Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-KSV
Die DBB-Analyse: Finnischer Sommer, doch Skyttä bleibt cool
Ob diese erste Halbzeit "nahe" an dem "Optimum" gewesen sei, das er sich vorstelle, wurde Torsten Lieberknecht nach der Partie gefragt. Immerhin hatte sein Team nach 45 Minuten gegen Bundesliga-Absteiger Holstein Kiel bereits 4:1 geführt, da ließ sich eine euphorische Antwort durchaus erwarten. Der aktuelle Trainer des 1. FC Kaiserslautern ist jedoch nicht der Typ, der in einem solchen Moment mit leuchtenden Augen ein "Ja!" ins Mikro jubelt. Dass er ein paar Augenblicke später aber sogar mit "Nein" antwortete, überraschte dann aber doch etwas.
Man habe auch schon andere Spiele so gestaltet wie dieses, so Lieberknecht nüchtern. Etwa das Spiel gegen Preußen Münster im September, das ebenfalls 4:1 endete. Er wisse aber auch um die "Schwächen in der eigenen Systematik", und diese seien heute ebenso zu erkennen gewesen. Insofern habe er selbst diese erste Halbzeit nicht am "Optimum" gesehen.
Sein Team habe sich mittlerweile eine "DNA" geschaffen: Eins-zu-eins-Situationen suchen, offensiv wie defensiv. Kapital schlagen aus hohen Ballgewinnen, nach Ballverlusten im Gegenpressing sofort die nächste Welle einleiten. Das wolle die Mannschaft, das seien ihre Stärken, so der Trainer weiter. Allerdings berge dieses Spiel auch Risiken. Gingen solche Mann-gegen-Mann-Duelle mal verloren, könnten sich im Zentrum Lücken auftun.
Allem Jubel zum Trotz: Die erste Chance hatten die Gäste
In der Tat hatte eine solche Situation den Gästen die erste Torchance des Spiels beschert. Sie befreiten sich aus einem Lautrer Angriffspressing, indem sich Jonas Therkelsen noch in der eigenen Hälfte am linken Flügel gegen Luca Sirch durchsetzte, aufdrehte und frei bis vor den gegnerischen Strafraum durchmarschierte, dabei auch noch Leon Robinson aussteigen ließ. Sein anschließender Schussversuch aber strich am Tor vorbei.
Erst danach kam die Pressingmaschine des FCK in Gang, ganz im Sinne ihres Trainers. Aber wie Fußball nun einmal ist: Die Treffer fielen eben nicht nach hohen Ballgewinnen, sondern wurden aus der Tiefe eingeleitet. Nicht mit Kontern, auch nicht mit "Ballbesitzfußball". Sondern mit präzisem Vertikalspiel, zügig, aber auch nicht überfallartig vorgetragen.
Offensivtrio macht erstmals so richtig Laune
Ausgangspunkt fürs 1:0 ist ein Ballgewinn Leon Robinsons, der in der Mitte der eigenen Hälfte einen Kieler Konterversuch stoppt. Anschließend geht's über Fabian Kunze, nochmal Robinson, Naatan Skyttä und Mika Haas nach vorne. Haas' Flanke wird erst von Ivan Prtajin, dann mit hartnäckigem Zweikampfverhalten von Marlon Ritter abgelegt, ehe Skyttä vollstreckt. Insgesamt sind's neun Stationen bis zum Ziel. So viele wie noch nie in dieser Saison.
Sieben Minuten sind da erst gespielt. Was an diesem Treffer besonders freut: Das komplette Offensivtrio war daran beteiligt: Skyttä, Prtajin - und Ritter. Ja, "MR7" darf zum ersten Mal seit dem Nürnberg-Spiel vor vier Wochen (1:1) wieder von Beginn an ran. Schon damals funktionierte das Zusammenspiel der Drei um einiges besser als in den ersten Wochen der Saison. Diesmal harmonierten sie nochmal stärker. Damit könnte sich diese Startelf nun auch als Stammbesetzung empfohlen haben. Und Kapitän Ritter muss künftig nicht mehr so oft auf der Bank schmoren.
Treffer zwei und drei: Einwürfe als Ausgangspunkt
Treffer Nummer zwei lässt nur vier Minuten auf sich warten. Erneut über die linke Seite vorgetragen, erneut aus der Tiefe aufgebaut. Ausgangspunkt ist diesmal ein Einwurf Robinsons. Den entscheidenden vertikalen Pass auf den Torschützen spielt Semih Sahin. Und der Abnehmer heißt erneut Skyttä.
