Taktik-Nachlese zum Spiel Hannover-FCK
DBB-Analyse: Ach du Schreck, Aseko läuft Aremu weg
Entschieden wurde die Partie nach 73 Minuten. Ironischerweise, als sie gerade begann, sich wie ein 0:0-Spiel anzufühlen. Der FCK stand in der Defensive einigermaßen stabil, und dass ihm noch was nach vorne gelingen könnte, schien wenig wahrscheinlich.
Die Gastgeber wiederum verzeichneten zu diesem Zeitpunkt zwar über 60 Prozent Ballbesitz, hatten bis dato aber nicht gerade ein fußballerisches Feuerwerk abgebrannt. Denn die fünf Tor-Aktionen, die sie sich geschaffen hatten, resultierten gar nicht mal aus einem erfolgreichen Bespielen der tief gestaffelten Lautrer Deckung, das sie unter ihrem neuen Trainer Christian Titz eigentlich anstrebten.
Hannovers Chancen: Leopold, Pichler und dreimal Bundu
Zweimal scheiterte Neuerwerbung Mustapha Bundu an FCK-Keeper Julian Krahl, weil seine Mitspieler schnell umgeschaltet hatten. Einmal, nachdem Lauterns linker Innenverteidiger Maxwell Gyamfi in der gegnerischen Hälfte den Ball verlor, als er zu forsch nach vorne drängte und anschließend hinten fehlte. Und einmal, weil die 96er an der Mittellinie einen langen, nicht einmal kontrolliert geschlagenen Ball sichern und flugs weiterleiten konnten.
Drei weitere Chancen ergaben sich aus ruhenden Bällen. Bundu zwang nach Einwurf und Flanke Maurice Neubauers Krahl zu einer Fußabwehr. Enzo Leopold schlug eine Freistoßflanke auf Mittelstürmer Benedikt Pichler, Krahl tauchte erfolgreich nach dessen Kopfball. Ein direkter Freistoß zischte knapp am kurzen Pfosten vorbei. Den hatte Hannovers Kapitän mitten durch die Gäste-Mauer geschossen. Absicht dürfte das kaum gewesen sein.
Der Dreifach-Wechsel: Gut gedacht, aber schlecht gemacht
In dieser 74. Minute aber fiel doch noch das 1:0 für die Heimmannschaft. Und es darf zurecht von einer "vollkommen verdienten Führung" gesprochen werden. Weil die Niedersachsen wenigstens diese fünf Torschüsse zustande gebracht hatten, die Betze-Buben vorm gegnerischen Kasten aber gradmal gar nix gescheites.
Besonders ärgerlich: Zehn Minuten zuvor hatte FCK-Trainer Torsten Lieberknecht einen Dreifach-Wechsel vorgenommen, der sein Team für die Schlussphase eigentlich hätte besser rüsten und vor einem Gegentreffer wie diesem feien müssen.
Für Mahir Emreli kam Richmond Tachie, der wohl für mehr Speed bei Konterangriffen sorgen sollte. Der laufstarke Daniel Hanslik ersetzte den müder werdenden Marlon Ritter und bildete mit Tachie von nun an eine Flügelzange. Und für Achter Semih Sahin kam Afeez Aremu. Der gilt als der defensiv stärkere der beiden und sollte wohl an der Seite von Sechser Fabian Kunze das Mittelfeldzentrum dicht machen. Aber exakt dieser Move ging daneben.
Erst wird der eingewechselte Noel Aseko etwa zehn Meter in der Lautrer Hälfte angespielt. Mit dem Rücken zum Tor behauptet er den Ball gegen den ihn bedrängenden Jan Elvedi. Er legt auf einen Mitspieler ab und trabt durch den rechten Halbraum Richtung Strafraum. Elvedi wähnt Hannovers Bayern-Leihgabe wohl an Aremu übergeben, der aber folgt ihr nicht. Hannovers Innenverteidiger Virgil Ghitaa passt den einlaufenden Aseko aus der rechten Verteidiger-Position unbedrängt an, der nimmt das das Leder in der rechten Strafraumhälfte ungehindert an und vollstreckt.
Lauterns Offensivspiel bleibt ein Rätsel
"Du brauchst in so einem Spiel einen langen Atem", dozierte Hannovers Trainer Titz hinterher. "Weil immer wieder Kleinigkeiten gegen dich passieren können." Stimmt. Und die, das wäre noch zu ergänzen, wirken sich besonders fatal aus, solange ein Spiel noch 0:0 steht.
Somit ist man als FCK-Beobachter nach diesem Auftaktspiel genauso schlau wie nach der Generalprobe vor eine Woche gegen den AS Rom, die ebenfalls 0:1 endete. Defensiv formiert sich die Elf ordentlich, am meisten fürchten muss sie eigene individuelle Fehler. Doch wie sich ihr Offensivspiel künftig gestalten soll, ist nach wie vor nicht ersichtlich.
