Kummt Senf druff

UNZERSTÖRBAR

UNZERSTÖRBAR


In seiner Kolumne spannt DBB-Autor Marky einen Bogen vom 18. Mai 2008 bis zur aktuellen Relegation. Warum wir gegen Hoffenheim mehr zu gewinnen als zu verlieren haben und warum uns der Fußballgott für diese nationale Aufgabe auserwählt hat.

„Die Spannung steigt von Tag zu Tag“, hat Tobias Sippel in diesen Tagen einem „Rheinpfalz“-Reporter in den Block diktiert. Der FCK-Torhüter vergleicht das Fieber vor den Relegationsspielen mit der Zeit vor dem 18. Mai 2008. „Der Unterschied ist, dass der Druck diesmal bei unserem Gegner aus der Bundesliga viel größer sein wird“, weiß Sippel.

Obwohl es fünf Jahre her ist, können wir uns wohl noch alle sehr gut an diesen „Druck“ erinnern. Wie unmenschlich hoch er war, merkte ich erst ein paar Tage nach dem 3:0 gegen Köln. Ich hatte das Spiel mitgeschnitten und saß vor dem Fernseher, um mir die Aufzeichnung anzusehen. Mit Anpfiff der zweiten Halbzeit splitterte mein Schutz-Panzer, den ich lange mit mir rumgetragen hatte. Mir flossen die Tränen in Strömen - fast eine Stunde lang. Ich war gottseidank gerade allein zuhause und musste an Nick Hornby denken, der in „Fever Pitch“ schreibt, dass Besessene keine Wahl hätten: „Wenn wir jedes mal bei der Wahrheit blieben, wären wir nicht in der Lage, Beziehungen zu jemandem aus der wirklichen Welt aufrechtzuerhalten. Wir würden zurückbleiben. Unsere zweiminütigen Tagträume würden länger und länger und länger, bis wir unseren Job los wären und aufhören würden zu baden, uns zu rasieren und zu essen."

Ein paar Tage nach der Video-Verarbeitung traf ich dann - die Anekdote kennen einige DBB-Leser schon - am Flughafen einen älteren Herrn, der vor mir stehen blieb. Er schaute auf meinen Koffer, auf dem ein FCK-Aufkleber pappte. Und die Augen des Mannes strahlten wie die eines Jungen. Wir nickten uns nur zu. Es bedurfte keiner Worte. Er war dabei.

Viele von uns brauchten nach diesem 18. Mai einen längeren Erholungsurlaub. Vor allem jene, die noch Fritz Walter erlebt hatten. Fritz Walter sagte immer, wenn der FCK mal absteigt, kommt er nicht wieder zurück. Zu klein sei die Stadt, zu gering die finanziellen Mittel. Deswegen ging er auch vor Abstiegsendspielen in die Kabine, um den Protagonisten noch einmal zu verdeutlichen, was eigentlich auf dem Spiel steht. Die Sätze von Fritz Walter haben sich bei mir eingeprägt. Sie haben mir Angst gemacht. Nach Leverkusen, vor allem nach Wolfsburg und besonders in den Tagen vor dem alles entscheidenden Spiel gegen Köln.

Zum fünfjährigen Jubiläum an diesem Samstag, 18. Mai 2013, wurden auf Facebook wunderbare Bilder verbreitet, die mehr ausdrücken als bloße Worte. Als lange vor Anpfiff die FCK-Fans den Mannschaftsbus auf seinem langen und steilen Weg den Betze hoch begleiteten und beklatschten. Zu Tausenden. Es gibt viele Impressionen von diesem Tag: Von Simpson, von Ziemer, von Milan und Stefan. Aber die unvergesslichsten sind wohl die mit dem Bus. Weil Fritz Walter nicht mehr in die Kabine gehen konnte, waren wir alle Fritz Walter an diesem Tag.

Und keiner, der die Dramaturgie dieses Nachmittags erlebt hat, wird bestreiten, dass auch unser größtes Idol noch einmal vorbeigeschaut hat. In seinem Stadion, seinem Betze: Als sich kurz vor dem Schlussakt die Sonne verfinsterte. Als Helmes den Pfosten traf. Als beim 1:0 alle Dämme auf den Rängen brachen. Als sich die gewaltige Spannung im vielleicht lautesten Torschrei der Bundesliga-Historie entlud und der Himmel seine Schleusen öffnete.

