Hall of Game: Marco Haber und das Meisterstück von Köln

„Deutscher Meister ist nur der FCK!“

„Deutscher Meister ist nur der FCK!“

Foto: Imago

Heute vor 25 Jahren sicherte sich der 1. FC Kaiserslautern mit einem 6:2 in Köln seinen dritten Meistertitel. Im Rahmen unserer Serie „BetzeHistorie 1991“, bei der wir auf Twitter und Facebook die Meilensteine der Saison 1990/1991 nachgestellt haben, blickt Doppeltorschütze Marco Haber auf das Spiel seines Lebens zurück.

von Marco Haber, erschienen in „Wenn der Betze bebt“

Das Meisterbüffet war schon aufgebaut, die Stadt geschmückt. Dann vermasselte Borussia Mönchengladbach dem 1. FCK die Titelfeier im eigenen Stadion. Alles kam nun auf das letzte Spiel in Köln an, wo der 19-jährige Marco Haber in zentraler Position spielen sollte. Haber erzählt die Geschichte des Kantersiegs in Müngersdorf und einer unglaublichen Saison.

Jemand sagte mir einmal, dass ich der Horst Eckel der 91er-Mannschaft sei. Dieser Gedanke war mir vorher nie gekommen, ich konnte mich ja auch schlecht mit einem Weltmeister vergleichen. Die Parallele stimmt aber insofern, dass ich in dem Team, das den ersten Meistertitel seit der Waltermannschaft gewann, mit 19 Jahren der Jüngste war – genau wie Eckel vierzig Jahre vorher.

Die Saison 1990/91 war mein erstes Jahr als Profi beim 1. FC Kaiserslautern. Schon im Vorjahr hatte mich Kalli Feldkamp ein paar Mal eingewechselt, aber da war ich noch A-Jugendlicher und schaute mir die meisten Spiele mit meinen Mannschaftskameraden von der Tribüne aus an. Ich bin in der Pfalz groß geworden, hatte schon lange im Verein gespielt – plötzlich lief ich neben Ehrmann, Labbadia, Kuntz auf, stand neben all den erfahrenen Recken auf dem Platz.

Ich kam in eine Mannschaft mit richtig guten Typen und einer tollen Kameradschaft. Damals hatte man als junger Spieler noch das zu machen, was die Älteren sagten. Schuhe putzen musste ich zwar nicht, aber Bälleschleppen beim Training war schon angesagt.

Mein Durchbruch war das Spiel in Uerdingen. Ich spielte von Beginn an und erzielte beim 7:3-Sieg ein Tor. Von da an war ich im zentralen Mittelfeld gesetzt. Lange Zeit hatten wir in dieser wunderbaren Saison nur Spaß daran, die Großen zu ärgern. Großartige Ambitionen hatten wir nicht. Nach Ende der Hinrunde waren wir mit 22:10 Punkten und einem Nachholspiel noch dicht an Herbstmeister Bremen und den Bayern dran.

„Wir dachten alle, dass es so nicht weitergehen würde“

Selbst das schreckliche Wintertrainingslager in der Bretagne, wo es eiskalt war und wir unter der Bettdecke in Trainingsanzügen schliefen, konnte uns die gute Laune nicht verderben. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass Kalli Feldkamp damals schon unseren Kapitän Stefan Kuntz zur Seite nahm und ihm sagte: „Wir können Meister werden!“ Stefan wollte das gar nicht glauben und hat mir auch erst nach der Saison von der Unterhaltung erzählt.

Wir dachten damals alle, dass es so sicher nicht weitergehen würde. Im Vorjahr waren wir ja noch fast abgestiegen. Ende März waren dann die Bayern auf dem „Betze“ zu Gast. Das Hinspiel hatten wir 0:4 verloren, und bevor wir so richtig auf dem Platz angekommen waren, lagen wir auch im Rückspiel zurück. Roland Wohlfahrt nutzte seine allererste Chance. Es wurde ein riesiger Kraftakt, ein typisches Betze-Spiel! Der alte Betzenberg war noch eine andere Nummer, die Gegner mussten sich schon beim Aussteigen aus dem Bus einiges anhören, im Stadion selbst war alles noch enger. Da hat selbst der letzte der 38.000 jeden Zweikampf mitbestritten. Fünf Minuten vor Schluss erzielte Stefan den Siegtreffer. Selbst die Bayern konnten wir also schlagen. Plötzlich wurde uns klar, dass wir wirklich ganz vorne landen konnten.

Trotz vieler Verletzungen ließen wir uns nicht aus der Bahn werfen. Rückstände bogen wir oft noch um, wir gaben nie auf. Nach unseren Spielen waren wir immer zusammen in der Stadt unterwegs, hatten einen Riesenspaß. Als gut gelaunter Tabellenführer bogen wir auf die Zielgerade ein.

Ausgerechnet in der heißen Phase der Saison saß ich auf einmal draußen. In Bremen wie auch gegen Mönchengladbach setzte Kalli Feldkamp nicht auf mich, vielleicht aus einem Bauchgefühl, wie er es oft tat. Das Gladbach-Spiel musste ich komplett von der Bank verfolgen, es war unerträglich. Eine riesige Enttäuschung, auch weil das Spiel 2:3 verloren ging. Es war schon alles gerichtet für die Feier danach, die Stadt war geschmückt – und dann musste alles abgeblasen werden.

