Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-SGD
Die DBB-Analyse: Im alten Stil zu neuem Glück
Vorne wieder mit Offensiv-Trio statt -Quartett. Im hinteren Mittelfeld wieder mit Fabian Kunze ein robuster Sidekick für Aufbauspieler Semih Sahin. In der Abwehr wieder die seit dem Ausfall von Jisoo Kim eingespielte Dreier-Reihe mit Luca Sirch, Maxwell Gyamfi und Leon Robinson. Und auf den Außenbahnen wieder Paul Joly und Mika Haas, die über die Saison gesehen die besten Lösungen auf diesen Positionen darstellen.
Kurz: Torsten Lieberknecht legte zu diesem Spiel alles ad acta, was er in beiden vorangegangenen Pflichtspielen in Braunschweig (0:2) und Berlin (1:6) an Startelf-Wechseln und Positionsverschiebungen versucht hatte. Das meiste davon mag aus der Not heraus geboren gewesen sein, aber auch so können sich ja hin und wieder Neuerungen ergeben, die Perspektiven für die Zukunft eröffnen. Diesmal aber nicht. Warum, muss wohl nicht mehr erörtert werden.
Keine Experimente - auch nicht nach Jolys Auswechslung
Dem Prinzip "Heute keine Experimente" blieb der Trainer auch in der Halbzeitpause treu. Als Paul Joly, nach seinem Verletzungsausfall noch nicht wieder bei 100 Prozent, rausmusste - es war nur eine Vorsichtsmaßnahme -, brachte er Florian Kleinhansl.
Kein gelernter Stürmer wie Dickson Abiama, kein Verschieben von Sirch auf die rechte Außenbahn. Sondern Kleinhansl als "gelernter" Schienenspieler. Auch wenn der Linksfuß eigentlich auf der anderen Seite zu Hause ist. Folgerichtig lief über ihn in Hälfte zwei dann auch nicht viel nach vorne. Dafür aber hielt er die rechte Seite nach hinten einigermaßen dicht. Und darauf war diesmal das größere Augenmerk zu legen.
Nach den zwei krassen Niederlagen galt es, eine besondere Drucksituation zu meistern und wieder in die Spur zu kommen. Dass die Roten Teufel daran zu knabbern hatten, schien sich schon nach zwei Minuten anzudeuten. Naatan Skyttä lief allein aufs Tor zu, drang halbrechts in den Strafraum ein, vertüdelte aber den Versuch, sich den Ball auf den linken Fuß zu legen.
Back to the Roots: Schnell und schnörkellos in die Tiefe
Solcherlei Zögerlichkeit vorm Kasten kennt man vom Finnen eigentlich nicht. Aber: Dieser Eindruck sollte sich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Skyttä korrigierte ihn im Folgenden äußerst eindrucksvoll.
Immerhin war bereits diese Chance so herausgespielt, wie der Trainer es sehen wollte: Schnell und schnörkellos in die Tiefe. Marlon Ritter war's, der den Finnen mit einem direkt, aber präzise ausgeführten Diagonalpass auf die Reise geschickt hatte.
Auch die ersten beiden Treffer wurden in dem Stil eingeleitet, der den FCK 2025/26 nun wieder stärker prägen soll. Ausgangspunkt war beide Male ein Freistoß aus dem Halbfeld. Die anschließenden Flugbälle wehrte der Gegner zunächst ab, vermochte aber nicht, sich den Ball zu sichern. Weil die Roten Teufel konsequent nachsetzten, um sich die zweiten, bisweilen auch die dritten Bälle zu sichern und das Leder sofort wieder in die Box zu retournieren.
So geht's: Konsequent auf zweite und dritte Bälle nachsetzen
Beim Führungstreffer in der 17. Minute ist es Daniel Hanslik, der eine Joly-Flanke von rechts auf Skyttä auflegt. Es ist bereits der dritte Versuch innerhalb weniger Sekunden, das Leder vors Tor zu heben, nachdem Ritters ruhender Ball zunächst auf halber Höhe verhungert war. Linksfuß Skyttä trifft daraufhin mit rechts - nicht fest, aber exakt unter die Torlatte des kurzen Ecks.
Sein achter Saisontreffer. Womit er zu dem schmerzlich vermissten Ivan Prtajin aufschließt, der noch bis zur Rückrunde ausfällt. Kein Grund also zu allzu heller Panik. Einen Torjäger hat Lautern immer noch in petto.
Beim 2:0 ist es ebenfalls schon der dritte Versuch, der schließlich bei Marlon Ritter landet. Und der vorausgegangene Passversuch von Kunze war, milde ausgedrückt, nicht gerade inspiriert. Der gegnerische Abwehrspieler jedoch wehrte ihn nicht minder uninspiriert vor MR7s Füße ab. Und wie der dann seinen Abschluss verzögert und von der Strafraumgrenze zwischen sämtlichen Dresdner Extremitäten hindurch die Schussbahn ins Netz findet, ist mal wieder Schlitzohr pur.
