Abpfiff - Der Betze-Krimi von Udo Röbel

Kapitel 3: Rückkehr auf den Betzenberg

Kapitel 3: Rückkehr auf den Betzenberg


Der Betze-Krimi von Udo Röbel: In Kapitel 3 kehrt Protagonist Feldkamp nach Jahren wieder nach Kaiserslautern zurück. Was hat es mit dem Fall des verstorbenen Schiedsrichters auf sich?

Kapitel 3

In welchem der Feldkamp wie der Ochs vorm Berg steht. Erst vor einem Bratwurststand und dann vor einem Hotelportier.

Und nun ist er also doch wieder auf dem Berg, der Feldkamp, nach all den Jahren. Aber so richtig wissen, was er jetzt hier eigentlich soll, tut er nicht. Auch das ist so lange her. Dass er selbst Reporter gewesen ist, dass er persönlich vor Ort war, um eine Geschichte zu recherchieren. Und wie soll man etwas herausfinden über einen Schiedsrichter, den sie tot im Hotel gefunden haben, wenn es das Hotel gar nicht mehr gibt?

Auf jeden Fall braucht er jetzt erst einmal eine Bratwurst, denkt der Feldkamp. Nicht nur, weil er Hunger hat, sondern weil es auf dem Betzenberg immer noch die besten Bratwürste gibt. Das hat auch Jupp Derwall immer gesagt. Der frühere Bundestrainer. Oder "Häuptling ondulierte Silberlocke", wie ihn die Trainerlegende Max Merkel genannt hat. Zumindest hat das Feldkamps alter Sportchef immer so erzählt, dass der Jupp, wenn er vor der Wahl stand, welchen von zwei möglichen Kandidaten für die Nationalelf er sich mal live anschaut, sich stets für das Stadion mit der besseren Bratwurst entschieden habe.

Der Jupp ist jetzt auch schon tot. Genauso wie der Merkel. Und die Lauterer sind schon lange nicht mehr in der Bundesliga. Doch wenigstens, was die Bratwürste angeht, sind sie erstklassig geblieben.

Als der Feldkamp rüber zum Stadion geht, ist er immer noch so in seinen Erinnerungen versunken, dass er sich gar nicht fragt, warum ihm eigentlich immer mehr Fans entgegenkommen. Erst als er das Stadion schon fast erreicht hat, wird ihm klar, dass sie schon wieder auf dem Weg nach Hause sind.

Das Spiel ist vor einer halben Stunde abgesagt worden. Weil sie beim DFB so schnell keinen Ersatzschiedsrichter auf den Berg bekommen haben. Oder vielleicht auch aus Pietätsgründen.

Doch die Bratwurststände vorm Stadion sind noch offen. Nur dass sie kein Bargeld nehmen. Was den Feldkamp vor dem Bratwurstverkäufer stehen lässt wie den sprichwörtlichen Ochs vorm Berg und ihm den Unmut einiger hungriger Fans hinter sich einbringt, die wissen wollen, welcher Trullo sie da so lange aufhält. Weil der Feldkamp schon einige Zeit braucht, um zu kapieren, wie das heute so läuft, wenn man auf dem Betzenberg eine Bratwurst und ein Bier kaufen will: Man muss sich vorher so eine Art Prepaidkarte kaufen, mit aufgeladenem Guthaben. So wie bei einer Telefonkarte fürs Handy. Damit das schneller geht in der Halbzeitpause und nicht ständig einer mit einem 50-Euro-Schein angedackelt kommt. Und die Karte kriegt man bei den Männern in den grünen Westen vorm Stadion oder am besten im Internet. Ehe der Feldkamp auch noch fragen kann, was das denn jetzt schon wieder ist mit diesen grünen Männern, erbarmt sich ein Fan hinter ihm, schiebt seine Karte über den Verkaufstresen und sagt: "Mach dem sei Brodworschd uff mich, ehe mer noch all verhungern!"

Der edle Spender hat wilde feuerrote Haare und jede Menge Sommersprossen im Gesicht. Er erinnert den Feldkamp an den Gehlbach, mit dem wir damals zusammen in einer Klasse waren und den wir alle heimlich bewundert haben. Weil er schon mit 16 gekifft und immer als Erster die neuesten Platten von den Rolling Stones gehabt hat. Aber der Gehlbach kann es nicht sein, der ihm jetzt die Bratwurst gekauft hat. Dafür ist er zu jung. Aber vielleicht sein Sohn?

Noch ehe er sich richtig bei dem Feuerkopf bedanken und fragen kann, ob er vielleicht etwas mit dem Gehlbach zu tun hat, ist der schon wieder im Gewühl verschwunden, und der Feldkamp steht immer noch ein wenig verdattert vor dem Stadion, immer noch gefangen in den alten Bildern, die in seinem Kopf umherschwirren.