Unsere vielen jungen Fans spürten zum ersten Mal am eigenen Leibe, was sie zuvor nur vom Fernsehen oder von Büchern kannten. Die „Frenetic Youth“ spricht in ihrer Rückschau auf sieben Jahre Block 7.1 vom „emotionalsten Moment“ in dieser oft „dunklen Zeit, die wir an der Seite unseres FCK durchschritten haben“. Teil des Mythos zu werden, hat sich unser Anhänger-Nachwuchs auch redlich verdient. Ich erinnere mich noch gut an das Auswärtsspiel in der denkwürdigen Saison in Gladbach, als wir zwei rote Karten bekamen und neben mir eine Gruppe FCK-Jugendlicher anfing „Lautrer geben niemals auf“ zu brüllen. Ein Lied, das sinnstiftend für die kommenden Monate wurde.

So wie für viele Junge der 18. Mai 2008 eine Art Geburtsdatum darstellt, ist er für mich ein Schlusspunkt. Seitdem habe ich keine Angst mehr, dass der FCK - wie von Fritz Walter befürchtet - untergeht. Zu viel Herz, zu viel Kameradschaft, zu viel Leidenschaft hält den Verein am Leben. Das Banner „Unzerstörbar“, das fast prophetisch vor dem wohl wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte angefertigt und beim Einlaufen der Mannschaften hochgehalten wurde, steht symbolisch für diese Erkenntnis. Ein Meister-Werk - episch!

Als sich jetzt - genau fünf Jahre später - der Schiri in Dortmund nach längerer Überlegung doch dafür entschied, der TSG Hoffenheim eine allerletzte Erste-Liga-Chance in der Relegation einzuräumen, da rutschte mein Handy wild vibrierend auf dem Tisch umher. „Was haben wir verbrochen“, „Das darf doch nicht wahr sein“, „So einen Gegner hat keiner verdient“, „Verdammte Scheiße!“ „Halten das deine Nerven aus?“, „Grüße an deine arme Frau“ - stand u.a. in den Kurznachrichten.

Ein (ganz besonderer) FCK-Freund traf den Nagel auf den Kopf: „Leverkusen - Wolfsburg - Hoffenheim“ schrieb er. Die Plastik-Allergie. Die Kette des Grauens. Aller schlechten Dinge sind drei? Nein! Anders als 1996 und 2006 kann der FCK dieses Mal mehr gewinnen als verlieren. Und das Finale steigt nicht in einer dieser seelenlosen Fußball-Begräbsstätten, sondern auf unserem Betze. Am Berg der Emotionen. Der FCK und sein schlachtenerprobtes Stadion sind wie gemeißelt für ein Relegations-Endspiel, wie wir es kommenden Montagabend unter Flutlicht erleben werden.

Sicher, jeder, der auf die rot-weiß-roten Farben schwört, hätte lieber die angezählten Düsseldorfer als Gegner in Kauf genommen als den ungeliebten Nachbarn, der nicht 1899 gegründet wurde. Aber mal ehrlich: Als sich schon zur Winterpause abzeichnete, dass Kaiserslautern möglicherweise die Relegation bestreiten und Hoffenheim wohl als Gegner in Frage kommen könnte, da hat der Gedanke an diese Paarung doch jeden elektrisiert. Und ich spreche hier nicht nur von FCK-Fans. Gegensätzlicher können Vereine nicht sein: Tradition gegen Kommerz, Fans gegen Kunden, Lebensinhalt gegen Projekt, Saumagen und (Pferde-)Bratwurst gegen Hummer und Cocktailkirschen.

Nicht nur weil uns Bushido und Hans Sarpei aufmerksamkeitsstark über Twitter und Facebook Glück wünschen: Wir haben einen Auftrag von nationaler Bedeutung zu erfüllen. Wir wurden vom Fußballgott auserwählt für diese besondere Aufgabe, die uns alles abverlangen wird. Wir werden mit dunklen (DFB-)Dämonen kämpfen müssen, wir werden Verstörendes im Kraichgau durchleiden müssen, aber wir werden schließlich mit Mut und Herz die Chance bekommen, den Sauron der Bundesliga auf dem Schicksalsberg zu vernichten.

Mindestens 180 Minuten haben wir Zeit, an einem neuen Mythos zu schreiben. Genießt jede Sekunde davon in vollen Zügen. Für solche Spiele wurden wir geboren. Für solche Spiele leben wir Fußball.

Und denkt immer daran, was uns der 18. Mai 2008 gelehrt hat: Egal, was kommt. Egal, was passiert. Wir sind unzerstörbar!

Autor: Marky

Kommentare 167 Kommentare | Empfehlen Artikel weiter empfehlen | Drucken Artikel drucken