Taktik-Nachlese zum Spiel Fürth-FCK
Die DBB-Analyse: Es geht auch gegen tief stehende Gegner
Die ersten Weichen hatte Torsten Lieberknecht schon zum Anpfiff gestellt. Marlon Ritter saß auf der Bank, Naatan Skyttä startete auf der Position hinter den Spitzen, die Kapitänsbinde trug Fabian Kunze. Die Entscheidung habe er aus einem "Bauchgefühl" heraus getroffen, erklärte der FCK-Trainer später. Sie sei mit Ritter besprochen und von diesem professionell aufgenommen worden. Stürmer Mahir Emreli, der in der Länderspielpause zwei Einsätze für Aserbaidschan bestritt, stand dagegen gar nicht im Kader. Andere hätten sich im Training stärker aufgedrängt, so Lieberknecht. Zudem habe er keinen anderen Spieler aus dem Gewinner-Kader gegen Darmstadt 98 streichen wollen, in dem Emreli angeschlagen gefehlt hatte.
Im Zweiersturm startete Faride Alidou neben Ivan Prtajin. Zusammen mit Skyttä hatte er vor zwei Wochen gegen Darmstadt nach seiner Einwechslung die entscheidende Wende zum 3:1-Sieg eingeleitet. In diesem Spiel stand Alidou schon nach 27 Sekunden erneut im Mittelpunkt: Fürths Innenverteidiger Noah König nimmt einen gar nicht mal inspiriert gespielten langen Ball von Jisoo Kim vor den gegnerischen Sechzehner arg ungelenk an, Alidou schiebt sich zwischen ihn und den Ball, König zieht die Notbremse. Was zum frühesten Platzverweis in der Geschichte der Zweiten Liga führt. Fun Fact: Die schnellste Rote Karte der Ersten Liga holte ebenfalls der FCK heraus, anno 2010 nach 87 Sekunden gegen den Kölner Youssef Mohamad.
Überzahlspiel hat auch seine Tücken
Das bedeutete: Zehn gegen Elf, und das über fast die komplette Spielzeit. Dass diese Ausgangslage die Gäste zum haushohen Favoriten erklärte, ist klar. Eine solche Konstellation hat aber auch ihre Tücken. Sie legitimiert den Gastgeber, sich vor eigenem Publikum hintenrein stellen zu können und ausschließlich auf Konter zu lauern. Und sie hat mit den erfahrenen Offensivkräften Branimir Hrgota und Felix Klaus sowie dem schnellen Noel Futkeu Spieler in ihren Reihen, die wissen, wie das geht.
Der FCK wiederum war nun gezwungen, permanent eine tief stehende Deckung zu bespielen. Etwas, was er bekanntermaßen nicht sonderlich gut beherrscht. Insofern ist es nicht zu unterschätzen, dass ihm dieser Härtetest am Ende ein doch recht deutliches Erfolgserlebnis bescherte. Das könnte ihn auf diesem Weg ein Stück weiter vorangebracht haben. Auch wenn die Treffer gar nicht mal aus überzeugend finalisiertem Überzahlspiel resultierten, aber so ist Fußball nunmal.
Lahmes Kurzpassspiel, keine Flankenwechsel
Zunächst aber sah es nicht so aus, als ob die Roten Teufel mit ihrer numerischen Überlegenheit umzugehen wüssten. Ihr Ballbesitzanteil schraubte sich zwar, wenig verwunderlich, auf über 60 Prozent hoch, sie versuchten auch, mit gepflegtem Kurzpassspiel zwischen die beiden Viererketten zu kommen, die die Fürther vor ihrem Strafraum aufbauten. Insgesamt aber gestaltete sich dieses als zu lahm, um den Gegner in Bewegung zu bringen und so Lücken für den Pass in die Spitze zu öffnen.
Ganz zu schweigen von der Kunst, den Gegner mit Kurzpässen auf einen Flügel zu ziehen und ihn dann mit einem weiten Pass auf ballferne Seite zu überraschen. Paul Joly stand auf der rechten Seite zwar einige Male frei, wurde ebenso wenig gefunden wie Semih Sahin, der sich öfter auf den Flügeln freilief und winkte, anscheinend aber Signalflaggen gebraucht hätte, um seine Mitspieler auf sich aufmerksam zu machen.
Sahins Diagonalpass bricht den Bann
Nach 33 Minuten war es dann aber doch Sahin, der den Führungstreffer einleitete und sein Team auf die Siegerstraße brachte, auf der der mitgereiste Anhang es längst wähnte. Dem Treffer ging dann auch kein Kurzpasszauber voraus, sondern ein langer Diagonalball, wie er hätte öfter geschlagen werden müssen.
Sahin drischt ihn von der linken Verteidigerposition auf den rechts einlaufenden Joly. Der Franzose bugsiert das Leder auf Alidou vor den Fünfmeterraum. Der legt mit der Hacke auf Joly zurück, flacher Pass in die Mitte - und Skyttä vollstreckt zum 1:0. Das war durchaus sehenswert.
