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FCK ist jetzt Jeff-Sache - der neue Trainer im Porträt

FCK ist jetzt Jeff-Sache - der neue Trainer im Porträt

Foto: Imago Images

Die Prinzipien seines Spiels wolle er noch nicht erklären, erwiderte Jeff Saibene bei seiner Vorstellung als neuer Trainer des 1. FC Kaiserslautern am gestrigen Freitag. Unser Porträt enthüllt schon mal eines: Die Roten Teufel werden künftig viel laufen müssen. Sehr viel.

Im Oktober 2017 war es, da stieß eine Fußballmeldung zu einem Spiel der 2. Bundesliga auf genauso viel Beachtung, als handle sie von einem Treffen aus der Beletage. Beim ihrem 2:0-Auswärtssieg in Dresden waren die Spieler von Arminia Bielefeld insgesamt 130 Kilometer gelaufen, hatten die Analysetools des Datenermittlers "Opta" zutage gefördert. 130 Kilometer! Das gilt bis heute als rekordverdächtiger Wert. Gemeinhin gilt eine Gesamtlaufleistung von 120 Kilometern schon als top, die aktuell laufstärkste Mannschaft der Bundesliga, der FC Augsburg, kommt nach zwei Spielen auf einen Durchschnittswert 123,78 Kilometern. Aber 130 Kilometer? Wie geht das denn?

"Wir absolvieren eigentlich keine speziellen Lauftrainings", antwortete der Trainer der Arminen damals auf entsprechende Anfragen eher achselzuckend. Unterm Strich trainiere er sogar weniger als andere, dafür aber intensiver, "aber immer mit dem Ball." Viel zu laufen, sei nun einmal Teil seiner Spielidee, denn "jeder einzelne Spieler soll an allen Situationen beteiligt werden". Aber: "Im Rahmen der Vorbereitung haben wir nicht einen einzigen Lauf ohne Ball bestritten. Der Ball ist das wichtigste Instrument im Fußball. Und damit arbeiten wir." So habe er auch schon mit anderen Teams hohe Laufleistungen erzielt. "Meine Teams in St. Gallen und Thun waren die fittesten in der Schweizer Liga", verriet Jeff Saibene der "Neuen Westfälischen".

Erstes Betzenberg-Erlebnis liegt über 40 Jahre zurück

Bevor er in der Schweiz Trainer wurde, hatte er eine eher unspektakuläre Spielerkarriere hinter sich gebracht, bei Vereinen wie Old Boys Basel, in Locarno oder im luxemburgischen Hesperingen. Ein bisschen enttäuschend eigentlich, denn mit 17 war er einst als größtes Fußballtalent Luxemburgs zum belgischen Topklub Standard Lüttich gewechselt. "Vielleicht fehlte mir der Biss", übte sich Saibene später im Gespräch mit dem Schweizer Journalisten Peter Birrer in Selbstkritik.

Mit Fußball angefixt wurde der Wahl-Schweizer natürlich schon viel früher - und unter anderem in Kaiserslautern. "Es muss so 42, 43 Jahre her sein, da stand ich mit meinem Vater mal auf dem Betzenberg, unmittelbar hinter Ronnie Hellström", erzählte der heute 52-Jährige bei seiner Vorstellung gestern. "Ich hätte mir nicht träumen lassen, hier mal Trainer zu sein."

Aus den Alpen auf die Alm

Als Coach verdiente er sich seine ersten Meriten beim FC St. Gallen. 2012 führt er den Klub in die Erste Liga zurück. 2015, nach insgesamt viereinhalb Jahren, beendet er dort sein Engagement, freiwillig, weil er Veränderung sucht. Er heuert beim FC Thun an, mit dem er im ersten Jahr einen sechsten Platz erreicht.

Im März 2017 lockt Arminia Bielefeld Saibene nach Deutschland. Er ist bereits der vierte Trainer, der in dieser chaotischen Saison das Zepter bei den Westfalen übernimmt. Interimstrainer Carsten Rump, der danach sein Assistent wird, hat die Arminia gerade mit einem 2:0-Sieg über den 1. FC Kaiserslautern von Platz 18 auf 16 gehievt. In den noch ausstehenden neun Partien führt Saibene die Mannschaft über den berühmten Strich, verliert dabei nur noch einmal.

Von den drei gewonnenen Partien schreibt vor allem die gegen Eintracht Braunschweig Geschichte. Der designierte Aufsteiger wurde am vorletzten Spieltag auf der Alm mit 6:0 vom Platz gefegt, was den Sprung auf den rettenden Platz 15 ermöglicht. Im Arminia-Trikot sind auch Christoph Hemlein und Florian Dick unterwegs, die sich bald darauf in Lautern wiedersehen sollten, allerdings eine Klasse tiefer.

Zwei denkwürdige Begegnungen mit dem FCK

In darauffolgenden Spielzeit 2017/18 klettert der einstige Abstiegskandidat auf Rang 4 der 2. Bundesliga - und macht dabei mit seinem ungeheuer laufintensiven Spielstil von sich reden. Am 15. Spieltag schlägt Saibene seinen Luxemburger Landsmann Jeff Strasser im Fritz-Walter-Stadion mit 2:0. Strasser ist erst wenige Runden zuvor FCK-Coach geworden. Zu dem Engagement in der Pfalz geraten hatte ihm unter anderem - Jeff Saibene. Am 32. Spieltag besiegelt Saibenes Team mit einem aufwühlenden 3:2-Sieg den Abstieg der Lautrer in die 3. Liga, da saß bereits Michael Frontzeck auf der Bank.

