Spielbericht: Eintracht Frankfurt - 1. FC Kaiserslautern 0:1 n.V.

Die 119. Minute...

Die 119. Minute...


... und Richard Sukuta-Pasu versenkt den Ball zum 0:1 in der Verlängerung des Derbys Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Kaiserslautern. In den Sekunden danach explodieren 5.000 Lauternfans und schreien ihre Freude heraus. Tor-Pogo deluxe, Bierfontänen fliegen durch den ganzen Block, fremde Menschen liegen sich in den Armen, plötzlich ist der Nachbar ein anderer. Das sind die Augenblicke, die sich ein Leben lang ins Gedächtnis von Fußballfans einprägen.

Solche Tore gegen Erzfeinde sind nun mal die schönsten, weil dreckig und historisch. Kurz danach sogar fast noch der Ausgleich. Der Abpfiff erlöste die Zuschauer von einem insgesamt zerfahrenen, aber spannenden Derby. Auf den Rängen: Der rot-weiße Gästeblock durchschnittlich, die heimische Nordwestkurve auch eher wechselhaft.

Zaunfahnen waren für die FCK-Fans offiziell verboten. Wer denkt sich eigentlich so einen Schwachsinn aus? Und dann auch noch im DFB-Pokal, wo es bekanntlich sowieso keine störende Bandenwerbung vor den Tribünen gibt?! Beim Versuch, die Zaunfahnen trotzdem aufzuhängen, gab es dann Ärger mit den Ordnern (die bereits beim letzten Mal glänzten mit Aussagen wie: „Wir wollen nur ein bisschen Spaß haben, dann könnt ihr die Fahnen aufhängen“) und der Polizei, die in den Block einrückte und dabei massiv Pfefferspray verteilte. Rund 20 verletzte FCK-Fans waren die Folge - das muss man sich mal reinziehen: Wegen Zaunfahnen, die nun mal zu den zentralsten Symbolen der Fankultur gehören, war die Situation kurz vorm eskalieren. Freiheit für die Kurve! Ein erstes bengalisches Feuer und ein wenig roter Rauch (entgegen anderslautenden Berichten: NACH dem Polizeieinsatz!) eröffneten eine laute Viertelstunde auf Lautrer Seite. Danach war eher Durchschnitt angesagt.

Auf der anderen Seite hat die Frankfurter Nordwestkurve schon bessere Aktionen hinbekommen. Die Kurve komplett in Kreuzfahnen (wenigstens dort waren Zaunfahnen erlaubt), weißer Grund mit schwarzen Kreuzen, in denen der Fanclubname stand. Das sollte anscheinend Einigkeit demonstrieren. Kritiker sahen darin hingegen keine Vielfalt und es hatte eher den Anschein, als ob Fanclubs begraben werden. Die Choreo sah mit den Zetteln noch ganz passabel aus, im Oberrang wurde danach das Bild gewendet und das alte Eintracht-Wappen präsentiert, während im Unterrang drei Blockfahnen hochgezogen wurden. Letzteres klappte aber schon mal besser, hier fehlte es an Synchronität. Am Anfang waren die SGEler noch sehr laut, nett auch in der ersten Viertelstunde der Wechselgesang „Eintracht Frankfurt“ , inklusive Lautrer „Beteiligung“. Danach ging jedoch wenig auf Frankfurter Seite, dem Adler wurde der Schnabel gestopft.

Spielerisch besser waren in den ersten 45 Minuten definitiv die Frankfurter Zweitliga-Fußballer. Unsere Mannen, wieder mit Innenverteidiger Rodnei für Mathias Abel, kam kaum ins Spiel und musste sich bei Teufelskerl Kevin Trapp bedanken, dass es zur Halbzeit nicht schon mehrmals klingelte. Erwin Hoffer hätte dabei mit mehr Klasse seinem alten Verein eigentlich einschenken müssen, nach Ballverlust von Rodnei scheiterte er jedoch freistehend am Lautrer Schlussmann. Ob Foul oder nicht, das zur größten Chance der Eintracht führte, Rodnei muss bei Annahme und Abspiel konsequenter werden. Die gegnerischen Stürmer wissen das und gehen bei seinem Ballbesitz immer voll drauf. Der FCK bettelte in der Schlussphase der ersten Hälfte geradezu um den Rückstand. Total unnötig die gelbe Karte wegen Meckerns von Christian Tiffert. Weiterhin ganz stark: Kevin Trapp, der zum Glück seinen Kasten sauber hielt. Die erste Hälfte ging spielerisch klar an den Zweitligisten.