Ein Biss in die Bratwurst bringt den Feldkamp zurück in die Gegenwart. Und jetzt sieht er auch, dass es das Dorint doch noch gibt. Nur dass es jetzt Best Western heißt und gerade ein Mannschaftsbus vorfährt. Also scheinen hier immer noch die Gastmannschaften abzusteigen. Und damit auch die Schiedsrichter. Alles andere wäre ja auch Blödsinn.

Auch die Tiefgarage gibt es noch, in der der Feldkamp jetzt seinen Golf parkt. Und als er aussteigt und sich nach dem Fahrstuhl hoch in die Rezeption umsieht, fällt sein Blick auf einen schwarzen 5er-BMW mit dem Autokennzeichen MM wie Memmingen.

MM-PS 2583. Bingo, denkt der Feldkamp. Das muss das Auto von dem Schiedsrichter sein. Peter Sandig, Zolloberinspektor aus Memmingen im Allgäu. Und dass der auch noch sein Kürzel PS auf seinem Autokennzeichen hat, passt doch wie Arsch auf Eimer bei diesem eitlen Gockel.

Erst einmal ein paar Bilder mit dem Handy machen, sagt sich der Feldkamp. Ein Foto vom Auto des toten Schiedsrichters einsam in der Hotelgarage, das ist schon einmal kein schlechter Anfang für eine gute Story. Aber wie jetzt weiter? Wieder beginnt es, in seinem Bauch zu kribbeln. Aber in die Aufgeregtheit und Spannung des jungen Reporters mischen sich plötzlich auch Selbstzweifel: "Mein Gott, wie lange ist das her, dass ich mal wieder auf Recherche gewesen bin?", fragt sich der Feldkamp. "Kann ich das überhaupt noch? Und wie fange ich das jetzt am besten an?" Denn eines ist klar: Einen toten Gast auf dem Zimmer hat kein Hotel auf der Welt gern. Und dass sich dafür Journalisten interessieren erst recht nicht.

Hinter der Rezeption steht eine junge Frau in weißer Bluse und schwarzem Businesskostüm. Ziemlich jung sogar, denkt der Feldkamp. Wenn ich Glück habe, ist sie noch in der Ausbildung und hat noch keine Erfahrung mit Gästen, die tot in ihren Zimmern herumliegen. Aber soll ich wirklich gleich mit der Tür ins Haus fallen? So auf die Tour: "Grüß Gott, mein Name ist Feldkamp, und ich bin Journalist und wollte mal fragen, wie das denn genau war mit dem Herrn Sandig, wer ihn gefunden und wer ihn zuletzt noch lebend gesehen hat, bla, bla."

Schon auf dem Weg zum Empfangstresen ist dem Feldkamp klar, dass er sich mit Sicherheit eine Abfuhr einhandeln wird. Wenn Hotelfachschülerinnen eines schon im ersten Lehrjahr lernen, dann ist es, Diskretion zu wahren.

Nur wie soll er es denn dann angehen?

Am besten ist, ich schaffe erst einmal eine normale Geschäftsbeziehung, legt sich der Feldkamp einen Schlachtplan zurecht. Eine Situation, in der man dem Gast zuvorkommend begegnet. Also werde ich jetzt zum Empfangstresen gehen und die junge Dame fragen: "Guten Tag, mein Name ist Feldkamp. Hätten Sie vielleicht noch ein Zimmer für mich?"

Und die junge Dame wird sagen: "Aber gern. Wie lange?"

Und ich werde sagen: "Nur von heute auf morgen. Ich bin auf der Durchreise."

Und dann wird sie wieder fragen: "Ein Einzel- oder ein Doppelzimmer, Herr Feldkamp?"

"Ein Einzelzimmer."

"Raucher oder Nichtraucher?"

Und dann kommt der Knackpunkt des Ganzen. Denn ich werde antworten: "Raucher. Leider immer noch." Und ich werde eine kleine Kunstpause machen und möglichst witzig und harmlos klingen: "Und wenn es vielleicht möglich wäre, nicht gerade das Zimmer, in dem heute Morgen, Sie wissen schon, dieser Schiedsrichter ..."

Tja, was wird sie dann sagen? Am besten wäre natürlich: "Oh, keine Sorge, Herr Feldkamp. Ihr Zimmer liegt ein Stockwerk höher. Und außerdem war Herr Sandig Nichtraucher." Und schon wären wir im Gespräch.

So schön sich der Feldkamp das alles ausgedacht hat - sein Plan muss natürlich in die Hose gehen.

Erstens, weil es in so gut wie allen deutschen Hotels gar keine Raucherzimmer mehr gibt.

Und zweitens, weil genau in dem Augenblick, als er an den Empfangstresen tritt, der Chefportier das Mädchen an der Rezeption ablöst.

"Sie wünschen?"

"Ähem ... ähem ...", beginnt der Feldkamp zu stottern. "Wissen Sie, ich bin Journalist ... und ich hätte da eine Frage ... wegen dem Herrn Sandig ... wissen Sie, dem Schiedsrichter, der bei ihnen ... ähem ... ich meine in ihrem Haus ... ähem ... verstorben ist ..."

