Im Blickpunkt
Fünf Fragen, fünf Thesen: Wo steht der FCK eine Woche vor Saisonstart?
1. Wie war dieser Gegner eigentlich einzuschätzen?
Klar, die Italiener starten erst in knapp vier Wochen in diese Saison. Sind in der Vorbereitung also noch hinter dem FCK. "Da hätte doch was gehen müssen", werden sich manche gesagt haben. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden: Die Roma hat ihr Gesicht gegenüber vergangener Saison - noch - kaum verändert. In der Rückrunde hatte diese Mannschaft in der Seria A nur ein Spiel verloren, verpasste nur knapp die Qualifikation für die Champions League. Auch im Fritz-Walter-Stadion liefen die meisten ihrer Topspieler auf, inklusive des erst in dieser Woche aus England mit Kaufoption geliehenen Iren Evan Ferguson, der auch den Siegtreffer erzielte. Sicher fehlten auch ein paar, unter anderem Paulo Dybala, dessen Name viele Roma-Fans auf ihrem Trikot trugen. Der argentinische Nationalspieler hat nach einer Verletzung jedoch schon zum Saison-Finale 2024/25 den Anschluss ans Team verloren. Der Gesamt-Marktwert des Roma-Kaders wird bei "Transfermarkt.de" mit 337,60 Millionen Euro angegeben und ist der sechsthöchste der Seria A. Der des FCK wird mit 22,53 Millionen Euro angegeben, das ist grade mal Platz 11 der 2. Bundesliga. Die TM-Marktwerte sind zwar immer ein bisschen mit Vorsicht zu genießen, aber in diesem Fall dürfte der Qualitätsunterschied auch für den größten Skeptiker glaubwürdig sein.
Unsere These: Grundsätzlich ist es keine Schande, gegen diesen Gegner 0:1 zu verlieren. Was allerdings nicht heißen soll, dass es man diesen Auftritt der Betze-Buben vollkommen kritiklos abhaken sollte.
2. War das schon die Startelf für Hannover?
Der Trainer lässt doch zu einer Generalprobe die Elf starten, die er auch zur Premiere auflaufen lassen will. Das glauben viele. Obwohl die Übungsleiter bei Nachfragen in dieser Richtung regelmäßig den Kopf schütteln: Auch nach den Trainingseindrücken der kommenden Woche könne sich noch viel ändern, heißt es dann. Meistens aber darf am 1. Spieltag dann festgestellt werden: Tatsächlich hat der Trainer nur auf einer, maximal auf zwei Positionen noch was geändert. Torsten Lieberknecht dagegen deutete noch am Samstagabend an, dass er aus dieser Routine auszubrechen gedenkt: Für ihn seien bislang nur etwa fünf Positionen fix, erklärte nach dem Spiel in der Mixed Zone. Er habe auch bei dieser Generalprobe noch ein bisschen was ausprobieren wollen. Deswegen habe etwa auch Ache-Nachfolger Ivan Prtajin nicht in der Startelf gestanden.
Unsere These: Die Startelf vom Samstag wird sich zum Hannover-Spiel auf mindestens drei Positionen noch ändern, aber nicht auf sechs.
3. Wie sehr überraschte Lieberknechts Aufstellung?
Ziemlich. Um nicht zu sagen sehr. Marlon Ritter neben Mahir Emreli in einem Zwei-Mann-Sturm. Luca Sirch im Mittelfeld. Neben Prtajin auch Jan Elvedi und Daniel Hanslik zunächst auf der Bank. Insgesamt eine 3-1-4-2-Formation, wobei das zentrale Mittelfeldtrio Fabian Kunze / Semih Sahin / Sirch zwischen der Sechser- und den beiden Achter-Positionen rochierte. Kunze vielleicht mit einem gewissen Schwerpunkt auf der Sechs. Dass Flo Kleinhansl den linken Innenverteidiger in der Dreierkette gab, war indes keine Überraschung. Nach der Pause brachte Lieberknecht mit Afeez Aremu einen weiteren defensiv orientierten Mittelfeldspieler, der mit Kunze eine Doppel-Sechs bildete. Die Formation verschob sich nun in ein 3-4-2-1, mit Prtajin als Spitze sowie Ritter und dem eingewechselten Hanslik als Halbstürmer versetzt dahinter. Offensiv folgte nun die beste Phase des Lautrer, in der sie auch ihre beste Torchance aus dem Spiel heraus gestalteten: Hanslik flankt auf Prtajin, und dessen Kopfball zischt nur knapp am rechten Torpfosten vorbei. Nach den Wechseln in der 60. Minute allerdings formierte sich die Elf wieder wie zu Beginn. Prtajin und Hanslik bildeten nun die Doppelspitze, Tobias Raschl komplettierte das zentrale Mittelfeldtrio mit Aremu und dem ebenfalls eingewechselten Erik Wekesser. Nach vorne ging in der halben Stunde bis zum Abpfiff kaum noch was.
Unsere These: Dass die Mannschaft im zwischenzeitlichen 3-4-2-1 offensiv besser aussah, könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass sie diese Formation noch aus der vergangenen Saison gewohnt ist. Lieberknecht schwebt wohl eher das über den Großteil der Spielzeit praktizierte 3-1-4-2 vor. Ob Luca Sirch weiterhin als Mittelfeldspieler eingeplant ist? Keine Ahnung. Ob Marlon Ritter als zweiter Stürmer zumindest als Variante denkbar bleibt? Möglich. In Hannover werden viele eine Doppelspitze Prtajin/Emreli erwarten. Und MR7 im Mittelfeldtrio. Wir würden da nicht drauf wetten wollen.