Treffer Nummer drei fällt dann erstmals aus einer hohen Ausgangsposition. Einwurf von Fabian Kunze am rechten Flügel in den gegnerischen Strafraum, Sirch kommt zum Schuss, der wird Richtung langes Eck abgefälscht, und Haas vollstreckt. Der erste Liga-Treffer des 20-Jährigen im Profiteam.
Ein Elfer verschafft den Störchen Aufwind
Zuvor war wieder eine der vom Trainer angesprochenen Schwächen im FCK-Spiel aufgeblitzt. Maxwell Gyamfi attackierte mit einem ungestümen Körpereinsatz Kiels Stürmer Adrián Kaprálik, Schiri Richard Hempel pfeift Elfmeter, Alexander Bernhardsson trifft und bringt seine Mannschaft damit wieder ins Spiel zurück.
Endgültig gebremst wird der Aufwind der Störche kurz vor der Pause. Diesmal erobert Sirch den Ball auf der rechten Seite in der Nähe der Mittellinie. Diagonalpass auf Ritter, der gefoult wird. Doch endlich zeigt ein Unparteiischer, dass sich gute Entscheidungen auch heute noch spontan und gänzlich ohne VAR-Gedöns treffen lassen: Hempel lässt Vorteil laufen - und Skyttä trifft zum 4:1.
Sein dritter Treffer. In einer Halbzeit. Erzielt bei "finnischem Sommerwetter", wie Torsten Lieberknecht hinterher angesichts der Minusgrade auf dem Betzenberg anmerkte. Aber kein lupenreiner Hattrick. Dazu hätte Skyttä dreimal unmittelbar hintereinander treffen müssen.
Nach Gelb-Rot ist Kiel am Ende - FCK hat Chancen bis zum Schluss
Die zweite Halbzeit ist recht schnell abgehakt. Nach 50 Minuten sieht Kiels David Zec Gelb-Rot. 1:4 zurück und in Unterzahl - da ging beim Gast nicht mehr viel. Danach fielen zwar keine Tore mehr, aber den Pfälzern vorzuwerfen, sie hätten im Bewusstsein des sicheren Sieges zu viele Gänge zurückgeschaltet, wäre ungerecht. Sie erspielten sich bis zum Schluss noch einige weitere gute Chancen.
Die dickste eröffnet sich Robinson und Prtajin, als sie gemeinsam eine Skyttä-Ecke nicht über die Torlinie zu drücken vermögen. Kurz darauf pariert Störche-Keeper Jonas Krumrey reaktionsschnell einen Prtajin-Kopfball nach einer gefühlvollen Sahin-Flanke. Und kurz vor Schluss setzt der erst 16-Jährige Dion Hofmeister, zuvor für Kunze eingewechselt, bei seinem ersten Profi-Einsatz einen technisch sauberen Distanzschuss knapp am Tor vorbei. Bei "pfälzischem Sommerwetter" wäre das vielleicht ein echter Traum-Einstand geworden.
Der Matchwinner heißt Skyttä - Er ist's aber nicht allein
Wer am Ende der vielumjubelte Mann des Tages war, ist klar. Dass Naatan Skyttä einer von Lauterns großen Transfercoups dieses Sommers ist, hat sich schon länger angedeutet, jetzt zweifelt daran wohl endgültig niemand mehr. Mit sieben Saisontreffern hat er sich für den Moment zum torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Liga gekürt. Das klingt gut.
Sofern man den Finnen denn als Mittelfeldspieler bezeichnen will. "Halbstürmer" wäre eigentlich treffender. Und oft genug ist er auch ganz vorne unterwegs. Und diese Variabilität im Zusammenspiel mit Prtajin und Ritter ist sicher noch ausbaufähig.
Doch da nun alle in ihren Nachbetrachtungen nordische Heldenlieder auf den Finnen anstimmen werden, wollen wir den Fokus noch auf andere Matchwinner richten. Zuvorderst Semih Sahin, weil er im Gegensatz zu Skyttä und Sirch nicht mal in die "Kicker"-Elf des Tages berufen wurde.
