Kummt Senf druff

 Jeden Tag und jede Nacht

Jeden Tag und jede Nacht


In Markys neuer Kolumne geht es um dich - dich als Fan des 1. FC Kaiserslautern, dich als Spieler, als Trainer oder Vorstand, dich als ehemaligen Spieler oder Funktionär. Es geht um alle, die der FCK bewegt. Und es geht um alles.

"Peinlich", "lächerlich", "ganz Deutschland lacht über uns": In dieser Saison habe ich nach Spielen meines 1. FC Kaiserslautern unzählige Nachrichten wie diese bekommen. In den großen Fanforen wurde empfohlen, "den Verein gleich ganz abzumelden". Andere hielten Reden, die man von Begräbnissen kennt. Wieder andere droschen auf die Mannschaft ein, warfen ihr Charakterlosigkeit vor oder verglichen ihre Mentalität mit einem weiblichen Geschlechtsorgan.

So unterschiedlich sich diese Reaktionen ihre Bahn brachen, ihnen ist eines gemein: Distanz. Abstand zu dem gerade Erlebten - genauer gesagt - Erlittenem. Diese Distanz ist ein Schutz, um nicht kaputt zu gehen. Ein Schild vor etwas, das sehr verletzlich ist und zuletzt viel zu oft verletzt wurde. Es ist so verwundbar, dass es sich in die hinterste Ecke verkrochen hat, die Augen geschlossen, die Hände vors Gesicht.

Und wenn ich die Spiele Revue passieren lasse, in Kiel, in Regensburg, daheim gegen Duisburg und Aue, in Berlin - und die unzähligen unerträglichen davor - dann habe ich da nicht nur eine Mannschaft auf dem Platz stehen sehen und einen Trainer daneben. Sondern - ich sah uns alle auf dem Feld. Alle, die dieser Verein nicht kalt lässt: ob angestellt, angeboren, angewöhnt oder anerzogen. Mit großen Rucksäcken, vollgestopft mit Vergangenem, mit Angst vor Verlust, mit Trauer, mit Wut, mit Bitternis - und mit Liebe. "Nur zusammen sind wir Lautern", dieses Motto traf auch hier zu, wenn auch ganz anders als vom Marketing gedacht. Das was auf dem Rasen passiert, ist ein Abbild.

"Die Gaußsche Ballkurve"

Die Erkenntnis dämmerte mir zum ersten Mal beim Saisonstart im Juli 2016. Mit vereinten Kräften wurde versucht, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Auch Der Betze brennt rührte kräftig die Trommel. Und die FCK-Gemeinde war neugierig auf den Neuanfang: die Saison eins nach Stefan Kuntz. 40.000 Zuschauer strömten zum ersten Heimspiel an einem lauschigen Freitagabend den Betze hoch. Das Festmahl war angerichtet. Die DFL-Jugend schwang Fahnen.

Wir hatten uns alle wieder aufgerappelt. Hatten versucht, den Kopf in der Sommerpause frei zu bekommen und uns neu motiviert, frisch eingeschworen. Und der Betze begann wild und stürmisch. Osayamen Osawe schnitt durch die buttrige Abwehr der Hannoveraner. Sprintete in der Strafraum. Hatte nur noch den Torwart Tschauner vor sich. Um ganz sicher zu gehen, legte er den Ball perfekt rüber zum Kollegen Marcel Gaus, der nur noch den leeren Kasten vor sich hatte.

Diese grandios herausgespielte Torchance konnte nur ein Ende finden. Ein logisches, physikalisches, zwingendes. Und doch blieb ich in diesen Sekundenbruchteilen völlig ruhig. Fast teilnahmslos. Weil ich wusste, dass es anders endet. Und meinen Nebenmännern ging es ähnlich. In diesen Momenten zerplatzte die Seifenblase von der Saison, in der alles besser werden sollte.

