Kummt Senf druff

Wie komme ich nur zu Ryan Giggs?

Wie komme ich nur zu Ryan Giggs?


Seit ich denken kann, bin ich FCK-Fan. Seit Jahrzehnten bin ich fast immer am Start, wenn der 1. FC Kaiserslautern irgendwo auftaucht. Mein ewiger Held ist Hans-Peter Briegel, Fritz Walter natürlich das große Idol. Aber ich finde auch Ryan Giggs einfach großartig. Ich bin weder Fan noch Sympathisant von Manchester United, Giggs finde ich dennoch unglaublich.

Aus dem United-Nachwuchs entsprungen, verbrachte er seine ganze Karriere bei ManU. Vor ein paar Wochen sah ich im TV das Champions-League-Viertelfinale Chelsea gegen Manchester. Sah, wie Giggs Chelseas Abwehrrecken José Bosingwa auf dem Flügel narrte, zur Torauslinie vorstieß, einen harten Pass in den Rücken der Abwehr auf Wayne Rooney spielte, der trocken zum Siegtor versenkte. Für mich war das die DIE Szene dieser CL-Saison. Trotz aller Schalker Überraschungen, Bayerns Dilettantismus gegen Inter, Barcas Fußballkunst im Allgemeinen und Mourinhos taktischer Kniffe im Besonderen. Der 37-jährige Giggs hatte es den Großen der Zunft nochmal so richtig gezeigt.

In jenem Moment reifte in mir der Gedanke, Giggs unbedingt einmal live sehen zu müssen. Ich habe viele der Größten der Fußballwelt live spielen sehen, Giggs aber noch nicht. Vor einiger Zeit unterhielt ich mich einmal mit Hans-Peter Briegel über den englischen Fußball, als er mir sagte, ich solle mich bei ihm melden, falls ich mal Karten für Old Trafford bräuchte. Er würde mir gerne behilflich sein. Old Trafford - eine der Kathedralen des Fußballs und Heimstätte von Manchester United. Warum hatte ich Briegel nie wieder danach gefragt? In diesem Augenblick - Giggs auf Rooney und Tor - konnte ich es nicht fassen, dass ich da nicht nachgehakt hatte. Aber nun reifte - und zwar vehement - der Gedanke in mir, dass ich das Thema angehen musste. Giggs unbedingt live sehen wollte, denn selbst einer wie er würde ja irgendwann mal Schluss machen müssen, auch wenn er gerade wieder um ein Jahr bis 2012 verlängert hatte. Giggs, der im November 2011 seinen 38. Geburtstag feiern wird, könnte zwar vielleicht auch noch mit 40 spielen, aber wer weiß das schon?

In den 1990er Jahren galt er als einer der am heißesten begehrten Spieler in ganz Europa. Hatte Angebote von allen Topvereinen aus Italien und Spanien. Sicherlich verdiente er auch immer bei United gut, dennoch hätte er unter der Sonne des Südens noch mehr kassieren können. Er blieb. Bis heute. Auch privat lebt er zurückgezogen mit Frau und zwei Kindern vor den Toren Manchesters. Sorgte niemals für Skandale. Konzentrierte sich auf sein Fußballspiel und wurde so zum erfolgreichsten Spieler seines Vereins. Noch vor dem unvergessenen Sir Bobby Charlton, den mein Vater bei den Weltmeisterschaften 1966 in England und 1970 in Mexiko spielen sah. Auch er ist seit Jahrzehnten FCK-Fan, schwärmte aber auch immer für Bobby Charlton. Und ich für seinen legitimen Nachfolger Ryan Giggs. So schließt sich dieser Kreis.

Bei einer Weltmeisterschaft spielte Giggs nie. Da er für Wales antrat und diese Mannschaft immer zu schwach war, um sich qualifizieren zu können, blieb ihm dieses Erlebnis verwehrt. Dafür absolvierte Giggs mittlerweile mehr als 800 Spiele für ManU und ist nicht nur in dieser Statistik inzwischen unangefochten die Nummer eins - vor Charlton. Für mich ist Giggs einer der wenigen im Weltfußball, für den - neben seiner famosen Spielkunst - Werte wie Tradition und Treue noch etwas darzustellen scheinen. Ganz im Gegensatz zu seinem ehemaligen Mannschaftskollegen David Beckham, der auch unter Sir Alex Ferguson in Manchester zum Star aufstieg, aber dann eine Jet-Set-Karriere in Madrid, Mailand und Los Angeles vorzog anstatt weiter konzentriert an seiner fußballerischen Klasse zu arbeiten. So wie es Giggs tat. Entsprechend war es Beckham, der einmal einen Schuh vom wütenden Ferguson an den Kopf geworfen bekam. Giggs saß daneben und dachte sich seinen Teil.

