Taktik-Nachlese zum Spiel F95-FCK

DBB-Analyse: Die Männer für die Momente

DBB-Analyse: Die Männer für die Momente


Mit neun Punkten aus einer Englischen Woche schließt der 1. FC Kaiserslautern das beste Kalenderjahr seiner jüngeren Vereinsgeschichte ab. Der Auftritt beim finalen 2:1 bei For­tuna Düsseldorf überzeugte nicht durchweg, aber mit tollen Momenten.

Nach dieser ersten Halbzeit hätte wohl selbst der glühendste FCK-Fan nicht mehr hoch auf seinen Verein gewettet. Das dritte Spiel innerhalb von nur sieben Tagen, und das zum Abschluss eines langen Jahres, dessen Sommerpause für die Roten Teufel wegen der Relegationsspiele noch kürzer war als für die meisten seiner Konkurrenten. Da konnte ja nicht mehr viel gehen, und die ersten 45 Minuten hatten das auch klar gezeigt. Eigentlich hätte die Fortuna schon viel höher führen müssen als nur 1:0. Bei den Pfälzern dagegen schien schlicht und ergreifend der Akku leer zu sein.

Oder wie? Oder was?

Wiederanpfiff.

Und dann: großes Augenreiben. Es folgten die vielleicht irrsten sieben Roten-Teufels-Minuten das Jahres 2022.

Lattentreffer Mike Wunderlich. Als nächstes zwei gute Schusschancen durch selbigen. Ausgleichstreffer des eingewechselten Kevin Kraus nach Wunderlich-Ecke. Direkt danach die Chance zur Führung durch Marlon Ritter, dessen abgefälschter Schuss Fortuna-Keeper Florian Kastenmaier gerade noch erwischte. Alles in nur sieben Minuten.

Einfach unverbesserlich: Die "Comebacker die Liga“

Herausgearbeitet von einer Elf, die ihren Gegner nun so früh attackierte, wie sie es in den vergangenen Monaten auch in den Heimspielen nie getan hatte. Zum achten Mal in dieser Saison hatten die "Comebacker der Liga“ einen Rückstand aufgeholt. Und beim Versuch, die Partie komplett zu drehen, wollten sie diesmal offenbar so ernst machen wie noch nie. Was ging da denn ab?

FCK-Trainer Dirk Schuster hatte es wieder mal geschafft, seine Jungs mitten im Spiel neu zu justieren. Ob da eine kernige Halbzeitansprache Wirkung erzielte oder der Trainer den Jungs einfach was in den Pausentee gemischt hatte, darüber können wir nur spekulieren. Faktisch belegbar sind zwei Wechsel, die er vor dem Wiederanpfiff vornahm. Für Linksverteidiger Dominik Schad und Sechser Hikmet Ciftci waren Innenverteidiger Kraus und Flügelstürmer Aaron Opoku gekommen.

Mal wieder was Neues: Tomiak auf die Sechs

Das ließ zunächst vermuten, dass Schuster hinten wieder eine Dreierkette formieren wollte. So hatte er seine Elf auch nach Rückständen in den Heimspielen gegen Magdeburg und Darmstadt wieder belebt. Und diesmal? Hatten sich der Coach und sein Assistent Sascha Franz etwas Neues einfallen lassen.

Die Viererkette blieb, Jean Zimmer übernahm die rechte, Erik Durm die linke Abwehrseite. Und vor Robin Bormuth und Kraus rückte Boris Tomiak auf die Sechs - eine Position, auf der er beim FCK bislang noch nie unterwegs war. Eher hätte man auf Bormuth als den Innenverteidiger getippt, der auch mal einen Spezialauftrag im Mittelfeld übernimmt. Doch wie sich zeigte, wusste Schuster es wieder mal besser: Tomiak machte seine Sache gut, gewann Zweikämpfe, harmonierte mit Nebenmann Ritter besser als sein Vorgänger Ciftci.

Fortuna kam erst später wieder zu Chancen

Natürlich: Der brachiale Schwung, mit dem die Betze-Buben in die zweiten Hälfte starteten, ebbte ab der 60. Minute wieder ab. Die Düsseldorfer erholten sich von den Wirkungstreffern, die ihnen die Lautrer verpasst hatten, und fanden zumindest phasenweise zu dem guten Spiel zurück, das sie in der ersten Halbzeit ausgezeichnet hatte.

Auf Gelegenheiten, die Partie doch noch für sich zu entscheiden, musste die Fortuna allerdings bis zur 86. Minute warten. Nach einer abgewehrten Freistoßflanke des eingewechselten Shinta Appelkamp lenkte FCK-Keeper Andreas Luthe einen Hinterhaltsschuss des ebenfalls eingewechselten Felix Klaus gerade noch über die Latte. Und direkt danach strich ein Kopfball eines weiteren Einwechselspielers, Marcel Mansfeld, nach einer Ecke Appelmanns über den langen Pfosten.