Mir ging diese Szene, für mich sinnbildlich für die ganze Spielzeit, nicht mehr aus dem Kopf. Die "Gaußsche Ballkurve" blieb mir ein Rätsel. Du hast 40.000 im Stadion, an einem Freitagabend. Und du weißt, was so ein schnelles Tor an solch einem aufgeladenen Ort bedeuten würde. Und doch knallt der Gaus kein Loch in das Netz. Vor lauter Vorfreude, vor lauter Geilheit, vor lauter Entschlossenheit. Sondern er fabriziert eine, vom Schiri regelgerecht nicht abgepfiffene, Rückgabe. Weil ER nicht anders kann? Nein, weil WIR ALLE nicht mehr anders können.

Das Kind vor der Westkurve

Wie angespannt dieser Verein ist, zeigte sich im Zustand der Entspannung. Das letzte Spiel der Neustart-Saison gegen Nürnberg war abgepfiffen. Der Betze stand komplett und sang. Ein Herzluftballon stieg langsam zum Himmel auf. Wie passend. Und später, als man die Mannschaft dann doch recht alltäglich verabschiedet hatte, geschah außer einem Feuerwerk noch etwas Ungewöhnliches - ja, etwas Außerordentliches. Ein Junge rannte auf einmal vor der Westkurve herum.


Er spielte mit den Fans und sie mit ihm. Immer wieder forderte man sich gegenseitig zur Welle auf. In diesen Minuten gab es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Nur das Jetzt. Kinder leben im Jetzt. Für sie ist der Moment absolut. Sie schaffen das, was wir Erwachsene verlernt haben. Sie spielen sich in einen Flow. Das heißt, sie sind völlig vertieft und gehen restlos in einer Tätigkeit auf. Ja, wir waren alle Kinder, als Halfar jr. immer wieder vor die Kurve zitiert wurde und immer wieder La-Ola machen musste bzw. durfte. Alle, die noch im Stadion waren, schauten mit großen Augen nach Westen.

Irgendeine Emotion, ein Bild bahnte sich in diesen Momenten durch mein Hirn. Es war fast schmerzvoll, sich dem bewusst zu werden, aber trotzdem so schön. Wann hatte ich die Westkurve, den Betze so das letzte Mal erlebt. So ausgelassen. So frei. So ungezähmt. So zügellos. Flow-Zustände können bei entsprechenden Bedingungen in hypnotische ekstatische Trance übergehen, heißt es in der Psychologie. Rückblickend war meine Anfangszeit am Betze ab den späten 1980ern ein einziger Flow. Nirgendwo waren die Bedingungen für Ekstase besser gegeben als hier. Wir haben den Moment geliebt und gelebt. Das Spiel, zu dem wir uns oft schon Stunden vorher einfanden.

Diese positiven Erinnerungen sind immer noch in den Köpfen derer, die sie erlebt haben. Doch die "neuronalen Verbindungen" zu ihnen sind verkümmert und verschwunden. Es haben sich dunkle, wuchtige Pfade ihren Weg gebahnt. Und sie haben in den letzten Jahren reichlich Nahrung bekommen. "Der Winter naht", heißt es in einer der erfolgreichsten Geschichten unserer Zeit. Bei uns ist er schon da. Schon lange herrscht Eiszeit in der Hölle - im Hirn und auch im Herzen des FCK.

Feng-Shui und verwunschene Schlösser

Wir saßen Ende 2013 nach einer Weihnachtsfeier von Der Betze brennt mit ein paar Berlinern zusammen. Der FCK war Tabellenführer, Runjaic Trainer, die Offensive mit Matmour, Occean, Idrissou und Zoller pompös besetzt. Anfang der zweiten Hälfte machte der FCK das 1:0 - Union war da schon nur noch zu zehnt. Und doch wurde es auf dem Betze trotz der über 33.000 immer stiller und stiller. Für die Berliner Fans, die wir in der Kneipe trafen, war das vollkommen unerklärlich. Als ich ihnen sagte, wir hatten Angst - Angst vor dem Ausgleich, schüttelten sie den Kopf und dachten wohl, der will uns verarschen.

