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Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-SVD

Die DBB-Analyse: Alidous Clou - und andere Coups

01.09.2025, 15:00 Uhr - Autor: Eric Scherer

3:1 schlägt der 1. FC Kaiserslautern den SV Darmstadt und sorgt nach dem Stimmungstief zuletzt für ein neues emotionales Hoch. Das neue Helden gebar, aber auch mit ein paar Weichenstellungen einherging, die richtungweisend werden könnten.

Titelfoto

Foto: Imago Images

Was für ein Sonntagnachmittag! Er hält so viele Geschichten und Geschichtchen bereit, dass wir gar nicht zum Analysieren kämen, würden wir diese jetzt alle ausführlich ausbreiten. Zuallererst natürlich die von Faride Alidou, der in den vergangenen Monaten so viel "Scheiße fressen" musste, wie sein Trainer Torsten Lieberknecht es unverblümt aussprach. Und der diesmal nach seiner Einwechslung mit einer Vorlage und einem selbst erzielten Treffer der Partie die entscheidende Wende gab.

Auch über die übrigen Einwechselspieler könnte mehr geredet werden, denn vier der insgesamt fünf waren an allen drei Toren beteiligt. Weswegen Coach Lieberknecht nun allerorten mit der handelsüblichen Metapher vom Mann mit "dem goldenen Händchen" gefeiert wird. Nachdem ihm zuletzt zusehends vehementer unterstellt worden war, er habe kein stimmiges Offensivkonzept. Ebenso könnte auf Neuzugang Paul Joly ausführlicher eingegangen werden. Ihn warf Lieberknecht nach nur drei Trainingseinheiten mit der Mannschaft ins kalte Wasser, in dem er anschließend 86 Minuten ordentlich gut mitschwamm. Und es müsste mal wieder ausgiebig dem Mythos Betzenberg gehuldigt werden, diesem unvergleichlichen Spirit, der nach dem 0:1 in der 62. Minute die Roten Teufel beseelte und sie wie in den schönsten Kalli-Jahren in der Schlussphase doch noch zum Sieg trug.

Das alles wollen jetzt aber beiseite schieben und ganz nüchtern fragen: Was hat dieses 3:1 möglich gemacht?

Der Gegner hat's zugelassen? Kann man so sehen. Muss aber nicht



Auch Gäste-Trainer Florian Kohfeldt attestierte den Lautrern hinterher einen "verdienten" Sieg. Den sie sich allerdings erst in den letzten zehn Minuten "verdient" hätten. Und das nur, weil seine Mannschaft es zugelassen habe. Weil sie hektisch geworden war, nachdem sie die Partie 80 Minuten lang kontrolliert habe. Na ja, das kann man vielleicht so sehen. Aber dann hätten die Betze-Buben ja eigentlich gar nicht so viel zu ihrem Sieg beigetragen. Das wollen wir so natürlich auch nicht stehen lassen.

Fangen wir mal ganz vorne an. Bei der Startformation.

Gegenüber dem enttäuschenden 1:2 in Elversberg hatte Lieberknecht drei Spielerwechsel vorgenommen. Zwei davon auch notgedrungen: Mahir Emreli war angeschlagen, Simon Asta fällt bekanntlich länger aus. Für sie rückten der wiedergenesene Ivan Prtajin und Neuzugang Paul Joly in die Startelf. Und für Naatan Skytää begann Richmond Tachie.

Was, wie sich schnell zeigte, mit einer geänderten Grundordnung einherging. Tachie bildete mit Prtajin eine Doppelspitze, Marlon Ritter bewegte sich zentral hinterher. Und das kam dem aktuell zur Verfügung stehenden Personal besser zupass wie die zuletzt praktizierte Variante mit einer Spitze und zwei breit aufgestellten Nebenmännern. Denn der FCK hat gegenwärtig nur einen offensiven Flügelspieler in seinen Reihen, der mit Tempodribblings über die Flügel zu kommen vermag. Von dem reden wir später noch.

Stimmige Grundordnung ist gut, "Basics" beherrschen, ist besser

Die Doppelspitze wiederum ließ den beiden Schienenspielern Mika Haas und Joly mehr Raum, auf den Seiten durchzuschieben. Dass dieses Gesamtkonstrukt besser passte, deutete sich schon nach zehn Minuten an, nach einem Doppelpass mit Prtajin und einem satten Schuss von "MR7" aus dem Zehnerraum. Allein entscheidend war die Umstellung natürlich nicht. Insgesamt punkteten die Gastgeber bei den berühmten "Basics" um einiges besser als zuletzt beim 1:2 in Elversberg. Stichworte Zweikampfstärke, Laufintensität, Konzentration und Kompaktheit. Die ruhenden Bälle wurden ebenfalls tadellos wegverteidigt.