Skyttä und Alidou. Damit hatten beide Spieler, die Lieberknecht neu in die Startelf gestellt hatte, für Furore gesorgt. Souverän war der Auftritt des FCK jedoch auch danach nicht. Das belegen nicht zuletzt die fünf Gelben Karten, die die Betze-Buben bis zum Halbzeitpfiff sammelten. Meist, um Umschaltsituationen zu unterbinden, in denen die Fürther zeigten, dass sie in der Lage gewesen wären, auch in Unterzahl Tor-Aktionen zu erspielen. Und fürchten ließen, dass das 1:0 nicht reichen würde, um drei Punkte mit nach Hause zu nehmen. Aber auch hier ist eine Weiterentwicklung erkennbar: In den letzten zwei Saisons mit der wackeligen Lautrer Defensive (64 und 55 Gegentore) wäre vielleicht wirklich noch etwas angebrannt - dieses Mal aber blieb die Null stehen.
Wechsel zur Pause minimieren Platzverweis-Risiko
Der Trainer reagierte auf die Karten-Flut, indem er bereits zur Pause zwei der fünf Sünder herausnahm. Für Alidou kam Richmond Tachie, für Mika Haas Florian Kleinhansl. Nach 72 Minuten wurden dann auch Skyttä und Joly nicht länger dem Risiko eines Platzverweises ausgesetzt.
Für Joly kam Leon Robinson, für Skyttä durfte endlich Ritter ran. Der nicht nur sofort einen gefährlichen Freistoß trat, sondern sich auch agil und lauffreudig einfügte wie lange nicht mehr. Anscheinend tut MR7 die durch den Finnen geschaffene Konkurrenzsituation gut. Skyttä hatte übrigens in 72 Minuten Spielzeit zwölf Sprints angezogen. Fünf mehr als Ritter gegen Darmstadt.
Sahin Schlüsselrolle ergab sich aus der Überzahl
Ein paar Worte mehr müssen über Semih Sahin verloren werden. Es sei sein bislang bestes Spiel im FCK-Dress gewesen, hieß es hinterher. Das ist einerseits richtig und lässt sich auch mit Zahlen belegen: Laut "Sofascore" war er in den 82 Minuten seines Einsatzes 88-mal am Ball - mehr als doppelt so oft wie im Darmstadt-Spiel. Und 83 Prozent seiner Zuspiele fanden einen Mitspieler. Das sind Werte, wie man sie von Sahin auch aus seiner Zeit in Elversberg kennt.
Andererseits ist es nicht verwunderlich, dass die besondere Konstellation einen Spielertyp wie ihn mehr als jeden anderen fordern würde: frühe Überzahl, ein durchweg tief positionierter Gegner. Da wäre nicht viel gegangen ohne einen präzisen Passspieler, der sich obendrein wie kein zweiter im Team freizulaufen versteht. Ob ihn seine Mitspieler allerdings auch beim Spiel Elf-gegen-Elf so oft auf den Passwegen suchen, die er ihnen immerfort anbietet, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen.
Möglicherweise aber war dieses Spiel für Sahin das, was die Darmstadt-Partie nach den Worten von FCK-Sportdirektor Marcel Klos für Faride Alidou war: ein Brustlöser.
Prtajin macht den Sack zu
Ein solcher könnte dieser Auftritt auch für Ivan Prtajin gewesen sein. Er nämlich stellte in der 58. und 64. Minute auf das erlösende 3:0. Und bewies dabei, dass er mehrere Arten der Torerzielung beherrscht. Zum 2:0 verwandelte er eine Rechtsflanke von Joly technisch so sauber mit dem Kopf, wie es auch Ragnar Ache nicht besser hinbekommen hätte, vor dem 3:0 tänzelte er sich erst auf engstem Raum in Schussposition, eher einschob. Diesmal kam die Flanke von Kleinhansl, den öffnenden Pass auf die linke Seite hatte einmal mehr Sahin gespielt.
Der Rest der Partie war dann in der Tat nicht mehr als das, was der "Sky"-Kommentator als "aktives Auslaufen" bezeichnete.
Sieh an: Gyamfi profiliert sich als Mann für den ersten Pass
Zu den Grafiken. 1,76 : 0,47 für Lautern nach xGoals. Ist jetzt nichts, was angesichts der Ausgangslage, die sich nach 27 Sekunden ergab, besonders kommentiert werden muss.
Die Positions- und Passgrafik des FCK. Mal nicht rechtslastig, sondern schön gleichmäßig verteilt, auch viel Zirkulation zwischen den Mittelfeldspielern. Wäre ja schön, so es sich auf diesem Niveau weiterentwickelte. Ist aber ebenfalls, bleiben wir realistisch, der Zehn-gegen-Elf-Konstellation geschuldet.
Zum Vergleich die Passgrafik der Fürther: Sie haben halt versucht, was ging. Gut zu sehen, dass Hrgota immer noch der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Spiel ist.
Interessant ist diesmal die Übersicht über die Passkombinationen im Einzelnen. Da überflügelt Maxwell Gyamfi als Mann für den ersten Pass erstmals Nebenmann Luca Sirch. Und: Er hat öfter als alle anderen Sahin als Anspielstation gesucht. Nichtsdestotrotz zählte Dampfmacher Sirch auch diesmal wieder zu den besten im FCK-Team. Klasse seine perfekt getimte Grätsche gegen Futkeu, mit der er in der 59. Minute den Anschlusstreffer der Gastgeber verhinderte.
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