Gegner-Check
Gegner-Check BTSV: Zwischen Tempo und Torflaute

Foto: Imago Images
Anspruch und Wirklichkeit: Vergangene Saison vermochte sich Eintracht Braunschweig erst in der Relegation gegen den 1. FC Saarbrücken den Verbleib in Liga Zwei zu sichern. Drum wollten die Löwen im Sommer eine Grundlage schaffen, diese Spielzeit weniger gefährdet durchzustehen. Das Vorhaben ließ sich auch gut an: Mit Keeper Ron-Thorben Hoffmann (26) und Mittelfeld-Motor Lino Tempelmann (26) konnte Sport-Geschäftsführer Benjamin Kessel zwei Leihspieler, die wesentlich zum Klassenverbleib beigetragen hatten, fest verpflichten. Abgegeben werden musste dagegen Top-Scorer Rayan Philippe, für den der Hamburger SV allerdings runde 2,5 Millionen Euro überwies. Von denen die notorisch bescheiden budgetierten Niedersachsen aber nur einen Bruchteil in neues Personal investieren konnten. Dennoch verlief der Saisonstart vielversprechend, mit Erfolgen in Magdeburg (1:0) und gegen Fürth (3:2). Seither aber punkteten sie kaum noch: nur ein Sieg und ein Remis, ansonsten Niederlagen - zuletzt vier in Folge. In der jüngsten Länderspielpause rechneten daher viele bereits mit der Ablösung von Trainer Heiner Backhaus. Doch siehe da: Sportchef Kessel folgte nicht den üblichen Mechanismen des Geschäfts und sprach dem Coach sein Vertrauen aus. Vergangenes Wochenende bei Hertha BSC sollte die Wende zum Besseren eingeleitet werden. Am Ende aber hatten die Braunschweiger abermals verloren - allerdings nur knapp mit 0:1 nach einer anerkannt ansprechenden Leistung. Dementsprechend konsterniert gab sich Trainer Backhaus in der anschließenden PK: "Es ist seit drei Wochen dieselbe Schallplatte. Wir müssten führen und kriegen mit der ersten Chance des Gegners ein Gegentor." Aus Lautrer Sicht darf der Coach die Platte am Samstag gerne ein weiteres Mal auflegen.
Die Neuen: Neben Hoffmann und Tempelmann krallte sich die Eintracht noch einige gestandene Kicker mehr, die sich bereits in der Zweiten Liga behaupteten. Mit Flügelspieler Mehmet Aydin (23) kam ein weiterer Schalker nach Niedersachsen. Aus Karlsruhe wechselte der zentrale Mittelfeldspieler Robin Heußer an die Oker, aus Münster der Innenverteidiger Lukas Frenkert (25), aus Regensburg Abwehrmann Louis Breunig (22). Aus Nürnberg lieh Kessel den Sechser Florian Flick (25), der auch schon mal in Lautern im Gespräch war. Mit dem Aachener Patrick Nkoa (26) sicherte er sich die Dienste einer bewährten Defensivkraft aus der 3. Liga. Von Bundesligist Leipzig leaste er Innenverteidiger Frederik Jäkel (24) und Sturmtalent Robert Ramsak (19), das bislang nur zu Kurzeinsätzen kam. Denn den abgewanderten Topscorer Philippe zu ersetzen, bereitete erwartungsgemäß die größten Probleme. Erencan Yardimci (23) kam als Leihspieler aus Hoffenheim, hatte nach zehn Spielen drei Treffer auf dem Konto, flog dann aber vom Platz. Am Samstag ist er das erste Mal wieder spielberechtigt.