In Hälfte eins sah alles noch ganz anders aus

So hatte die Partie auch angefangen: Mit einer Freistoßflanke und einer Ecke, nach denen die Gäste den Luftraum nicht unter Kontrolle bekamen. Zunächst scheiterte Fortuna-Innenverteidiger Christoph Klarer aus kurzer Distanz am großartig reagierenden Luthe, dann vermochte sein Nebenmann Tim Oberdorf den verlängerten Flugball am langen Eck nicht einzunicken.

Zudem fanden die Pfälzer in den ersten 45 Minuten kaum ein Mittel gegen das Angriffspressing ihrer Gastgeber. Philipp Klement, der sich zuletzt gegen Karlsruhe immer wieder zurückfallen ließ, um den ersten Aufbaupass zu spielen, saß erstmals seit seinem Wechsel zum FCK auf der Bank. Schuster hatte wieder mal Wunderlich den Vorzug gegeben. Und der erkrankte Hendrick Zuck, der ein Spiel von der linken Seite aus aufbauen kann, fehlte weiterhin. Kurze Zuspiele in den Sechserraum blockte der aufmerksame Fortuna-Kapitän Marcel Sobottka, lange Bälle wurden von der gut konzentrierten Hintermannschaft der Düsseldorfer direkt retourniert.

Der Führungstreffer der Jungs von Daniel Thioune nach bereits 14 Minuten erschien da fast als logische Konsequenz. Der polnische Beinahe-WM-Fahrer Mihal Karbownik, dessen technische Begabung als linker Verteidiger fast verschenkt wirkt, schloss einen eleganten Lauf ins Zentrum mit einem herrlichen Rechtsschuss ins lange Tordreieck ab - da konnte Luthe nur noch zusehen.

Und hätte Sobottka später das 2:0 markiert, als er in einen riskanten Pass Luthes auf den unaufmerksamen Ciftci flitzte, das Leder anschließend aber am Tor vorbeischob - die Comebacker der Liga hätten es doppelt so schwer gehabt, nach ihrem Wiedererwachen in der zweiten Hälfte das Spiel zu drehen.

Die späte Entscheidung: Opokus kluger Pass

Dass ihnen dies in der Nachspielzeit dann doch gelang, war insofern glücklich, als dass es die erste gefährliche Toraktion der Pfälzer seit über einer halben Stunde war. Gleichwohl war es die Art von Geschick, auf die sich ein Team versteht, das gleich durch mehrere Männer über das Potenzial für den einen starken Moment verfügt.

Ungefähr 120 Minuten war Aaron Opoku in den drei Spielen dieser Englischen Wochen zum Einsatz gekommen, einmal wurde er aus- und zweimal eingewechselt. Beim 3:2-Sieg gegen Bielefeld hatte er einen Treffer selbst erzielt, beim 2:0 gegen Karlsruhe den entscheidenden vorbereitet. Und diesmal? Passte die Last-Minute-Verpflichtung dieses Herbstes so präzise in den Lauf des eingewechselten Tyger Lobinger, dass dieser vom unglücklichen Karbownik nur mit einem Foul an der Ballannahme im Strafraum gehindert werden konnte. Den fälligen Elfer verwandelte Klement, der mittlerweile für Wunderlich gekommen war. Das war hart für die Gastgeber und auch nur schwer wegzustecken, berechtigt war der Pfiff von Schiedsrichter Benjamin Cortus dennoch.

Zweikampf-Grafik belegt: Tomiak legt sich mit jedem an

Die xG-Timeline von "Wyscout“ weist nur ein knappes 1,55 : 1,44 zugunsten Düsseldorfs aus. Die Software, auf die "bundesliga.de" zurückgreift, hat ein klareres 1,71 : 1,38 errechnet. So oder so, der hohe xG-Wert des Klement-Elfers schönt natürlich die Bilanz aus FCK-Sicht.

xG-Dynamik F95-FCK

Zur Positions- und Passgrafik: Sieht immerhin nicht ganz so minimalistisch aus wie gegen Karlsruhe. Dass die eingewechselten Spieler in der Luft hängen, bedeutet nicht viel, da in den Grafiken nur etwa die ersten 70 Spielminuten einfließen.

Passmap Düsseldorf

Zum Vergleich die Positions- und Passgrafik der Düsseldorfer: Eine spielstarke Truppe, ohne Frage.

Passmap FCK

Hier noch die "Wyscout“-Grafik, die zeigt, wie sich die Aufstellungslinien während des Spielverlaufs verschoben - und die eindrucksvoll dokumentiert, wie energisch der FCK in der Viertelstunde nach der Pause aufrückte. Bitte beachten: Lautern erscheint hier in Blau, das ist eher ungewöhnlich.

Durchschnittliche Aufstellungslinie

Und zu guter letzt die Übersicht über die geführten Zweikampfduelle. Dass Boyd da führt, ist keine Überraschung, so oft, wie er mit den Düsseldorfern Innenverteidigern in den Clinch musste. Vor allem dokumentiert diese Kreuztabelle Tomiaks Kampfeslust: Außer den beiden Außenverteidigern und dem ein oder anderen Einwechselspieler hatte jeder Düsseldorfer das Vergnügen, ihm mindestens einmal zu begegnen. Ob’s immer ein Genuss war, lassen wir mal so stehen.

Zweikampfduelle F95-FCK

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2022/23: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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