf dem Platz und knüpfte direkt an seine starke Leistung aus der damaligen Partie an. Als der FCK noch vollzählig war und im Spiel nach vorne noch Breite herstellen konnte, versuchte er sich wiederholt an langen Diagonalbällen, von denen insbesondere einer auf den links durchlaufenden Zuck herrlich anzusehen war.

Später, als er dank des Schiedsrichters zusehends weniger Anspielstationen vorfand, betätigte sich Ritter als Ballschlepper, um Entlastung zu schaffen, riskierte auch Dribblings, um sich der gegnerischen Überzahl zu erwehren. Gegen Ende der Partie sogar mal in gefährlichen Zonen - okay, wär’s schief gegangen, müsste jetzt wahrscheinlich anders über Ritters Leistung geredet werden.

Nach den Platzverweisen agierte der FCK gemäß Handbuch - aber wie!

So, jetzt haben wir viel geredet über die ersten 24 Minuten, die ja, wie die gesamte erste Hälfte, Waldhof-Trainer Patrick Glöckner und verschiedener Berichterstatter zufolge gar kein richtiges Fußballspiel, sondern eine einzige Klopperei darstellten. Und danach? War’s eine Partie, die den FCK-Fans zunehmend das Herz lachen ließ: Wie sich das Team erst mit einem, dann mit zwei Mann weniger der Überzahl des Gegners entgegen warf, das dürfte jedem echten Anhänger, ob im Stadion, ob vor dem Fernseher, irgendwann Freudentränen in die Augen getrieben haben.

Auf dem Papier reagierte das Team lediglich dem Handbuch gemäß: Nach der ersten Roten Karte formierte es sich in einem 4-4-1, nach der zweiten gab es gar keine Anspielstation vorne, sondern nur noch zwei Viererketten, die sich im Verteidigungsdrittel verzahnten. Entscheidend ist das Wie, mit dem das Team die im Grunde simplen Vorgaben mit Leben füllte: Es wurde bis zur totalen Erschöpfung gekämpft und gerannt, dabei aber Kompaktheit und Konzentration hochgehalten.

Durch gemeinschaftliches Verschieben zwangen die Lautrer den Gegner, den Ball nach außen zu spielen. Dort wurde attackiert, oft erfolgreich - will tatsächlich nochmal jemand behaupten, Zucks Zweikampfverhalten lasse zu wünschen übrig? Und wenn den Waldhöfern mal eine Flanke glückte, räumten der ebenfalls überragende Tomiak oder Kraus ab. Oder Matheo Raab, der mit seiner Großtat gegen Dominik Martinovic nach 75 Minuten endgültig zum Helden dieses Spiels avancierte.

Die Wechsel: Wer wo verteidigte, war irgendwann egal

Interessant auch die Wechsel: Als Zimmer und Wunderlich raus mussten, brachte Antwerpen Julian Niehues und Dominik Schad. Niehues sollte mit seinen 1,95 Meter Körpergröße für zusätzliche Präsenz in der Zentrale sorgen. Ritter rückte nun auf die rechte Seite, Schad auf die linke, um gegebenenfalls mit einem langen Flankenlauf für Entlastung zu sorgen. Als dann auch Hercher nicht mehr konnte, brachte Antwerpen den gelernten Offensivspieler Hanslik.

Jetzt hätte Schad eigentlich auf seine angestammte rechte Verteidigerposition wechseln können und Hanslik nach links. Doch diesem leidenschaftlich kämpfenden Manschaftstorso war es mittlerweile offenbar egal, wer wo in den beiden Viererketten welchen Platz einnahm. Hauptsache, es wurde rangeklotzt, und zwar gemeinsam. Also mischte Hanslik noch ein paar Minuten als rechter Verteidiger mit.

Ob das Spiel einen neuen Spirit entfacht hat? Schön wär’s ja

Dass dieses FCK-Team den Geist aus diesem Spiel nun mit ins nächste nimmt, dass der Verlauf des wahrlich historischen Derbys vielleicht eine Art "Re-Start" in die Saison bewirkt hat - klar, dass dies hinterher aus dem Lautrer Lager ständig zu hören war. Aber diese Hoffnung ist nach gelungenen Auftritten in den vergangenen Jahren schon so oft geschürt und wieder enttäuscht worden, dass wir uns an dieser Stelle mit einem "Schön wär’s ja" begnügen.

Nicht auszudenken, wenn Zimmer nach 77 Minuten tatsächlich der "Homerun" geglückt wäre: Ritter war es tatsächlich gelungen, ihn so einzusetzen, dass der Kapitän ums Haar frei aufs Tor zulaufen können, aber Waldhof-Keeper Timo Königsmann hatte gut aufgepasst und kam rechtzeitig aus seinem Gehäuse gelaufen. Ein 1:0 für Lautern in einem Spiel Neun gegen Elf? Das wäre der großartigste Derbysieg ever gewesen. So war es zumindest ein moralischer Triumph.

Die xG-Plots werden in den nächsten 24 Stunden nachgeliefert. Für dieses Spiel dürften sie allerdings so wenig aussagekräftig wie nie sein. "Spirit" lässt sich grafisch nicht abbilden.

Ergänzung, 13.09.2021: Schämt Euch, wenn Ihr Waldhöfer seid

Zu den xG-Plots. Ein qualitativ bewertetes Chancenverhältnis von 1.48 : 0.16 zugunsten der Waldhöfer nach 90 Minuten. Was will uns das sagen angesichts von 65 Minuten in Überzahl? Richtig: Ist eher peinlich für die Gäste. Gerade mal drei ordentliche Einschussgelegenheiten in 45 Minuten mit elf Mann gegen neun. Steht auf, wenn Ihr Mannheimer seid - und schämt Euch.

xG-Plot FCK-SVW

Die Positions- und Passgrafik der Lautrer ist angesichts der Umstände dieses Spiels erst recht für die Füße. Obwohl sie eigentlich nett anzuschauen ist: schön verteilte Spots und ausgeglichene Passlinien. Allerdings: Da sind 25 Minuten mit elf Mann, 21 Minuten mit zehn Mann und etwa 29 Minuten mit neun Mann eingepflegt - was soll eine daraus resultierende Grafik an Erkenntnisgewinn bringen? Fast schon witzig: Wie die Dicke des Spots zeigt, hatte Senger den meisten Ballbesitz - obwohl er nur 41 Minuten lang Gelegenheit hatte, seinen Beruf auszuüben.

Passmap FCK

Zum Vergleich die Positions- und Passgrafik der Waldhöfer. Sieht aus, als hätte da einer mit dem Kopf durch die Wand gewollt.

Passmap SVW

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2021/22: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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