Ryan Giggs gewann in seiner unglaublichen Karriere zweimal die Champions League, elfmal die englische Meisterschaft, viermal den begehrten FA-Cup, dreimal den Liga-Pokal und wurde 2009, im Alter von 35 Jahren, Fußballer des Jahres in England. Damit gilt er weltweit als einer der erfolgreichsten Vereinsfußballer aller Zeiten.

Doch für mich stellte sich nun die Frage, und dies dringlicher denn je, wie ich Giggs einmal live sehen konnte? Die Saison ging ja schon zu Ende, schwierig, da noch einmal schnell ins Old Trafford zu jetten. Und ob das mit den Eintrittskarten dann auch kurz vor Schluss der Meisterschaft überhaupt noch klappen würde? Immerhin konnte United gerade mal wieder Meister werden. Plötzlich kam mir die Lösung meines Problems in den Sinn: Schalke! Genau, die Gelsenkirchener hatten sensationell den Titelverteidiger Inter Mailand in der Champions League ausgeschaltet, nun würden sie gegen Manchester United spielen. Doch wie an Eintrittskarten kommen, ohne auf unseriöse Angebote von mehreren hundert Euro zurückgreifen zu müssen? Wenn man überhaupt an eine Karte ran kommen würde. Ich hatte zwar das Ziel, aber noch nicht die Lösung parat.

Dann kam das Spiel unseres FCK gegen Nürnberg. Wenige Minuten vor dem Anpfiff fragte mich mein Sitznachbar auf der Südtribüne unvermittelt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zum CL-Halbfinale nach Schalke zu fahren? Ich dachte, ich hätte mich verhört. Schaute ihn ganz verdattert an. Aber er lächelte nur, schien tatsächlich keinen Scherz zu machen. Meinte, er hätte von seinem Versicherungskonzern, für den er seit langer Zeit arbeitete,vier Karten für dieses Spiel bekommen. Eine wäre für ihn selbst, zwei andere Karten langjährigen Kollegen versprochen, für die vierte hätte er mindestens 20 Anfragen, er könnte sie aber auch mir geben, wenn ich denn nur wollte. Natürlich wollte ich!

Eine Tribünenkarte zum Normalpreis von 40,- Euro. Das war es mir natürlich wert, keine Frage. Ich grinste in mich rein. Konnte sogar den Frust der FCK-Niederlage an diesem Samstag gegen Nürnberg besser wegstecken als gewöhnlich. Ich würde Ryan Giggs tatsächlich einmal live sehen. Hoffentlich würde er sich bis zum Spiel nicht verletzen und von „Fergie“ dann auch tatsächlich aufgestellt. Ich machte mich also binnen drei Tagen zweimal auf nach Gelsenkirchen. Am Ostersamstag mit dem FCK zum Meisterschaftsspiel, drei Tage später, um Ryan Giggs zu sehen. Und ich hatte Glück: Fergie stellte Giggs auf. Und dieser spielte volle 90 Minuten. Und wie! Er läuft zwar nicht mehr so viel wie früher, dirigierte aber unaufgeregt aus meist zentraler Mittelfeldposition heraus und mit höchster technischer Brillanz sein Ensemble. Kein Ball sprang ihm vom Fuß, denn der Ball ist sein Freund. Ja, auch ein FCK-Fan kann das technisch feine Spiel mögen!

Und dann kam die 67. Minute. Pass dieses Mal von Rooney auf Giggs und Tor. 1:0 für ManU, tatsächlich durch Giggs. Zwei Minuten später erhöhte Rooney zum verdienten Endstand für die Engländer. Ich jubelte nicht, weil ich in internationalen Spielen grundsätzlich für die deutschen Mannschaften halte. Aber ich freute mich, Giggs gesehen zu haben. Und zwar einen Giggs immer noch auf Weltklasse-Niveau. Vielleicht fahre ich eines Tages trotzdem mal nach Old Trafford. Das ist aber für mich jetzt nicht mehr so entscheidend. Denn ich habe den für mich wahren Fußballgott dieser Jahre, Ryan Giggs, ja bereits gesehen.

Autor: Altmeister

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