Die Roten Teufel kamen dafür besser aus der Kabine, das Spiel verlagerte sich mehr und mehr Richtung Frankfurter Tor. Doch erst nach einer guten Stunde wurde es gefährlich, als Itay Shechter klasse über Christian Tiffert und Alexander Bugera freigespielt wurde. Doch er verzog. Zwischenzeitlich kamen Kostas Fourtunis und Richard Sukuta-Pasu, raus mussten Olcay Sahan und Pierre de Wit. FCK-Trainer Marco Kurz versprach sich neuen Schwung durch diesen Doppelwechsel, der noch vergoldet werden sollte. Mitte der zweiten Halbzeit gab es dann aber erstmal eine größere Pyroshow im Gästeblock, die von Ordnern und Polizei anstandslos hingenommen wurde. Auf dem Spielfeld spürte man nun, das die Frankfurter nachließen. Bis zum vorläufigen Abpfiff konnten die Abwehrreihen das Bollwerk aufrecht erhalten - Verlängerung!

In den ersten 15 Minuten passierte nicht viel, dafür umso mehr in den zweiten. Mehrere Spieler waren jetzt angeschlagen, Oliver Kirch musste deswegen schon nach 100 Minuten raus. Die Abwehrreihen wurden löchriger. Während die Frankfurter es mit Distanzschüssen versuchten, kam Kaiserslautern jetzt besser durch den Abwehrverbund und für den geschlagenen Oka Nikolov rettete Gordon Schildenfeld gegen Dorge Kouemaha.

In den letzten fünf Minuten ging es dann Schlag auf Schlag. Freistoß 25 Meter vorm Tor der Roten Teufel - Caio, der Spezialist, findet seinen Meister in Kevin Trapp. Dann die 119. Minute: Kouemaha sichert den Ball 30 Meter vorm Tor der Frankfurter, Constant Djakpa kann, von Muskelkrämpfen geschwächt, nicht mehr angreifen. Eine merkwürdige Bogenlampe des Kameruners wird zur genialen Flanke in den Strafraum, Sukuta-Pasu schaltet am schnellsten, schiebt den Ball an Nikolov vorbei ins Tor und bringt den Gästeblock in eine gigantische Ekstase. In Gefühle, die nur ein Derbysieg bescheren kann. Was viele vor lauter Jubel nicht sahen, Rodnei rettete im Gegenzug auf der Linie, da Trapp gegen Rob Friend den Ball verlor und dieser sofort aufs Tor schoss. Kurzes Zittern und dann… Sieg! Derbysieg! Knockout in letzter Minute! Achtelfinale im Pokal!

Dieser Erfolg, den jeder Fan nach den Derbypleiten der letzten Saison umso mehr zu genießen weiß, wurde dann natürlich noch ausgiebig gefeiert. Mit der Mannschaft wurde das komplette Programm abgespult - wie es sich bei herausragenden Siegen eben gehört - und die Fans trällerten ihre Freudengesänge noch lange nach Spielende in den Frankfurter Nachthimmel. Grund dafür war unter anderem auch eine Blocksperre für die pfälzischen Zugfahrer. Diese Maßnahme zeigte Wirkung, der Rückweg zum Bahnhof verlief ruhig und friedlich. Dennoch kam es am Bahnsteig zu einem Vorfall: Die FCK-Fans waren noch im Stadion, als eine Person im Gedränge auf die Gleise vor einen einfahrenden Zug fiel - entgegen anderslautender Berichte zog sich die Person jedoch zum Glück „nur“ eine Fleischwunde zu und keine „schweren Verletzungen“. Weitere Personenschäden gab es vor dem Spiel, als acht Polizisten verletzt wurden, nachdem Frankfurter Krawallmacher den FCK-Anhang und die Staatsdiener mit zwei, drei Böllern angriffen und es zu einem kurzen Austausch von Wurfgeschossen kam. Hinzu kommen die durch den Polizeieinsatz im Stadion verletzten Fans.

Fazit: Ein typisches zerfahrenes Derby, das sportlich mit etwas Glück an Lautern ging. Leider gab es erneut unschöne Randereignisse und allen Verletzten ist eine schnelle Genesung zu wünschen. Jeder Verletzte ist einer zuviel! In der Berichterstattung und den anschließenden Diskussionen sollte aber trotzdem differenziert werden zwischen Randalen (Böllerwürfe, Schlägereien), dem Ausleben von Fankultur (Zaunfahnen, Pyrotechnik) und Unfällen (Vorfall am Bahnsteig). In einigen Meldungen werden diese Vorkommnisse leider in einen großen Topf geschmissen und mit dem Stempel „Randale“ versehen.

Am Sonntag geht es nun zum Abstiegskampf nach Hamburg. Auch dort können die Roten Teufel etwas zählbares holen, mit dem Selbstvertrauen vom Derbysieg können wir sehr zuversichtlich in die Hansestadt reisen. aber vorher genießen wir ihn erstmal noch, den Derbysieg! Ob glücklich oder nicht, wen interessiert das noch? Schwelgen wir lieber in der 119. Minute, diesem Augenblick, der noch ganz lange unvergesslich bleiben wird...

Autor: connavar/Thomas

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