Kurz nachdem SVD-Keeper Marcel Schuhen den Ritter-Schuss parierte, stellte jedoch der Gegner unter Beweis, dass er fußballerisch zum Besten gehört, was in dieser Liga niedergerungen werden will. Merveille Papela köpfte eine Flanke des linken Flügelspielers Kilian Corredor an die Torlatte, den Nachschuss drosch Mittelstürmer Isac Lidberg über den Kasten.

Papela? Den hatte Kohfeldt zuletzt gegen Hertha doch noch als rechten Verteidiger in einer Viererkette gebracht. Diesmal wuselte er wieder im zentralen Mittelfeld. Denn auch der Lilien-Trainer hatte seine Formation angepasst. Eine Dreier-Kette mit den Riesen Matej Maglica, Aleksandar Vukotic und Patric Pfeiffer, die wirklich jeden hohen Ball abräumten - bis auf den einen kurz vor Schluss. Als rechter Schienenspieler war Luca Marseiler aufgeboten, der weit nach vorne schob. Und gemeinsam mit seinem Gegenüber Fabian Nürnberger immer wieder Anspielstationen für diagonale Flankenwechsel bot. Die können die Lilien richtig gut, und ein solcher sollte ihnen auch den Führungstreffer bescheren.

Wer mehr Ruhe ausstrahlt, beherrscht die Partie nicht unbedingt

Zuvor ging eine interessante erste Hälfte zu Ende. In der wirkten die Hessen in der Tat ein wenig strukturierter als die Pfälzer. Da diese nun einmal früher den Pass in die Tiefe suchen und ihre Ballbesitzphasen im Schnitt kürzer sind als die ihres Gegners. Was ihr Spiel insgesamt unruhiger wirken lässt.

Dass die Lilien aber die Partie im Sinne von "Beherrschen" kontrollierten, wie es ihr Trainer hinter ausdrücken wollte, lässt sich daraus nicht unbedingt ableiten. Was wirklich gefährliche Tor-Aktionen angeht, neutralisierten sich beide Teams bis zur Pause gegenseitig. Weitgehend, denn Tachie hatte sich noch zweimal gut in Szene gesetzt. Nach 13 Minuten, als er sich auf der rechten Seite durchsetzte, aber an Schuhen scheiterte. Und kurz vor dem Halbzeitpiff, als er einen Steckpass Luca Sirchs aus halbrechter Position ins lange Eck geschoben hätte, hätte sich in letzter Sekunde nicht noch ein Abwehrbein dazwischen geschoben.

Das 0:1: Grandioser Diagonalball, flache Flanke - drin

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Nach der Pause allerdings kam Darmstadt noch besser ins Spiel, und war nicht nur nur augenscheinlich dominant, sondern tatsächlich gefährlich. Zum Torerfolg kamen die Lilien dank einer Rotation, die sich Kohlfeldt hatte einfallen lassen und in diesem Moment wohl Verwirrung stiftete. Corredor war auf die rechte Seite gewechselt, Joly ihm gefolgt. Dort bejagte der Franzose gerade Papela, als Pfeiffer einen grandiosen Diagonalball auf den ballfern durchlaufenden Nürnberger schlug. Sirch rückte zu spät raus, Nürnberger flankte flach auf den kurzen Fünfer, wo Lidberg vor allen anderen den Fuß an den Ball bekam. 0:1.

Und dann sah es erstmal gar nicht gut aus für den FCK. Nun durften die Lilien mehr auf Umschaltaktionen setzen und wurden vor allem über Fraser Hornby gefährlich. Die Lautrer dagegen versuchten, sich neu ordnen. Mit einer Vierkette, in der Sirch den rechten, Haas den linken Verteidiger gab. Joly musste sich nun in eine Art Mittelfeldraute einfügen. Dem Franzosen wurde sein erster Arbeitstag auf dem Betze wahrlich nicht leicht gemacht.

Das Streichholz zündet - und auch Abiama verdient Lob

Die Wende kam mit den Wechseln und dem berühmten Funken von den Rängen. Hat es jemals jemand schöner gesagt als Gäste-Keeper Schuhen? Er verglich das Fritz-Walter-Stadion mit einem "Streichholz, das nur darauf wartet, angezündet zu werden". Ab der 84. Minute brannte es im Lilien-Strafraum lichterloh.