Die Liste dieser Begebenheiten lässt sich fast endlos fortsetzen, die Episode, als Ehrmann als Einpeitscher auf den Zaun stieg, gehört genauso dazu, wie die Tatsache, dass Kuntz umfangreiche Feng-Shui-Dienstleistungen in Anspruch nahm.

Laut Definition geht es bei Feng Shui um die Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung. Ursprünglich sollten damit die "Geister der Luft und des Wassers geneigt gemacht" werden.

Warum hat unser ehemaliger Vorstandsvorsitzender das gemacht? Hat er, der Bauch-Mensch gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt auf dem Berg. Etwas Unerklärliches, das Spieler und Trainer vermeintlich schlechter macht. Dass egal, was man anpackt, zwangsläufig scheitert. Etwas, dass in den Kabinen steckt, im Spielertunnel, auf den Tribünen, in jedem Winkel dieser magischen Spielstätte. Ja, mit allem, was mit dem FCK in Verbindung steht.

Kuntz selbst war es, der 2008 die Menschen, die den FCK im Herzen tragen, mit ihrer Umgebung harmonisierte. Jeder, der damals das Heimspiel gegen Aachen erlebt hat, weiß, was ich meine. Wir standen zwar immer noch auf einem Abstiegsplatz, doch daran dachte an diesem berauschenden Abend niemand. Es waren Momente voller Glück und Leichtigkeit bis tief in die Nacht. Wir fühlten uns, wie von einer riesigen Last befreit. Auch die auf dem Platz.

Warum denken wir, dass wir uns im größten Streich befinden?

Genauso eindringlich und eine - mit Goethe - unerhörte Begebenheit ist die letzte Rückrunde des FCK in der Bundesliga. Was ließ den Neubau in der ersten Liga so dermaßen rasant in sich zusammenfallen - wie ein Kartenhaus. War es am Ende die Erkenntnis, dass es doch nicht wieder für ganz oben reicht, dass es doch nicht wieder wird wie früher. Trotz Stefan, dem Bau-Meister. Und natürlich auch wegen Stefan.

Ich habe diese Zeit ausführlich in meiner jüngsten Kolumne durchleuchtet. Daran erinnert, für was dieser Verein steht, was er bedeutet und wie er nur funktionieren kann. Das aufgeschrieben, was ihr mir gelernt und was mich dieser Klub gelehrt hat. Und bin auch damals auf einen Code gestoßen, den ich nicht entschlüsseln konnte.

Warum denken wir, dass wir uns im größten Streich befinden, den es bei "Verstehen Sie Spaß?" je gab, oder in einem verwunschenen Schloss. Warum waren wir Aufbaugegner in Telenovela-Länge, warum haben wir angefangen zu glauben, der Gegner trifft mit dem ersten Schuss auf unser Tor, manche Kugeln bei der Pokalauslosung seien angewärmt oder die Schiedsrichter bzw. der DFB wollten uns nicht (mehr) in der ersten Liga sehen.

Deutlicher und einfacher: Was ist EIGENTLICH unser Problem? Warum fallen in letzter Zeit vermehrt Wörter wie "peinlich" oder "lächerlich", wenn die, die den FCK im Herzen tragen, über ihren eigenen Verein sprechen. Woher kommt die Verbitterung? Warum überkommt uns das Gefühl der Beschämung, warum denken wir, dass andere über uns lachen. Weil wir nicht mehr in der ersten Liga spielen? Weil der FCK nach unserer Meinung dort hingehört und wir alle Klassen darunter als Strafe empfinden?

Mag sein, dass das ein Grund ist, aber ich glaube, die Wurzel liegt tiefer. Es gibt Dinge, die die Pfälzer Seele stark erschüttert haben: zum einen der Verlust des vereinseigenen Stadions. In meinen Anfangsjahren habe ich immer wieder gehört, der Betze gehört uns, den haben wir aufgebaut. Das ist einmalig. Jeder in Fußballdeutschland wusste und weiß, dass Betzenberg und FCK unzertrennlich sind. Das Stadion ist ein Symbol des Vereins, es ist ein Hauptteil der DNA.