4. Wie gut waren die Neuen?
Maxwell Gyamfi: In der ersten Hälfte rechter Innenverteidiger. Beteiligte sich in der Anfangsviertelstunde an der enervierenden Hintenrumspielerei im Verteidigungsdrittel, die sicher nicht der Vorstellung des Trainers entsprach. Okay, die Roma kann stark pressen und anlaufen, aber irgendwann muss die Pille hinten raus.
Fabian Kunze: Solide Vorstellung im zentralen Mittelfeld, gar nicht mal so der Nur-Sechser. Wird sich schnell als feste Größe im FCK-Spiel etablieren.
Simon Asta: Sorgte in der ersten Hälfte als rechter Schienenspieler mit für die wenigen Akzente, die der FCK in der Offensive zu setzen vermochte. Wurde meist von Ritter eingesetzt. Dürfte ebenfalls keine Probleme haben, sich in der Stammelf festzuspielen.
Semih Sahin: Stellte sich als der gute Techniker vor, als der er angekündigt worden ist. Hat durchaus das Zeug zu der Sorte tiefem Spielmacher, den die Italiener "Regista" nennen. Aber: In der ersten Hälfte auch mit einem Ballverlust im Aufbauspiel in der eigenen Hälfte. Der hätte durchaus Folgen haben können.
Mahir Emreli: Musste als Stürmer in der ersten Hälfte vorne den Zielspieler für lange Bälle geben. Gar nicht sein Ding. Wird als Doppelspitze mit Prtajin besser funktionieren.
Ivan Prtajin: Kam in Hälfte zwei und war direkt Lauterns gefährlichste Offensivkraft. Keinesfalls nur Zentrumsspieler. Kommt auch über die Flügel und geht lange Wege in die Tiefe. Braucht jetzt schnell die Spielpraxis, die ihm vergangene Saison bei Union Berlin abging.
Jisoo Kim: Der Südkoreaner kam in der Pause für Kleinhansl. Ist bekanntlich als "beidfüßig" angekündigt. Wer aber Andreas Brehme noch spielen sah: Wirklich "beidfüßig" sind nur die wenigsten. Okay, Jisoo Kim hat ein paar Mal den linken Fuß benutzt, auch mal für längere Pässe. Zeigte, dass er zu den technisch versierteren Abwehrspielern gehört. Aber: Ein krasser Fehler, als er einen Aufbaupass durch die Mitte versuchte, der beim Gegner landete und in einem Pfostenschuss der Roma mündete.
Unsere These: In der Startelf von Hannover rechnen wir fest mit Asta, Kunze und Ptrajin. Mit Emreli, Sahin und Jisoo möglicherweise. Für Gyamfi wird Elvedi starten.
5. Wie soll das FCK-Spiel künftig denn nun aussehen?
Offensiv war noch nicht so zu erkennen, wie sich dieses FCK-Team nun entwickeln soll, nachdem Markus Anfang vergangenen Sommer damit beginnen wollte, fußballerische Hochkultur am Betzenberg zu etablieren. Bereits zu sehen ist: Bei Lieberknecht spielen vor allem die Schienenspieler eine andere Rolle als unter Anfang. Was auch der Grund dafür ist, dass sämtliche Kandidaten, die der Ex-Coach auf dieser Positionen bevorzugte, mittlerweile ausgemustert oder auf andere Positionen versetzt sind. Lieberknechts Flügelläufer rücken bei Ballbesitz bis in die vordere Linie auf und lauern insbesondere auf Diagonalpässe. Links hat Kenny Redondo die Nase vorn, Mika Haas gibt den Backup. Rechts ist Asta die Numero Uno, dahinter Frank Ronstadt - oder? Hört, hört: Gegen die Roma kam Richmond Tachie für Asta und setzte auf dieser Position wie schon beim internen Trainingslager-Testspiel eine Woche zuvor mit starken Sprints Aktzente. Da erfindet sich gerade einer neu. Oder wird vom Trainer neu erfunden.
Was die Defensivarbeit angeht, wies Lieberknecht nach dem Spiel zurecht daraufhin: Wenn die Mannschaft auf den zwei Höhen, auf denen sie der Trainer wechselweise agieren sehen will, konzentriert und geschlossen gegen den Ball arbeitet, sieht das eigentlich ganz gut aus. Wenn nur diese krassen individuellen Fehler nicht wären. Unter dem Eindruck der deutschen Auftritte bei der Frauen-EM lässt sich glatt behaupten: Julian Krahl ist so etwas wie männliche Version von Ann-Katrin Berger: Immer wieder tolle Paraden auf der Linie, aber das Fußballspielen sollten beide besser anderen überlassen. Leider war das am Samstag nicht zum ersten Mal zu sehen. Ob Lieberknecht Krahl den Fehlerteufel tatsächlich austreiben kann?
Unsere These: Auch wenn das Phrasenschwein jetzt den Triumphmarsch aus Aida grunzt: Gut Ding will Weile haben.
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