Die Formation: Drei Innenverteidiger, zwei Außenbahnspieler, zwei zentrale Mittelfeldspieler und ein Offensivtrio, das mal mit einer, mal mit zwei und mal mit drei Spitzen angeordnet wird: Das ist Backhaus' Grundformation, die soweit nichts Überraschendes bietet. Dafür sind seine Startelf-Besetzungen oft nicht vorherzusehen - was gar nicht mal Absicht ist. Sperren und verletzungsbedingte Ausfälle zwingen den Coach immer wieder zu Umstellungen. Besonders hart treffen die langfristigen Ausfälle von Jäkel und Tempelmann. Frenkert fehlte ebenfalls lange, hat sich zuletzt gegen Hertha aber zurückgemeldet. Ebenso sein Nebenmann in der Innenverteidigung, Kevin Ehlers (24), der diese Saison bereits eine Rot- und eine Gelb-Rot-Sperre abzusitzen hatte. Komplettiert wurde die Dreier-Abwehrreihe in Berlin von Nkoa, der erst seit Anfang November wieder regelmäßig in der Startelf steht. Der ehemalige Lautrer Juniorenspieler Leon Bell Bell (29) war in den ersten Saisonwochen ebenfalls außen vor, ist seit einigen Wochen aber wieder gesetzt - allerdings nicht auf seiner Stammposition, der linken Außenbahn; da hat sich nunmehr der junge Fabio Di Michele (22) festgespielt. Ebenfalls als Stammkräfte gelten auf der rechten Seite Aydin und Offensivflitzer Christian Conteh (26). Stürmer Sidi Sané (22), der in Berlin erst zum zweiten Mal in der Startelf stand, dürfte am Samstag wohl Rückkehrer Yardimci weichen. Kapitän Sven Köhler (29) fehlt am Samstag gelbgesperrt, sodass gerätselt werden darf, wer neben Flick und Bell-Bell das zentrale Mittelfeld ergänzt. Kandidaten wären Heußer oder der junge Max Marie (21). Die langjährige Stammkraft Fabio Kaufmann (33) verrichtete bislang nur Kurzarbeit - ebenso wie Oldie Sebastian Polter (34).
Zahlenspiele: Sie haben erst zwölf Tore in dieser Saison erzielt. Nur Magdeburg traf schlechter. Dafür haben sie schon 25 kassiert. Nur Fürth verzeichnet mehr Einschläge. Zu Hause durften sie erst einmal einen Dreier bejubeln, dafür hagelte es bereits vier Niederlagen. Angesichts dieser Zahlen scheint der aktuelle Tabellenplatz 17 für Braunschweig also absolut angemessen, und im FCK-Lager könnte glatt die Phrase vom "Pflichtsieg" die Runde machen ... Drum kann es nicht laut genug gesagt werden: Vorsicht vor voreiligen Schlüssen. In Berlin - den Gegner, der auf dem Betzenberg vor der Länderspielpause 1:0 gewann - erreichten die Braunschweiger ein 1,17:0,96 nach xGoals. Das zeigt, dass ein Unentschieden gegen die aktuell formstärkste Mannschaft der Liga durchaus drin gewesen wäre. Ebenfalls beachtlich: Mit Conteh (gemessene Spitzengeschwindigkeit: 36,12 km/h), Yardimci (35,73 km/h) und Bell Bell (35,51 km/h) stehen gleich drei Braunschweiger unter den Top Five der schnellsten Zweitligakicker. Den Roten Teufeln dagegen fehlt am Samstag ihr sprintstärkster Abwehrspieler: Maxwell Gyamfi hat gegen Kiel die fünfte Gelbe Karte gesehen und muss zuschauen. Das sollte Warnung genug sein.
Fazit: Im gegnerischen Sechzehner treffen sie meist die falschen Entscheidungen, in oder am eigenen Strafraum schießt immer einer irgendwann einen Bock ... Wollte man sich auf diese Kurzbeschreibung verlassen, wäre der Matchplan ja schnell gefasst: hinten nichts zulassen und auf den ersten Abwehrfehler der Gastgeber warten. So einfach wird's natürlich nicht. Nicht vergessen: In den vergangenen drei Spielzeiten - also seit beide Teams in die 2. Bundesliga zurückkehrten - hat der FCK in Braunschweig verloren, und das stets nach besonders enttäuschenden Leistungen. Die Darbietungen dieses Gegners dagegen waren in den jüngsten Wochen meist besser, als die Ergebnisse aussagen. Vorsicht geboten ist vor allem vor den schnellen Offensivkräften. Besonders knifflig wird's für Trainer Torsten Lieberknecht, weil außer Gyamfi auch noch Paul Joly ausfällt, der gegen Kiel schon nach 14 Minuten verletzt vom Platz musste. Simon Asta ist längst noch nicht wieder fit, sodass für die rechte Seite im Profikader kein etablierter Außenbahnspieler mehr zur Verfügung steht. Wird - wie vergangenen Sonntag - der gelernte Stürmer Dickson Abiama die Seite erneut beackern? Der bräuchte sich zumindest in puncto Speed nicht vor Conteh & Co. verstecken.
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