Ein flaues Gefühl statt Vorfreude

Nach dem Spiel – ich werde es nie vergessen – sagten alle: „Marco, das wird jetzt dein Spiel in Köln.“ Alle gingen fest davon aus, dass ich meine Chance bekommen würde. Doch unter der Woche musste ich zunächst einmal meine Lehrprüfung zum Bürokaufmann absolvieren, ins Trainingslager reiste ich nach. Dass ich spielen würde, erfuhr ich erst am Abend vor dem Spiel. Statt Vorfreude bekam ich ein richtig flaues Gefühl im Bauch. Ich als Benjamin sollte beim alles entscheidenden Auswärtsspiel mit der Nummer 10 auflaufen, gegen einen Gegner, bei dem zwei Weltmeister spielten und der mit einem Sieg gegen uns unbedingt noch in den Europacup einziehen wollte. Die Nervosität verflog erst, als ich in Müngersdorf auf dem Platz stand.

Keine fünf Minuten später spurtete ich mit dem Ball am Fuß nach einem Steilpass in Richtung Sechzehner. Kurz vor dem Kreidestrich zog ich nach innen, und ein Kölner holte mich von den Beinen. Vor dem Spiel war ich als einer der Freistoßschützen auserkoren worden. Dann lief alles wie automatisch ab. Der Ball lag rund zwanzig Meter vor dem Tor, wurde kurz angetippt und ich drosch ihn mit dem Vollspann an Bodo Illgner vorbei ins Netz. Kalli Feldkamp war jubelnd aufs Spielfeld gelaufen, und ich sprang ihm vor Freude in die Arme.

Bernhard Winkler machte kurz darauf das 2:0. Alles lief nach Plan, Hansi Flick bekam nach einer guten halben Stunde auch noch die rote Karte. Urplötzlich war aber alles wieder offen, und ich war der Schuldige. Nach einem Rempler pfiff der Schiedsrichter Elfmeter. Während ich reflexartig meine Unschuld beteuerte, schaute mich Stefan Kuntz mit bösem Blick an, als wollte er sagen: Was machst du denn jetzt hier hinten für einen Mist? Stefan gab in Köln den Libero für den verletzten Miro Kadlec.

Plötzlich drohte das Spiel zu kippen, die Kölner hatten in den nächsten Minuten einige gute Chancen. Bis zur Halbzeit bekamen wir die Partie jedoch wieder in den Griff. Mit einem beruhigenden 4:1 ging es in die Kabinen. In der zweiten Hälfte gelang mir sogar noch ein Treffer per Flugkopfball, das einzige Kopfballtor in meiner Karriere. Ein Tag, an dem alles gelang!

Fritz Walter gratuliert persönlich

In den letzten Minuten standen die Massen schon direkt am Spielfeldrand. Nach unserem sechsten Tor stürmten tausende Fans auf einmal den Rasen. Wir schrien unsere eigenen Anhänger an, sie sollten sofort wieder vom Feld herunter. Einen Abbruch wollten wir unter keinen Umständen riskieren. Das Spiel lief ja noch! Als es endlich weitergehen konnte, standen einige Kölner Spieler mit nacktem Oberkörper auf dem Feld...

Kurz darauf war dann endgültig Schluss, und alles ging noch mal von vorne los. Da wurde einem bei aller Freude schon Angst und Bange. Die Menschen rissen uns die Klamotten vom Leib, es müssen mindestens 10.000 gewesen sein, die binnen Sekunden um uns herum waren. Als ich am Spielfeldrand ankam, hatte ich nur noch meine Hose und meine Socken an. Selbst die Schienbeinschoner hatten sie mir von den Beinen gerissen...

Gefeiert wurde auf einem Schiff auf dem Rhein. Erst am frühen Morgen kamen wir in Koblenz an, das Sportstudio wurde von Bord gesendet. In Kaiserslautern bereiteten uns die Massen einen triumphalen Empfang, Fritz Walter gratulierte uns persönlich und strahlte vor Stolz. Ein rauschendes Fest mit hunderttausend Gästen begann. Und ich war mittendrin. In der Menschenmenge, durch die wir fuhren, erkannte ich viele Gesichter. Wir zogen von einer Kneipe in die nächste, die Feier dauerte den ganzen Tag, die ganze Nacht und dann noch einen Tag.

Oft wurde ich später gefragt, wie wir damals die Sensation schaffen konnten. Mir fiel nur immer der Satz von Sepp Herberger ein, der so gut passte. Wir waren damals wirklich die berühmten 11 Freunde. Einen solchen Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft erlebte ich danach nie wieder.

Marco Habers Erinnerungen an das 6:2 in Köln und den dritten Meistertitel des 1. FC Kaiserslautern hat Johannes Ehrmann notiert. Für sein Buch „Wenn der Betze bebt“, das für 19,90 Euro u.a. bei Amazon erhältlich ist, hat der preisgekrönte Autor und leidenschaftliche FCK-Fan 20 Protagonisten der größten Spiele der Roten Teufel interviewt.

15. Juni 1991: 1. FC Köln - 1. FC Kaiserslautern 2:6 (1:4)

Köln: Illgner - Gielchen, Higl, Giske, Greiner, Flick, Ordenewitz, Littbarski, Rudy, Götz, Banach

Kaiserslautern: Ehrmann - Lutz, Friedmann, Schupp, Kuntz, Hoffmann, Dooley, Haber, Kranz, Winkler

Tore: 0:1 Haber (5.), 0:2 Winkler (14.), 1:2 Ordenewitz (32., Foulelfmeter), 1:3 Winkler (43.), 1:4 Dooley (45.), 2:4 Greiner (47.), 2:5 Haber (77.), 2:6 Schupp (90.)

Schiedsrichter: Harder (Lüneburg)

Zuschauer: 55.000
Gästefans: ca. 40000

Autor: Marco Haber

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