Noch schlimmer: Verein und Stadion entfremdeten sich immer mehr

In der Ära Jäggi wurde das erste Mal offen kommuniziert, dass das Stadion eine finanzielle Last ist (und, das nur als Fußnote, dass die Zuschauer darin für die eigenen Spieler zur Belastung werden können). Durch den Verkauf kam es zu einem tiefen Riss, der auch durch neue Stahlträger nicht behoben werden konnte. Ein Teil der Identität war auf einmal weg. Und noch schlimmer: Verein und Stadion entfremdeten sich immer mehr. Keine öffentliche Diskussion über den FCK mehr ohne die Begriffe "Stadionmiete", "überdimensioniert", "Wettbewerbsnachteil". Alles gipfelte in dem Satz eines Verantwortlichen bei "Flutlicht" im SWR: Man habe halt den Betze nunmal und könne nicht ausziehen. Das ist noch gar nicht mal so lange her und vielleicht unternehmerisch vernünftig, aber was bedeutet so ein Ausspruch für die Köpfe? Für das Selbstverständnis? Für was steht der FCK eigentlich (noch)?

Die Schuldigen für den Stadionverkauf sind leicht ausgemacht: der oben genannte Sanierer hat es durchgezogen, andere haben viel Vorarbeit geleistet. Aber schieben wir uns nicht selbst auch den schwarzen Peter zu? Wir, die der FCK bewegt, angestellt oder angeboren. Schmerzt (auch) dies so sehr in der rot-weiß-roten Seele. Bewusst oder unbewusst. Und offenbart sich in Ausbrüchen wie "Was haben wir nur verbrochen?!" Ich kann nicht für Ex-Spieler, Ex-Trainer, Ex-Berater, Ex-Verantwortliche sprechen, die der Verein bis heute nicht losgelassen hat, die bis heute Karten mitmischen. Ich kann nur eine Fan-Perspektive einnehmen und dabei sicher nicht für alle sprechen, aber empfanden wir es damals als absurd, als die Bayern zu König Ottos Zeiten auf Augenhöhe zu sein schienen, empfanden wir unser Stadion nicht manchmal als zu klein, vor allem die Anzahl der Sitzplätze. Bekamen wir nicht Hitzewallung, als die Pläne von größeren Tribünen offenkundig wurden.

Ein Erlebnis beschäftigt mich bis heute: Es war die Saison 2000/2001. 31.Spieltag. Ein Heimspiel gegen Leverkusen, das 0:1 verloren ging. Der FCK wurde am Ende 8. Im Bus vom Stadion weg war totale Niedergeschlagenheit und Stille. Und dann sprach einer laut aus, was viele dachten: "... und wir haben halt den Strasser und den Hristov". Was bedeutet so ein Ausspruch für die Köpfe? Für das Selbstverständnis? Für was steht der FCK eigentlich (noch)?

Ja, wie lange steht der FCK überhaupt noch? "RIP FCK" oder "Bald ist es vorbei" dröhnt es immer lauter von der Kanzel. Denn in dieser Leidensgeschichte geht es auch um Verlust: In den 90er Jahren haben die Roten Teufel Horden von Jüngern im Sturm erobert. Das ist fast 30 Jahre her. Wer damals 18 Jahre war, geht heute stramm auf die 50 zu - eine Lebensphase, in der sich Verlust immer mehr in den Vordergrund drängt, in der man merkt, dass die Dinge endlich sind. Ob es die Eltern sind, die von uns gehen, ob Lebensträume zerplatzen oder Beziehungen scheitern. All das verstärkt den Kontrast im Rückblick auf die vermeintlich unbeschwerte Zeit mit den Herzbuben vom Betzenberg, in die man sich unsterblich verliebt hatte.

Heute müssen wir uns sogar damit auseinandersetzen, dass unser Betze angeblich abgerissen werden soll. Insolvenz-Gespenster schweben wie Dementoren über den Berg. Mal sind es zwei Jahre, die der Verein noch überleben kann, dann eins, dann nur noch Monate...

