Taktik-Nachlese zum Spiel VfB-FCK

DBB-Analyse: Auch unorthodoxe Wechsel können helfen

DBB-Analyse: Auch unorthodoxe Wechsel können helfen

Foto: Daniel Krämer

Das 16. Remis der Saison, diesmal gegen den VfB Lübeck, zeigt einmal mehr, dass der Existenzkampf für den 1. FC Kaiserslautern nicht nur eine Frage fußballerischer Qualität ist. Nervenschwäche und weitere Ausfälle könnten sich ebenso fatal auswirken.

Es will einfach nichts hinhauen in dieser Spielzeit. Nicht nur, dass es dem FCK einfach nicht gelingt, seinen endlosen Remis-Serien auch mal ein paar Siege hintereinander folgen zu lassen. Die Mannschaft schafft es einfach nicht, mal über 90 Minuten ein einheitliches Bild abzugeben. Und offenbar bedingt das eine das andere.

In Lübeck wurde der Elf sogar ein Vorteil zuteil, auf den sie in vergangenen Wochen wiederholt verzichten musste - und das bereits nach acht Minuten. Denn der Schiedsrichter pfiff nach einer strittigen Szene ausnahmsweise mal zugunsten der Lautrer, beziehungsweise überhaupt nicht. Wobei "strittig" eigentlich eine Untertreibung ist. Nach Avdo Spahics Einsatz gegen VfB-Stürmer Cyrill Akono keinen Strafstoß zu geben, dürfte eine klare Fehlentscheidung Florian Exners gewesen sein.

Vorausgegangen war ein strammer, halbhoher Rückpass von Alex Winkler aus der rechten Verteidigerposition zu seinem Keeper. Der stoppte dieses Zuspiel nur ungelenk und brachte so den heranstürmenden Akono ins Spiel, der das Leder wohl noch berührte, bevor Spahic ihn zu Fall brachte. Ob Winklers Rückpass angesichts dreier aus dem Zentrum pressender Angreifer Irrsinn war oder dieser von seinem Torhüter zurecht mehr Ballsicherheit erwarten darf, mag Trainer Marco Antwerpen mit den beiden klären.

Nach dem ausgebliebenen Elferpfiff flattern die Nerven

Aus der schiedsrichterlichen Gnade vermag der FCK jedoch keine Kraft zu schöpfen. Das ohnehin schon strapazierte Nervenkostüm der Mannschaft war nun erst recht angekratzt, was für weitere Fahrigkeiten in der Hintermannschaft sorgte. Vor allem nach den flankenartigen Einwürfen des Lübecker Rechtsverteidigers Ryan Malone herrschte im Lautrer Strafraum Alarmstufe Rot. Eine gut ausgespielte Umschaltsituation von Zehner Anas Ouahim auf Jean Zimmer, der direkt auf Marvin Pourié flankte, dem die schwierige Direktabnahme jedoch nicht glückte, blieb lange Zeit die einzige nennenswerte Offensivaktion der Roten Teufel.

Der Führungstreffer der Lübecker nach 31 Minuten war daher eine logische Folge. Diesmal hatte der FCK doch wieder Pech mit dem Schiedsrichter, denn Elsamed Ramay klemmte am linken Strafraumeck Philipp Herchers Arm ein und brachte diesen so zu Fall. Und in der Mitte vollstreckte wer wohl? Cyrell Akono natürlich.

Der 21-Jährige hat dem FCK schon vor zwei Jahren als Stürmer von Preußen Münster eine bittere 0:2-Niederlage beschert, sein Trainer damals hieß übrigens Marco Antwerpen. Derzeit ist Akono von Mainz 05 nach Lübeck ausgeliehen. Beim Lautrer Nachbarn wird man die Szene mit einem breiten Grinsen verfolgt haben.

Sessa für Rieder: Nicht positionsgetreu, aber vielversprechend

Kurz danach der nächste Nackenschlag: Tim Rieder musste verletzt vom Platz. Der 27-Jährige war zuletzt wieder im defensiven Mittelfeld eingesetzt, als Nebenmann von Felix Götze. Er gab dabei wie gewohnt kaum Impulse nach vorne, verstand es aber, nach hinten abzusichern. Für ihn brachte Antwerpen Nicolas Sessa, was insofern überraschte, als dass dieser eine Offensivkraft ist. Möglicherweise, weil dem Trainer Alternativen mit Defensivqualitäten fehlen, vielleicht aber auch, weil er ein Zeichen setzen wollte, mehr Risiko zu gehen.

Und in der Tat: Sessa hatte kurz vor der Pause die zweite gute Torgelegenheit für den FCK, sein Schuss aus dem Rückraum nach Vorlage von Kenny Redondo wurde jedoch abgeblockt.

Die Halbzeitwechsel: Stürmer für Flügelspieler, kann das gutgehen?

In der Pause erhob Antwerpen das unorthodoxe Wechseln zum Prinzip. Für Redondo und den ebenfalls angeschlagenen Zimmer kamen Elias Huth und Daniel Hanslik in die Partie. Zwei zentrale Stürmer für zwei Flügelspieler? Das sah auf den ersten Blick nach Verzweiflung und Pseudo-Offensive aus - wie sollten die beiden gemeinsam mit Pourié einen funktionsfähigen Dreiersturm bilden?