Der stets anspielbare Meister des Freilaufens glänzte einmal mehr mit gescheiten Aufbaupässen. Laut "Sofascore" kamen diese diesmal zu 91 Prozent genau, das ist sein bislang bester Wert im FCK-Dress. Zudem gewann er die Mehrzahl seiner Zweikämpfe - dass er in diesen nicht energisch genug zur Sache geht, wurde ihm ja immer mal vorgehalten.
Abiama besteht den Härtestest
Ein weiteres Sonderlob gebührt Dickson Abiama. Er kam schon nach 14 Minuten für den verletzten Paul Joly. Als rechter Schienenspieler. Damit sollte sein siebter Saisoneinsatz sein bislang längster werden, denn mehr als 45 Minuten stand der 27-Jährige noch nicht auf dem Feld.
Abiama ist von Haus aus bekanntlich Stürmer. Wenn er bislang für einen Außenbahnspieler eingewechselt wurde, so wie vor zwei Wochen gegen Hertha BSC (0:1), lag der FCK hinten, so dass der Deutsch-Nigerianer in erster Linie für Schwung nach vorne zu sorgen hatte. Nach dieser Einwechslung nun, so früh und bei eigener Führung, waren auch defensive Qualitäten gefragt, die ihm nicht unbedingt zuzutrauen waren. Doch er machte seine Sache gut.
Großartig sein Rettungseinsatz gegen Marcus Müller, der nach einem Ausrutscher Robinsons allein Richtung Tor aufgebrochen war, Lautern-Keeper Julian Krahl bereits ausgespielt hatte und nur noch einzuschießen brauchte. Wenngleich ihn Abiamas Monstergrätsche, mit der dieser die Torlinie sicherte, lediglich irritiert haben mag. Denn der Lautrer erwischte das Leder gar nicht, es landete lediglich am Außenpfosten.
Kämpfen, marschieren, hellwach sein: Symbolfigur Sirch
Fußball ist und bleibt jedoch Mannschaftssport. Es kann der Frömmste nicht in Frieden glänzen, wenn nicht auch sein Vorder-, Neben- oder Hintermann gefällt. Und Abiama wusste einen Luca Sirch hinter sich, der ebenfalls einen ganz starken Tag hatte. Sieht man von dem verlorenen Duell gegen Therkelsen gleich zu Beginn des Spiels ab.
Doch danach betätigte sich Lauterns Nummer 31 einmal mehr als erfolgreicher Zweikämpfer, Balleroberer und Dampfmacher. Und versinnbildlichte so, was die Quintessenz auch dieses Spiel ist. Es lässt noch so viel in Taktiken und Systematiken hineininterpretieren: Am Ende entscheiden Zweikämpfe und individuelle Qualität. Und, wie Torsten Lieberknecht es ausdrückte: "Gierig sein, hochkonzentriert und hellwach."
Marcel Rapps Taktik-Tüftelei ging nicht auf
Zu den Grafiken. 3,87 : 1,64 nach xGoals, das sagt wohl genug. Wobei die Timeline auch deutlich macht: So richtig erledigt war Kiel erst nach dem Platzverweis.
Die Positions- und Passgrafik des FCK zeigt einmal die tragende Rolle Sirchs (Nr. 31) als erster Passspieler aus der Abwehr. Interessant auch die Positionierungen von Ritter (7) und Skyttä (15). Der eine halblinks, der andere halbrechts hinter Sturmspitze Prtajin (9). So erwartet man sie ja eigentlich auch, und im Mittel übers ganze Spiel betrachtet mag das auch zutreffen. Vor allem in der ersten Hälfte switchten die beiden auch viel. Skyttä erzielte seine drei Treffer ausnahmslos aus halblinker Position.
Die Passmap der Kieler. Da wurde meist über die linke Seite aufgebaut. Die Startaufstellung der Störche unter Trainer Marcel Rapp hatte ein wenig überrascht. Bernhardsson (11), sonst Offensivkraft und bislang bester Vorlagengeber seines Teams, spielte auf der rechten Außenbahn, der rechte Stamm-Schienenspieler Lasse Rosenboom dagegen blieb auf der Bank.
Dafür setzte Rapp mit Kaprálik (20) und Müller (25) auf eine Doppelspitze, was für Kiel eher ungewöhnlich ist. Weil er so der Lautrer Dreier-Abwehrreihe mehr zusetzen, vor allem Sirch in die Defensive zurückdrängen wollte? Möglich. Glücklich geworden ist er mit diesen Entscheidungen jedenfalls nicht.
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