Spielbericht: Mainz 05 - 1. FC Kaiserslautern 4:0

Höllenfahrt im Karnevalstreiben

Höllenfahrt im Karnevalstreiben


Ein schlimmes Gefühl steckt im Körper. Ein Mix aus Wut, Trauer, Enttäuschung, Ratlosigkeit und Scham. Ein Rheinland-Pfalz-Duell, für manche sogar ein Derby, das nach zwei gespielten Minuten keines mehr war. Es sollte die Wende zur alten Stärke werden - heraus kam eine Tragödie, eine Schmach der schlimmsten Sorte. Jetzt ist die Kacke am Dampfen. Aber auch nach einem 0:4: Über die Mainzer Vereinsidentität kann man nur lachen!

Es war der erste Auftritt des 1. FC Kaiserslautern im neuen roten Kasten am Europakreisel, von außen weniger wie ein Fußballstadion aussehend, mehr wie ein Möbelhaus. Mitten auf dem freien Feld gebaut. Mainz macht sich über Bauern lustig und hat ein Stadion auf dem Acker!? Nicht das erste Highlight eines komischen Faschingstreibens gepaart mit Anti-FCK-Kultur. Darauf fußt das ganze Treiben dieses selbsternannten Karnevalsverein.

Vom Hauptbahnhof bis zum "Möbelhaus" fuhren wie angekündigt Shuttle-Busse, um die Insassen der beiden Entlastungszüge zu befördern. 1.000 der ca. 5.000 Lautrer Fans machten gezwungenermaßen davon Gebrauch, im vollgestopften Bus zum Spiel gekarrt zu werden. Am Bahnhof wollten sich die Mainzer Ultras zeigen, weit bevor der erste Entlastungszug ankam. Nach der ersten Aufforderung der Polizei gingen sie schön artig um die Ecke. Nach dem Spiel gab es anscheinend ein kurzes Scharmützel nach einem außerplanmäßigem Bus-Stop. Sonst blieb es trotz der hohen sportlichen Brisanz friedlich in Rheinhessen.

Die Stimmung vor dem Spiel war in der Lautrer Kurve heiß, gut und laut - topmotiviert ging es gegen das Karnevalsvorprogramm zur Sache. Nachdem am viel zu kleinen Zaun ordentlich geflaggt wurde, sollte der dicke Stadionsprecher, ein Karnevalspräsident erster Güte, das närrische Treiben ohne Unterlass kommentieren. Von nervig zu reden ist noch untertrieben. Der Lautrer Anhang sang sich warm, die anwesenden Narren der Karnevalssitzung stimmten derweil das Vereinslied mit dem Refrain "Helau, Helau" an. Bedarf es dazu noch weiterer Worte? Weitere Worte höchstens noch über Spruchbänder Mainzer Ultras, die sich auf den Tod Fritz Walters bezogen, auf Spieler und Trainer sowie irgendwelches Geschwafel. Wenn man keine Tradition und Erfolge vorweisen kann, auf dem eine eigene Identität wächst, bedient man sich der Herabwürdigung eines Toten, um sich selbst schönzureden, wessen Mitglied man geworden ist: eines austauschbarem Produkts des modernen Fußballs. Eines Vereins der Kategorie Hoffenheim. Karneval für die Basis, Anti-FCK für die Subkultur, der Mix macht's letztendlich.

Zum Einlaufen der Mannschaften gab es auf der Heimseite nur ein paar Fahnen und im FCK-Sektor eine Pyroshow. Ein Meer aus roten Fackeln erstreckte sich im unteren Teil des Gästeblocks, die Lunte für ein lautstarkes Heimspiel im Auswärtsstadion war längst gelegt. Und dann pfiff Schiedsrichter Knut Kircher an...

Über das Spiel zu schreiben ist so, ist als ob man schon wieder in diesem Sumpf aus Wut und Resignation schwimmt. Nach zwei Minuten das 0:1, nach 17 Minuten das 0:2. In der Karnevalssitzung waren die Roten Teufel auf dem Platz nette Gäste. Und die Torschützen Mohamed Zidan und Adam Szalai übten sich im Provozieren vor dem FCK-Block, wahrscheinlich aufgestachelt vom Mainzer Vereinsselbstverständnis und voller Schadenfreude. Hochmut kommt vor dem Fall! Ihr erinnert euch noch dran?! Wenn auch die Lautrer Spieler heute wohl niemanden zu Fall bringen wollten, sonst hätten sie sich Zidan und Szalai mal zur Brust genommen.