STOP, HALT, NICHT WEITER, AUFHÖREN, ES REICHT JETZT: Das habe ich in der so symbolträchtigen Nacht von Darmstadt gedacht. JETZT IST WIRKLICH DER HÖHEPUNKT ERREICHT. WIE WEIT WOLLEN WIR ES EIGENTLICH NOCH TREIBEN?! Es ging dabei vor allem um Jeff Strassers Herz, aber auch um das kollektive, das des gesamten Vereins.

In meiner Monster-Kolumne drehte sich viel um Einflüsse von außen, die sich ändern müssen. Doch es muss sich auch innen etwas bewegen. In uns. Wir müssen uns stellen. Auch wenn es verdammt schmerzt. Wir müssen uns dem bewusst werden: Türen öffnen, die wir hermetisch abgeriegelt haben. Wir müssen unser Verhältnis zum FCK neu definieren. Und wir müssen uns und anderen vergeben.

Ausnahmesituationen, wie die mit Strasser, schleudern einen mit voller Wucht ins Jetzt. Alles andere wird unwichtig. Und das ist in unserem Falle gut so.

ALSO, WAS KANN JEDER VON UNS TUN?! HEUTE. AB SOFORT.

1) Mal wieder ins Stadion gehen. Gegen Sandhausen waren es schon gefühlt 10.000 Leute mehr, weil sich auch endlich wieder viele Dauerkartenbesitzer aufgerafft haben. So hatte man vor den Drehkreuzen Wartezeiten und eine gewisse Ungeduld, die sich gut anfühlte. Drin war es dann, besonders am Anfang, unterkühlter als draußen. Wenn man zwei Mal in Folge gewinnt, wettet man als FCK-Fan mittlerweile nicht mehr darauf, dass das ein drittes Mal gelingt. Nach dem Spiel sagte einer vor dem Bus: "Jetzt fahr ich einmal wieder da hoch und sie verlieren wieder." Mach es erneut. Weil du Lautrer bist. Weil du mutig bist, sonst hättest du dir diesen Verein nicht ausgesucht. Weil es für dich Wichtigeres als Siege und Meisterschaften gibt. Weil du die Legenden der Leidenschaft lebst. Bringe noch einen Freund oder eine Freundin mit. Wenn jeder zweite jemanden überredet, bekommen wir eine Zuschauerzahl, bei der es kuschelig wird. Nur nicht für den Gegner und den mit der Pfeife. Norbert Meier kann man eines danken: Er hat dafür gesorgt, dass sich Fans und Mannschaft wieder angenähert haben. Mit Tat und Wort. Ich vermisse seine Pressekonferenzen und seine Betze-Huldigungen. Unter seiner Ägide wurden erstmals wieder Schiris aus dem Stadion gepfiffen. Meier hat sich nichts gefallen lassen - und wir machen das künftig auch nicht mehr.

2) Den Betze mal wieder mit allen Sinnen erleben. Denkt mal an Rocky Balboa, wenn ihr das nächste Mal die vielen Stufen (oder die Straße) hochlauft. Er hat sich eines sehr frühen Morgens auch aufgerafft, sich seinen bösen Geistern gestellt, rohe Eier reingehauen, den Kapuzenpulli drüber gezogen und dann raus in die Dunkelheit. Dem Schweinehund gestellt, die Treppen zum Philly-Museum hoch. Auch wenn es beim ersten Mal weh tut: Es wird sich gut anfühlen, oben zu stehen. Atmet mal wieder die Berg-Luft in vollen Zügen ein. Dort oben riecht es immer noch nach Fußball. Guckt vorm Reingehen die steilen Tribünen hoch. Seht die Schals, die Trikots, das Rot um euch herum. Spürt die Leidenschaft. Den Zusammenhalt. Die Familie. Das Zuhause. Das Heimkommen. Haltet inne, wenn ihr den Rasen seht. Gönnt euch die Sekunde. Lasst das Leuchten in den Augen zu. Es gibt keinen besseren Ort für uns.