"Entschuldigen Sie, aber ich weiß nicht, was Sie meinen." Der Portier zupft indigniert an der Silberkrawatte unter seinem Anzug und gibt dem Feldkamp zu verstehen, dass hinter ihm bereits zwei andere Gäste darauf warten, bedient zu werden. Was dem Feldkamp jetzt doppelt peinlich ist, dass das auch noch andere Ohren mitbekommen haben, wie er sich da einen abstammelt.

Aber wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Linienrichter her ...

"Entschuldigen Sie", sagt nämlich einer von den beiden Männern hinter ihm, als er sich umdreht. "Habe ich das gerade richtig mitgekriegt? Sie sind Journalist?"

Der Feldkamp kriegt schon kein Wort mehr heraus und kann nur noch nicken.

"Dann wissen Sie vielleicht schon, was unserem Kollegen zugestoßen ist?"

Der Feldkamp kann sein Glück kaum fassen. Wie sich herausstellt, sind die zwei die Linienrichter, die zusammen mit dem Sandig das Spiel heute hätten leiten sollen. Oder die Schiedsrichterassistenten, wie man heute sagt. Nur dass sein Glück genauso schnell wieder vorbei ist, wie es gekommen ist. Denn die beiden wissen genauso wenig wie er. Eigentlich sogar noch weniger. Nur, dass sie hier im Hotel mit dem Sandig verabredet gewesen waren. Zwei Stunden vor Spielbeginn. Und dass sie irgendwann beim DFB angerufen hatten, als er immer noch nicht erschienen war.

"Heißt das, ihr Kollege hat gar nicht mit Ihnen hier im Hotel übernachtet?", fragt der Feldkamp nach.

"Nein. Uns hat er nur gesagt, dass er direkt von Memmingen nach Kaiserslautern fährt."

Der Feldkamp muss an den 5er-BMW in der Tiefgarage denken, den er fotografiert hat.

"Hat der Herr Sandig vielleicht einen schwarzen BMW gefahren?", fragt er.

"Das wissen wir nicht", antworten beide unisono. "Wir haben ihn auch noch nie persönlich kennengelernt. Es wäre das erste Spiel gewesen, das wir gemeinsam mit ihm gepfiffen hätten."

Dein Schiedsrichter, das unbekannte Wesen, denkt sich der Feldkamp und holt sein Handy hervor: "Und wem gehört dann dieses Auto mit dem Memminger Kennzeichen? Und wie kommt es hier in die Tiefgarage?"

Zu seiner Überraschung mischt sich plötzlich der Chefportier in das Gespräch ein. "Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen", sagt er, "dieser BMW gehört einem anderen Gast. Einem Gast, dessen Namen ich ihnen selbstverständlich nicht nennen kann. Aber was diesen Herrn Sandig betrifft, da kann ich ihnen versichern, meine Herren, dass er diese Nacht nicht Gast bei uns war. Und falls es Sie interessiert, Herr Feldkamp, ich habe gerade mal nachgeschaut: Ein Peter Sandig ist bei uns noch nie abgestiegen."

Der Feldkamp ist jetzt doch einigermaßen erstaunt. Nicht nur, weil der Portier überhaupt geredet hat, sondern auch, weil er sich seinen Namen so schnell gemerkt hat. Entweder der hat jetzt die Wahrheit gesagt, denkt er. Oder der will mich verarschen.

Auf jeden Fall wird die Geschichte immer mysteriöser.

Morgen folgt Kapitel 4 - in welchem sich die Frage stellt, ob man Mutters Geburtstag in einem Hotel feiern darf, in dem ein toter Schiedsrichter gefunden worden ist. Ab hier geht es exklusiv auf "Sportbuzzer" weiter. Wir bedanken uns für die Bereitstellung der ersten drei Kapitel auch auf DBB!

Über den Autor und den Roman: Der gebürtige Neustädter Udo Röbel, Jahrgang 1950, hat sein Leben lang als Journalist gearbeitet. Er war Chefredakteur bei "Bild" und der Reporter, der 1988 in das Auto der Geiselgangster von Gladbeck stieg - später distanzierte sich Röbel von seinem damaligen, zurecht kritisierten Verhalten. Der heute 70-Jährige ist außerdem als Schriftsteller tätig und, obwohl er seit Ewigkeiten in Hamburg lebt, stets bekennender Fan des 1. FC Kaiserslautern geblieben. Sein teils autobiographisch angehauchter Betze-Krimi "Abpfiff" erscheint als täglicher Fortsetzungsroman auf "Sportbuzzer", die ersten Kapitel außerdem hier auf Der Betze brennt.

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Udo Röbel

Weitere Links zum Thema:

- Zu Kapitel 1: Feldkamp und der tote Schiedsrichter
- Zu Kapitel 2: Totenstille im Fritz-Walter-Stadion

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