Wobei wir von den fünf Eingewechselspielern erstmal den einzigen herausheben wollen, der nicht unmittelbar an einem der folgenden Treffer beteiligt war: Dickson Abiama, der in der 75. Minute für Innenverteidiger Jisoo Kim ran durfte. Worauf sich Sechser Fabian Kunze in die letzte Linie schob. Abiama positionierte sich links offensiv, so dass der FCK die Schlussphase in einem 3-4-3 bestritt. Und so ganz unbeteiligt an den Torerfolgen war auch Abiama nicht. Mit einem Dribbling von links in den Zehnerraum leitete er den Seitenwechsel zu Alidou ein, der Skyttä den Ausgleichstreffer auflegte. Nachdem er, auch das muss gesagt werden, Glück hatte, nach einem ersten gescheiterten Zuspielversuch in Ballbesitz zu bleiben.

Abiama verdient auch deswegen besonderen Erwähnung, weil er zeigte, dass er einen Skill beherrscht, der im aktuellen Personalbestand kaum noch vorhanden ist: Tempodribbling. Drum wäre es ratsam, ihn von der Streichliste zu nehmen und auch in den letzten Stunden vor Schließung des Transferfensters nicht mehr abzugeben. Interessenten aus der 3. Liga sollen ja nach wie vor anklopfen.

Zu großer Kader? Wieso - erhöht doch den Leistungsdruck

Überhaupt zeigte dieses Spiel, dass der Kader vielleicht doch nicht so viele Überhänge aufweist, wie allgemein behauptet wird. Die fünf, die am Sonntag ins Spiel haben, dürften auf die Startelf einen Druck gemacht haben, der sich als extrem leistungsfördernd auswirken kann.

Dass Alidou ausgerechnet dann auch noch ein Kopfballtreffer gegen die Darmstädter Abwehrriesen glückte, war schon fast das Tüpfelchen auf "i". Geflankt hatte der ebenfalls eingewechselte Leon Robinson.

Dem Ganzen die Krone auf setzte am Ende aber Tobias Raschl. Nach einem Sirch-Pass in den Gegnerdruck hinein ging er auf und davon und vollstreckte zum 3:1. Raschl. Einer, der seit einer gefühlten Ewigkeit kaum Spielzeit bekommt, eigentlich aber immer ordentlich liefert, so er denn die Chance bekommt.

Sirch wie einst Halstenberg, nur über rechts

Zu den Grafiken: 1,5 : 1,27 nach xGoals bei "Wyscout", bei "bundesliga.de" und Co. sind 1,68 : 1,25. Ja, das ist knapp, aber es ist ein verdienter Sieg.

xG-Timeline FCK-Darmstadt

Die Positions- und Passgrafik des FCK zeigt, wie Luca Sirch (Nr. 31) als rechter Innenverteidiger zunehmend in die Rolle als erster Aufbauspieler wächst. So ähnlich präsentierte sich Marcel Halstenberg seinerzeit bei Hannover 96, allerdings als halblinker Innenverteidiger. Durchs Zentrum wird nach wie vor wenig nach vorne wenig nach vorn getragen. Ob das ein Manko im Lautrer Spiel oder ein Stilelement, werden die nächsten Wochen noch zeigen.

Passmap FCK

Zum Vergleich die Passgrafik des SVD: Fast das genaue Gegenteil. Gepflegtes Passspiel aus der Mitte heraus. Schöne Struktur, fraglos, aber, wie oben schon erklärt: Sie bewirkt nicht zwingenderweise, dass man den Gegner auch beherrscht.

Passmap Darmstadt

Zum Schluss die Detail-Übersicht über die Passkombinationen, die noch einmal verdeutlicht: Von seinen 42 Pässen spielte der zentrale Abwehrmann Maxwell Gyamfi über die Hälfte zur Seite auf seinen Nebenmann Sirch, der vorzugsweise Joly, Tachie und Kunze suchte.

Passkombinationen FCK

Überhaupt war die rechte Seite um einiges gefährlicher als die linke, wie die abschließende "Wyscout"-Grafik. Perspektivisch wäre es vielleicht angezeigt, wenn sich auch Jisoo Kim öfter als Aufbauspieler über seine Seite betätigte.

Angriffe FCK

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