3) Und mal wieder früher in den Block rein! Einmal schaffen wir das doch. Ne halbe Stunde vor Spielbeginn anfangen, sich einzustimmen, einzulassen auf den Betze. Das wäre doch mal eine Aktion Wert, eine mit Action. Dieses Fenster mit 180 Sekunden ohne Werbeunterbrechung wird uns nicht gerecht. Für die Pizza Diavolo muss man den Ofen ordentlich vorglühen.

4) Lasst uns während des Spiels auch wieder mehr den Moment leben. Den "spielbezogenen Support", wie es neudeutsch heißt, haben wir doch miterfunden. Warum? Weil er zu uns passt, weil er uns hilft, weil es die Sprache ist, die dort jeder versteht. Auch der Gegner. Wir sind beim Singen so überhastet wie unsere Angreifer vor dem Tor. Gebt dem Betze Luft zum Atmen, er muss sich entfalten können. P.S. Was ist eigentlich mit Sascha Kempf? Deine Mission ist noch nicht zu Ende. Du hast eine Gabe.

5) An die Mannschaft: Ich habe in der Winterpause Darts-WM geguckt und dabei hat mich ein gewisser Michael van Gerwen zum Nachdenken gebracht. Er ist die Nr.1 der Welt. Sicher nicht nur wegen seines Talents, sondern auch wegen seiner Einstellung. Dieser van Gerwen wurde im Interview nach einem gewonnenen Vorrundenmatch gefragt, warum er seinem Gegner nicht ein einziges Leg (Spiel) gegönnt habe. MVG sah den Journalisten verdutzt an. Und erwiderte: "Das ist ein Wettbewerb, ich bin hier um zu siegen. Ich will alles gewinnen. Ich bin Sportler. Das ist mein Sport. Das ist mein Job." Und seine Körpersprache hinterließ keinen Zweifel, dass er jedes Wort auch so meinte. Beim FCK ist dieser "Wettbewerb" mittlerweile mit allem möglichen aufgeladen, so dass man oft gar nicht mehr erkennt, dass es um ein Fußballspiel geht. Da gibt es nicht enden wollende Mentalitätsdiskussionen, den Spielern muss beigebracht werden, was es heißt für den Fritz-Walter-Klub zu spielen. Den Fans müsse geboten werden, was sie sehen wollen, der Funke müsse vom Rasen auf die Ränge überspringen... Warum fangen wir nicht mal wieder ein wenig überschaubarer und kleiner an: "Geht’s raus und spielt's Fußball". Das ist ein Wettbewerb. Gewinnt ihn. Warum seid ihr sonst Sportler geworden. Ob im Schulhof mit plattgetretenen Cola-Dosen oder im Stadion vor Zehntausenden - es geht doch immer um das Eine.

6) An die Vereins-Verantwortlichen: Spart euch bitte die Saisonprognosen und konzentriert euch auf den Spieltag, die competition. Gries und Klatt sprachen 2016 von den Underdogs, die nicht die Mittel der anderen haben. Beschwörten die alten Betze-Tugenden, um dann Stieber und Zoua zu verpflichten. Name-Dropping neuzeitlicher Betze-Schule... Vor der aktuellen Runde heißt das Ziel "sorgenfreie Saison". Dabei erschüttert die Briegel-Posse die Fußball-Pfalz. Meier ist schon vor dem ersten Spiel sichtlich mit den Nerven fertig. Die Mannschaft hat beim Einlaufen in Nürnberg schlotternde Knie - bestimmt nicht wegen eines Fan-Plakates. Schenkt uns reinen Wein ein! Wir können ihn vertragen! Seid so ehrlich, dass es weh tut. Auch das können wir vertragen. Klärt die Stadionfrage. Sie ist in vielerlei Hinsicht der Schlüssel.

