Kummt Senf druff

Liebe ist

Liebe ist


Woher kommt die große Euphorie und Aufbruchstimmung rund um den FCK? Warum stoßen Betzenberg-Beobachter auf eine neue Leichtigkeit? DBB-Autor Marky geht diesen Fragen nach - und hat einen Song auf den Lippen.

Als Gerry Ehrmann an diesem Samstagnachmittag, kurz nach 13:00 Uhr, den Kopf zurückwarf und die Arme ausbreitete, wirkte er wie ein Erlöster. Er hielt in dieser Pose vor Lauterns berühmtester Kurve inne, als wollte er jeden Bestandteil dieses Moments einsaugen und in sich aufnehmen.

Gerry bildete mit seinen Flugschülern Sievers und Grill die Ouvertüre zum Drittligastart des 1. FC Kaiserslautern gegen 1860 München. So wie es gute Tradition auf dem Betzenberg ist, und doch gab es diesmal unerhörte Töne: Frenetischer Jubel begleitete das Einlaufen des FCK-Trios. Als die komplette Mannschaft in rot-weiß-rot schließlich auf den Platz kam, wurde es noch intensiver und lauter. So werden normalerweise nur Deutsche Meister empfangen.

Schon am Parkplatz in KL-Ost hatte dieser Fußballtag besonders begonnen. Ein Freund, mit dem ich seit über 20 Jahren die Leidenschaft teile, lachte bei der Begrüßung lauter als sonst und drückte mich fester. Genau so, wie es alle anderen Gefährten an diesem Nachmittag taten. Genauer gesagt: Ich weiß gar nicht, wann ich meine FCK-Familie zum letzten Mal so glücklich und so befreit erlebt habe. Schon in den Vorbereitungsspielen war diese positive Energie zu spüren. Eigentlich viel früher.

Meine jüngste DBB-Kolumne "Jeden Tag und Nacht" aus dem März dieses Jahres ging ausführlich auf die Dinge ein, die die Pfälzer Seele stark erschüttert haben. Sie arbeitete Vergangenheit auf, nannte die Probleme beim Namen, bot Lösungen an und kam auch zu folgendem Schluss:

"In meiner Monster-Kolumne drehte sich viel um Einflüsse von Außen, die sich ändern müssen. Doch es muss sich auch innen etwas bewegen. In uns. Wir müssen uns stellen. Auch wenn es verdammt schmerzt. Wir müssen uns dem bewusst werden: Türen öffnen, die wir hermetisch abgeriegelt haben. Wir müssen unser Verhältnis zum FCK neu definieren. Und wir müssen uns und anderen vergeben."

Was in den letzten Monaten passiert ist, ist ein Bekenntnis zum FCK. Die Massen, die nach Duisburg fuhren, nach Fürth, die in Bochum sich nicht beugen wollten.

"Es tut mir so leid für dich", sagte meine Frau zu mir nach der wohl entscheidenden Niederlage im Ruhrstadion. Ich entgegnete ihr: "Es muss dir nicht leid tun. Ich bin in diesem Augenblick so unendlich stolz, zu diesem leidenschaftlichen, verrückten Haufen zu gehören." In einem der folgenden Heimspiele sang die Westkurve "Lautern ist der geilste Club der Welt". Ganz spontan und voller Ernst.

Nicht alle, aber viele haben sich gestellt, haben vergeben und nach vorne geblickt. Ob einfacher Fan, Aufsichtsrat oder Hauptsponsor, der in der Fremde suchte, was er in seiner Heimat zu verloren haben schien. Doch Berlin ist nicht der Betzenberg. Wenn der Riesen-Rucksack mit dem Vergangenheitsballast erst einmal abgestreift ist, lässt es sich schneller laufen. Die Energie kommt zurück, die Leidenschaft und der Blick für den Moment.

Der DBB-User "derLeibhaftige" schrieb am Samstag nach dem Spiel:

"Heute war wieder Betze, heute war der FCK wieder da! Das ist es einfach, was uns ausmacht. Nicht die Erfolge der Vergangenheit, sondern dieses unfassbare Wir-Gefühl, vollkommen scheißegal in welcher Spielklasse. Ich muss nicht 20 Jahre zurückblicken, um Gänsehaut zu bekommen, heute hatte ich sie mehrfach."

Am Samstag hat jeder, der im Stadion war, diesen Moment gelebt und erlebt. Und nur dann kann dieser "Betze-Geist" entstehen, von dem unser Trainer Frontzeck nach dem Spiel fast ein wenig ehrfürchtig sprach. Dann packen auch ruhigere Zeitgenossen (Kraus) die Monster-Grätsche aus. Erloschene Vulkane (Hemlein) speien Lava. Wer von draußen reinkommt, ist sofort auf 180 (Pick und Thiele). Und einer sprengt alle (Defensiv-)Fesseln und macht den Hany Ramzy (Sternberg).

Wir sollten uns auch nichts vormachen: Auf Misserfolge werden wir genauso emotional und extrem reagieren. Den Moment verteufeln. Es liegt in unserem Blut. Wir können gar nicht anders. So sind wir und es ist gut, wie wir sind.

Liebe will nicht
Liebe kämpft nicht
Liebe wird nicht
Liebe ist
Liebe sucht nicht
Liebe fragt nicht
Liebe ist, so wie du bist
(Nena, 2005)

Autor: Marky

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