In der ersten Hälfte zeigte sich, dass das gepflegte Aufbauspiel aus der Abwehr, auf das der Fußballästhet Titz auch in Hannover setzt, durchaus angreifbar gewesen wäre. Zwei, drei Mal gelangen den Roten Teufeln frühe Balleroberungen, aus denen sie aber nichts zu entwickeln vermochten. Im kommenden Heimspiel gegen Schalke wird hoffentlich mutiger nach vorn gepresst und energischer nachgesetzt.
Sirch-Konter und Ritter-Lupfer: Das ist zu wenig
Nach 31 Minuten ging nach einer gegnerischen Ecke ausgerechnet Lauterns zentraler Innenverteidiger Luca Sirch über die rechte Seite auf und davon, Ritter hatte ihn auf die Reise geschickt. Diese Aktion überraschte wenigstens, auch wenn der Schusswinkel am Ende zu spitz war.
Nach 34 Minuten gelang es den Pfälzern erstmals, einen langen Krahl-Ball vor dem gegnerischen Strafraum zu sichern. Der anschließende Lupfer Ritters auf den einlaufenden Emreli war ein netter Versuch, mehr nicht. Überhaupt Emreli: Er deutete an, dass er in engen Räumen den Ball behaupten und präzise passen kann.
Asta zu ambitioniert, Prtajin verhungert
Nach 57 Minuten kam der rechte Schienenspieler Simon Asta tatsächlich mal in eine Schussposition - nach einem, man höre und staune, Lautrer Einwurf und anschließender Kopfball-Auflage Emrelis. Astas Außenrist-Schuss aber war zu ambitioniert angesetzt. Vielleicht hätte er besser Ivan Prtajin angespielt, der in der Mitte gerade mal ein, zwei Meter Platz hatte. Das wäre dann des Mittelstürmers einzige Einschussgelegenheit gewesen in einer Partie, in der er ansonsten kein Land sah. Auch nicht, als Kenny Redondo nach der Pause kurz hintereinander gleich drei Mal zum Flanken kam. Prtajin hatte keine Chance, irgendwie den Kopf an den Ball zu kommen.
Wir wollen uns jetzt aber nicht in düsteren Prognosen über den weiteren Saisonverlauf ergehen - es war nicht mehr als ein Auftaktspiel, in dem in einer neu formierten Offensive noch nicht viel zusammenlief. Christian Titz jedenfalls war auch danach noch überzeugt, gegen eine Mannschaft gewonnen zu haben, "die Sie im weiteren Saisonverlauf im oberen Bereich sehen werden." Also Kopf hoch.
Gyamfi imponiert: Athletisch, schnell, passsicher
Heben wir lieber einen Gewinner unter den Verlierern hervor: Maxwell Gyamfi. Der Mann, der aus der 3. Liga kam und zu seinem Pflichtspiel-Debüt als linker Innenverteidiger aufgeboten wurde. Wo Torsten Lieberknecht eigentlich lieber einen Linksfuß sehen will. Vermutlich jedoch hielt er Gyamfi für den am besten geeigneten Kandidaten, um dem physisch starken Bundu zu begegnen.
Und Gyamfi löste seine Aufgabe nicht nur dank seiner Athletik und Schnelligkeit, sondern auch erstaunlich ballsicher: Stolze 96 Prozent Passpräzision weist die "Wyscout"-Statistik für ihn auf. Lieberknecht attestierte dem Debütanten eine "überragende" Leistung. Wer dachte, dass sich der Neue hinter Jannis Heuer und Elvedi anstellen muss, wird umdenken müssen. Heuer stand übrigens nicht mal im Kader.
Kunze spielte die meisten Pässe, Sirch im Aufbau nicht gefragt
Zu den Grafiken. Die xG-Timeline müssen wir nach dem eben Geschilderten wohl nicht weiter kommentieren, das Betze-Team bleibt bei 0,2 erwarteten Toren hängen..
Die Positions- und Passgrafik des FCK. Die etwas vorgeschobene Position Elvedis (Nr. 33) irritiert ein wenig, ansonsten jedoch bildet sie Lauterns 3-1-4-2 gut ab. Achter Ritter (7) wird bei Ballbesitz ein wenig offensiver als Achter Sahin (8). Erstaunlich, wie wenig sich Sirch (31) am Aufbauspiel beteiligte.
Zum Vergleich die Passgrafik der 96er: Da zirkuliert der Ball bereits in Titz-Manier. Dreh- und Angelpunkt ist Leopold (8).
Zur Vertiefung die Übersicht über die Passkombinationen beim FCK. Fabian Kunze war mit 27 Pässen fleißigster Passspieler. Zum Vergleich: Auf der Gegenseite sind bei Leopold 71 Pässe verzeichnet. Auffällig auch hier die gute Rolle, die Neuling Gyamfi spielte.
Zu guter letzt die Topographie zu den geführten Duellen. Die Zweikampfbilanz wird zwar mit 50:50 angegeben, aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich: In den Zonen um die Strafräume entschieden die Gastgeber mehr Duelle für sich. Auch das sind so "Kleinigkeiten", die Sieg oder Niederlage erklären können.
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