Überraschend, dass beim FCK Julian Derstroff von Anfang ran durfte und Anthar Yahia als Linksverteidiger begann - leider entsprang das 0:3 dann über links (Müller, 30.). Auffällig bei allen drei Toren war die Mainzer Aggressivität, der Wille als Erster am Ball zu sein. Zugegeben, schön herausgespielt. Die Gegenwehr war jedoch beschämend, nach vorne ging gar nichts. Einmal ein gelungener Spielzug kurz vor dem 0:2, den Pierre de Wit schlecht abschloss, und je einmal Pech bei Christian Tifferts Lattenkracher und de Wits Freistoß. Ansonsten ging es nur hinterher, Lautrer Offensive war nicht vorhanden. Als Tifferts Auswechslung in der Halbzeit durchgesagt wurde, gab es höhnischen Applaus von den Fans.

Frust machte sich breit im Gästeblock. Zaunfahnen wurden teilweise abgehangen und es blieb vor lauter Enttäuschung lange still im Bereich der FCK-Fans. Auch die Vorsänger hatten erstmals in dieser Saison keine andere Wahl, als vorzeitig Feierabend zu machen.

Im zweiten Durchgang das gleiche Bild, auch die eingewechselten Kostas Fortounis und Nicolai Jörgensen machten es nicht besser. Letzterer schoss eine Bogenlampe im eigenen Strafraum, die im Profifußball nicht alle Tage zu bewundern ist. Mainz sagt Danke und stellt den 4:0 Endstand her (Choupo-Moting, 74.).

Dieser Sieg ging auch in dieser Höhe voll in Ordnung. Lustig während des Spieles die Aufrufe des Karnevalspräsidenten, unter anderem dass doch bitte eine Laola auch auf der Haupttribüne stattfinden sollte. Unter den Gästefans gab es nach dem 0:4 die ersten "Trainer raus"-Rufe sowie das ebenso einfache wie eindeutige "Wir haben die Schnauze voll". Mannschaft und Verantwortliche stellten sich danach am Gästeblock, wobei aber nur wenige Spieler und Trainer Kurz bis zum Zaun vorgingen. Aufgeheizte Stimmung, Wut und Trauer. Ob das Wirkung gezeigt hat, lässt sich noch nicht sagen.

Stefan Kuntz sprach erst mal dem Trainer sein Vertrauen aus, trotzdem will er alles auf den Prüfstand stellen. Das muss er auch. Eine desolate Vorstellung in diesem Spiel mit so einer Einstellung ist eines 1. FC Kaiserslautern unwürdig. Der Fahrstuhl nach unten hat Fahrt aufgenommen - eine heiße Woche und heiße elf verbleibende Spiele stehen an.

Neben Kuntz wurde natürlich auch Kurz befragt und übernahm die volle Verantwortung für das schlechte Spiel. Die Stimmung ist zum ersten Mal gegen den Trainer gekippt: Marco Kurz hat seit seinem Amtsantritt sehr gute Arbeit geleistet, jetzt scheint er ratlos zu sein. Die Mannschaft hat seit Wochen keinen Mumm, ist spielerisch dürftig besetzt, selbst das Glück ist verloren gegangen. Die Neuzugänge haben nicht den gewünschten Effekt gebracht. Kann Kurz der Mannschaft noch die nötigen Impulse geben?

Am Abend schritten noch 300 Fans direkt aus dem Entlastungszug den Betzenberg hinauf, wo sie die verbliebene FCK-Abordnung vom Spiel in Mainz antrafen: Stefan Kuntz, Marco Kurz, Christian Tiffert und Mathias Abel. Mit großer Sorge wurde über die aktuelle Situation gesprochen und für den nächsten Tag noch ein Treffen mit der kompletten Mannschaft vereinbart.

Eine sehr schwierige Situation. Der Gefühlsmix aus Wut und Enttäuschung, Ratlosigkeit und Angst ist geblieben. Kommen wir aus diesem Sumpf wieder raus, bevor es zu spät ist?

Autor: connavar

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