7) An die, die DBB machen - oder andere lesens-, sehens- oder hörenswerte Angebote rund um den FCK: Bleibt kritisch, aber seid dabei konstruktiv. Ich habe hier Ende Januar folgendes als News gelesen: "Darmstadt gewinnt: Rückstand des FCK wird größer". Daran ist handwerklich nichts falsch, aber wem soll das was bringen? Die Tabelle können alle selbst lesen. Und so eine Nachricht lässt die Leser im Dunkeln - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schattenseite ist nicht immer die ganze Wahrheit. Deswegen: Sucht auch nach Lösungen, die existieren und haltet nach Auswegen Ausschau. Ihr habt eine Verantwortung - werdet ihr gerecht.

8) An die Foristen auf DBB, auf transfermarkt.de, auf Facebook und Twitter und alle, die ich jetzt vergessen habe: "Ich bin ein Kind dieses Forums. Und mir liegt sehr viel daran. Denn es ist eines der kostbarsten Güter, die dieser Verein hat. Es ist das Herz des FCK. Man kann an seinem Pulsschlag hören, wie es um den Gesundheitszustand des Clubs bestellt ist.

Natürlich gab es hier schon immer Extreme: Wut, Gemotze, Jubel, Euphorie, Schwarzmalen, Weichzeichnerei. Und ein wenig Anarchie. Ein Spiegelbild des Betze eben, mit all seinen Emotionen. Aber noch was machte DBB zu etwas Besonderem: Der Respekt im Umgang miteinander, auch mit den Protagonisten, den Spielern und Verantwortlichen. Nicht zufällig ist es Fritz Walter gewidmet. Und noch etwas zeichnete das Forum immer aus: Die Neugierde auf fremde Meinungen und andere Perspektiven. Schaut euch bitte mal die unten verlinkten Threads an, aus dem Jahr 2008. Sie stammen aus der Woche vor dem Endspiel gegen Köln. Also wahrscheinlich die härtesten, intensivsten sieben Tage, die ein jeder von uns in seinem Fan-Leben mitgemacht hat (Vorab-Diskussion: 1. FC Kaiserslautern - 1. FC Köln; Rote Teufel 2:2 in Jena)

Trotz des Drucks von außen, der größer nicht sein konnte, gab es hier eine erfrischende Kommunikation. Wir hatten ein riesiges Hindernis vor uns, das wir allein gar nicht bewältigen konnten. Aber wir teilten unser Leid, machten es so ertragbar und wir heckten einen Plan aus. Egal, wie dunkel der Tunnel war, einer hatte immer ein Licht dabei. Aber dieser Eine wurde auch bemerkt, gehört."

Der Text stammt aus einer DBB-Kolumne von mir aus dem Jahr 2012.

9) oder besser 1900): Wenn nach dem 3:1 gegen Kiel manche ausrechnen, wie viele Punkte es auf den dritten Platz sind; wenn nach dem 0:1 gegen Sandhausen andere wieder ihr Platte vom "Abstieg steht schon lange fest" auflegen, verteufelt sie nicht. Die einen sind nicht größenwahnsinnig, die anderen keine Schwarzmaler. Es sind FCK-Fans. Wir sollten anerkennen, dass wir nur in Extremen denken können. Dass das Pendel zwischen den Polen nie still steht. Ohne diese Emotionen wären wir 1998 nie Meister geworden. Es kam alles, wie es kommen musste. Es liegt in unserem Blut. Wir können nicht anders. Bei uns passiert in 48 Stunden mehr als in manchen Vereinsgeschichten. Denkt alleine an den Januar. Und es wird so rasant weitergehen. Die total, total verrückte Welt des FCK wird sich drehen. Wir wissen nicht, wohin uns die "glorreichen Sieben" führen: Frontzeck als Yul Brynner und seine Bande um Abenteurer wie Jenssen, JICB, Altintop und Co., die Langeweile fürchten und es noch mal wissen wollen, und junge Heißsporne wie Borello, Osawe, Müller und Co., die manchmal zu schnell auf den Abzug drücken. Im Film siegen die "Sieben" in Zusammenarbeit mit den Dörflern...

Forza FCK,
rot-weiß-rot olé,
mein Leben hab ich Dir vermacht,
jeden Tag und jede Nacht!

Autor: Marky

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