Skyttäs Tanz vorm 3:0 bringt Torschütze Haas ins Schwärmen
Den dritten Treffer leitet ein Einwurf ein - die Standardsituation, deren Möglichkeiten so oft unterschätzt wird. Kleinhansl schleudert das Leder zu Skyttä, der an der Strafraumgrenze lauert. Der tanzt auf dem Radius eines Bierdeckels zwei Gegenspieler aus, geht zur Grundlinie, passt vors Tor - und Mika Haas markiert seinen zweiten Saisontreffer.
Hinterher macht der Youngster seinem Vorlagengeber ein dickes Kompliment, vergleicht ihn mit Lionel Messi. Das darf auch mal sein nach einem Spiel, das nach den jüngsten Niederlagen die Brust wieder freigemacht hat.
Okay, "aus dem Spiel heraus" ging nicht viel
Wer meckern will, muss sich auf die finalen 20 Minuten fokussieren. Da gestatteten die Betze-Buben ihren Gästen dann doch noch ein paar Offensivaktionen, die nicht nur zu einem, sondern gut und gerne auch noch zu zwei Gegentreffern hätten führen können. Wie groß das Nervenflattern geworden wäre, das bei einem zweiten Einschlag eingesetzt hätte? Ist doch müßig, darüber zu schwadronieren.
Und, ja, drei Treffer, die über ruhende Bälle vorbereitet wurden - das lässt vermuten, dass der FCK "aus dem Spiel heraus" nicht gerade glänzte. In der Tat: Nur 39 Prozent Ballbesitz, nur 70 Prozent Passpräzision laut "Wyscout", nach "Opta"-Daten sogar 63 Prozent - das war nicht gerade Ballzauber. Aber wie bemerkte SGD-Trainer Thomas Stamm hinterher so treffend: "Standardsituationen gehören auch zum Fußball."
Lieberknecht bleibt dem Jugendstil treu: Erik Müller kommt
Ein Debüt gab's am Ende auch noch zu feiern. Erik Müller, 19-jährige Offensivkraft, die in der U21 schon siebenmal getroffen hat, durfte in der 90. Minute für Hanslik aufs Feld. Zehn Minuten zuvor war der 16-Jährige Dion Hofmeister zu seinem zweiten Einsatz gekommen. Torsten Lieberknecht setzt weiter auf konsequente Nachwuchsförderung. Gut so.
Wer der Held des Tages war? Da dürfte die Masse sich einig sein: Skyttä natürlich. Ein Treffer, ein spektakulärer Assist - das wirkt nach. Der Trainer bedachte Ritter mit einem Sonderlob, nicht wegen seines Treffers, sondern auch, weil er einen vorbildlichen Kapitän gegeben hatte.
Die Menge feiert Skyttä, der Trainer Ritter - und wir feiern Hanslik
Wir wollen dann, nach bewährter Sitte, einen hervorheben, auf den die Menge nicht gleich kommt: Daniel Hanslik. Der muss in den kommenden Wochen Prtajin vertreten. Ein ganz schwerer Job. Als reinen "Knipser" wird Hanslik den Kroaten nicht ersetzen können, da er nicht über dessen Qualitäten im Strafraum verfügt. Aber: Für die beiden Top-Individualisten Ritter und Skyttä kann der taktisch versierte und stets mitdenkende Offensiv-Allrounder ein absolut passender Zuarbeiter sein. Das zeigte er in dieser Partie unter anderem mit seinem Assist zum 1:0.
Und nahe an einem Eintrag in die Torschützenliste war Hanslik auch. Ein Kopfballtreffer nach Skyttä-Ecke wurde vom VAR wieder kassiert, weil der Ball auf dem Weg ins Netz Kunzes Arm touchiert hatte. Und unmittelbar vor Ritters Schlitzohr-Tor war ein Schussversuch Hansliks gerade noch abgeblockt worden.
Zu den Grafiken. 1,96 : 0,68 nach xGoals - das geht doch in Ordnung. Und die Timeline zeigt: Bis zur 70. Minute hat die reformierte Defensive nichts zugelassen. Das tat den zuletzt geschundenen Seelen sicher gut. Obwohl: Ein "zu Null" hätte ihnen sicher noch besser getan.
Die Positions- und Passgrafik des FCK: Auch ein Bild, das wir aus früheren, erfolgreichen Saisonspielen kennen. Der zentrale Abwehrmann Gyamfi (Nr. 4) hält sich im Aufbauspiel zurück, das übernimmt in der Hauptsache Sirch (31) auf der rechten Halbposition, auch Robinson (37) sucht fleißig seine Vorderleute Haas (22) und Sahin (8). Offensiv ging über die rechte Seite nicht viel. Die Gründe haben wir genannt: Joly (26) läuft noch nicht wieder rund, Kleinhansl ist als Linksfuß kein prädestinierter Dampfmacher über den rechten Flügel.
Die Passmap der Dresdner. Auch die bestätigt bereits Gesagtes: Vorne ins Zentrum kam nicht viel. Die linke Seite wurde erst spät belebt, mit der Einwechslung von Kother (11).
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