Antwerpen begründete den Schritt hinterher damit, dass er in den zweiten 45 Minuten mehr "auf Wucht" und lange Bälle setzen wollte, denn: "Fußballerisch war es recht schwierig, hier was auf den Platz zu bringen." Und siehe da: Es funktionierte. Einigermaßen jedenfalls. In der 54. Minute dann sogar perfekt. Weiter Abschlag Spahic, Kopfballverlängerung Hercher, Pourié erlief sich den Ball auf dem rechten Flügel - und schlug eine Flanke, wie sie in vergangenen Wochen von keinem gelernten Außenbahnspieler des FCK zu sehen war. Hanslik erwischte sie mit der Stirn, die Torlatte half mit - 1:1.

Nach der Pause: 20 richtig starke Minuten

Und für rund 25 Minuten ließen die Lautrer dann tatsächlich mal spüren, dass sie eigentlich in den Norden gefahren fahren, um zu gewinnen. Sessa belebte als Zehner das Spiel wie schon unter der Woche gegen Zwickau. Ouahim gesellte sich neben Götze. Mit seinen 1,75 Metern körperlich kaum als Rieder-Ersatz geeignet, interpretierte der Deutsch-Marokkaner die Rolle auf seine Weise, ging mit dem Ball lange Wege aus der Tiefe, hatte so bis in die Schlussphase auch ein paar starke Szenen.

Dann aber erlahmten die Kräfte im dritten harten Spiel binnen sieben Tagen. In den letzten Minuten produzierte Ouahim ebenso wie seine Mitspieler fast nur noch Fehlpässe. Besonders fatal: Auch Götze, Taktgeber und Hoffnungsträger der jüngsten Partien, musste mit Schmerzen raus. Im Endspurt war nun allenfalls noch ein "Lucky Punch" drin.

Der Platzverweis: Fast schon Routine

Was fehlt noch? Natürlich: Der mittlerweile schon obligatorische Platzverweis für einen FCK-Spieler. Wie Winkler sich in der 94. Minute seine zweite Gelbe Karte abholte, das hatte schon ein bisschen was von Selbstverständlichkeit. Ob ihm für seinen tapsigen Tritt gegen Thorben Deters’ Knöchel ein ordentlicher Anpfiff gebührt oder dem Schiedsrichter wieder mal mangelndes Fingerspitzengefühl unterstellt werden darf, mag ebenfalls der Trainer entscheiden.

Zuvor war mit Marvin Senger auch der zweite Innenverteidiger wegen Krämpfen gegen den offensiven Simon Skarlatidis ausgetauscht worden. Wäre das Spiel noch ein paar Minuten länger gelaufen, wäre es spannend geworden zu sehen, wer beim FCK eigentlich noch das Verteidigungszentrum hätte bilden sollen - vielleicht Ouahim und Sessa? Eine Sinn ergebende Struktur hätte sich mit dem, was noch an Personal auf dem Platz stand, jedenfalls kaum noch schaffen lassen. Glücklicherweise galt es bis zum Schlusspfiff nur noch einen Flugball der Lübecker abzuwehren, und das gelang irgendwie.

Fazit: Eine starke Phase, aber insgesamt zu wenig

Unterm Strich bleibt: Respekt, wie sich dieses FCK-Team zumindest in den ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte ins Spiel zurück kämpfte, nachdem es in der ersten Halbzeit keinen Faden gefunden hatte. Über 90 Minuten aber betrachtet war dies erneut keine Vorstellung, nach der man sagen könnte, ein Sieg wäre verdient gewesen. Und im Moment helfen nur Siege.

Angesichts von drei Punkten Rückstand auf den rettenden Tabellenplatz 16 besteht immer noch kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Dramatisch könnte sich allerdings die Personalsituation vor dem nun anstehenden Derby gegen Saarbrücken darstellen.

Jetzt gegen Saarbrücken: Wer stoppt Jacob und Shipnoski?

Winkler fällt gesperrt aus, Defensivspieler Carlo Sickinger ist schon länger verletzt. Wenn Kevin Kraus, der vor diesem Spiel wegen eines leichten Muskelfaserrisses passen musste, nicht wieder zurückkehren kann und sich auch die Blessuren von Rieder und Götze als schwerwiegender erweisen, hat Antwerpen außer Senger keinen Innenverteidiger mehr im Kader. Außerdem keinen Sechser mit Defensivqualitäten, da Hikmet Ciftci ebenfalls fehlt. Ob Adam Hlousek als denkbare Notlösung bis kommenden Samstag wieder zur Verfügung, ist ebenfalls noch unklar.

Wer soll da den FCS-Sturm mit Sebastian Jacob und Nicklas Shipnoski stoppen? Man darf gespannt sein auf die weiteren Personaldiagnosen dieser Woche und auf Marco Antwerpens anschließende Lösungsfindung - vielleicht denkt der Coach sich auch hier wieder etwas kreatives aus.

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

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