Klar, dass das Bielefelder Umfeld nach dieser Spielzeit mit großen Erwartungen in die nächste starten. Doch die Hoffnungen erfüllen sich nicht: Nach einem guten Start folgen ab Spieltag 8 sieben Niederlagen und drei Remis. Saibene wird entlassen, Uwe Neuhaus übernimmt, doch die Wertschätzung bleibt - in Bielefelder Fankreisen firmiert Saibene nach wie vor als "der Graf von Luxemburg".

Als im Frühjahr diesen Jahres Bielefeld den Aufstieg in die Bundesliga klarmachte, zählt Saibene zu den ersten Gratulanten: "Uwe hat einen tollen Job gemacht", lobte er seinen Nachfolger, und Neuhaus revanchierte sich ebenso wohlwollend: "Die Spielweise von Jeff Saibene war perfekt als Vorbereitung für mich." Umgangsformen, wie sie in diesem Geschäft selten geworden sind.

2019/20: Berg- und Talfahrt in Ingolstadt

Vergangene Saison hatte Jeff Saibene bei Lauterns Ligakonkurrent Ingolstadt auf der Bank gesessen und dort eine kuriose Berg- und Talfahrt hingelegt. Nach fünf Spieltagen stand der FCI auf Rang 1, danach hagelte es vier Niederlagen in Serie, danach blieben sie 13 Partien ungeschlagen, ehe es wieder vier Pleiten hintereinander setzte. Am 31. Spieltag wurde er entlassen - obwohl Ingolstadt auch zu diesem Zeitpunkt nur zwei Punkte hinter einem Aufstiegsplatz rangiert.

Die Wertschätzung seiner Spieler habe Saibene aber bis zum Ende genossen, bestätigen Beobachter. Woran er letztlich scheiterte? Lässt sich, wie fast immer, kaum konkret festzumachen. Ihm habe "die Entschlossenheit im Aufstiegskampf gefehlt", mutmaßt etwa Julian Schultz vom "Donaukurier".

"Hart", "ehrlich", "undramatisch" - und "beeindruckend anders"

"Er hat die Gabe, Wahrheiten und harte Entscheidungen auf undramatische Weise zu kommunizieren", zitiert Peter Birrer den heutigen Sportpsychologen Christian Marcolli, einst Teamkollege Saibenes bei Old Boys Basel. "Diese Ehrlichkeit schmerzt zwar manchmal, aber die Spieler schätzen ihn dafür, weil er ihnen nichts vormacht. Im Fußballbusiness sind Unehrlichkeiten und falsche Versprechungen an der Tagesordnung. Jeff ist da beeindruckend anders."

Nun also Kaiserslautern. Und ähnlich wie Uwe Neuhaus die gute taktische Schulung lobte, die sein Team von seinem Vorgänger erfahren hatte, wird auch Saibene gegebenenfalls auf Elemente zurückgreifen können, die Boris Schommers den Roten Teufeln vermittelte. "Meine Schlagworte sind Mut, hoch verteidigen, offensive Außenverteidiger, viel Präsenz im Strafraum sowie vier, fünf Leute im Abschluss zu haben. Ein guter Mix aus sehr organisiert, aufsässig und bissig, dazu in Ballbesitz aktiv sein, einen gepflegten offensiven Fußball spielen", beschrieb Saibene damals in Bielfeld seine Philosophie. Das klingt doch gar nicht so weit weg von Schommers.

Was die Grundordnung des Teams angeht, disponiert Saibene in der Regel allerdings weniger "sophisticated" als sein Vorgänger. Sowohl in Bielefeld also auch in Ingolstadt setzte der Luxemburger auf ein flaches 4-4-2 mit zwei Sechsern, das er nur gelegentlich zu einem 4-2-3-1 variierte.

Interessante Konstellation: Ehemaliger Chef ist jetzt "Co"

Auch beim ersten Trainingskick auf dem Betzenberg ließ Saibene 4-4-2 mit Doppelsechs spielen - und es ist nicht anzunehmen, dass er bis zu seinem Pflichtspieldebüt am Montag beim SV Wehen Wiesbaden (19:00 Uhr) noch viele Experimente wagt. Schließlich gilt es jetzt, als erstes Stabilität im Team herzustellen.

Interessant auch, wie Saibene die Stelle seines Co-Trainers besetzt hat: Ryszard Komornicki ist neun Jahre älter als sein Chef, ehemaliger polnischer Nationalspieler und hat bereits selbst mehrere Vereine in der Schweiz und in Polen hauptverantwortlich betreut. In Aarau war er vorübergehend sogar einmal Saibenes Vorgesetzer. Nun arbeiten die beiden erneut gemeinsam, in vertauschten Rollen - eine Konstellation, die nicht so anmutet, als sei Komornicki als reiner Befehlsempfänger vorgesehen.

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Chronologie im DBB-Forum: Jeff Saibene ist neuer Cheftrainer des 1. FC Kaiserslautern

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